G20-Rückblick

Hamburg hat das wahre Gesicht des Linksextremismus gezeigt: Brennende Autos, zerstörte Cafés, eingeschlagene Fenster. Niemand glaubt mehr, dass Rechtsextremismus schlimmer als Linksextremismus sei – zu Recht. Die blinde Gewalt beider Seiten kann nicht legitimiert werden. Doch eine Sache stört mich an der aufkommenden Diskussion: die Einseitigkeit.

Wir reden über die brennenden Autos, die zerstörten Existenzen und den gewaltsamen Protest. Wir reden nicht über die asiatischen Kinder, die nicht zur Schule gehen können, sondern unsere Kleidung nähen, damit wir uns zu jeder Saison neu anziehen können. Wir reden nicht über die Kleinbauern in Afrika, die ihre Arbeit aufgeben müssen, weil wir deren Märkte mit unseren subventionierten Produkten zerstören. Wir reden nicht über südamerikanische Jugendliche, die ihrer Kindheit und Jugend beraubt werden, damit wir Kaffee und Kakao genießen dürfen. Wir reden nicht über die japanische oder mexikanische Mafia, die Frauen- und Drogenhandel betreibt, Menschen traumatisiert und in den Abgrund reißt. Wir reden auch nicht über den Kongo, in denen Gorillas geschlachtet werden, weil niemand mehr Rinder hält, sondern sich am Bürgerkrieg beteiligt, der mit den Rohstoffen unserer Handys finanziert wird. Wir reden nicht darüber, dass Entwicklungsländer am Klimawandel leiden, den die Industrienationen verursachen.

Anstatt aus unserer bürgerlichen Perspektive auf Hamburg zu schauen, sollten wir den Benachteiligten dieser Welt mindestens genauso viel Mitgefühl und Beachtung schenken wie den Hanseaten, deren Existenzen am Wochenende zerstört wurden.

Die globale Bourgeoisie

Laut AfD soll sich Leistung wieder lohnen und gleichzeitig sollen Vermögende entlasten werden. Was haben die Reichen denn geleistet? Was hat Trump geleistet? Er hatte einen reichen Vater, der das Unternehmen vorher aufgebaut hat und selbst einen vermögenden Vater hatte. Donald Trump hat das Unternehmen übernommen und weitergeführt. Die Kennedys – eine schwerreiche Familiendynastie bestehend aus Spitzenpolitikern. John Fitzgerald Kennedy hatte schlicht das Glück, im reichsten Land der Welt geboren worden zu sein und dazu noch in einer Familie, die in deine Bildung und dein Leben dermaßen investiert, dass du zur wirtschaftlichen und politischen Elite gehören wirst und in der finanziellen Oberschicht bleibst. Bushs Vorfahren waren bereits Politiker, Anwälte, Industrielle und Senatoren. Der Schritt zum Präsidenten ist da nicht weit. Dass der Sohn des Präsidenten wieder Präsident wird, ist wahrscheinlich. Die Geschwister von George H. W. Bush sind Banker, Moderatoren, Geschäftsmänner, die Kinder Gouverneure, Investoren, Immobilienentwickler, Geschäftsmänner, Autoren, Models und Modedesigner. Der Sohn des zweiten US-amerikanischen Präsidenten wurde wiederum Präsident. Theodore Roosevelt und Franklin D. Roosevelt waren Cousins und weitläufig mit zehn weiteren Präsidenten verwandt, darunter George Washington und die Präsidenten der Harrison- und Adams-Familie.

Kennedys Vater war Geschäftsmann, Diplomat und Wahlkampfveranstalter. Seine Familie besteht aus Präsidenten, Senatoren, Justizministern, Gründern von Sportorganisationen, Diplomaten, Botschaftern, Juristen, Verlegern, Journalisten, Autoren, Schauspielern, Anwälten, Aktivisten, Regisseuren, Medizinern und Parlamentariern. Die Wahrscheinlichkeit, in dieser Familie ein erfolgreiches wirtschaftliches oder politisches Leben zu führen, ist extrem hoch, weil die Familie (1) das nötige Vermögen, (2) einen extrem guten Ruf und (3) eine Erwartungshaltung an ihre Nachkommen hat.

Schon die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika waren reich. Der erste US-Präsident gehörte zu den vermögendsten Männern der Nation. Einige waren superreich. Es gab keinen, der nicht mindestens wohlhabend war. Die Mehrheit ist in führenden Familien geboren worden und eine kleine Minderheit hat sich aus bescheidenen Verhältnissen hochgearbeitet. Nach ihrer Karriere als Delegierte waren die meisten erfolgreich. Sie wurden Präsidenten, Vize-Präsidenten, Präsidentschaftskandidaten, Senatoren, im Kabinett oder im Repräsentantenhaus, Bundesrichter oder sogar am obersten Bundesgericht, Gouverneure oder Diplomaten. Da wundert es niemanden, dass ihre Söhne hohe Positionen im politischen Leben errungen haben. Diese Menschen haben Connections. Sie wollen erfolgreiche Nachkommen und ihren Namen zu einer Marke etablieren.

In anderen Ländern ist die Chancengerechtigkeit nicht besser. Auch in Deutschland gilt: Du bleibst, was du bist. Wer aus einem hochschulfernen Elternhaus mit Migrationshintergrund kommt, hat schlechtere Karten als ein Kind aus einer wohlhabenden Akademikerfamilie. Der Start bestimmt das Ziel mit. Die wirtschaftliche und politische Elite entsprang aus Familien, die wiederum ausgezeichnete Startbedingungen hatte. Nur die wenigsten haben sich aus eigener Kraft emporgearbeitet. Der amerikanische Traum heißt Traum, weil man schlafen muss, um an ihn zu glauben. Diese Oberschicht wird ihre Macht nicht freiwillig zurückgeben, denn wer will schon den Ast, auf den er sitzt, absägen? Geld ist Macht. Einflussreiche, wohlhabende Lobbyisten dienen nicht den Interessen des Allgemeinwohls wie Umwelt- und Tierschutz oder Sozialstaatlichkeit. In der neoliberalen Ideologie heißt es: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Aber nicht jeder ist Schmied. Jeder ist seines Glückes Schmied, dessen Eltern Schmiede sind oder dessen Eltern genug Geld haben, um sich das Glück schmieden zu lassen.

Wir brauchen eine Ökonomie für die 99 %. Nicht nur auf nationaler, sondern auf globaler Ebene. Der Westen gehört zur globalen Bourgeoisie, dessen Vermögen das globale Proletariat ermöglicht, weswegen der amerikanische Traum ein Alptraum ist. Durch die Digitalisierung haben die Menschen der Entwicklungsländer Einblicke in unseren privilegierten Lebensstil bekommen. Sie stellen uns Fragen über soziale Gerechtigkeit, die wir nicht beantworten wollen. Sie wollen leben wie wir. Es gibt auch „Wirtschaftsflüchtlinge“, aber das sind keine verachtenswerten Menschen. Ihre Fluchtursachen müssen genauso respektiert werden wie die von Kriegsflüchtlingen. Wirtschaftsflüchtlinge sind die Verlierer der Globalisierung, versuchen am Freihandel teilzunehmen und unseren Lebensstil zu erreichen. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich derart dramatisch auseinandergeht wie bisher und wir nichts dagegen unternehmen, müssen wir mehr Wirtschaftsflüchtlinge erwarten. Deutsche Unternehmen exportieren beispielsweise ihre Arbeitskraft in Form von Produkten, die in aller Welt zu finden sind. Sogenannte Wirtschaftsflüchtinge versuchen ebenfalls, ihre Arbeitskraft dort zu exportieren, wo sie eine Nachfrage vermuten. Nico Beckert führt dies im Wesentlichen auf zwei Gründe zurück: Zum einen stoppen korrupte Herrscher (in ehemaligen Kolonien) jede Entwicklung und tragen zur Aussichtslosigkeit der Bevölkerung bei, zum anderen stehen Entwicklungsländer durch den weltweiten Handel unter Wettbewerbsdruck, gegen den sie aufgrund von billigen Import nicht bestehen können. Die Folgen sind Staatspleiten und -versagen, was Orientierungslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit vorantreibt. Schlussfolgerung: Wirtschaftsflüchtlinge fliehen vor Perspektivlosigkeit, die Europa mitzuverantworten hat, um anschließend in Europa als illegale Wirtschaftsflüchtlinge gebrandmarkt zu werden. Kaum ein Industrieland hat sich in einem Freihandelssystem entwickelt.

