Survival of the Richest

Zum ersten Mal seit dem Ersten Weltkrieg entwickelt sich Deutschland zu einer Erbengesellschaft. Die Nachkriegsgeneration hinterlässt ein gewaltiges Erbe, welches sie sich mit dem Wirtschaftswunder aufgebaut hat: 250 Milliarden Euro im Jahr werden an die Nachfolgegeneration weitergegeben, das entspricht dem gesamten Bundeshaushalt im Jahr 2014 – doppelt so hoch wie die Kosten für Kindergärten, Schulen und Universitäten oder fünfmal so hoch wie die Ausgaben für Hartz-IV-Empfänger.

Wie hoch die Erbschaften pro Jahr wirklich liegen, ist unbekannt: 250 Milliarden sind ein Schätzwert. Die Oberschicht betreibt fleißig Lobbyarbeit, um eine verlässliche Statistik zu vermeiden. Denn sie weiß: Ohne Statistiken ist eine Verteilungsdiskussion nicht möglich. Arme dagegen haben keine Lobby. Der Armuts- und Reichtumsbericht ist deshalb mehr ein Armuts- als ein Reichtumsbericht.

Er hörte sich gut an, der American Dream; mittlerweile sprechen selbst Nobelpreisträger, Unternehmer und Professoren von einem feudalistischen Kapitalismus, der die Demokratie gefährde. Auch in Deutschland gilt das Prinzip der Abstammung immer noch: 76 der 100 reichsten Deutschen haben laut dem Spiegel-Autor Christian Richens ihr Vermögen geerbt. Fälschlicherweise glaubt die Mehrheit, wir hätten die starre Klassengesellschaft des Kaiserreichs überwunden: 1908 besaßen die drei reichsten Familien kaufkraftbereinigt 3 Milliarden Euro, 2013 waren es 59 Milliarden.

In der Familie der Kennedys und Rockefellers zeigt sich allerdings die Schattenseite dieser erfolgreichen Dynastien: die Rockefellers durchliefen langjährige Psychotherapien aufgrund von Depressionen, die Kennedys erlitten viele Schicksalsschläge wie Suizide oder Drogenmissbrauch. Es gilt: der Feudalismus widerspricht dem meritokratischen Prinzip, auf dem der Neoliberalismus basiert. Nelson Rockefeller war ein mittelmäßiger Gouverneur und ein miserabler Vizepräsident. Seine Bilanz: katastrophal – seine Kontakte: blendend!

Natürlich: Das sind US-amerikanischen Verhältnisse – aber laut einer PISA-Studie landet die USA auf Platz 8, Deutschland auf Platz 32 von 32. Denn in den USA ist es keine Schande, reich zu werben, aber eine, reich zu sterben – in Deutschland ist es umgekehrt. Deswegen gibt es viele US-amerikanische Reiche, die ihr Vermögen spenden oder stiften. Warren Buffet hat sich z. B. verpflichtet 99 Prozent seines Vermögens zu spenden. Vor der Bush-Ära gab es sogar auf 5 Millionen Dollar 77 % Steuern mit einem Freibetrag von 60.000 Dollar bei Erbschaften; in Deutschland haben wir einen Spitzensteuersatz von 30 % ab 26 Millionen Euro mit einem Freibetrag von 500.000 Euro. Außerdem hat die Große Koalition 2009 beschlossen, dass unternehmerisches Vermögen steuerfrei verschenkbar oder vererbbar ist – wie schön, dass es immer einen Weg gibt, Steuern nicht zahlen zu müssen.

Mit anderen Worten: Die Bundesregierung bekämpft Steuerhinterziehung mit Neoliberalismus statt mit Ermittlungsbehörden. Zwei Drittel der öffentlichen Einnahmen kommen aus Steuern auf Löhne. Was ist das nur für ein Land, das Arbeit abstraft und Vermögen belohnt?

Am Beispiel der Erbschaft zeigt sich, wie sehr Geld die Menschen verdirbt. Menschen zeigen ihr wahres Gesicht: Krähen und Käfer, die sich vom Kadaver nähren. Manchmal sind Menschen Raubtiere und Aasfresser zugleich: Tote haben keine Lobby. Hausärzte suchen nicht nach Tötungsspuren, wenn sie eine trauernde Familie vor Augen haben. Nur drei Prozent der Toten werden obduziert. Je größer die Erbschaft, desto häufiger der Streit. Kaum eine Familie übersteht den Streit um ein massives Erbe. Das Geld frisst sich in Familie und Freundschaften, bindet an die Eltern und führt zu Angst vor Anschuldigungen und Ausbeutung bis Familien oder Unternehmen daran zerbrechen: Das Buch „How much money does it take to ruin a child?“ beschreibt die Zustände, an denen Erben leiden. Materialismus, Maßlosigkeit und Motivationslosigkeit – kurz: Snobismus. Eine Erbengesellschaft ist undynamisch und unproduktiv, weil Erben eine leistungslose Angelegenheit ist. Welch ein Erbe kann die Befriedigung verspüren, für seinen eigenen Lebensunterhalt selbst zu sorgen? Welch ein Erbe verspürt schon den gesunden Druck, arbeiten gehen zu müssen?

Eltern und Elite-Internate verschaffen den Erben Sicherheit, Kontakte und Netzwerke – Privilegien, von denen man träumen kann. Ehrlicherweise müssen selbst die Schüler solcher Internate zugeben: private Elite-Schulen sind auf einem akademisch mittelmäßigen Niveau, weil nicht die Besten, sondern die Reichsten ausgewählt werden. Beispielsweise hat die European Business School eine Aufnahmequote von 25 % und einen vergleichsweise durchschnittlichen Einstellungstest. Der Abi-Schnitt der EBS liegt etwa bei 3.

Einige Schüler solcher Internate scheiterten an den staatlichen Schulen; mit genügend Geld fällt es aber leichter, das Abitur zu schaffen: 60 % der Nachhilfeschüler kommen aus wohlhabenden Familien. Der Vorteil privater Schulen ist die individuelle Förderung, die Lehrer können sich mehr Zeit nehmen, weil die Klassen kleiner sind; das können die staatlichen Schulen leider nicht anbieten. Andererseits berichten Lehrer immer wieder von der Antriebsarmut ihrer Schüler, da nach dem Abschluss ihr Weg schon vorgezeichnet ist – ähnlich wie in unseren Hauptschulen.

Dies sind keine Spekulationen, sondern fußt auf den Recherchen der Autoren Marco Maurer und Julia Friedrichs als auch auf der soziologischen Forschung von Michael Hartmann. Letzterer analysierte die Lebensläufe von 6.5000 Promovierten mit dem Ergebnis, dass 85 % der Vorstandsvorsitzenden oder zwei Drittel der Verwaltungsbeamten aus dem gehobenen Bürgertum kommen. Dabei macht diese Schicht nur 3,5 % der Gesamtbevölkerung aus. Hartmann kommt zu dem Schluss: der Erwerb des höchsten Bildungstitels gleicht nicht-bürgerliche Herkunft nicht aus. Bei gleichem Abschluss hat ein Großbürger viel bessere Chancen, in den Vorstand eines Großkonzerns zu gelangen, als ein Kleinbürger. Kein Wunder: Das Auswahlverfahren wird von Großbürgern für Großbürger gemacht. In diesen Tests ist vor allem der Habitus entscheidend. Sozialer Aufstieg durch Bildung ist demnach eine Illusion.

In Schulen können Noten auch nicht widerspiegeln, ob Lehrerinnen unbewusst auf einen bildungsbürgerlichen Habitus achten. Deswegen bekommen Akademikerkinder bei gleicher Intelligenz eher eine Gymnasialempfehlung und können aufgrund der finanziellen Sicherheit einen Studiengang wählen, der ihren Interessen entspricht. Arbeiterkinder suchen dagegen Studiengänge wie Maschinenbau, da sie ein stabiles Einkommen und einen sicheren Arbeitsplatz versprechen. Selbst in der Wissenschaft fehlen sichere Karriereperspektiven und weil der Weg zur Professur durch finanziell instabile Verhältnisse geprägt ist, kommen Professoren oft aus der Oberschicht.

Letztlich bleibt der Begriff „Elite“ mehr Schein als Sein. Fragen Journalisten Direktoren von Elite-Internaten oder -Universitäten nach einer Definition, hören sie vom allbekannten Trio von Wahrheitsliebe, Mut und Verantwortung. Doch lieben Grundschullehrerinnen die Wahrheit etwa nicht? An anderer Stelle hört man von Verantwortung, Verpflichtung und Vorbild. Übernehmen Pfleger keine Verantwortung; ist keine Pflegerin dem Wohl ihrer Patienten verpflichtet?

Was tun?

Wenn wir uns Finnland ansehen, finden wir soziale Gerechtigkeit schon eher vor. In sozial schwachen Gebieten gibt es drei Extra-Lehrerinnen; jede Schule hat zwei Sonderpädagogen, drei Speziallehrer, die die Schüler sichten, um Balance hinsichtlich Migrationshintergrund und Lernschwierigkeiten zu schaffen, fünf Unterrichtsassistenten, die die Kinder individuell fördern sowie jeweils einen Schulpsychologen, eine Sozialarbeiterin und einen Krankenbruder, von denen mindestens zwei jeden Tag anwesend sind. Kostenlos sind sowohl die Unterrichtsmaterialen, das Schulessen als auch die Nachhilfe; die Klassen bestehen aus zwölf Schülern und einem Lehrer und in sozial schwachen Gebieten aus zehn Schülern mit zwei Lehrern. Die Lehrer haben mittels des Programms WILMA Kontakt zu den Eltern und können Probleme rasch klären. Digitalisierung wird in Finnland großgeschrieben.

Da das finnische Bildungssystem Lernschwierigkeiten löst, bevor daraus Verhaltensauffälligkeiten werden, nehmen die Hälfte der finnischen Schüler unter 16 Jahren mindestens einmal am Förderunterricht teil. Außerdem gibt es in den Schulen flache Hierarchien (die Büros von Hausmeister und Direktor sind nebeneinander), die Lehrer werden geduzt und jeder läuft in Socken herum. Bis zur Oberstufe gibt es darüber hinaus keine Noten, sondern nur schriftliche Zeugnissen, weil Noten nicht widerspiegeln können, ob Jugendliche nebenher arbeiten, familiäre Probleme haben oder sich um Geschwister kümmern müssen. So können Finnen aus schwierigen Verhältnissen zweimal so oft gute Leistungen erzielen wie deutsche Schüler.

Frühkindliche Intensivförderung erhöht nachweislich die Intelligenz der Kinder und ist ein Weg, um starre Sozialstrukturen aufzubrechen. Mit dieser Art von Förderung ist nicht Chemie oder Chinesisch gemeint, sondern Singen, Tanzen, Spielen und Basteln. Das kann bereits im Kindergarten gemacht werden. Derzeit können sich nur wohlhabende Eltern solche Programme für ihre Kinder leisten, in denen aber Chinesisch gelernt wird. Schon Benjamin Franklin sagte: „Eine Investition in Wissen bringt noch immer die besten Zinsen.“ – wann werden wir anfangen, in Bildung statt in Waffen zu investieren?

Quellen:
Julia Friedrichs: „Gestatten: Elite“ (2008)
Julia Friedrichs: „Wir Erben“ (2016)
Marco Maurer: „Du bleibst, was du bist“ (2015)

Advertisements

Europa ist tot! Es lebe Europa!

Die Europäische Union befindet sich in einer Krise: Überall auf dem Kontinent gewinnen rechtspopulistische Parteien an Zustimmung und Zulauf. Immer mehr Menschen kritisieren die EU und fordern einen Austritt – zugegeben: Oft stimmt die Kritik. Aber muss es das Ende von Europa bedeuten?

Da gibt es beispielsweise die Kommission: Sie übernimmt die Aufgaben einer Exekutiven und Judikativen, da sie Verträge abschließt und ihre Einhaltung überprüft. Als Regierung wurde sie allerdings nicht gewählt. Das Wahlrecht ist kompliziert: die wahlberechtigten Bürger wählen die nationalen Parlamente, die die nationale Regierung ernennt, die die Staats- und Regierungschefs stellt. Die Staats- und Regierungschefs sind Mitglieder des Europäischen Rats, der die Kommission vorschlägt. Diese Kommission muss vom Parlament bestätigt werden.

Es stimmt: Die EU-Kommission ist eine technokratische Institution, die nicht demokratisch gewählt wurde. Viel schlimmer noch: sie ist mit weitreichenden legislativen wie exekutiven Befugnissen ausgestattet. Zwar lässt sich die Kommission mit einer Regierung vergleichen, doch übernimmt sie auch noch die Aufgaben von Gerichten und Behörden. Wo ist die Gewaltenteilung, die jede Republik vorweisen muss? Wo sind die Checks and Balances, die eine Demokratie ausmachen?