Nicht nur Wirtschaftsflüchtlinge, sondern auch Klimaflüchtlinge. Unser Lebensstil hat dramatische ökologische Konsequenzen nach sich gezogen. Wir merken davon vergleichsweise wenig, die Entwicklungsländer hat es knallhart erwischt. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte werden diese Menschen nach Europa und Nordamerika flüchten. Zudem gehören diese Flüchtlinge nicht einmal dem nationalen Proletariat an, denn diese sterben an Elend, Hunger und Krankheiten. Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben das Geld, um die Flucht zu finanzieren. Sie sind gebildet, jung und kennen die politischen Zusammenhänge, die dazu geführt haben, dass sie fliehen mussten. Innerhalb dieser Länder haben diese Menschen wiederum die Angst, sozial abzusteigen – wie viele Deutsche aus dem Mittelstand. Deswegen kommen sie nach Europa, weil wir hier ein stabiles politisches System mit steuerfinanzierten Bildungsinstitutionen haben. Sie finden hier die Chancen auf ein besseres Leben.

Die AfD wird die hier beschriebenen Probleme nicht lösen, sondern verschärfen, denn in dieser Partei sind viele prominente Gegner des Mindestlohns [2], Befürworter von Deregulation [3], der Privatisierung von Arbeitslosengeld und Unfallversicherung [4] oder der Absenkung von Arbeitslosengeld [5]. Gemäß dem Steuermodell von Kirchhof will sie eine  flache Einkommenssteuer einführen und vor allem die Spitzensteuersätze für Vermögende [6] oder die Erbschaftssteuer komplett abschaffen [7]. Die studierte Ökonomin Katharina Nocun beschreibt die AfD daher als neoliberale Partei in blauer Verpackung. Sie ist aber nicht die einzige Partei in Europa oder Nordamerika, die eine rechtspopulistische, neoliberale Politik betreibt. Wenn rechtspopulistische Kräfte weiterhin zunehmen, wird es einen globalen Klassenkampf geben. Diese Parteien führen weder eine soziale nationale, noch internationale Wirtschaftspolitik. Außerdem will die AfD notfalls Flüchtlinge an den Grenzen erschießen und leugnet die anthropogene Erderwärmung. Das haben rechtspopulistische Parteien gemeinsam: Sie leugnen den Klimawandel, betreiben eine neoliberale Politik, während sie konservativ sind. Konservative und neoliberale Politik widersprechen allerdings einander. Das hat auch die CDU erkannt, was der Auslöser für ihren Linksruck war. Gibt man dem Markt die Macht, werden die Grenzen geöffnet und die Globalisierung in Gang gesetzt. Das führt zu nationalen und internationalen Veränderungen wie Migration oder Flucht, was konservativem Denken widerspricht. Früher hatten wir einen Ost-West-Konflikt, heute einen Nord-Süd-Konflikt.

Jetzt ist die Zeit, um unser Leben radikal zu verändern. Weg mit dem Wegwerfwahn! Vergesst den Konsum! Schafft Massentierhaltung ab! Reduziert euren Verbrauch tierischer Produkte! Wer braucht jedes Jahr das neueste Handy? Den schnellsten Laptop? Den dünnsten Fernseher? Wozu jeden Monat neue Klamotten? Wieso mehrmals jährlich in den Urlaub fliegen? Wasser in Plastikflaschen? Ohne eine drastische Änderung unseres Lebensstils haben wir keine Chance, die Welt zu retten. Es geht nicht mehr darum, die Welt zu verändern. Es geht darum, sie zu verschonen.

Menschen in Entwicklungsländern sterben an Hunger. Es gibt mehr Plastik in den Weltmeeren als Plankton. Die Gletscher schmelzen, Tierarten sterben aus. Wir verpesten die Umwelt mit unseren Fahr- und Flugzeugen. Regenwälder werden gerodet, Monokulturen überstrapazieren Böden, Treibhausgase werden gepumpt. Bodenerosion, Wassermangel, Gewässer-, Luft und Bodenverschmutzung sind die Folgen, saurer Regen, Vermüllung der Landschaften und die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen von verschiedenen Arten durch Bergbau. Deswegen ist Minimalismus nicht Verzicht, sondern intelligent. Es ist keineswegs intelligent, Rohstoffe in wenigen Jahrzehnten zu verbrauchen, für die die Erde Jahrmillionen brauchte, um sie zu entwickeln.

Der Einzelne ist nicht schuld an der Katastrophe. Niemand hat es sich ausgesucht, in einem betonierten Land zu leben, aber jeder hat einen Anteil daran. Zwar können wir als Einzelne nicht die Welt verändern, weil Veränderungen aus kollektiven Bemühungen heraus entspringen. Diese kollektiven Bemühungen entstehen aus vielen individuellen Bemühungen. Angenommen jeder würde abstreiten, dass sein Engagement einen Nutzen haben wird, dann wird die Welt bleiben, wie sie ist. Leider ist das die bittere Realität. Nur eine Minderheit glaubt wirklich daran, dass das, was sie tut, zählt. Das eigene Handeln hat nicht nur einen Nutzen, sondern auch eine Signalwirkung. Es wirkt sich positiv auf andere Menschen aus, wenn man selbst aus der Reihe tanzt und das System hinterfragt. Sie beginnen selbst, ihr Leben und das System zu hinterfragen und ihre Einstellungen zu verändern. Das führt dazu, dass sie wiederum andere zum Denken anstoßen. Es ist wie der erste Dominostein, den wir ins Rollen bringen. Frei nach Laotse: Willst du die Welt verändern, musst du zunächst dich selbst verändern, dann dein Haus, deine Straße, deine Stadt und dann dein Land. Wir müssen bei uns selbst anfangen, denn dein Kassenbon ist ein Stimmzettel. In diesem Sinne: Empört euch! Für eine gerechte Welt!

Fußnoten:

[1] Nico Beckert: „Wirtschaftsflüchtlinge Wenn Globalisierungsverlierer am Freihandel teilhaben wollen

[2, 3, 4, 5, 6, 7] Katharina Nocun, „Wie sozial ist die AfD wirklich? – Eine Expertise zu Positionenin der AfD bei der Sozial- und Steuerpolitik“, S. 15, 18, 21, 25, 29, 32

Das Ende einer Dystopie

Florian Sander, ein Dozent für Soziologie, Sozialpsychologie und Politikwissenschaft, veröffentlichte auf der Netzpublikation Le Bohémien einen kritischen Artikel über das bedingungslose Grundeinkommen, welches er für unsozial und unnatürlich hält. Er unterstellt den Befürwortern eines BGE, dass sie Arbeit für eine unmenschliche Verbindlichkeit halten, die im Sinne des postmodernen Zeitalters zu überwinden sei. Um seine These zu belegen, zitiert er die Studie über „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel (1933), die feststellten, dass lang andauernde Arbeitslosigkeit zu klinischer Depression führe.

Richtigerweise argumentiert Sander, dass der Selbstwert aus dem Gefühl, gebraucht zu werden, resultiert. Arbeitende erleben dieses Selbstwertgefühl laut Florian Sander mehrdimensional, weil sie mehreren sozialen Systemen, der Gesellschaft und der Familie, einen unentbehrlichen Dienst erweisen können.

Anschließend erklärt Sander gemäß den Kapitalformen von Pierre Bourdieau, dass Arbeit nicht nur für das Selbstwertgefühl notwendig ist, sondern sie sei auch der soziale Raum, aus dem die Instanzen Familie, Liebesbeziehung und Freundeskreis rekrutiert werden. Arbeitslosigkeit führe zu sozialer Isolation und damit klinischer Depression. Diese Entwicklung würde laut Sander ein BGE fördern.

Ein BGE würde ökonomisches Kapital bereitstellen, aber die Arbeit auch vom sozialen, kulturellen und symbolischen Kapital trennen, was dazu führe, dass der Einzelne schlechtere Chancen hat, ebenjene Kapitalformen zu vermehren. Schließlich entferne ein BGE die Motivation, im Rahmen von Bildungsinstitutionen etwas zu erreichen, um auf dem Arbeitsmarkt zu profitieren. (Eine besonders fatale Vorstellung! Wer Institutionen wie Schule oder Universität nicht die Funktion der Bildung zuordnet, sondern die Vorbereitung der Menschen auf den Wettbewerb des Arbeitsmarktes, verkennt, dass wir in solchen Institutionen vorrangig lernen sollten, Wissen in Kontexte zu setzen und in Zusammenhängen zu verstehen, um an unserer Persönlichkeit zu arbeiten. Wir lernen, Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Leider entspricht die heutige Realisierung der Schule Sanders Vorstellung)

Dadurch würde soziale Ungleichheit verstärken, da dieser Umstand die Sozialisation und den Lebenslauf von Kindern in einem Milieu, in der Arbeitslosigkeit die Norm ist, erschweren würde im Vergleich zu Kindern, die in Familien aufwuchsen, in der Arbeit die Norm ist. Prestigemäßig hätten erstere einen Nachteil, da das symbolische Kapital ebenfalls sinken würde, was einen weiteren Abstieg der Betroffenen herbeiführt.

Die Konsequenz eines BGE sei daher eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Sozialneid, Unzufriedenheit und Verachtung werden über Generationen hinweg geschürt und zementiert. Ein BGE würde laut Sander das ökonomische Kapital zu Ungunsten der restlichen Kapitalformen stärken und den Zugang zum ersteren wiederum erschweren.

In seiner Argumentation übersieht Florian Sander ein Detail: Arbeitslosigkeit bedeutet einen massiven Ansehensverlust in vielen Milieus. Berufe dienen nicht nur dazu, Kapital zu schöpfen, sondern auch eine Identität zu stiften. Wer beispielsweise Professor an einer Universität ist, übernimmt seinen Beruf in seine Identität. Nicht selten fragen wir zuerst nach dem Beruf, wenn wir jemanden neu kennenlernen.

Dass langanhaltende Arbeitslosigkeit zu Depressionen und sozialer Isolation führen können, ist unbezweifelbar. Der Schluss, dass ein BGE allerdings aufgrund des Wegfallens der Verbindlichkeit zur Arbeitslosigkeit einer ganzen Klasse führen würde, dagegen schon. Wir dürfen nicht vergessen, dass Menschen nicht nur arbeiten gehen, weil sie von unserer Bundesrepublik dazu gezwungen werden, sondern, weil sie es wollen. Arbeit kann Spaß oder das Leben erfüllen. Die Betonung hier liegt allerdings auf „kann“, da es eine Unzahl von Jobs gibt, die diese Funktion typischerweise nicht erfüllen. Robert Wringham schrieb in seinem Buch „Ich bin raus: Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung“, dass er noch nie von einem Entfesselungskünstler gehört hat, der der Arbeit entflohen ist, um das Leben in Elend und Einsamkeit zu verbringen. Die Flucht vor der Arbeit führte sie wieder zur Arbeit – aber in erfüllendes und sinnvolles Schaffen, welches sich von Bullshit-Jobs unterscheidet. Der Drang, zu arbeiten, kommt immer wieder durch.

Bemerkenswerterweise waren die meisten Entfesselungskünstler unzufrieden mit ihrem Leben und ihren Beruf, weshalb sie eine Flucht geplant haben, um eine zeitlang nicht mehr arbeiten zu müssen. Diese Situation lässt sich ebenfalls auf die Menschen übertragen, die Sander im Blick hat, wenn er von einer arbeitslosen Klasse spricht, für die eine arbeitende Klasse aufkommen muss. Diejenigen, die durch ein BGE nicht mehr in ätzenden Berufen arbeiten müssen, können sich befreien, um später der Gesellschaft wieder einen Nutzen zu bringen. Eine Volkswirtschaft hängt von Arbeit ab. Auch wenn der Wert eines Menschenlebens nicht durch Arbeit definiert ist, kann das wirtschaftliche Gefüge nur bestehen bleiben, wenn es zu ebenjener Klassengesellschaft nicht kommt.

Abgesehen von den sozialen Mechanismen auf gesellschaftlicher Ebene, die die Menschen trotz Unverbindlichkeit zur Arbeit bringen werden, übersieht Sander, dass seine Zwei-Klassen-Gesellschaft nicht für Jahrzehnte Bestand haben wird, wie er es prophezeit. Denn die arbeitende Klasse ist die vermögende Klasse, die in unserer Gesellschaft logischerweise einen höheren politischen Einfluss hat. Chefs von Unternehmen entgegnen jeder sozialpolitischen Reform des Arbeitsmarktes mit der Drohung von Auswanderung, was praktisch einen Verlust von Arbeitsplätzen für unser Land bedeutet. Eine Horrorvorstellung für unsere Parlamentarier. Wer würde denn die Regierung wiederwählen, wegen der er arbeitslos geworden ist?

Die arbeitende Klasse würde dafür sorgen, dass die Regierung das BGE streicht. Selbstverständlich wäre dies ein Bruch mit den Lebenstraditionen jener Klasse. Wenn Flüchtlinge und Arbeitslose Schmarotzer genannt werden, weil die Steuerzahler für ihre Existenzsicherung aufkommen müssen, dann wird die arbeitende Klasse dies auch tun. Diese massive Unzufriedenheit würde, wie Sander in seinem Text beschreibt, zu einer Revolution führen, da Arbeitende sehen, wie sie Geld verdienen müssen, um Arbeitslosen ökonomisches Kapital zu sichern. Je nach Größe der arbeitslosen Klasse wäre es volkswirtschaftlich gewiss nicht nötig, dass eine arbeitende Klasse dauerhaft eine andere Klasse versorgt. Das bedingungslose Grundeinkommen ist nicht die Dystopie, für die Sander sie hält.