Dagegen hat das Europäische Parlament nur einen geringen Einfluss. Hier stellt sich wieder die Frage der Legitimität, da die Wahlen zum Parlament kompliziert sind. Es spielt keine Rolle, ob Parteien mit nationalen oder regionalen Listen antreten; genauso wenig, ob mittels Verhältnis- oder Mehrheitswahlrecht gewählt wird, eine Sperrklausel existiert oder wie viele Parteien es im Land überhaupt. Jede Nation lässt die Wahl auf ihre eigene Art stattfinden. In jeder Nation kämpfen die Parteien im Wahlkampf für nationale Themen. Allein die geringe Wahlbeteiligung spricht für sich.

Auch in anderen Bereichen hat das Parlament wenig Einflussmöglichkeiten. Es ist weder mit einem Initiativ- noch Budgetrecht ausgestattet – diese Rechte stehen nur der Kommission zu. Das Parlament kann weder Gesetze vorschlagen, darf nur die Ausgaben genehmigen oder ablehnen. Dafür darf das Parlament die Kommission abwählen – aber erst, wenn sie fertig geformt ist; dies ist nur ein Mal vorgekommen. Ihre Regierung darf sie jedoch nicht wählen. Außerdem ist die Zusammensetzung des Parlaments irreführend: Zwar gibt es Europäische Fraktionen mit Europäischen Parteien, doch diese Fraktionen verfolgen nicht immer ähnliche Programme.

Darüber hinaus besteht der Gesetzgeber der EU – der Ministerrat – aus je einem Minister der Mitgliedsstaaten. Allerdings untergräbt dies die Gewaltenteilung auf europäischer und nationaler Ebene: Bis vor einigen Jahren war es möglich, dass nationale Regierungen im Ministerrat ohne die Kontrolle des EU-Parlaments Gesetze einführen konnten. Denn die supranationale Legislative besteht aus der nationalen Exekutive. Mittlerweile sind beide Kammern gleichgestellt, aber der Ministerrat hat dennoch mehr Kompetenzen bei geringerer Legitimität. Außerdem darf man die Macht einer anderen Institution – den Europäischen Rat – nicht unterschätzen, da in diesem Organ sich die Staats- und Regierungschefs zusammensetzen und ihre Minister im Ministerrat anweisen können, Gesetze zu erlassen. Damit kann der Europäische Rat indirekt Gesetzgebung bewirken.

Doch das wohl größte Problem der EU ist wohl, dass kein einheitliches, europäisches Staatsvolk existiert. Es gibt keine europäischen Medien, die eine öffentliche Debatte mit allen Europäern ermöglichen; denn die bisherigen Medien sind auf nationale Themen ausgerichtet. Doch ohne europäische Öffentlichkeit, keine europäische Identität, ohne europäische Identität ist eine europäische Integration schwer. Englisch als Verkehrssprache einzusetzen, verspricht bloß geringen Erfolg. Vielen Europäern fehlt der Wortschatz, um an komplexen Diskussionen teilzunehmen und Entscheidungen zu verstehen.

Die demokratischen Defizite sind nicht das einzige Problem. Während wir der Union Währung und Wirtschaft überlassen, übernimmt die Nation Steuern und Soziales. Meine Rentenansprüche verliere ich zwar nicht, wenn ich von Marburg nach Mannheim umziehe, aber wenn ich nach Madrid oder Marseille umziehe. Vor EU-Recht sind Unionsbürger nicht gleich, da es in den EU-Mitgliedsstaaten verschiedene Sozial- und Steuersysteme gibt.

Die Europäische Republik

So wie die UdSSR den Prager Frühling mit Panzern niederschlug, zerschlug die EU den Athener Frühling mit Banken – so die Politologin Ulrike Guérot in ihrem Buch Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie. In ihrer Vision von Europa müssen Bürger, nicht Banken, Priorität haben. Republik heißt übersetzt „gemeinsame Sache“: eine politische Ordnung, die gemeinwohlorientiert und sozialverpflichtet ist. In der Republik soll Freiheit durch Gleichheit ermöglicht werden, da sich beide bedingen: Gleichheit ohne Freiheit ist Kommunismus, Freiheit ohne Gleichheit ist Kapitalismus – denn derzeit ist für politische Teilhabe Geld, Bildung und Habitus vorteilhaft: der Neoliberalismus gefährdet unsere Freiheit.

In Guérots Europäischen Republik würden wir Europäer und Europäerinnen nichts verlieren, im Gegenteil, wir würden viel dazu gewinnen. Sie setzt sich dafür ein, dass die Region gegenüber Nation und Union aufgewertet wird. Das politische System der Europäischen Republik vergleicht sie mit dem US-amerikanischen oder französischem System und skizziert sie folgendermaßen:

In der Republik soll es einen Kongress geben, der aus zwei Kammern besteht. Das Parlament bildet die erste Kammer und besteht aus Abgeordneten aus transnationalen Parteien. Gewählt werden die Abgeordneten von allen europäischen Bürgern und Bürgerinnen per Verhältniswahlrecht nach dem Prinzip „one person, one vote“. Außerdem soll das Europäische Parlament ein vollwertiges, demokratisches Parlament bilden, d. h. mit Initiativ- und Budgetrecht. Dieses Abgeordnetenhaus erfüllt die klassischen Aufgabe eines Parlaments: die Vertretung der Bürger und Bürgerinnen durch Abgeordnete.

Der Senat dagegen soll per Mehrheitswahlrecht gewählt werden, was in Demokratien mit Zwei-Kammern-Systemen üblich ist. Darüber hinaus sollen die Senatoren regionale Interessen vertreten. Dabei soll ein Proportionalitätsfaktor berücksichtigt werden, größere Regionen haben mehr Senatoren. Pro Region soll es zwei Senatoren geben, Metropolregionen dagegen bis zu sechs. Historisch gesehen gibt es in Europa bis zu 60 beständige Regionen: die Allgäu, Böhmen und Bretagne, Connacht, Catalonia und Cornwall – auch der Philosoph Robert Menasse sagt: „Heimat ist Region. Nation ist Fiktion.“ Ist denn Deutschland eine kulturelle Einheit? Fühlt sich ein Bayer auch in Bremen heimisch, oder doch eher in Brixental im schönen Tirol?

In Wirklichkeit gibt es kulinarische, kulturelle, geographische, sprachliche, religiöse, musikalische und literarische Übergänge, die die Regionen voneinander unterscheiden. Oder will noch jemand ernsthaft behaupten, München sei wie Berlin? Jede Region hat ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Dialekt, ihre eigene Kultur und eigene Küche. Ein solches Europa wäre bürgernäher, weil die Europäerinnen mehr Einfluss in ihren Regionen hätten. Sie könnten direkt und vor Ort über die wichtigsten Fragen ihrer Lokalpolitik entscheiden und so die Zukunft ihrer Region bestimmen – das europäische Motto „Einheit in Vielfalt“ könnte Wirklichkeit werden.

Per Direktwahl sollen die Europäischen Bürger eine Präsidentin wählen, die ähnliche Aufgaben wie der US-amerikanische Präsident erfüllt. Diese Präsidentin käme aus eine der transnationalen Parteien, denn in der Republik soll es keine nationalen Parteien geben, die sich in europäischen Listen wählen lassen. Stattdessen soll es europäische Parteien geben, die gemeinsamen Wahlkampf betreibe. Zudem erhielte die Präsidentin ein Kabinett mit Ministerinnen, die sich nur um die Aufgaben der Exekutive kümmern; die Gewaltenteilung nach Montesquieu soll verwirklicht werden.

Allerdings darf man nicht dem Irrglauben verfallen, die Europäische Republik würde sich zu einer EUdSSR entwickeln. Die europäischen Regionen behalten ihre Autonomie. Denn die Europäische Regierung soll nur diejenigen Aufgaben übernehmen, die eine Regierung nur vernünftigerweise übernehmen kann: Außenpolitik, Energie und Entwicklung, Finanz- und Fiskalpolitik, Sozial- und Steuerpolitik. Kaum eine Region kann oder will diese Aufgaben übernehmen. Europa blieb föderalistisch und die Katalanen wären zufrieden mit ihrer kulturellen und politischen Autonomie unter dem Dach einer Europäischen Republik. Die Katalonien-Krise würde in dieser Republik nicht passieren, da die Regierung ihre Kultur und Sprache ausreichend würdigen würde.

Zu guter Letzt sollte die Wirtschaft reformiert werden. Alle Unionsbürger sollen ihre Ansprüche auf Sozialleistungen beibehalten, auch wenn sie umziehen. Wir brauchen eine bürgerliche Gleichheit, die ein Recht auf soziale Teilhabe ermöglicht. Dies ist nicht einmal eine Utopie, denn vor zweihundert Jahren galt schon eine einheitliche deutsche Regelung als utopisch. Die Zeit ging ins Land und die Utopie wurde zur Realität. Außerdem passen sich die Nachbarländer innerhalb der EU sowieso schon einander an; wieso sollte das Arbeitslosengeld, der Mindestlohn, das Rentenalter oder der Krankenkassenschutz Ländersache bleiben? Wir haben eine gemeinsame Währung, eine gemeinsame Wirtschaft, aber kein einheitliches Steuerrecht, kein einheitliches Sozialsystem.

Um ein einheitliches Sozialsystem zu erreichen, brauchen wir wieder den European Way of Capitalism: die Soziale Marktwirtschaft. Eine Republik unterwirft sich nicht den Banken, sondern widmet sich den Bürgern, um stabil und sicher zu bleiben. Vermögen, Kapital und Erbschaften sowie Finanztransaktionen müssen hoch besteuert werden. Wir könnten dagegen mehr Wert auf Besitz statt Eigentum legen: Warum muss ich mir ein Auto kaufen, wenn ich die Garantie habe, dass ich zu jeder Zeit ein Auto mit anderen teilen kann?

Jede Republik ist per definitionem an das Gemeinwohl gebunden. Unsere europäische Wirtschaft wäre regional und nachhaltig, um sozialverbindlich und selbstversorgend zu sein. Wozu Näherinnen aus Bangladesch, wenn wir unsere Kleidung auch in Europa nähen können; wozu neuseeländische Äpfel, wenn sie auch vor unserem Haus wachsen; warum Chia-Samen essen, wenn Leinsamen genauso gesund sind?

Die heutige Erasmus-Jugend lebt gedanklich schon in der Europäischen Republik. Nach der Schule verteilt sich die Jugend auf verschiedene Länder des Kontinents; Auslandsjahre und -semester oder sogar Auswanderung. Wieso sollten wir der Jugend den Zugang zum Sozialsystem versperren? Eine spanische Mutter würde in Dänemark kein Kindergeld bekommen, weil sie keine dänische Bürgerin ist, aber auch nicht mehr in Spanien lebt. Eine deutsche Frau würde in Frankreich keine Sozialleistungen kriegen, weil sie keine französische Bürgerin ist, aber nicht mehr in Deutschland ist. Doch die Jugend bestimmt die Zukunft – und die Jugend lebt die Europäische Republik.

Das Seelenleben der Tiere

Der Förster Peter Wohlleben erkundet in seinem Buch „Das Seelenleben der Tiere“ die Innenwelt unserer tierischen Mitbewohner. So surfen Raben auf Dächern, merken sich Namen untereinander oder necken gemeinsam Hunde, um diese zu ärgern. An ihren Lauten ist ihre Wertschätzung für Artgenossen erkennbar, ferner nutzen sie ihren Schnabel wie wir unsere Hände, besitzen ein umfangreiches lautliches Vokabular, ein detailliertes Ausdrucksvermögen und beherrschen etliche Bewegungsabläufe, um sich zu verständigen.

Das ist noch längst nicht alles! Kolkraben bilden lebenslange Ehen, in denen sie einander treu bleiben oder meiden und merken sich egoistische, gierige Tiere. Füchse stellen sich oft tot, um solche Raben anzulocken und aufzufressen.

Pferde können ebenfalls miteinander sprechen. Das Wiehern von Pferden ist zweistimmig, damit können sie komplexe Informationen übermitteln; wie es ihnen geht und wie stark ihre Gefühle sind. Außerdem können sich Pferde für unerwünschtes Verhalten schämen, wenn andere Pferde ihnen dabei zusehen oder sie werden ängstlicher, je älter sie sind. Denn sie merken, dass sie schwächer werden und dösen nur noch, da sie sich hinlegen müssten. Zum Aufstehen sind sie zu schwach und das ist tödlich.