Anders als Sander vermutet, wird ein BGE nicht Massenarbeitslosigkeit zementieren. Vielmehr wird ein BGE in der Zukunft notwendig sein, da routinierte Berufe besser von Maschinen bewältigt werden können. Solche Berufe fallen weg. Aus Ausgleich brauchen wir eine Existenzsicherung. Arbeitsplätze in Produktionsbereichen wird es nicht mehr geben, diese Menschen müssen wir auffangen, indem wir z. B. die erwirtschafteten Gewinne aus den automatisierten Arbeitssektoren in das BGE investieren, das letztlich diejenigen bekommen, die anstelle der Maschine den Beruf ausgeübt hätten und haben.

Allerdings ist auch dieses Argument kritisch zu sehen. Schließlich ist Automatisierung von Berufen keine neue Erscheinung. Zwar werden Berufe wegfallen, aber es werden auch neue geschaffen. Früher gab es den Beruf des Rechners. Das waren Menschen, die mithilfe von Rechenmaschinen numerische Verfahren angewandt haben, um für ein Unternehmen Rechnungen durchzuführen. Vergleichbar ist der Beruf mit dem des Sekretärs. Als der Computer erfunden wurde, entfiel dieser Beruf, aber dafür kamen neue hinzu. Die zimmergroßen Computer mussten auch gewartet, transportiert, gebaut werden. Allgemein gesagt können wir Menschen aus entfallenen Berufen auffangen, indem wir sie für neue Berufe umschulen, die stattdessen gebraucht werden. Aber auch ohne Massenarbeitslosigkeit ist ein BGE sinnvoll, denn:

In Städten wie Dauphin, New Jersey, Pennsylvania, Seattle oder Denver wurde mit diesem Konzept bereits experimentiert. In Dauphin wurde ein (knapp) existenzsicherndes BGE an jeden Bewohner der Stadt gezahlt. Eine zusätzliche Belohnung wurde durch eine negative Einkommenssteuer realisiert, denn jeder zusätzlich verdiente Dollar ließ das Mindesteinkommen lediglich um 50 Cent sinken. In konventionellen Sozialhilfeprogrammen werden Empfänger nicht belohnt, wenn sie in der Erwerbstätigkeit aktiv sind. Dieser Anreiz habe auch dazu beigetragen, dass der Arbeitsmarkt nicht zusammenbrach.

Evelyn Forget folgerte aus den Daten, dass junge Mütter und Jugendliche weniger arbeiteten. Erstere wollten sich länger um ihre Neugeborene kümmern und letztere standen nicht mehr unter dem Druck, ihre Familie finanziell mitzuversorgen. Dies führte dazu, dass mehr Jugendliche den Schulabschluss bestanden. Zusätzlich haben diejenigen, die weitergearbeitet haben, die Chance gehabt, zu entscheiden, welchen Beruf sie ausüben wollen. Krankenhausaufenthalte fielen, weniger Arbeitsunfälle geschahen und weniger Notfallaufnahmen wegen Unfällen oder Verletzungen. Außerdem sank die Rate von Psychiatrie-Aufenthalten und die Anzahl an ärztlichen Beratungen mit Betroffenen von psychischen Leiden. Die Bewohner hatten weniger Stress, seelische oder körperliche Beschwerden, Armut existierte praktisch nicht mehr, mehr Jugendliche schlossen die High-School ab, die Kosten für das Gesundheitssystem sanken, die Kriminalitätsrate sank und die ökonomische Stabilität der Landwirtschaft war durch die Unabhängigkeit von den Launen der Ernte oder den globalen Lebensmittelpreisen gesichert.

Jungen, kreativen Menschen wird diese Form der Existenzsicherung zu Gute kommen. Denn von Kunst und Kultur können die meisten nicht leben, obwohl es ihr Leben erfüllt. Künstler müssten nicht mehr an Schlafstörungen leiden, sondern könnten sich auf ihr Schaffen konzentrieren und der Gesellschaft einen kulturellen Beitrag leisten. Denn der durchschnittliche Schriftsteller lebt von etwa 3000 Euro… im Jahr. Das sind 250 Euro im Monat. Mit einem Mindesteinkommen würden wir aufblühen. Wir hätten eine Hochkultur. Mehr Menschen könnten sich ehrenamtlich engagieren, spenden, fortbilden und Kindern die Bildung finanzieren. Geldsorgen und Armut würden verschwinden.

Das bedingungslose Grundeinkommen führt nicht zu einer Dystopie. Es beendet eine.

Quellen:

Florian Sander: BGE: Am Ende eine Dystopie

Evelyn L Forget (2008): The town with no poverty: A history of the North American Guaranteed Annual Income

Plädoyer für eine liberale Drogenpolitik

Ein von der Downing Street geheim gehaltener Bericht über Crack und Heroin bescheinigt dem von der Regierung geführten Krieg gegen Drogen das Scheitern. Aus dem Dokument geht hervor, dass die Repression harter Drogen durch die Polizei einen geringen Effekt aufgrund des raschen Ersatzes festgenommener Kleindealer hat. Damit ist eine dauerhafte Versorgung der Märkte durch Festnahmen nicht gefährdet.

Es gibt dem Bericht zufolge auch keine Hinweise darauf, dass eine Bekämpfung des Drogenangebots eine positive Auswirkung auf die Beschaffungskriminalität hätte. Eine Angebotsreduktion ließe höchstens die Preise mit der Folge steigen, dass die Drogenkriminalität zunehme und den Drogenbaronen höhere Profite winken.

Der statistische Zusammenhang zwischen autoritärer Drogenpolitik und hohen Drogenkonsum und -kriminalität ist nicht erstaunlich. Der Verbot beschränkt den Konsum nicht, sondern fördert die organisierte Kriminalität. Was zunächst nach einer Trivialität aussieht („keine Strafe ohne Gesetz“), entpuppt sich als Problem: Durch autoritäre Politik bilden sich mafiöse Strukturen heraus, die die Hemmschwelle für illegale Geschäfte von Konsumenten absenkt. Ein Verbot verhindert Transparenz und Regulierung. Konsumenten wie Produzenten werden zu Staatsfeinden, ohne dass der Staat an sich das Problem ist. Gelegenheitskonsumenten verlieren ohne guten Grund Arbeitsplatz, Familie und Ruf – kurzum: seine Existenz. Abgesehen davon fördert die Prohibition die Entstehung neuer, gefährlicher Rauschmittel, die nicht vom Betäubungsmittelgesetz erfasst werden. Ihre Zusammensetzung ist sowohl variabel als auch unbekannt, was sie so gesundheitsschädigend macht.

Eine weitere Konsequenz einer repressiven Politik ist, dass die Einschränkungen das Angebot mindern, was die Gewinnspannen erhöhen. Verkäufer verkraften daher diese Verluste und Käufer sinken tiefer in die Beschaffungskriminalität, da sie für die gleiche Menge mehr Geld benötigen. Statt den Verkauf zu verbieten, gilt es, das Problem an der Wurzel zu packen. Nehmen wir Afghanistan als Beispiel: die Produktion illegaler Substanzen ist bedingt durch Armut und Mangel an Alternativen. Einerseits ist der Verkauf kein Verbrechen, dass es bestraft werden müsste, andererseits aber gibt es keine so harte Strafe, diejenigen vom Verkauf abzuhalten, die kein anderes Gewerbe haben, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Wir sollten dafür sorgen, dass sie ihren Unterhalt haben, damit sich niemand der grausigen Notwendigkeit ausgesetzt sieht, in die Spirale der Drogenkriminalität zu fallen. Selbst wenn der von den USA angeführte Drogenkrieg in Afghanistan oder Kolumbien erfolgreich ist, werden Getreidefelder in Peru und Bolivien zunehmend zu Kokafeldern umfunktioniert werden. Der Krieg gegen Rauschgifte verlagert nur das Problem.

Fazit: Der Markt für harte Suchtmittel ist trotz aller Bemühungen dramatisch gewachsen. Die Preise für Heroin sowie Kokain in Großbritannien haben sich trotz Beschlagnahmungen in den letzten zehn Jahren halbiert und die sind zwar so niedrig, dass der Einstieg leicht fällt, aber dafür hoch genug, um Beschaffungskriminalität zu erzeugen.

Wir müssen dem Drogenkrieg ein Ende setzen. Aber lassen wir mal all die ökonomischen Argumente beiseite und stellen einzig und allein den Menschen ins Zentrum: Ihn gilt es zu schützen und zu hüten. Möglich, dass der Staat mehr Geld zur Verfügung hat, wenn er Betäubungsmittel legalisiert, aber das ist nicht der Grund, weshalb wir Drogen legalisieren wollen. Dasselbe Argument würde auch für eine Legalisierung von sexuellem Missbrauch und Totschlag führen. Die Erfahrung in Staaten und Ländern wie Colorado oder Portugal zeigten, dass die Legalisierung, beziehungsweise die Entkriminalisierung im Zusammenhang mit einer Verringerung von Gewaltverbrechen, Morden und Diebstählen steht – also weniger Leid.

Um die Menschen vor einem missbräuchlichen Umgang mit Rauschmitteln zu schützen, ist Prävention und Aufklärung angesagt. Die Gelder dieser Projekte fließen aus den entfallenden Verfahrenskosten. Den bereits Abhängigen muss Hilfe zur Selbsthilfe in Form von Therapien zur Verfügung stehen als auch Resozialisierungsmaßnahmen. Eine neue gesellschaftliche Sicht auf Drogen sollte sich entwickeln: Abhängige sind nicht Straftäter oder Kriminelle, sondern Betroffene, denen geholfen werden muss. Wir müssen enger mit Abhängigen zusammenarbeiten und opferlose Verbrechen abschaffen, deren sinnlose Bestrafung Existenzen und Familien zerstört.

Nazis vor der Schule

Nach Unterrichtsschluss standen heute drei Vertreter der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ (in Hessen) vor unserer Schule. Sie hielten ein Plakat mit der Aufschrift „Jeder Kultur ihren natürlichen Raum. Für den Islam in der islamischen Welt. Gegen Kulturvermischung und Überfremdung.“

Sie tragen Brillen und trinken Kaffee, nutzen Algebra und Algorithmen in ihren technischen Geräten – Errungenschaften aus dem islamischen Kulturkreis – und hetzen gleichzeitig gegen den Islam. Während sie sich gegen Kulturvermischung positionieren, vergessen sie völlig, dass wir schon längst von vielen verschiedenen Kulturen profitiert haben und beeinflusst wurden, genauso wie andere Kulturen von uns profitiert haben und beeinflusst wurden. Sie sprechen von einem zukünftigen großen Kulturkampf und behaupten auf Nachfrage lediglich, dass die Zeit es zeigen würde. Nebenbei halten sie den Islam für eine Kultur, verbreiten vor Migranten ihre ausländerfeindlichen Phrasen und machen antiamerikanische Verschwörungstheorien kund. Sprüche von der Art „Du wirst noch von Flüchtlingen vergewaltigt.“ waren auch dabei. Sie behaupten, der Islam hätte bei uns keine Daseinsberechtigung und pochen gleichzeitig auf unsere Werte – Religionsfreiheit gehört anscheinend nicht dazu.

Traurig, aber wahr.

Sollte man die NPD verbieten?

Nun ist es wieder so weit: Das Bundesverfassungsgericht strengt wieder ein Parteiverbot an. Da die NPD eine sprachliche und programmatische Nähe nur NSDAP aufweist, ist es naheliegend, sie zu verbieten. Leider scheiterten die letzten Versuche am mangelnden Engagement der beteiligten Akteure, und durch die in Kritik geratenen V-Männer. Analysen über das Manifest und Struktur der NPD zeigten, dass Ziele und Programmpunkte beider Parteien dieselben sind. Rasse als Grundlage von Volk und Staat, eine Volksgemeinschaft als Gegenmodell zur Demokratie, Ansichten über die Kriegsschuldfrage, Dolchstoßlegende und den Märtyrermythos. Doch anders als bei der Sozialistischen Reichspartei, dem Vorläufermodell der NPD, die sich in der Tradition der NSDAP sah, entsprach die innere Ordnung  der Partei demokratischen Grundsätzen, also gab es kein internes Führerprinzip. Sonst bestehe die Gefahr, dass diese Partei diese Ordnung auf unsere Regierung überträgt. Doch schon Holger Apfel sagte, der einst Bundesvorsitzender der NPD war, mit stolzgeschwellter Brust: „Jawohl, wir sind verfassungsfeindlich“. Tatsächlich verstößt die NPD gegen den Artikel 21 Absatz 2 des Grundgesetzes. Das Grundgesetz legitimiert das Verbot von Parteien, wenn sie die freiheitliche demokratische Grundordnung beseitigen wollen, und genau das wollen hochrangige NPD-Funktionäre. Außerdem verstößt sie gegen Artikel 86 Absatz 1 des StGb, der die Produktion und Verbreitung NS-ähnlicher Propaganda unter Strafe stellt und gegen das Gesetz 130 des StGB, welches die Leugnung oder Verherrlichung von NS-Verbrechen oder Volksverhetzung unter Strafe stellt.

Weiterlesen „Sollte man die NPD verbieten?“

Zum Traum des bedingungslosen Grundeinkommens

Bald ist es soweit: 2016 soll per Volksentscheid in der Schweiz entschieden werden, ob jeder Bürger vom Staat unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage eine finanzielle Zuwendung von 2080 Euro erhält, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen müssen – die Rede ist vom bedingungslosen Grundeinkommen, eine jahrhundertealte Idee, die leider viel zu selten auch wirklich in die Tat umgesetzt wurde. In Finnland wird momentan darüber diskutiert, da die neue Regierung eine Existenzsicherung einführen will und erst letztes Jahr realisierte ein Berliner ein temporäres Grundeinkommen für zwölf Menschen per Crowdfunding. Und in Städten wie Dauphin, New Jersey, Pennsylvania, Seattle, Denver und Dauphin wurde mit dem ähnlichen Konzept Mincome bereits herumexperimentiert. Gute Ergebnisse wurden erzielt. Sollten wir also auch ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen?

Weiterlesen „Zum Traum des bedingungslosen Grundeinkommens“

Dürfen wir stolz auf unser Land sein?

In Zeiten von PEGIDA stellt sich immer wieder in Diskussionen die Frage, inwiefern Patriotismus berechtigt ist, ob man als Deutscher auf sein Land stolz sein darf. Ich selbst wurde nicht in Deutschland geboren, aber aufgewachsen und bin auch kein Patriot meines Heimatlandes. Jedenfalls sehe ich viele Gründe, die gegen Patriotismus sprechen.