Selbst Hirschkühe werden mürrisch im Alter, da sie Nahrung bloß grob richtig zerkleinern können und deswegen nur schwache Kälber gebären. Das gefährdet ihre Stellung in der Hierarchie. Wer wäre nicht zänkisch, wenn er davon ausgehen müsste, in jedem Moment ausgestoßen zu werden?

Wenn ihre Kälber sterben, empfinden sie Trauer, kehren oft zum Todesort zurück und rufen nach dem Kalb. Wie nostalgisch, wie melancholisch! Leider gefährdet dieses Verhalten ihre Stellung in der Hierarchie, da sie für Jäger leichte Beute sind. Wie wir Menschen müssen genauso Tiere lernen, was Sterben bedeutet und brauchen Zeit, um solche Ereignisse zu verarbeiten.

Krieg ist nicht typisch menschlich: Bienen bekriegen andere Völker vor dem Winter, wenn die Vorräte für die nächsten Monate knapp werden. Dann lernen sie, dass es sich lohnt, Krieg zu führen und hören auf, Nektar zu sammeln bis nur noch starke gegen starke Bienenvölker kämpfen. Andererseits bringen Fledermäuse unerfahrenen Artgenossen Blut mit, wenn diese erfolglos blieben und sonst verhungern würden. Mit dem Blut versorgen sie obendrein die Fledermäuse, die ihnen fremd sind. Solches Verhalten wird gerne gesehen und durch Hilfe bei schweren Zeiten belohnt.

Tiere helfen anderen Spezies gleichermaßen: Adoptionen kommen z. B. in der Natur vor. 2012 wurde der französische Bulldogge Baby bekannt, der sechs Frischlinge adoptierte und groß zog; die kubanische Hündin Yeti stillte 14 Ferkel. Marder und Mäuse empfinden Mitleid, wenn sie sehen, wie ein Artgenosse aufgegessen wird. Solche Erlebnisse traumatisieren und verängstigen unfassbar.

Darüber hinaus gilt der Satz „Glück ist ansteckend“ für Schweine genauso! Wenn Schweine Schokorosinen bekommen und dabei klassische Musik läuft, freuen sie sich später auch ohne Schokorosinen. Andere Schweine, freuen sich spontan mit, wenn diese die Konditionierung nicht kennen. Im Übrigen können Schweine sich Namen merken, wenn sie von uns einen bekommen. Wildschweine merken sich klugerweise, in welchen Gebieten es Jagdverbote gibt und flüchten in diese Gebiete bei Gefahr. Das ist zum Beispiel an der Grenze zur Schweiz in Frankreich der Fall: die Tiere fliehen in den Kanton Bern.

Auf der anderen Seite gibt es Lug und Betrug im Tierreich: Eichhörnchen täuschen nur vor, dass sie Futter verstecken, falls sie sich beobachtet fühlen und Elstermänchen betrügen ihre Weibchen, obwohl sie lebenslange Ehen bilden! Dafür sorgen sich Eichhörnchen um ihre Verwandten und dringen mutig in fremde Gebiete ein, wenn diese nichts von diesen hören und adoptieren eventuell Waisenkinder.

Das wohl bekannteste Tier ist die Gorilladame Koko, die die Gebärdensprache konnte und mithilfe von über 1000 Zeichen mehr als 200 Wörter auf verschiedene Weise intelligent kombinieren und längere Gespräche führen konnte. Sie zeigte z. B. ihr Wissen über Todesursachen. Neurologisch gesehen haben Affen auch Hirnareale für Wortverständnis und -artikulation, allerdings können nur Menschen sich derart komplex unterhalten, weil sie einen längeren Kehlkopf haben, eine freie Zunge, Stimmbänder und eine veränderte Atemtechnik, die es ihnen dies ermöglicht. Zwar beherrschen Affen nicht die menschliche Grammatik, nutzen dafür abstrakte Symbole für Objekte, Situationen und Handlungen, die sie mit bestimmten Tieren oder Gegenständen verknüpfen. Aus wissenschaftlicher Sicht befinden sich die meisten Affen auf dem Sprachniveau eines dreijährigen Kindes – bewiesen durch Untersuchungen, in denen Primaten sozial isoliert in einem sterilen Labor ein unbekanntes Symbolsystem lernen mussten.

Was unterscheidet den Menschen vom Tier?

Mensch und Tier sind keine Gegensätze, abgesehen davon existiert das Tier nur im Plural. Tiere können denken, Probleme lösen, sich Namen merken, miteinander kommunizieren, lügen, betrügen, sich einfühlen und sich Wege merken. In der Evolution wurde das Rad nicht jedes Mal neu erfunden, tatsächlich sind wir Tieren ähnlicher, als wir glauben. Richard David Precht spricht daher in seinem Buch „Tiere denken“ vom Menschentier, denn wir gehören zu den Säugetieren – mit dem krassen Unterschied, dass wir anderen Spezies intellektuell haushoch überlegen sind.

Precht plädiert für eine „Ethik des Nichtwissens“. Solange Aussagen zum mentalen Innenleben von Tieren unbewiesen sind, sollten wir nicht deren Gegenteil annehmen. Keine menschliche Eigenschaft ist exklusiv menschlich. Es gibt kein Kriterium das alle Menschen von allen Tieren trennt und uns gruselt die genetische Ähnlichkeit zwischen Menschen und Menschenaffen. Während sich Schimpansen und Menschen genetisch um nur 1,6 % unterscheiden, unterscheiden sich Schimpansen und Gorillas um über 2 %. Das trennt uns also von der Tierwelt? Wir sind den Schimpansen näher als die Schimpansen den Gorillas. Ist das nicht verrückt?! Im Gehirn zwischen Mensch und Schimpanse gibt es kaum Diskrepanzen, die größte genetische Abweichung liegt in der Größe des Hodens. Mensch und Affe – wie Pferd und Esel?

Vergleichen wir Primaten und Menschentiere genauer, fällt der Schimpanse im Test durch. Tiere sind in allen „wichtigen“ Punkten unterlegen: Kultur, Werkzeuggebrauch, Spiritualität und Philosophie, der Erwerb der menschlichen Sprache – wie fair ist dieser Maßstab denn? Wie vernünftig ist es, Tieren Würde abzusprechen, weil sie der menschlichen Sprache unfähig sind? Sind Tiere nur dann wertvoll, wenn sie wie wir sind? Beziehungsweise, wenn sie auf dem intellektuellen Niveau eines westlichen Philosophen sind? Ist Ähnlichkeit ein miserables Kriterium für Würde, weil auch Frauen und Dunkelhäutige an Diskriminierung litten? Wie viele Menschen definieren in ihrem Alltag allgemeingültige Normen, an denen sie sich orientieren? Wer überlegt, ob seine Pläne gemäß dem kategorischen Imperativ moralisch vertretbar sind? Wer kann immer seine Absichten vor seinem Tun begründen? Ist es nicht vielmehr so, dass wir unsere Taten meist danach rechtfertigen? Träumen wir nicht alle von einem Schlaraffenland, einem Paradies, in dem wir nur schlafen und essen müssen?

Große Menschenaffen verstehen die Wurzeln unserer Moral: die Zusammenarbeit, Dankbarkeit, Gemeinschaft und Einfühlungsvermögen. Selbst das Einnehmen anderer oder gar artfremder Perspektiven ist nicht exklusiv menschlich, denn Menschenaffen können sich ebenfalls in andere Tiere wie z. B. Vögel hinein versetzen. Unsere moralischen Fähigkeiten sind einzigartig, aber nicht einzig; es gibt keinen menschlichen Sonderweg zu abstrakten moralischen Werten. Wie viel sagen die Weltkriege über unsere Werte aus?

Tiere kennen keine Arbeit, der Homo sapiens seit den letzten 3000 Jahren und der Tauschhandel setzte sich vor 2500 Jahren durch und wurde im 19. Jahrhundert durch ein Währungssystem abgelöst. Selbst die Lohnarbeit ist nicht jedem Menschenvolk bekannt, doch all dies zählen wir zu unser arteigenen Kultur. Was ist mit dem Umgang älterer Artgenossen, Partnerschaften, Besitz und Eigentum, Kommunikation und Konflikten? Primaten können Fähigkeiten erlernen, kopieren, imitieren und den Nachfahren beibringen. Soziale Hierarchien setzen sich ebenfalls bei Tieren über Generationen fort, obschon sie nicht biologisch festgelegt sind und bei verschiedenen Gruppen gleicher Art unterschiedlich sein können.

Was verstehen wir von Tieren? Ich kann nicht mal die Fähigkeit des Denkens meiner Mitmenschen hieb- und stichfest beweisen, geschweige denn des Bewusstseins. Was wollen wir von Primaten verstehen, wenn wir nicht einmal Sprache, Kultur, Leben und die Welt von indigenen Völkern begreifen, obwohl wir zur selben Spezies gehören und dieselben metaphysischen Voraussetzungen haben? Dürfen wir denn über Sachverhalte urteilen, die wir nicht durchschauen können? Dürfen wir das Bewusstsein von Tieren begutachten, wenn dieser Begriff bloß nebulös vor uns schwebt? Ist es nicht sonderbar, wenn wir als Gehirne mithilfe von Gehirnen etwas über Gehirne aussagen wollen? Wir dürfen daher nicht nur Tiere beobachten, sondern darüber hinaus die Art und Weise, wie wir sie beobachten. Denn unser Blick ist durch unsere Artzugehörigkeit verstellt, das verzerrt die Ergebnisse, die wir hervorbringen.

Aus der Ähnlichkeit des Menschen mit seinen Mitgeschöpfen, kann nur eines folgern: Tiere sind Träger einer Würde, die ihnen unantastbare Rechte verleiht. Der menschliche Speziesismus muss ein Ende haben!

Ernährung ist eine Investition

Unser Essen wird ein Teil von uns sein: Molekül für Molekül! Unser Essen geht nicht bloß rein und raus. Die Zellen des Essens werden dafür gebraucht, um den Körper aufzubauen, da der Körper sich ständig ändert. Alte Zellen sterben, neue Zellen kommen. Dafür braucht der Körper stabiles Baumaterial aus hochwertigen Proteinen und zahlreichen Nährstoffen. Jeden Tag können wir uns zwischen morschem Holz und festem Beton entscheiden.

Essen ist Energie. Unser Auto würden wir nicht mit Urin tanken. Wieso sind wir darauf besessen, das teuerste Auto, das neueste Smartphone oder die schickesten Klamotten zu haben, während wir uns zugrunde richten? Es liegen Welten zwischen dem Weißbrot aus dem Discounter und dem Vollkornbrot mit Sauerteig vom Handwerksbäcker. Diese Welten drücken sich nicht nur in der Gesundheit aus, sondern vor allem am Geschmack, an der Konsistenz und der Textur. Es ist ein völlig anderes Gefühl, ein wirklich gutes Sauerteigbrot zu genießen als das Weißbrot aus dem Discounter mal eben beim Autofahren herunterzuwürgen.

Solche Fertig-Produkte bestehen nicht aus frischen Zutaten, aber dafür aus Salz, Zucker und billigen Pflanzenölen – in Plastik verpackt und mit Konservierungsstoffen haltbar gemacht. Künstliche Aromen sorgen dafür, dass das „Essen“ nicht fade schmeckt. Die Industrie hat uns in den Bann gezogen, mit fatalen Folgen: Wir verlieren die Wertschätzung für und den Bezug zum Essen. Immer weniger Kinder und Erwachsene wissen, woher ihr Essen kommt, wer dafür arbeiten musste und wie es angebaut wurde.

Wie können wir das ändern? Und was ist denn gesunde Ernährung? Um diese Frage zu beantworten, muss man kein Ernährungswissenschaftler sein. Michael Pollan hat das auf den Punkt gebracht: „Eat food. Not too much. Mostly plants“ Mit Food meint er dabei echte Lebensmittel; frisch, unverarbeitet und regional. Mischtköstler und Vegetarier sind mit Weidehaltung und biologisch-dynamischer Landwirtschaft gut beraten: Die Rinder stehen den ganzen Tag auf der Weide, essen Gras und Heu, haben unheimlich viel Freiraum und die Artenvielfalt wird bewahrt. Weidefleisch hat seinen Preis, schmeckt dafür besser und enthält wertvolle Nährstoffe und Weidemilch ist nicht mit dem weißen Wasser aus dem Supermarkt vergleichbar; im Gegensatz zur Discountermilch lebt die Kuh wirklich auf einer grünen Weide, wie Verpackungen sonst suggerieren.