Ein Land ist ein künstliches Gebilde. Es grenzt fast schon an Zufall, weshalb die Landesgrenzen da sind, wo sie sind. Außerdem ist es auch dem Zufall und nicht der eigenen Leistung zu verdanken, dass man in einem bestimmten Land aufgewachsen ist. Genauso ist es auch nicht der eigenen Leistung zu verdanken, dass in demselben Land vor Jahrhunderten berühmte Dichter und Denker gelebt haben, die die Welt revolutioniert haben. Keiner von uns hat einen Tintenklecks an Faust beigetragen, keiner von uns war daran beteiligt. Nur Goethe.

Zudem ist ein Besitzstatus an Land eher fragwürdig, da die Welt vom Grundsatz her erst einmal allen Menschen gehört und man sich in dem Fall das Recht herausnimmt, dieses Grundrecht einem Großteil der Menschen per Geburtsrecht zu entziehen.

Außerdem sind Länder grundsätzlich undankbar, außer man gehört zu denjenigen, die zum Fortschritt enorm beigetragen haben. Sonst interessiert es eben niemanden, was man für dieses Land getan hat. Egal ob du jetzt Soldat, Polizist oder Krankenpfleger bist.

Aber einer der Hauptpunkte ist: Wie kann man auf ein Land mit einer solch schrecklichen Vergangenheit stolz sein? Weshalb sollte man dann stolz darauf sein, dass man durch Zufall in diesem Land geboren wurde? Das bezieht sich nicht nur auf Deutschland, denn andere Länder sind auch kaum besser. Patriotismus geht oft mit Nationalismus Hand in Hand. Das fördert nur den Chauvinismus, der festen Überzeugung der Überlegenheit der eigenen Nation. Diese Form von Gruppennarzissmus ist die wichtigste Voraussetzung für einen Krieg. Die heutige Gesellschaft fördert wiederum den Narzissmus unter anderem durch Isolierung und Konkurrenzdenken, somit ist ein Gruppennarzissmus fast unvermeidlich. Wenn es uns nur gelänge den Gruppennarzissmus auf die gesamte Menschheit auszudehnen, wenn jeder sich als Weltbürger erleben würde und auf die Menschheit sowie auf ihre Leistungen stolz sein könnte, könnte dies den Weg in eine glorreiche Zukunft ebnen.

Argumente gegen Homo-Ehe und Homosexualität – widerlegt

Argumente gegen Homo-Ehe

Die Ehe dient der Fortpflanzung darf demnach nur Mann und Frau offenstehen!

Dies ist eines der beliebtesten Argumente gegen das Eherecht für gleichgeschlechtliche Paare. Es wird ausgeführt, Ziel und Zweck der Ehe sei die Zeugung von Kindern, dabei wird jedoch negiert, dass die Zeugungsfähigkeit kein Kriterium für die Eheschließung von heterosexuellen Paaren ist. Viele Ehepaare bleiben, ob gewollt oder nicht, kinderlos. Im Übrigen werden etwa 33 Prozent der Kinder in nicht ehelichen Familien geboren. Außerdem heiraten viele nicht, um ein Kind zu zeugen, sondern aus Liebe, Fürsorge und zur Übernahme von Verantwortung.

Die Ehe ist traditionell die Verbindung zwischen Mann und Frau!

Inwiefern sind Traditionen relevant? Ich möchte mir zum einen nicht ausmalen, wie unsere Welt aussehen würde, hätte die Menschheit sich an alle überlieferten Traditionen gehalten und zum anderen, inwiefern „Das war schon immer so!“ die Schlussfolgerung zulässt, dass man die Homo-Ehe nicht erlauben sollte.
Es mag sein, dass die Ehe schon immer ein Bund zwischen Mann und Frau war und daher eine Neudefinition des Ehebegriffs verhindert werden müsse. Doch hat die Ehe öfters Neudefinitionen erfahren, mit verschiedenen Zuschreibungen für die Geschlechter oder den Zustand, dass bei früheren Definitionen die Frau als das Eigentum des Mannes angesehen wurde. Auch war im historischen Kontext die Ehe zwischen verschiedenen Ethnien oder Eheschließungen von SklavInnen verboten, so zum Beispiel in den USA, bis dieses Verbot im Bürgerrechtskampf, oder in den USA durch den US Supreme Court, gekippt wurde.

Die Ehe zwischen Menschen gleichen Geschlechts ist wider den Willen Gottes!

Ich kenne verschiedene Gegenargumente aus unterschiedlichen Perspektiven. Dieses Bekenntnis lässt sich folgendermaßen kontern:

  1. die atheistische Sicht: Gott existiert nicht, folglich ist das Argument nicht besonders wichtig.
  2. die theistische Sicht: Das Argument zeugt von geringem Wissen der Religionshistorie, der heiligen Schrift, der religiösen Debatten überhaupt. Denn die Meinung, dass Homosexualität gegen den Willen Gottes ist, ist bei weitem nicht die alleinige Sichtweise innerhalb der Religionsgemeinschaften.
  3. die liberale Sicht: Aus dem Glauben, dass Gott gegen Homosexualität ist, folgt nicht das Recht, diesen Glauben in staatliche Gesetze zu verwirklichen.
  4. meine eigene Sicht: Zum einen können wir nicht wissen, ob irgendein Gott gegen Homosexualität oder die Homo-Ehe ist. Darüber hinaus ist ein Gott, der Liebe bestraft, kein guter Charakter und sollte nicht in einer Religion zelebriert werden. Das religiöse Argument bietet keine Diskussionsgrundlage, „Gott will es nicht!“ ist meiner Ansicht nicht sehr aussagekräftig, da man wirklich alles damit begründen möchte.

Es ist gegen meine Religion!

Bei jeder Debatte um das Eherecht von gleichgeschlechtlichen Paaren treten die großen anerkannten Glaubensgemeinschaften sofort auf und wettern dagegen. Die Homosexualität soll in der Bibel, in der Tora oder im Koran als Sünde festgeschrieben sein. Dabei wird jedoch verneint, dass es vielfältige Auslegungen dieser Glaubensbücher gibt und bei wortwörtlicher Auslegung bestimmte Vorgaben aufgrund sozialer Normen nicht mehr wortwörtlich genommen werden. Außerdem bestreiten gläubige GegnerInnen, dass in säkularen Staaten die Glaubensgemeinschaften keinen Anspruch auf die Definition der zivilrechtlichen Ehe haben. Die Eheinstitutuion der Glaubensgemeinschaften wird durch eine Neudefinition der zivilrechtlichen Ehe nicht berührt. Religiöse Ehedefinitionen dürfen niemals das zivilrechtliche Eherecht anderer beschneiden.

Die Homo-Ehe ist nicht natürlich!

No shit, Sherlock! Vielleicht liegt das daran, dass die Ehe an sich unnatürlich ist? Die Ehe ist ein soziales Konstrukt, also eine eingeführte und gesellschaftlich anerkannte Institution. Sollten wir deswegen die Ehe von gegenschlechtlichen Paaren verbieten, weil es unnatürlich ist?

Gleichgeschlechtliche Ehen sind eine Gefahr für die heilige heterosexuelle Ehe!

Hier wird die Institution Ehe der Glaubensgemeinschaft mit der zivilrechtlichen Ehe vermischt und fordern deren Definition auch für die zivilrechtliche Ehe ein. Des Weiteren wird in den Raum gestellt, dass die heterosexuelle Ehe in Gefahr ist, wenn gleichgeschlechtliche Partner das Eherecht erhalten. So, als ob verschiedengeschlechtliche Eheleute sich scheiden lassen, um nun eine gleichgeschlechtliche Ehe zu schließen. Und ob nebenan ein gleichgeschlechtliches Ehepaar wohnt, ist nicht von Belangen.

Denkt doch einer an die Kinder!

Zwar belegen sämtliche wissenschaftlich anerkannte, unabhängige und methodisch korrekt durchgeführte Studien und Untersuchen das Gegenteil, aber GegnerInnen berufen sich dennoch auf Studien, die nachweislich nicht wissenschaftlich korrekt durchgeführt wurden und anscheinend Auftragsstudien sind. So wird auch das Argument ausgeführt, dass Kinder für eine gesunde Entwicklung Mutter und Vater brauchen. Jedoch ist das Kindeswohl und die psychosoziale Entwicklung des Kindes nicht von der Familienzusammensetzung, sondern von Liebe, Fürsorge, Geborgenheit und Achtung abhängig.

Außerdem wird ein Kind nicht schwul, wenn es weiß, dass Homosexualität gibt oder wenn es ein schwules Pärchen sieht, welches sich gerade küsst. Sexuelle Orientierungen sind sozusagen psychologische Skripte, die in der frühen Kindheit angelegt werden und in der Pubertät entdeckt werden. Ein Versuch, eine Neigung zu ändern, ändert meist in hohen Selbstmordraten und Depressionen – ist grausam.

Das diskriminiert die Gläubigen!

Seems legit, bro. Durch die Homo-Ehe sollen also Gläubige diskriminiert werden, da ihnen die zivilrechtliche Ehedefinition aufgedrängt wird, obwohl die religiöse Ehedefinition davon nicht berührt wird. Keine Glaubensgemeinschaft wird dazu verpflichtet, gleichgeschlechtliche Eheschließungen durchzuführen.

Irgendwann gibt es auch Ehen mit Tieren oder Kindern!

Von der Queer-Community wird nicht gefordert, dass man mit Kindern oder Tieren die Ehe schließen darf und in allen Staaten, in denen die Homo-Ehe geöffnet wurde, folgte keine Tier-Mensch-Ehe oder Erwachsener-Kind-Ehe. Dieses Argument basiert des Weiteren auf einen Denkfehler, dem Dammbruch-Argument. Ein Aspekt der Ehe ist, dass die beteiligten Personen diesen Bund bewusst und freiwillig eingehen und zu diesem Zweck eine Willensbekundung abgeben. Tiere und Objekte können keinen Willen bekunden, wobei bei Tieren unklar ist, wie man ihnen das Konzept der Ehe erklären soll und wie deren Willensbekundung aussehen soll. Kinder können – dies habe ich im Text über Pädophilie bereits angesprochen – zwar willentlich ihren Willen bekunden, aber nicht unbedingt wissentlich.

Die eingetragene Partnerschaft ist ausreichend.

Gleichgeschlechtliche Paare sollen eheähnliche Rechte und Pflichten erhalten, aber nicht die exakt gleichen Rechte. Zwei verschiedene Rechtsinstitute können nie die Gleichstellung bringen, die die Liebe von zwei Personen, unabhängig von Orientierung und Identität verdient. Die Trennung von Gruppen in verschiedene Institute zeigt, dass diese Gruppen nicht gleichwertig sind und daher verschieden zu behandeln sind.

Argumente gegen das Adoptionsrecht

Jedes Kind hat ein Recht auf Mutter und Vater. In der Struktur einer homosexuellen „Familie“ wird dieses Recht dem Kind geplant und bewusst verwehrt. Das ist eine grundlegende Verletzung des Kindesrechts.

Ein Recht auf Mutter und Vater existiert nicht, aber in der UN-Kinderrechtskonvention gibt es ein Recht auf Eltern, ein Recht seine Eltern zu kennen und von ihnen betreut zu werden. Folglich ist die Schlussfolgerung ungültig, eine „homosexuelle Familie“ wäre eine Verletzung des Kindesrechts.

Ein Kind, das in dem Bewusstsein aufwächst, seine beiden Eltern seien zwei Frauen oder zwei Männer, wird in seinem Wissen um seinen zweigeschlechtlichen Ursprung manipuliert. Das wird sich negativ auf seine Identitätsbildung auswirken, auch weil in der Geburtsurkunde zwei Frauen-/Männernamen stehen.

Das ist auch falsch, da das Kind, spätestens wenn es aufgeklärt wird, weiß beziehungsweise wissen wird, dass es von einer biologischen Frau und einem biologischen Mann stammt. Eine negative Auswirkung auf die Identitätsbildung ist nicht belegt.

Homosexuelle Paare können so oder so im Grunde nur Kinder adoptieren, falls nicht  ein Mann eine Beziehung zu einer Frau hatte und er das gemeinsame Kind in die neue Partnerschaft einbringt oder umgekehrt. Adoptiere Kinder kommen meistens von Familien, die ihre Kinder nicht wollen und welche, falls sie nicht adoptiert werden würden, in ein Heim kommen. Ist es dann nicht sowieso besser, wenn man diesen Kindern eine Familie bietet, die sich bewusst dazu entschieden hat und sich um diese Kinder kümmern möchte – obgleich welcher sexuellen Orientierung.

Argumente gegen Homosexualität

Homosexualität ist unnatürlich!

Auch dieses Argument basiert auf einen Denkfehler: den naturalistischen Fehlschluss. Aus mehreren Gründen ist dieses „Argument“ nicht besonders glücklich.

Das Gegenteil von natürlich ist künstlich. Ist alles Natürliche immer gut und alles Künstliche immer schlecht? Wenn man an natürlichem Schlangengift, einer natürlichen Naturkatastrophe oder einem natürlichen Löwenbiss stirbt, dann ist das gut, aber künstliche Medikamente, künstliche Schulen und künstliches fließendes Wasser sind immer schlecht? Wir Menschen ragen durch unsere Denkfähigkeit heraus, das macht uns besonders. Wir verändern die Natur so, dass wir überleben und deshalb entwerfen wir künstliche Dinge, die uns schützen und uns ein besseres Leben bereiten sollen. Sind diese Dinge schlecht, weil sie nicht natürlich sind?

Darüber hinaus ist bei mindestens 1500 Tierarten homosexuelles Verhalten beobachtet worden. Diese Befunde sind gut dokumentiert und nur die Spitze des Eisbergs. Homophobie ist lediglich bei einer Spezies dokumentiert worden. Außerdem sind 80 Prozent der Zwergschimpansen bisexuell. Unter Pinguinen konnte man zehn Prozent homosexueller Paare ausmachen, die auch kleine Pinguin-Waisen adoptieren. Bei Vaterschaftstests in einer Möwenkolonie ermittelten verblüffte Zoologen eher zufällig, dass 20 Prozent der Paare dasselbe Geschlecht hatten. Bei Zwergkakadus soll die Homosexuellen-Quote 40 Prozent sein.

Homosexualität ist wider Gottes Willen!