Wertschätzung bedingt Liebe und Liebe braucht Arbeit und Zeit. Wollen wir Essen wieder wertschätzen, müssen wir mehr Zeit mit ihr verbringen, indem wir kochen. Kochen bedeutet nicht, stundenlang in der Küche herumstehen, mit teuren Geräten hantieren, exotische Zutaten zu nehmen und anschließend ein schickes Foto auf Instagram zu posten. Was im Kochbuch überzeugt, sieht auf dem Teller lahm aus. Wir können es den Berufsköchen überlassen, aus vielen, uns unbekannten Zutaten aufwändig ein Meisterwerk zu schaffen. Echtes Kochen ist viel einfacher. Schnelle Rezepte aus drei Grundzutaten und einfachen Gewürzen sind ein guter Anfang.

Gesunde Ernährung ist weder genuss- noch lustfeindlich. Im Gegenteil! Wenn wir den kräftigsten Geschmack haben wollen, müssen wir auf Zutaten aus der Region zurückgreifen, da der Geschmack unter dem Transport leidet. Genau diese Zutaten sind aber auch die, die uns die meisten Nährstoffe liefern. Genuss, Gesundheit und Nachhaltigkeit bedingen sich gegenseitig. Wer braucht schon Goji-Beeren oder Chia-Samen, wenn es hier Heidelbeeren und Leinsamen gibt? Wozu das ganze Jahr über Tomaten und Gurken, wenn großartige Gemüse wie Pastinaken und Porree, Rettich und Radieschen dafür in Vergessenheit geraten?

Genuss ist das A und O. Unsere Ernährung kann langfristig nur funktionieren, wenn sie uns auch zufriedenstellt. Süßes befriedigt, ist aber nicht immer gesund. Dabei muss man nicht auf Süßes verzichten, wenn man in sich investieren will. Bratäpfel mit Zimt, eine Chocolate Cream aus Avocado, Banane und Kakao oder Beerenquark – für jeden ist etwas dabei. Genuss bedeutet aber auch, dass wir unsere Mahlzeit erleben, als wäre es die letzte. Anstatt zu fahren, fernzusehen, auf einen Bildschirm zu starren oder zu gehen: durchatmen, langsam kauen, achtsam sein. Das zählt.

Magerwahn und Fitnessterror

Wo man nur hinsieht – etliche Siegel, die Gesundheit und Schönheit versprechen. Immer mehr treiben exzessiv Sport und wiegen jedes einzelne Salatblatt auf, so scheint es. Paleo, Vegan und Low-Carb sind im Trend. Leben wir in einer essgestörten Gesellschaft?

Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung sind übergewichtig. Inwiefern werden wir denn von einer Schlankheitsdoktrin terrorisiert? Übergewicht wird zur Norm erhoben, Abweichungen darunter und darüber gelten als krankhaft. Bei Abweichungen darüber ist das aus medizinischer Sicht nachvollziehbar. Die Abweichung nach unten dagegen wird zunehmend als mager oder dürr empfunden, obwohl diese laut BMI in einem gesunden Bereich liegen.

Wenn jeder in der Umgebung einige Kilos zu viel hat, ist Übergewicht normal und laut allgemeiner Auffassung gut. Wenn jemand aus berechtigten Gründen auf diesen Missstand aufmerksam macht, wird davor gehalten, er würde ein unrealistisch negatives Körperbild verbreiten wollen, das auf Selbsthass beruht. In Wirklichkeit haben wir ein unrealistisch positives Körperbild, welches folgende gesundheitliche Nachteile hat: Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Schlaganfall, Krebs, Schlafapnoe, Arthritis/Gelenkprobleme, Probleme mit der Fruchtbarkeit, Asthma, Rückenschmerzen, Gallenprobleme, Inkontinenz, Embolien/Thrombosen, Gicht, Einbußungen in der Hirnleistung, schnelleres Altern und Depressionen.

Heute gibt es die Fat-Acceptance-Bewegung, die Übergewicht als Krankheit ansieht, die sich nur in seltenen Fällen heilen lässt und stattdessen auf Gesundheit bei allen Konfektionsgrößen setzt. Sie behauptet, dass 95 % aller Diäten scheitern und dass Gene unser Gewicht beeinflussen. Letzteres stimmt, aber so ist es auch mit Alkoholismus. Bevor ich zum Alkoholiker werde, muss ich zunächst Alkohol trinken. Und bevor ich übergewichtig werde, muss ich ständig im Kalorienüberschuss sein. Dass Übergewicht durch Überessen entsteht, wird als eine Beleidigung angesehen.

Fat Shaming ist verletzend, Fat Acceptance tödlich. Niemand würde auf die Idee kommen, eine Smoking-Acceptance oder Drug-Abuse-Acceptance Bewegung zu starten, weil der Missbrauch von Drogen tödlich sein kann. Ähnlich verhält es sich mit dem Übergewicht, nur dass Übergewicht akzeptiert wird, obwohl es im Interesse eines jeden ist, gesund zu bleiben. Denn nicht nur die Lebensjahre werden verkürzt, sondern auch die gesunden Lebensjahre. Wer will mit der Aussicht leben, in den letzten Jahren an einer Maschinerie zu hängen?

Auf 60 Prozent Übergewichtige kommen 0,3 Prozent Magersüchtige. Wenn es um die Konsequenzen geht, ist das extremer: 0,00673 Prozent der Todesfälle lassen sich auf Magersucht zurückführen, während etwa 5 bis 27 Prozent sich auf Überernährung und -gewicht zurückführen lassen. Leider ist der BMI kein zuverlässiger Indikator für den entscheidenden Körperfettanteil. Menschen können mit schädlicheren Konsequenzen rechnen als BMI-Übergewichtige, wenn sie trotz hohem Körperfettanteil normal- oder untergewichtig sind. „Skinny Fats“ fallen nicht auf, weil dies bereits normal ist, denn davon sind vor allem diejenigen betroffen, die wenig Sport machen, sich unausgewogen ernähren und daher Nährstoffmängel aufweisen. Dann baut der Körper Muskeln ab, da sie weder gebraucht noch versorgt werden. 40 Prozent der Normalgewichtigen sollen skinny fat sein. Damit haben drei Viertel der Bevölkerung einen zu hohen Körperfettanteil, während gerade mal 1 Prozent untergewichtig ist! Wo kann da von Magerwahn die Rede sein? Es ist ein Fettwahn!

Angesichts der Tatsache, dass wir nur noch am Schreibtisch sitzen, wirkt es wie ein Fitnessterror, den manche Menschen betreiben. Hier zeigt sich wieder die unsinnigen Schubladen normal – extrem. Es ist normal geworden, keinen Sport zu machen und herumzusitzen und extrem, seinen Körper herauszufordern und sich zu bewegen, um gesund zu leben. Sitzen ist das neue Rauchen.

Übergewicht ist keine unvermeidbare Krankheit. Medizinisch gesehen ist es unwahrscheinlich, dass der statistische Anteil einer Krankheit steigt. Während der letzten dreißig Jahre ist der Anteil aber gestiegen. Früher konnten nur diejenigen sich überernähren, die das Geld dazu hatten – Adel und Klerus; aber heute leben wir im Westen besser als jeder europäische König im Mittelalter. Kein Wunder, dass Übergewicht derart verbreitet ist! Wir sind umzingelt von Salz, Zucker und Fett. Es ist unmöglich, durch eine Stadt zu laufen, ohne durch die ganzen Eisdielen, Bäckereien und Imbissbuden Appetit zu bekommen. Essen ist immer und überall erhältlich, jeden Tag und jederzeit. Essen wird zu einer Sensation. Wer hätte nur gedacht, dass das zu einer gesundheitlichen Katastrophe führen könnte?

Sozialkritiker weisen immer wieder darauf hin, wie gefährlich Modells und Puppen für Kinder seien. Auf der einen Seite sind Puppen für Mädchen schlank, auf der anderen Seite sind Puppen für Jungs extrem muskulös; offensichtlich orientieren sich die wenigsten an diesem Ideal. Anorexia nervosa oder athletica entstehen nicht durch das Anschauen einiger cooler Fotos von schlanken Modells. Zwei Drittel der Erkrankten von Essstörungen berichten von sexuellen Missbrauchserlebnissen in ihrer Vergangenheit, die posttraumatische Belastungsstörungen verursachten und viele Betroffene sind in dysfunktionalen Elternhäusern aufgewachsen, die einen Anteil an der Erkrankung ausmachen. Der Glaube, dass Mädchen an Magersucht erkranken, weil sie abnehmen möchten, verharmlost dieses komplexe Problem extrem und zeugt von tiefer Unkenntnis über psychische Störungen. Die wirklichen Gründe für Magersucht sind vielfältig und vom Einzelfall abhängig. Sicherlich gehören Schönheitsideale dazu: Das leugne ich nicht, aber die Hintergründe der gestörten Selbstwahrnehmung und des starken Kontrollbedürfnisses sollten wir nicht auf Modelshows reduzieren. GNTM triggert allenfalls diejenigen, die schon betroffen oder gefährdet sind. Eins ist sicher: Essstörungen sind weder Modeerscheinungen noch trendige Diäten!

Quelle: Nadja Hermann – „Fettlogik überwinden“ (s. den gleichnamigen Blog)

Die globale Bourgeoisie

Laut AfD soll sich Leistung wieder lohnen und gleichzeitig sollen Vermögende entlasten werden. Was haben die Reichen denn geleistet? Was hat Trump geleistet? Er hatte einen reichen Vater, der das Unternehmen vorher aufgebaut hat und selbst einen vermögenden Vater hatte. Donald Trump hat das Unternehmen übernommen und weitergeführt. Die Kennedys – eine schwerreiche Familiendynastie bestehend aus Spitzenpolitikern. John Fitzgerald Kennedy hatte schlicht das Glück, im reichsten Land der Welt geboren worden zu sein und dazu noch in einer Familie, die in deine Bildung und dein Leben dermaßen investiert, dass du zur wirtschaftlichen und politischen Elite gehören wirst und in der finanziellen Oberschicht bleibst. Bushs Vorfahren waren bereits Politiker, Anwälte, Industrielle und Senatoren. Der Schritt zum Präsidenten ist da nicht weit. Dass der Sohn des Präsidenten wieder Präsident wird, ist wahrscheinlich. Die Geschwister von George H. W. Bush sind Banker, Moderatoren, Geschäftsmänner, die Kinder Gouverneure, Investoren, Immobilienentwickler, Geschäftsmänner, Autoren, Models und Modedesigner. Der Sohn des zweiten US-amerikanischen Präsidenten wurde wiederum Präsident. Theodore Roosevelt und Franklin D. Roosevelt waren Cousins und weitläufig mit zehn weiteren Präsidenten verwandt, darunter George Washington und die Präsidenten der Harrison- und Adams-Familie.

Kennedys Vater war Geschäftsmann, Diplomat und Wahlkampfveranstalter. Seine Familie besteht aus Präsidenten, Senatoren, Justizministern, Gründern von Sportorganisationen, Diplomaten, Botschaftern, Juristen, Verlegern, Journalisten, Autoren, Schauspielern, Anwälten, Aktivisten, Regisseuren, Medizinern und Parlamentariern. Die Wahrscheinlichkeit, in dieser Familie ein erfolgreiches wirtschaftliches oder politisches Leben zu führen, ist extrem hoch, weil die Familie (1) das nötige Vermögen, (2) einen extrem guten Ruf und (3) eine Erwartungshaltung an ihre Nachkommen hat.

Schon die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika waren reich. Der erste US-Präsident gehörte zu den vermögendsten Männern der Nation. Einige waren superreich. Es gab keinen, der nicht mindestens wohlhabend war. Die Mehrheit ist in führenden Familien geboren worden und eine kleine Minderheit hat sich aus bescheidenen Verhältnissen hochgearbeitet. Nach ihrer Karriere als Delegierte waren die meisten erfolgreich. Sie wurden Präsidenten, Vize-Präsidenten, Präsidentschaftskandidaten, Senatoren, im Kabinett oder im Repräsentantenhaus, Bundesrichter oder sogar am obersten Bundesgericht, Gouverneure oder Diplomaten. Da wundert es niemanden, dass ihre Söhne hohe Positionen im politischen Leben errungen haben. Diese Menschen haben Connections. Sie wollen erfolgreiche Nachkommen und ihren Namen zu einer Marke etablieren.

In anderen Ländern ist die Chancengerechtigkeit nicht besser. Auch in Deutschland gilt: Du bleibst, was du bist. Wer aus einem hochschulfernen Elternhaus mit Migrationshintergrund kommt, hat schlechtere Karten als ein Kind aus einer wohlhabenden Akademikerfamilie. Der Start bestimmt das Ziel mit. Die wirtschaftliche und politische Elite entsprang aus Familien, die wiederum ausgezeichnete Startbedingungen hatte. Nur die wenigsten haben sich aus eigener Kraft emporgearbeitet. Der amerikanische Traum heißt Traum, weil man schlafen muss, um an ihn zu glauben. Diese Oberschicht wird ihre Macht nicht freiwillig zurückgeben, denn wer will schon den Ast, auf den er sitzt, absägen? Geld ist Macht. Einflussreiche, wohlhabende Lobbyisten dienen nicht den Interessen des Allgemeinwohls wie Umwelt- und Tierschutz oder Sozialstaatlichkeit. In der neoliberalen Ideologie heißt es: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Aber nicht jeder ist Schmied. Jeder ist seines Glückes Schmied, dessen Eltern Schmiede sind oder dessen Eltern genug Geld haben, um sich das Glück schmieden zu lassen.

Wir brauchen eine Ökonomie für die 99 %. Nicht nur auf nationaler, sondern auf globaler Ebene. Der Westen gehört zur globalen Bourgeoisie, dessen Vermögen das globale Proletariat ermöglicht, weswegen der amerikanische Traum ein Alptraum ist. Durch die Digitalisierung haben die Menschen der Entwicklungsländer Einblicke in unseren privilegierten Lebensstil bekommen. Sie stellen uns Fragen über soziale Gerechtigkeit, die wir nicht beantworten wollen. Sie wollen leben wie wir. Es gibt auch „Wirtschaftsflüchtlinge“, aber das sind keine verachtenswerten Menschen. Ihre Fluchtursachen müssen genauso respektiert werden wie die von Kriegsflüchtlingen. Wirtschaftsflüchtlinge sind die Verlierer der Globalisierung, versuchen am Freihandel teilzunehmen und unseren Lebensstil zu erreichen. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich derart dramatisch auseinandergeht wie bisher und wir nichts dagegen unternehmen, müssen wir mehr Wirtschaftsflüchtlinge erwarten. Deutsche Unternehmen exportieren beispielsweise ihre Arbeitskraft in Form von Produkten, die in aller Welt zu finden sind. Sogenannte Wirtschaftsflüchtinge versuchen ebenfalls, ihre Arbeitskraft dort zu exportieren, wo sie eine Nachfrage vermuten. Nico Beckert führt dies im Wesentlichen auf zwei Gründe zurück: Zum einen stoppen korrupte Herrscher (in ehemaligen Kolonien) jede Entwicklung und tragen zur Aussichtslosigkeit der Bevölkerung bei, zum anderen stehen Entwicklungsländer durch den weltweiten Handel unter Wettbewerbsdruck, gegen den sie aufgrund von billigen Import nicht bestehen können. Die Folgen sind Staatspleiten und -versagen, was Orientierungslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit vorantreibt. Schlussfolgerung: Wirtschaftsflüchtlinge fliehen vor Perspektivlosigkeit, die Europa mitzuverantworten hat, um anschließend in Europa als illegale Wirtschaftsflüchtlinge gebrandmarkt zu werden. Kaum ein Industrieland hat sich in einem Freihandelssystem entwickelt.

Nicht nur Wirtschaftsflüchtlinge, sondern auch Klimaflüchtlinge. Unser Lebensstil hat dramatische ökologische Konsequenzen nach sich gezogen. Wir merken davon vergleichsweise wenig, die Entwicklungsländer hat es knallhart erwischt. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte werden diese Menschen nach Europa und Nordamerika flüchten. Zudem gehören diese Flüchtlinge nicht einmal dem nationalen Proletariat an, denn diese sterben an Elend, Hunger und Krankheiten. Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben das Geld, um die Flucht zu finanzieren. Sie sind gebildet, jung und kennen die politischen Zusammenhänge, die dazu geführt haben, dass sie fliehen mussten. Innerhalb dieser Länder haben diese Menschen wiederum die Angst, sozial abzusteigen – wie viele Deutsche aus dem Mittelstand. Deswegen kommen sie nach Europa, weil wir hier ein stabiles politisches System mit steuerfinanzierten Bildungsinstitutionen haben. Sie finden hier die Chancen auf ein besseres Leben.

Die AfD wird die hier beschriebenen Probleme nicht lösen, sondern verschärfen, denn in dieser Partei sind viele prominente Gegner des Mindestlohns [2], Befürworter von Deregulation [3], der Privatisierung von Arbeitslosengeld und Unfallversicherung [4] oder der Absenkung von Arbeitslosengeld [5]. Gemäß dem Steuermodell von Kirchhof will sie eine  flache Einkommenssteuer einführen und vor allem die Spitzensteuersätze für Vermögende [6] oder die Erbschaftssteuer komplett abschaffen [7]. Die studierte Ökonomin Katharina Nocun beschreibt die AfD daher als neoliberale Partei in blauer Verpackung. Sie ist aber nicht die einzige Partei in Europa oder Nordamerika, die eine rechtspopulistische, neoliberale Politik betreibt. Wenn rechtspopulistische Kräfte weiterhin zunehmen, wird es einen globalen Klassenkampf geben. Diese Parteien führen weder eine soziale nationale, noch internationale Wirtschaftspolitik. Außerdem will die AfD notfalls Flüchtlinge an den Grenzen erschießen und leugnet die anthropogene Erderwärmung. Das haben rechtspopulistische Parteien gemeinsam: Sie leugnen den Klimawandel, betreiben eine neoliberale Politik, während sie konservativ sind. Konservative und neoliberale Politik widersprechen allerdings einander. Das hat auch die CDU erkannt, was der Auslöser für ihren Linksruck war. Gibt man dem Markt die Macht, werden die Grenzen geöffnet und die Globalisierung in Gang gesetzt. Das führt zu nationalen und internationalen Veränderungen wie Migration oder Flucht, was konservativem Denken widerspricht. Früher hatten wir einen Ost-West-Konflikt, heute einen Nord-Süd-Konflikt.

Jetzt ist die Zeit, um unser Leben radikal zu verändern. Weg mit dem Wegwerfwahn! Vergesst den Konsum! Schafft Massentierhaltung ab! Reduziert euren Verbrauch tierischer Produkte! Wer braucht jedes Jahr das neueste Handy? Den schnellsten Laptop? Den dünnsten Fernseher? Wozu jeden Monat neue Klamotten? Wieso mehrmals jährlich in den Urlaub fliegen? Wasser in Plastikflaschen? Ohne eine drastische Änderung unseres Lebensstils haben wir keine Chance, die Welt zu retten. Es geht nicht mehr darum, die Welt zu verändern. Es geht darum, sie zu verschonen.

Menschen in Entwicklungsländern sterben an Hunger. Es gibt mehr Plastik in den Weltmeeren als Plankton. Die Gletscher schmelzen, Tierarten sterben aus. Wir verpesten die Umwelt mit unseren Fahr- und Flugzeugen. Regenwälder werden gerodet, Monokulturen überstrapazieren Böden, Treibhausgase werden gepumpt. Bodenerosion, Wassermangel, Gewässer-, Luft und Bodenverschmutzung sind die Folgen, saurer Regen, Vermüllung der Landschaften und die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen von verschiedenen Arten durch Bergbau. Deswegen ist Minimalismus nicht Verzicht, sondern intelligent. Es ist keineswegs intelligent, Rohstoffe in wenigen Jahrzehnten zu verbrauchen, für die die Erde Jahrmillionen brauchte, um sie zu entwickeln.

Der Einzelne ist nicht schuld an der Katastrophe. Niemand hat es sich ausgesucht, in einem betonierten Land zu leben, aber jeder hat einen Anteil daran. Zwar können wir als Einzelne nicht die Welt verändern, weil Veränderungen aus kollektiven Bemühungen heraus entspringen. Diese kollektiven Bemühungen entstehen aus vielen individuellen Bemühungen. Angenommen jeder würde abstreiten, dass sein Engagement einen Nutzen haben wird, dann wird die Welt bleiben, wie sie ist. Leider ist das die bittere Realität. Nur eine Minderheit glaubt wirklich daran, dass das, was sie tut, zählt. Das eigene Handeln hat nicht nur einen Nutzen, sondern auch eine Signalwirkung. Es wirkt sich positiv auf andere Menschen aus, wenn man selbst aus der Reihe tanzt und das System hinterfragt. Sie beginnen selbst, ihr Leben und das System zu hinterfragen und ihre Einstellungen zu verändern. Das führt dazu, dass sie wiederum andere zum Denken anstoßen. Es ist wie der erste Dominostein, den wir ins Rollen bringen. Frei nach Laotse: Willst du die Welt verändern, musst du zunächst dich selbst verändern, dann dein Haus, deine Straße, deine Stadt und dann dein Land. Wir müssen bei uns selbst anfangen, denn dein Kassenbon ist ein Stimmzettel. In diesem Sinne: Empört euch! Für eine gerechte Welt!

Fußnoten:

[1] Nico Beckert: „Wirtschaftsflüchtlinge Wenn Globalisierungsverlierer am Freihandel teilhaben wollen

[2, 3, 4, 5, 6, 7] Katharina Nocun, „Wie sozial ist die AfD wirklich? – Eine Expertise zu Positionenin der AfD bei der Sozial- und Steuerpolitik“, S. 15, 18, 21, 25, 29, 32

Fliegen lernen

Bist du glücklich und zufrieden mit deinem Leben?

Das Ziel des Minimalismus ist das Führen eines bedeutungsvollen Lebens. Das heißt nicht, dass wir in jedem Geschichtsbuch stehen müssen und große Wunderwerke vollbringen müssen, um Bedeutung zu gewinnen. Nein, selbst wenn wir US-Präsident werden, werden wir vergessen. Oder kennt hier jemand alle 46 US-Präsidenten mit all ihren Verdiensten und Misserfolgen? Es leben etwa 7,5 Milliarden Menschen auf diesen Planeten und es haben schätzungsweise 118 Milliarden Menschen gelebt. Die Bedeutung des Einzelnen tendiert gegen Null. Daher ist der Kampf um Status, Erfolg oder Bedeutung aussichtslos. Auf längere Sicht führt sie zu nichts. Die Alternative, ein bedeutungsvolles und erfülltes Leben zu führen, führt langfristig auch zu nichts – aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir durch den Kampf um sozialen Status unglücklich, gestresst und von Besitz überflutet werden. Wir machen unser Selbstwertgefühl abhängig von den Erfolgen anderer und vergleichen uns mit den Nachbarn. Dieses Verhalten ist symptomatisch für eine Gesellschaft, in der Haben wichtiger ist als Sein. Wir müllen nicht nur Haus und Heim zu, sondern auch unseren Geist. Wir bringen in ihm Unordnung und Chaos rein, häufen Schuldenberge an und werden zu Sklaven von Banken. Wir hassen unsere Jobs und als Ausgleich für die verschwendete Lebenszeit konsumieren wir maßlos.

Wie entkommen wir der Falle? Minimalisten präsentieren uns die Lösung. Sie ist erstaunlich einfach. Wir können uns das Glück erkaufen. Der Preis: nichts! Keinen Cent müssen wir dafür ausgeben, im Gegenteil: wir können durch unser Glück verdienen! Indem wir unseren unnötigen Besitz verkaufen und loswerden, bekommen wir mehr Raum, mehr Platz in unserer Wohnung und können in eine kleinere ziehen, für die wir weniger Miete zahlen müssen. Hausbesitzer können ab einen gewissen Punkt ihr Haus verkaufen, müssen die Hypothek nicht mehr abbezahlen, als Schuldner nicht mehr für die Bank arbeiten und ein Leben in größerer Freiheit genießen.

Ab wann ist Besitz überflüssig? Was sollten wir loswerden und was nicht? Dafür gibt es keine einheitliche Antwort, auch wenn sich die meisten da überschneiden. Minimalisten verkaufen ihren Fernseher, Tablet und Küchengeräte, die sie nie benutzt haben. Danach folgen CD- und Büchersammlungen, da wir den Großteil uns nie wieder anhören oder durchlesen. Diese Inhalte können wir auch digitalisieren, dennoch sollten nur gern und regelmäßig gehörte Lieder behalten werden. Dekorationen gehören ebenfalls zu den ersten Dingen, die verschwinden. Wohlgemerkt, Dekorationen sind in einer minimalistischen Wohnung erlaubt. Auch hier gilt: weniger ist mehr.