Ein ähnliches Argument hatten wir bereits bei der gleichgeschlechtlichen Ehe. Angenommen, der christliche Gott existiert. Dieser schuf Mann und Frau, um deren Fortpflanzung zu sichern, damit sie sich vermehren, was Homosexualität in keinster Weise ausschließt. Wenn Gott gewollt hätte, dass nur Mann und Frau untereinander eine Partnerschaft eingehen, hätte er bei der Schöpfung unterbunden, dass Menschen unterschiedliche Sexualitäten entwickeln. Das Argument, Homosexualität sei wider Gottes Willen, ist ein Eigentor, denn wer behauptet, diese Neigung sei Gott ein Gräuel, wer diese Ansichten vertritt, unterstellt Gott indirekt Fehler bei der Schöpfung der Menschen, seinem Abbild. Wer dies tut, zweifelt an der Schöpfung und folglich an Gott selbst.

Quellen, verwendetes Material und weiterführende Links:
Teilzeitnerd: „5 Gründe für die Homoehe! | Teilzeitnerd“ (28.08.2014)
Teilzeitnerd: „Wir machen die ganze Welt schwul | Reaktionen auf homophobe Vorurteile | Teilzeitnerd“ (10.07.2014)
Teilzeitnerd: „Ireland says »YES«! Homophobie in Medienberichten! | Teilzeitnerd“ (28.05.2015)
Teilzeitnerd: „HOMOEHE?! — Ist doch egal..“ (13.02.2014)
Teilzeitnerd: „Stell dir vor, die Homoehe wäre erlaubt! | Teilzeitnerd“ (25.01.2015)
Anand Buchwald: „Natur, Evolution und Homosexualität“ (11.10.1999)
ZeitOnline: „Ich bin es leid“ (24.08.2012)
ZeitOnline: „So. Und nicht anders“ (19.03.2012)
ZeitOnline: „Bestraft doch gleich die Kinderlosen“ (08.08.2012)
ZeitOnline: „Das Adoptionsverbot für Homosexuelle ist absurd“ (16.08.2012)
ZeitOnline: „Kinder brauchen keine Hetero-Eltern“ (04.09.2009)
ZeitOnline: „Öffnet die Homo-Ehe für alle“ (27.05.2015)
ZeitOnline: „Passt das noch unter einen Hut?“ (27.05.2015)
Nachdenken… bitte: „Homosexualität“ (04.10.2012)
SpiegelOnline: „Homosexualität bei Tieren: Männchen mit Männchen, Weibchen mit Weibchen“ (25.10.2006)
SpiegelOnline: „Hier ist die Homo-Ehe erlaubt“ (28.05.2015)
Die Welt: „Homosexuelle Paare – Studie entkräftet Vorurteile“ (23.07.09)
n-tv.de: „Wider die Natur“ (07.05.2007)
hartaberfairTV: „Papa, Papa, Kind: Homo-Ehe ohne Grenzen?“ (05.12.2012)
Universität Bamberg: „Nicht von schlechten Eltern“ (02.10.09)
Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft: „Das Recht des Kinder auf Vater und Mutter
der Freitag: „Falsche Gründe gegen die Homo-Ehe“ (06.12.2012)
Süddeutsche Zeitung: „Wie sich die Homo-Ehe auf die Lebenserwartung auswirkt“ (12.03.2013)
rp online: „Homo-Ehe – Streit ums Kindeswohl“ (13.06.2013)

Sterbehilfe

Wie die Legalisierung von Cannabis ist auch die Sterbehilfe eine kontroverse Debatte, deren Befürworter und Gegner gute, schwer widerlegbare Argumente haben. Sowohl auf philosophischer Ebene, als auch die politische Komponente sind äußerst komplex. Haben wir die Pflicht zum Leben? Wenn ja, soll die Pflicht zum Leben zugunsten der Freiheit zum Tod eingeschränkt werden? Wir haben uns nicht ausgewählt, ob wir auf die Welt kommen oder nicht, dürfen wir aber entscheiden, ob wir hier bleiben? Die Antwort auf diese Fragen zeigt natürlich, wie wir als Gesellschaft den Tod sehen.

Gewiss haben Patienten, die unheilbare Krankheiten und an zahlreichen Schmerzen leiden, den Wunsch zum Tod. Unter gewissen Umständen kann dieser Wunsch auch erfüllt werden. In der Schweiz können Patienten, die an einer unheilbaren Krankheit leiden, den Antrag stellen, aber eben nur, wenn es medizinisch nachvollziehbar ist. Bei Depressionen wird davon nicht nur abgeraten, der Antrag wird abgelehnt, da Depressionen heilbar sind und es keinen richtigen Grund zum Suizid gibt. Man sollte darüber hinaus Depressionen weder verschweigen noch unterschätzen.

Die Gegner der Sterbehilfe meinen, dass man damit ein Geschäft machen kann, denn die Vereine verdienen Geld mit dem Tod ihrer Patienten, das kann schief gehen. Der Umgang mit todgeweihten Patienten ermöglicht Gefährdungen der Bedingungen unseres Zusammenlebens. Aus dem Tod wird ein Geschäft, das Leben basiert aus einem Kosten-Nutzen-Verhältnis. Meistens fällt dann das Urteil nicht zugunsten des Patienten. Es könnte beinahe schon ein indirekter Zwang bestehen, dass Patienten ihre egoistischen Angehörigen zufriedenstellen, um die Krankenkasse nicht weiterhin zu belasten. Man muss das Leben des Patienten abwägen gegen materiellen und persönlichen Aufwand, Sterbende müssen dafür kämpfen, dass ihr Leben noch als erhaltenswert angesehen wird und der Druck wird dabei immer größer. Vielleicht liegt die Würde sogar darin, dass man sich nicht entscheiden muss. Der Wunsch nach der aktiven Sterbehilfe sollte gar nicht erst aufkeimen.
Das Problem kann nicht nur mit Angehörigen bestehen, sondern auch das Vertrauensverhältnis zwischen dem Patienten und dem Arzt schädigen. Was ist, wenn der baldige Tod immer mehr Gesprächsthema mit dem Patienten wird? Wie fühlt sich ein Betroffener, wenn ein Arzt den Tod als Möglichkeit ansieht?

Andererseits sollten wir ein Recht auf Autonomie haben. Zwar sind wir ungefragt auf die Welt gekommen, sollten aber trotzdem ein Recht darauf haben, den Zeitpunkt des Endes unseres Daseins mitbestimmen zu können. Schließlich handelt der Arzt im Interesse des Betroffenen.
Gegner bringen mitunter ein, dass der Mensch nicht mehr über sich selbst verfügt, weil er den Arzt zum Töten ermächtigt. Diese Argumentation ist in meinen Augen nicht besonders stichhaltig, weil der Mensch frei ist und nicht verzweckt wird, indem er in seinem Interesse umgebracht wird. Die Verzweckung wäre eher, wenn man gegen seinen Willen ihn am Leben lassen würde. Darüber hinaus entzieht man dem Menschen seine Würde, wenn man seine Autonomie beschränkt.

Ich persönlich würde gerne im Alter die Wahl haben, die Argumente der Gegenseite kann ich zwar verstehen, aber die begründeten Annahmen können dennoch durch entsprechende Präventivmaßnahmen beseitigt werden. Neben der Sterbehilfe gibt es auch die Palliativmedizin, die schmerzlindernde Methoden einsetzt.
Darüber hinaus denke ich, dass niemand zum Sterben zurückgelassen werden soll. Das wäre alles andere als würdevoll. Wenn möglich, sollte der Patient im Kreis der Familie mit dem Tod konfrontiert werden. Dann kann er von seiner Familie Abschied nehmen.