Joshua Fields Milburn und Ryan Nicodemus geben auf ihrer Website http://www.theminimalists.com Tipps, um herauszufinden, wovon wir uns befreien sollten. Stellt euch die Frage: Brauche ich das wirklich? Habe ich es in den letzten drei Monaten benutzt und werde ich diesen Gegenstand in den nächsten drei Monaten verwenden? Schreibt euch eine Liste von den zehn teuersten Gegenständen, die ihr besitzt und den zehn wichtigsten Dingen in eurem Leben. Die Listen werden in keinem Punkt übereinstimmen. Eine Sammlung von Rolex-Armbanduhren verschafft uns nicht mehr Zeit im Leben. Fragt euch beim Einkaufen, was ihr wollt: das Produkt oder das Geld, das ihr ausgeben müsst.

Ich konnte einen Kleiderschrank und ein Bücherregal loswerden. Meine Lieblingsbücher und -klamotten habe ich behalten. Hanteln und eine Hantelbank verschwanden auch aus meinem Zimmer. Von nun an trainiere ich ohne Geräte und zu Hause, um nicht in Abhängigkeit von Wind, Wetter oder Werkzeugen zu gelangen. Mein Zimmer ist aufgeräumt. Das Wichtigste ist jedoch: Mein Geist verlor Ballast. Mein Ziel war es nicht, Glückseligkeit zu erlangen. Aber Glück und Zufriedenheit sind schöne, erwünschte Nebeneffekte einer minimalistischen Lebensführung. Ich meldete mich von sozialen Netzwerken ab und verbringe meine Zeit nun, um zu lesen, zu schreiben, zu kochen oder Französisch zu lernen. Serien, Fernsehen, Unterhaltung auf YouTube… all das gehört der Vergangenheit an. Stattdessen: Meditation, Mittagsschlaf und Musik. Es ist unfassbar, wie viel Zeit ich dadurch gewonnen habe. Der Verzicht fühlt sich nicht als Verlust an, sondern als Gewinn – als Gewinn von Lebensfreude durch das Verzichten von Tätigkeiten, die mir Lebensfreude versprachen.

Zu lange folgte ich dem Irrglauben, dass Konsum mich glücklich machen könnte. Mit Konsum verdrängen und unterdrücken wir unsere Probleme, Ängste und Sorgen, anstatt an ihnen zu arbeiten. Minimalismus fordert uns heraus, denn wir setzen uns stärker mit dem Sinn des Lebens auseinander. In den meisten Fällen stellen wir fest, dass unsere Tätigkeiten nicht unseren wirklichen Wünschen entsprechen. Wir müssen nicht die Karriereleiter emporsteigen, wir müssen nicht viel Geld verdienen, wir müssen keinen SUV fahren. Mir reicht es, Essayist zu werden, Nebenjobs zu führen und Fahrrad zu fahren. Das große Geld erwartet mich nicht. Aber das Glück.

Lebe im Jetzt. Deine Zeit, dein Leben ist das kostbarste, was du hast. Wenn du dich mit einem Menschen unterhältst, bringe ihm Respekt entgegen. Schaue nicht auf dein Smartphone, sondern höre achtsam zu. Wenn du isst, schaue nicht fern, sondern genieße jeden einzelnen Biss, jeden einzelnen Moment und sei dankbar für die Tatsache, dass du regelmäßig essen kannst. Wenn du in die Schule gehst, sieh das nicht als Qual an, sondern als Chance oder als Herausforderung. Wenn du Angst vor einer Reise oder der Verwirklichung deiner Ziele hast – ein Grund mehr, sie zu machen! Überwinde deine Ängste, wachse an ihnen. Nichts im Leben ist selbstverständlich – nicht das Essen, das warme Bett, bei den Eltern leben, keine Angst vor Bürgerkriegen haben, Freundschaften, Beziehungen, kostenlose Schulbildung oder sauberes Trinkwasser! Sei dankbar.

Minimalismus ist kein Utopia. Es wird nicht alle Probleme lösen, sondern deine alten Probleme gegen neue eintauschen. Das ist ein Naturgesetz: Singles beklagen ihre Einsamkeit, Verheirate beklagen ihre eingeschränkte Freiheit. Konsumisten haben ihre typischen Probleme, Minimalisten auch. Die Lebensqualität ist nichtsdestoweniger eine bessere. Die wenigsten bereuen es, diesen Weg einzuschlagen. Richtig gehört: Es ist ein Weg, nicht das Ziel. Minimalismus bedeutet ständige Arbeit an sich selbst, um zu den besten Menschen zu werden, der man sein kann. Minimalismus bedeutet, seine Ziele neu zu sortieren, einzuordnen und Prioritäten setzen. Minimalismus bedeutet Hinterfragen, ein kritisches Bewusstsein, erhöhte Achtsamkeit.

Minimalismus ist gleich Maximalismus. Viel Glück mit wenig Besitz. Das Maximieren der Lebensqualität, des Genusses, des Nutzens von Zeit und Raum. Das Wegwerfen von Dingen ist nur der erste wichtige Schritt in Richtung eines freieren Lebens. Wenn dein Kopf voll ist, hilft dir die minimalistischste Wohnung nicht. Minimal-materialistisch -, aber nicht zum Schaden der Lebensqualität. Minimalismus bedeutet nicht nur, wenig zu besitzen, sondern auch Persönlichkeitsentwicklung, Achtsamkeit, Genuss und Potentialentfaltung.

Meine Lieblingsgeschichte handelt von einem Adler, der unter Hühner aufwächst, weil ein Wanderer sein Ei aufgefunden und in das Nest eines Bauernhofs gelegt hat. Der Adler pickte wie andere Hühner am Boden nach Insekten, Samen und Körnern, gackerte und flog höchstens einen halben Meter in die Luft wie andere Hühner. Schließlich kam auch seine Zeit und der Adler wurde alt. Er sah einen starken und stolzen Vogel am Himmel fliegen und blieb erstaunt sehen. Als er fragte, was das für ein Tier sei, antwortete ihm ein Huhn: „Das ist ein Adler! Er ist der König aller Vögel! Er ist majestätisch und mächtig! Doch mach dir keine Sorgen über ihn. Du wirst nie so wie der Adler werden. Er kann so hoch fliegen, weil er ein Adler ist, aber wir sind nur Hühner. Wir müssen am Boden bleiben.“ Und so starb der Adler, ohne ein einziges Mal hoch geflogen zu sein. Er starb, ohne jemals das gewesen zu sein, was er wirklich ist – ein Adler, kein Huhn!

Wir alle kennen die Geschichte von Ikarus, dessen Vater ihm geraten hat, nicht zu hoch zu fliegen, da seine Flügel aus Wachs wegen der Hitze der Sonne schmelzen würden und er an den Sturz sterben würde. Wegen seiner Arroganz flog Ikarus dennoch hoch und starb an den Sturz. Aber das ist nicht die ganze Geschichte, denn Ikarus‘ Vater riet ihm auch, nicht zu tief am See zu fliegen, da die Feuchte des Meeres zum Absturz führen würde. Wie glauben, dass es falsch ist, arrogant zu sein und richtig, bescheiden zu sein. Bescheidenheit ist eine Tugend? Nein! Selbstliebe ist eine Tugend! Seinen eigenen Wert zu erkennen, zu akzeptieren und dem gemäß zu handeln – das ist wahre charakterliche Größe! Die größte Tragödie der menschlichen Existenz ist es nicht, zu hoch zu fliegen und zu stürzen, sondern zu niedrig zu fliegen und sein Ziel nicht zu treffen! Doch die meisten von uns verhalten sich wie Hühner, obwohl sie Adler sind. Die meisten von uns haben Angst vor der Höhe und fliegen lieber tief. Die meisten von uns machen sich über die Leute in der „Friendzone“ lustig. Aber wer macht sich über die Leute in der Komfortzone lustig? Niemand! Wir selbst stecken in der Komfortzone. Wer erkennt mit Freude, dass er weit unter seinem Potential steckt?

Wie ein Adler zu fliegen bedeutet nicht, viel Geld durch eine steile Karriere zu verdienen und dies durch materiellen Besitz demonstrativ zur Schau stellen. Eines Abends blickte ich zum Himmel und sah den Mond, nicht eine Photographie vom Mond, kein Gemälde, sondern den Mond selbst. Nicht, dass mir sein Antlitz unbekannt wäre: ich habe ihn schon oft genug gesehen. Aber da wurde mir eins klar: Egal, wie ich lebe, der Mond wird trotzdem weiter um die Erde kreisen. Ich könnte total versagen. Ich könnte abstürzen, Drogen nehmen, obdachlos werden und gesellschaftlich missachtet werden. Ich könnte der erfolgreichste, einflussreichste, reichste und glücklichste Mensch der Welt sein – und der Mond würde sich trotzdem weiter um die Erde drehen. Nicht nur der Mond; die Erde würde sich weiter um die Sonne drehen, das Sonnensystem weiter um das Zentrum der Milchstraße, die Milchstraße weiter um ein Galaxiencluster. Ich könnte auf der Erde erreichen, was ich will: Letztendlich bin ich dem Universum egal. Einst machte mich das depressiv, bis ich den Trost in dieser Erkenntnis verstand: Es gibt keinen Druck. Ich muss keine Karriere verfolgen, die ich nicht will. Ich muss nicht viel Geld verdienen. Ich muss mir keinen goldenen Porsche leisten können: Das Leben ist keine Prüfung. Du kannst es weder richtig noch falsch machen. Es gibt weder Bestehen noch Durchfallen.

Wie ein Adler zu fliegen bedeutet, mein Leben zu leben, es in vollen Zügen zu genießen und die Persönlichkeit sein, die ich wirklich bin. Wie ein Adler zu fliegen bedeutet für mich, einen Charakter zu entwickeln: die Fähigkeit, nach der Euphorie ein Ziel weiterzuverfolgen. Wahre Leidenschaft! Wie ein Adler zu fliegen bedeutet: seiner Bestimmung nachzugehen, seine Ängste aufzugeben und sich trauen, seine Ziele zu verfolgen – zu leben! Im Hier und Jetzt!

Zwei Wochen sind seit dem Neujahr vergangen. Vergesst die Vorsätze für das Neue Jahr. Ich biete euch eine Alternative an: Vorsätze für ein Neues Leben! Und nun fliegt, denn ihr seid Adler.

Entfesselt euch!

Wir befinden uns in der Falle. Wir arbeiten in einem Beruf, den wir satthaben, um Geld zu verdienen und für Dinge auszugeben, die wir nicht brauchen, um Menschen zu gefallen, die wir unerträglich finden. Das Haus ist kein Heim mehr, sondern eine Docking-Station, um den eigenen Akku für die Arbeit wieder aufzuladen. Weihnachten entwickelte sich von einem Fest der Nächstenliebe zu einer Möglichkeit, vor dem Chef zu fliehen. Von Kindesbeinen an leben wir in einem Klima, in der die Arbeit verhasst ist: die Eltern haben keine Zeit, in der Grundschule müssen wir uns anstrengen, um auf das Gymnasium und später auf die Universität zu kommen, nach dem Abschluss einen Beruf nachzugehen, den wir nie wollten. Wir träumen davon, reich zu werden oder nie arbeiten zu müssen und hören nicht damit auf, wenn wir die bittere Realität erkennen. In der Schule kommt ein Befehl nach den anderen und der sehnsüchtige Blick auf die Uhr ändert nichts an diesen Umständen. Je länger einer im System bleibt, je tiefer er in der Kette zum Bürosklaven steckt, desto schlimmer ist es um ihn bestellt.

Wie entkommen wir dieser Situation? Robert Wringham schreibt in seinem Buch „Ich bin raus: Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung“ über die neue Entfesselungskunst und Minimalismus. Kritiker entgegnen ihm: Was machen wir ohne Arbeit? Das System muss funktionieren! Ohne Arbeit gibt es keinen Sinn im Leben! Zu Recht haben diese Skeptiker erkannt, dass es um das höchste geht, was wir haben: das Leben! Unser Leben steht auf dem Spiel, unsere Zeit! Sollten wir sie mit unsinniger Arbeit vergeuden?

Wringham habe noch nie von einem Entfesselungskünstler gehört, der der Arbeit, der Armut, den Schulden und dem Stress entflohen ist, um das Leben in Elend und vor der Spielekonsole zu verbringen. Tatsächlich führt die Flucht vor der Arbeit wieder zur Arbeit – aber in erfüllendes und sinnvolles Schaffen, welches sich grundsätzlich von Bullshit-Jobs unterscheidet. Der Drang, zu handeln, kommt immer wieder durch. Daher plädiert Wringham für ein bedingungsloses Grundeinkommen: das Argument, dass niemand mehr bei einem Grundeinkommen arbeiten geht, entkräftet er und spricht sich dafür aus, dass kreative Menschen einen sicheren Boden unter den Füßen haben, um ihr künstlerischen Ziele zu verwirklichen – ohne Angst zu haben, auf der Straße zu landen oder einen ätzenden Beruf nachgehen zu müssen. Mehr Unternehmen könnten entstehen, da vorsichtige Gründer eine Sicherung hätten.

Selbstverständlich muss es Arbeit geben, damit unsere Wirtschaft funktionieren kann. Trotzdem sollten wir uns die Frage stellen, was uns wichtiger ist: unser Leben oder die Wirtschaft? Sollten wir leben, um zu arbeiten oder arbeiten, um zu leben? Und sollte es die Wirtschaft, wie sie momentan existiert, weiterhin geben? Nein. Wir dürfen aber nicht warten, bis die Politik die Industrie ändert oder die Industrie gar sich selbst. Dann wird es schon längst zu spät sein. Konsumenten schieben die Schuld auf die Industrie, da sich das System ändern müsse. Produzenten schieben die Schuld auf die Konsumenten, die unwillig sind, höhere Preise für nachhaltige und hochqualitative Produkte auszugeben. Politiker machen einen Spagat zwischen Konsumenten und Produzenten.

Natürlich kann ein minimalistisches Leben in der Freiheit durch edle Motive wie Umweltschutz begründet sein; der stärkste Antrieb, sich aus der Falle zu befreien, ist aber die Idee des Guten Lebens, über die antike griechische Philosophen diskutierten. Wie lebt der Mensch am besten? Wie wird er glücklich? Epikur sah die Lebensfreude als höchstes Gut an und war der Ansicht, dass wahrer Genuss und Glückseligkeit nichts mit Arbeit oder Konsum zu tun haben. Er legte vor allem Wert auf einfache Genüsse, enge Freundschaften, Freiheit und Bewusstsein. Um eine unerschütterliche Seelenruhe zu erreichen, sollen wir bedürfnislos und tugendhaft leben. Ein prominenter Vertreter der Bedürfnislosigkeit ist Diogenes von Sinope. Jorge Bucay schildert in seinem Buch „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ folgende Überlieferung:

„Eines Tages saß Diogenes auf der Schwelle irgendeines Hauses und aß einen Teller Linsen. In ganz Athen gab es kein billigeres Essen als dieses Linsengericht. Anders gesagt, einen Teller Linsen zu essen bedeutete, daß man sich in einer äußerst prekären Situation befand.

Ein Minister des Kaisers sagte zu ihm: „Wie bedauerlich für dich, Diogenes! Wenn du lernen würdest, etwas unterwürfiger zu sein und dem Kaiser ein bißchen mehr zu schmeicheln, müßtest du nicht so viele Linsen essen.“ Diogenes hörte auf zu essen, hob den Blick, sah den wohlhabenden Gesprächspartner fest an und antwortete: „Bedauerlich für dich, Bruder. Wenn du lernen würdest, ein paar Linsen zu essen, müßtest du nicht so unterwürfig sein und dem Kaiser ständig schmeicheln.“ (S.191f.) Das ist der Weg der Selbstbehauptung und der Verteidigung der eigenen Würde. Wir sollten uns eine Scheibe von Diogenes abschneiden und den Preis der Selbstaufgabe für Luxusgüter nicht mehr zahlen.

Liegen wir am Ende unseres Lebens auf dem Sterbebett, werden wir nicht bereuen, dass wir so wenig gearbeitet haben, sondern zu wenig Zeit mit unserer Familie oder Freunden verbracht, uns nicht getraut haben, in Freiheit zu leben oder versuchten, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Wringham arbeitete einst in der Bibliothek eines Krebsforschungsinstituts und las sich die Tagebücher von Krebserkrankten durch. Am schlimmsten sei es gewesen, zu lesen, wie Erkrankte plötzlich feststellten, dass Karriere, harte Arbeit und Konsum nichts bedeuteten, dafür aber Familie, Freunde und Freiheit! Jedes Mal sei die Überraschung groß gewesen und mit Wut und Panik verbunden. Wir sollten nicht warten, bis Ärzte bei uns eine tödliche Krankheit diagnostizieren. Wir sollten unsere Prioritäten früher setzen. Zu diesem Zweck hatten die Bohemiens des 19. Jahrhunderts eine Vorliebe für Totenköpfe: Ein menschlicher Totenkopf auf einem Bücherregal zwischen den Büchern erinnert uns daran, dass das Leben vergänglich ist. Es vergeht zu schnell, um sich Sorgen zu machen – als Memento Mori dient es uns als Erinnerung daran, dass die eigene Sterblichkeit die Lösung für unsere Existenzangst ist.

„Aber wie realistisch ist das? Wer putzt dann noch die Flure? Wer fegt die Straße?“ – dieselben Einwürfe kamen auch, als die Sklaverei abgeschafft wurde. Die echte Beschäftigungskrise unserer Republik ist doch, dass wir trotz aller Fortschritte angeblich 40 Millionen Arbeitskräfte brauchen, um alle Bedürfnisse zu befriedigen. Trotzdem: Wie können wir uns aus der tödlichen Spirale des Konsumkapitalismus befreien? Der Weg führt über den Minimalismus. Wenn wir uns gegen Modewahn, Trendsetting und Kabelfernsehen wappnen, überflüssigen Besitz loswerden, brauchen wir keine große Wohnung mehr und müssen kein Vollzeit-Einkommen erzielen. Informations-, Status-, Existenzangst, das Ego und Abhängigkeiten – all das müssen wir hinter uns lassen, wenn wir ein Leben in Freiheit und Zufriedenheit genießen wollen, sagt Wringham. Wollen wir den unnötigen Bereichen der Wirtschaft schaden, müssen wir zuerst unsere Ausgaben minimieren und herausfinden, was wir für unser Leben wirklich brauchen. Wie viel bedeutet uns ein Auto oder eine Spielekonsole? So viel, dass wir weitere zehn Jahre in Lohnknechtschaft verbringen? Ist Konsum jenseits der Befriedigung der Grundbedürfnisse es wert, beträchtliche Opfer zu bringen? Wir sollten nur diejenigen Besitztümer behalten, die wir regelmäßig benutzen oder die einen besonderen ästhetischen Wert haben. Bei letzterem gilt auch: weniger ist mehr. Weniger Kunstwerke im Wohnzimmer verstärken die Bedeutung der verbleibenden. Das ist die Macht des Minimalismus.

Nach der Verringerung der Ausgaben kann eine Verringerung des Einkommens durch weniger Arbeit erfolgen. Ein Vorschlag Wringhams ist es allerdings, für den Notfall etwas zurückzulegen, da der Fluchtplan scheitern kann. Im Gegenzug hätten wir die Vergewisserung, dass wir es versucht haben. Auch mit Teilzeit- oder zeitarbeit befinden wir uns zwar nicht in der absoluten Freiheit, aber mehr Lebenszeit und -qualität haben wir dadurch allemal gewonnen. Ohne Geld können wir in diesem System nicht leben, daher müssen wir einen Weg finden, uns zu versorgen, ohne im herkömmlichen Sinn arbeiten zu müssen.

What would Kant do? Ist die Maxime, der Arbeitswelt und der Konsumwirtschaft zu entkommen, um ein Leben in Freiheit genießen zu können, verallgemeinerbar? Ja, definitiv! Laut Kant haben wir uns gegenüber eine moralische Pflicht und Verantwortung. Der Mensch ist kein Mittel zum Zweck der Erhaltung der Wirtschaft, er ist Zweck an sich und besitzt eine Würde. Natürlich würde die Wirtschaft zusammenbrechen, wenn wir aufhören würden, sinnlosen Besitz anzuhäufen – das ist ein „Opfer“, das wir bringen müssen, nicht nur der eigenen Person gegenüber, sondern auch der Menschheit als ganzes gegenüber. Bricht denn die Konsumwirtschaft zusammen, verbrauchen wir weniger Ressourcen und schonen die Umwelt, aber nicht der Welt zuliebe, sondern uns zuliebe. Die Erde hat kein Umweltproblem – wir haben es! Entweder passen wir uns an oder wir werden angepasst. Diejenigen Lebewesen, die sich nicht an steigende Temperaturen und übersäuerte Böden gewöhnen können, werden aussterben. Die Maximen der Konsumwirtschaft sind weder zukunftsfähig noch verallgemeinerbar. Wir müssen die ökologischen Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Wirtschaft schaffen, denn nur diese kann weiteres Wachstum ohne existenzbedrohende Nebenwirkungen sichern.

Arbeiter aller Länder, entfesselt euch!

Philosophische Grundpfeiler des Veganismus

Machen wir ein Gedankenexperiment: Uns hoch überlegene Lebensformen besuchen unseren blauen Fleck und nehmen uns in Gefangenschaft. Sie nutzen uns für medizinische Versuche und testen an uns fremdartige Medikamente, unsere Haut für bequeme Sitze in Raumschiffen, für Schuhe und Portemonnaies. Die Haare dienen als Stoff für Schals oder Pelze.

Das ist nicht das Ende der Geschichte, denn die Außerirdischen verarbeiten die Menschen zu Fleisch, vor allem die Babys mit ihrer weichen und zarten Haut. Schließlich zwingen sie uns zum Geschlechtsverkehr, um weitere Nachkommen für die Fleischversorgung zu produzieren. Eines Tages fragt eine mutige Frau unter Qualen nach dem Grund. Die Antwort: „Ihr schmeckt uns.“

Bei aller Absurdität betrachten wir diese Geschichte als eine Metapher für die Ausbeutung von nicht-menschlichen Tieren. Allerdings wirft sie die Frage auf, ob sich die Rollen von Außerirdischen und Mensch in diesem Beispiel wirklich auf Mensch und Tier übertragen lassen. Stellt diese Metapher nicht Menschen und Tiere auf eine Stufe?

Um die Frage, ob wir Fleisch essen dürfen, beantworten zu können, müssen wir nicht die Frage klären, ob Menschen und Tiere gleichwertig sind. Wir müssen auch nicht die Frage klären, ob Tiere soziale Lebewesen sind, denken oder vorausschauend planen können, sondern ob sie leiden können. Nicht alle Lebewesen sind auch leidensfähig, aber diejenigen, die auf unseren Tellern landen, schon.

Dieser Standpunkt heißt Pathozentrismus. Dabei handelt es sich um die ethische Strömung, die empfindungsfähigen Lebewesen einen moralischen Eigenwert zuordnet. Sie stellt eine philosophische Grundlage des Veganismus dar, denn die Wahl von Eigenschaften wie Intelligenz, Größe oder Stärke sind stark von den Interessen der Spezies abhängig. Wir Menschen nehmen als Rechtfertigung für unser Verhalten gegenüber Tieren unsere Intelligenz und heben uns hervor. Würden andere Lebewesen nach Gründen suchen, sich über andere Tiere zu stellen, würden sie die Eigenschaft auswählen, die für sie charakteristisch ist. Bei Walen wäre es die Größe, bei Ameisen die Stärke im Vergleich zum Körpergewicht. Intelligenz ist keine moralisch relevante Eigenschaft und wenn doch, würde sie nicht nur Gräuel gegenüber nicht-menschlichen Tieren rechtfertigen, sondern auch gegenüber geistig Behinderten. Die meisten Mischköstler würden aber nicht für die Ausbeutung von geistig Behinderten stimmen oder einwenden, dass diese immer noch zur Spezies Mensch gehören. Die Zugehörigkeit zu einer Spezies ist allerdings ebenso wenig moralisch relevant wie die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder zu einer Rasse. Speziesismus ist die Diskriminierung von Lebewesen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Spezies, ähnlich wie Rassismus oder Sexismus die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Rasse oder einem Geschlecht sind.

Als eine Konsequenz der Ablehnung des Speziesismus wird der Veganismus betrachtet. Eine weitere philosophische Strömung, die den Veganismus befürwortet, ist die Umweltethik. Deren Anhänger sprechen sich für einen moralisch verantwortbaren und schonenden Umgang mit der Natur aus. Laut Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2010 erfordern tierische Produkte mehr Ressourcen wie Wasser oder Land und verursachen höhere Emissionen als pflanzenbasierte Alternativen. Die Umstellung auf eine vegane Lebensweise ist folglich ein Weg, die Umwelt zu schützen.

Stadt, Land, Überfluss

Wann war das letzte Mal, dass du einen Kauf bereut hast? Wann war das letzte Mal, dass du spontan etwas gekauft hast, was nicht auf deiner Einkaufsliste stand? Wie viele Dinge um dich herum brauchst und benutzt du wirklich?

Konsum ist immer und überall zu haben. Ich brauche keine Begabung, ich brauche Geld. Die Innenstädte sind überfüllt von Geschäften, die damit werben, ihre Produkte heruntergesetzt zu haben und dass alles billig sei. Geiz ist geil. Solange Sonderangebot, Rabatt oder „nur für kurze Zeit“ daran steht, greifen wir gerne zu. Mid-Season-Sales zeigen uns das immer wieder. Oder dass Modehersteller jeden Monat neue Kleidung auf den Markt werfen. Gehend von einem Laden zum nächsten, erfreuen wir uns an den dargebotenen Waren. Je billiger, desto besser. Die meisten interessiert es nicht, wer unter den Preisen zu leiden hat. Nach der Devise: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wir kennen all die großen Zahlen und Grafiken, aber sie belasten uns nicht. Wir reagieren auf Einzelschicksale anders. Aber wie oft hören wir von ihnen? Eben. Trotzdem findet im Moment ein Wandel statt. Weg vom Einzelhandel, in dem noch Kontakt zwischen Menschen herrschte, hin zum Internethandel, welcher die Geschäfte, die noch Menschlichkeit vermitteln, nach und nach kaputt macht. Als Treffpunkte und Ort der Kommunikation verwahrlosen die Innenstädte.

Ein Problem des Internethandels besteht vor allem in der Dominanz marktbeherrschender Konzerne. Für Konsumgüter allen voran Amazon. Jeff Bezos wollte sein Unternehmen ursprünglich „relentless“ nennen, zu deutsch unbarmherzig. Gepasst hätte es besser. Amazons Handy will im Preiskampf noch weiter gehen. Es soll einen extra Knopf bekommen, um Produkte zu fotografieren, zu scannen, mit der gesamten Palette an Amazon-Produkten zu vergleichen und den Preis bei Amazon anzuzeigen. Per Klick lässt sich die Ware ohne Umstände bestellen. Von einem Nachdenken über den wirklichen Bedarf geht unsere Gesellschaft zum Impulsivkauf über. Geiz-ist-Geil hat gesiegt.

Der Leila-Shop in Berlin ist eine Antwort auf diesen Überfluss, ein Gegenentwurf zur Zweckrationalität eines Supermarktes. In dem Shop können Menschen ihren überflüssigen Besitz zur Verfügung stellen, um im Gegenzug selbst nützliche Gegenstände auszuleihen. Denn unser Alltag ist umzingelt von Gegenständen, die wir bis zu dreimal im Jahr brauchen, wenn überhaupt. Einer Studie des Bundesumweltministeriums nach besitzt der Durchschnittsdeutsche 10.000 Dinge, zehnmal so viel vor hundert Jahren, doch nur einen Bruchteil nach dem Kauf nimmt er in die Hand. Paco Underhill, Autor und Umweltpsychologie aus den USA, berichtete bereits 1999, dass es einen Wirtschaftszusammenbruch gäbe, wenn wir nur dann kaufen, wenn wir müssten und nur das, was wir brauchen. Wegen dieser ungeheuren Menge an sinnfreien Konsumgütern steigt auch die Wohnfläche. Anfang der 90er war eine durchschnittliche Wohnung für eine Person 35 Quadratmeter groß, heute sind es 43 Quadratmeter. 2030 wird sie Prognosen nach bei 54 Quadratmetern liegen. Und der Bedarf an Lagerräumen und angemieteten Kellern nimmt auch immer mehr zu, sagt ein Sprecher des Lagerhallen-Vermieters MyPlace. Das Unternehmen verfügte Anfang 2000 über einen Standort. Anfang 2013 waren es bereits 23 Hallen, gefüllt bis zum Rand mit Gegenständen, die niemand braucht. Der Klassiker für nutzlosen Besitz ist die Bohrmaschine, die wir im Laufe ihres Daseins im Schnitt 13 Minuten benutzen. Im Laufe ihres Daseins verstaubt sie – in jedem Haus. Konsum ist ein unbewusster Wahnsinn. Lasst uns nutzlosen Besitz durch besitzlosen Nutzen ersetzen und unseren Wohlstand anders denken! Nicht jeder muss alles haben. Es reicht, wenn wir uns bestimmte Dinge teilen, wie es in Bibliotheken seit gut zwei Jahrhunderten gang und gäbe ist. Für die Wehr gegen den Überkonsum benötigen wir nur Menschen mit Gemeinsinn. Leila ist nicht das Ende, aber ein Anfang. Deutsche Staatsbürger kaufen jährlich zehn Millionen Fernseher, 13 Millionen Computer und 22 Millionen Smartphone; die Anschaffungsneigung hat einen Höhepunkt erreicht. Laut Hamburger Wissenschaftlern, die die weggeworfenen Handys von 4000 Hansestädtern untersucht haben, weisen nur zehn Prozent der Geräte sichtbare Schäden auf, weitere 20 Prozent haben andere Defekte, funktionieren aber. Es geht den Menschen nicht um Nutzen, sondern um Haben.

Hierbei spielen vier Effekte eine Rolle. Der erste ist der genannte Mitläufer-Effekt. Er besagt, dass wir Dinge haben wollen, die andere auch haben. Von Jahr zu Jahr kaufen sich Scharen von Jüngern die neusten Apple-Produkte, obwohl ihre iPhones einwandfrei funktionieren. Wir schauen die Bundesliga lieber auf einem Flachbildschirm statt auf einem Röhrenbild, fahren lieber mit einem SUV durch die Innenstadt, anstatt das Fahrrad zu benutzen. Der britische Wirtschaftswissenschaftler Mark Boyle erschien anderen Exzentriker, bloß weil er keinen Plasma-Fernseher besaß, als er freiwillig auf Konsum verzichtete.

Neben dem Mitläufer-Effekt hat auch der Snob-Effekt einen Einfluss auf das Kaufverhalten. Er treibt diejenigen in den Kaufrausch, die Dinge haben wollen, weil sie andere nicht haben. Dadurch heben wir uns von den anderen ab, wollen unsere mutmaßliche Individualität zeigen oder drücken unser Prestige durch überteuerte Statussymbole aus. Neben dem Snob-Effekt gibt es noch den Geltungskonsum. Thorstein Veblen, Soziologe, beobachtete bereits 1899 den Geltungskonsum unter Amerikas Reichen. Es gibt einen Markt für Dinge, die ungeheuer teuer sind, dass die Zahl der Nachahmer sich garantiert in überschaubaren Grenzen halten wird. Aufgrund dieses Effekts fließt das tonnenweise Geld bei den Yacht-Herstellern. Und das ist auch der Unterschied. Betroffene bevorzugen Güter wegen ihres höheren Preises, um zu zeigen, was sie sich leisten können. Das dient der Definition des eigenen sozialen Status‘. Die Nachfrage ist eine direkte Folge aus dem höheren Preis. Beim Snobeffekt dagegen ist die Einzigartigkeit des Produkts das Kriterium. Der Preis hat darauf nur indirekten Einfluss. Punks beispielsweise verhalten sich nach dem Snob-Effekt. Sie zielen darauf ab, sich durch nonkonformistische Mode von der Gesellschaft abzugrenzen.

Außerdem beschreibt der Diderot-Effekt, wie Menschen nach dem Kauf eines Gegenstands in den Zwang geraten können, weitere Käufe zu tätigen, um ein passendes Gesamtbild zu schaffen. Ein neuer Schal kann zu all den Klamotten im Kleiderschrank nicht passen. Oder ein Sessel, der farblich nicht in die Wohnung passt. Die entstehende Unzufriedenheit löst eine Konsum-Kettenreaktion aus. Als Käufer muss man die restlichen Sessel auch ersetzen, der Schrank passt auch nicht mehr, die Farbe des Bettes sieht neben dem Schreibtisch unschön aus und die Lampe sieht viel zu altmodisch aus. Wofür ist Konsum gut, wenn er uns schadet?

Laut Robert und Edward Skidelsky dient Konsum Placebo unserer Gesellschaft, zu unserer scheinbaren Belohnung für exzessive Arbeit. Kurzfristig gesehen tut uns der Kaufrausch gut, weil das Gehirn Neurotransmitter und Hormone für Hochgefühle ausschüttet. „Kauf dich glücklich!“, der Name eines verbreiteten Mode-Ladens ist Programm. Doch diese Kicks halten nur Minuten oder Sekunden an. Wir dürfen diese süchtig machenden euphorischen Momente nicht mit Zufriedenheit verwechseln. Nach einer Zeit bildet sich eine Toleranz, was heißt, dass wir die Dosis erhöhen müssen: Wir müssen immer mehr kaufen, und nur, um etwas zu haben, bis der Punkt erreicht ist, an dem wir gerade noch die Zeit benutzt haben, um Konsumgüter zu suchen, zu identifizieren und zu vergleichen, zu prüfen, zu kaufen, entgegen zunehmen, unterzubringen – und dann nicht mehr zu nutzen, weil die dafür notwendige Zeit bereits aufgebraucht wurde, sagt der Konsumkritiker Nico Paech.

In der Welt der Liebe finden wir auch Marktstrukturen: Welche Frau entspricht meinem Status, welchen Erwartungen soll sie entsprechen, welche Größe, Augenfarbe etc. soll sie haben? Welcher n hat das ausgeprägteste Sixpack, wie hoch ist sein Einkommen, wie groß soll er sein und was muss er können? Dieser typische Zug unserer Gesellschaft hat Ähnlichkeiten mit dem abendlichen Schaufensterbummeln: Was kann ich mir leisten, was kann ich mir kaufen? Dieser Kitzel des Kaufens ist das Lebensglück heutiger Menschen. Intuitiv verpassen wir potentiellen Partnern einen Marktwert, fürchten uns vor einer Beziehung, wenn sie unseren sozialen Status herabsetzen kann. Und anstatt uneigennützige Liebe zu geben, statt sie zu erwarten, vergessen wir in unserem Egoismus das Leben des Anderen. Datingportale befeuern dieses Verhalten.

Ein Ende der Affluenza, der Überflusskrankheit, ist nicht in Sicht. Die gesellschaftlichen Symptome verschlimmern sich, Hersteller überproduzieren Produkte und Käufer häufen Wohlstandsmüll in Unmengen an. Der Einzelne zeigt eine zunehmende Neigung zur Überschuldung, gefolgt von Verzweiflung, Überforderung und im schlimmsten Falle Angstzuständen. Wir wissen, welche Folgen unser ausufernder Lebenstill hat. Eine erstaunliche Selbstbetrugsleistung. Unsere Gesellschaft ist in einer tiefen Krise, weil wir unsere Einsamkeit nicht aushalten, die Leere im Innerem. Unsere Bedarfsdeckungsgesellschaft wurde zur Überflussgesellschaft. Und die Heilsversprechungen leuchten uns an jeder Ecke grell entgegen.

Dieser Artikel ist eine Gemeinschaftsarbeit von Egotheist und Leviakon.

Quellen, verwendetes Material und weiterführende Links:
Konsumpf: „Forum für kreative Konsumkritik – Culture Jamming, Nachhaltigkeit, Konzernkritik, Adbusting“
Berlin 21: „Leila – Berlins erster Leihladen
Gesellschaft für Konsumforschung: „Einkommenserwartung auf höchstem Stand seit der Wiedervereinigung“ (23.04.2015)
Gesellschaft für Konsumforschung: „Konsumklima weiter im Aufwand“ (26.02.2015)
Jörg Schindler: „Stadt – Land – Überfluss: Warum wir weniger brauchen als wir haben“ (18.08.2014)
Harald Welzer: „Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand“ (17.02.2014)
Institut für Forstökonomie „Wirtschaft ohne Wachstum? Notwendigkeit und Ansätze einer Wachstumswende“ (2012)
Hartmut Rosa, Niko Paech, Friederike Habermann, Frigga Haug, Felix Wittmann, Lena Kirschenmann: „Zeitwohlstand – wie wir anders arbeiten, nachhaltig wirtschaften und besser leben“ (2014)
Niko Paech: „Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“ (03.04.2012)
Deutschlandfunk: „Wegmarken 2010: Wohlstand ohne Wachstum (Teil 1)“ (01.01.2010)
matthias jung: „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand (Harald Welzer) – Gedanken aus der Sicht eines Christen, eines Theologen, eines Pfarrers | matthias jung“ (04.04.2013)
Die Welt: „Verzicht ist eine Chance, keine Einschränkung“ (18.02.2012)
Deutsche Welle: „„Wir haben genug“ – Junge Konsumkritik“ (14.11.2013)
Frankfurter Allgemeine: „Konsumkritik konkret: Der Mann ohne Geld“ (21.12.2013)