Tiergerecht ist nur die Weide

Früher hielt ich Vegetarismus für Schwachsinn. Mit 15 bin ich Vegetarier geworden und wollte kein Veganer werden. Als ich die moralischen Schwachstellen des Vegetarismus erkannte, bin ich Veganer geworden. Immer wieder schwankte ich zwischen Mischkost, Vegetarismus und Veganismus – alle drei Ernährungsformen haben ihre Tücken, sowohl moralisch als auch ökologisch.

Bei meinem ethischen Standpunkt bleibe ich. Empfindungsfähige Lebewesen haben einen moralischen Eigenwert, auf denen ihr Recht auf Leben und körperliche wie seelische Unversehrtheit beruht. Daher ist es moralisch nicht vertretbar, ein Tier zu schlachten. Noch schlimmer wird es bei der Tierhaltung, da die Nutztiere lediglich ein Mittel zum Zweck sind und getötet werden, sobald ihre Milch- oder Legeleistung nachlässt. Dann sind sie für die Industrie nicht mehr von Nutzen. Als Persönlichkeiten werden sie nicht gesehen, ihr Leben ist wertlos. Ihr Wert bemisst sich an ihrer Leistung.

Selbstverständlich ist das eine Kritik an der industriellen Tierhaltung. Aber bei der bäuerlichen Tierhaltung können wir uns ebenfalls nicht sicher sein, ob die Tiere gerecht behandelt wurden, von sinnlosen Traditionen wie dem Brandmarken abgesehen. Selbst wenn die Tiere ihr Leben nur auf Weiden und Wiesen verbringen, bedeutet Melken und Eierlegen immer körperliche Anstrengung und seelische Belastung. Falls ein Kalb stirbt, muss die Kuh gemolken werden, damit sie keine Schmerzen ertragen muss. Für die Milch wird das Kalb der Mutterkuh jedoch weggenommen. Außerdem werden die Kühe so oft wie möglich befruchtet, damit sie weiterhin Milch geben können. Schwangerschaften sind kraftzehrende Zeiten, Kühe leiden im Alter an Verschleißerscheinungen.

Darüber hinaus legen Hühner ursprünglich Eier, um diese auszubrüten. Nehmen wir das Ei weg, legen sie noch eins am nächsten Tag. Hühner und Kühe wurden auf Leistung gezüchtet, dabei ist ihr Körper nicht darauf ausgerichtet, so viel Leistung zu erbringen, genauso wenig wie menschliche Mütter ein Dutzend Schwangerschaften aushalten können.

Darum wäre der einzige logische Schritt, auf diese Produkte zu verzichten und die Tiere aus der Haltung zu befreien. Andererseits ist es schwierig, eine gesunde, vegane Ernährung zu gestalten oder Landwirtschaft bio-vegan zu betreiben. Noch schwieriger wird es beim radikal-regionalen Veganismus. Abhängig von Region und Saison sieht der Speiseplan im Winter Kartoffeln und Kohl vor: eine abwechslungsreiche, ausgewogene Ernährung bietet der regionale Veganismus nicht.

Dabei gibt es gute Gründe, um sich regional zu ernähren: Lebensmittel aus der Regionen produzieren weniger Treibhausgase, schmecken besser und sind gesünder. Die Bauern können von anständigen Preisen leben und wir erfreuen uns an den vielen Nährstoffen. Ferner gilt: Jede Region muss sich selbst ernähren. Fleisch verbraucht kein Wasser, weil es nur den Kreislauf verlängert. Wenn ich bei Regen einen Eimer draußen hinstelle, wird niemand behaupten, ich würde Wasser verbrauchen. Nichts anderes ist die Weidehaltung. Die Tiere nehmen das Wasser auf, scheiden es auf verschiedenen Wegen aus und schließlich hat das Fleisch einen Teil des Wassers, was das Tier zu sich genommen hat. Dieses Wasser nehmen wir auf, bis es in die Kläranlagen kommt und der Kreislauf von Neuem beginnt.

Nichts anderes passiert beim Pflanzen von Gemüse. Lebensmittel brauchen Wasser und Nährstoffe aus dem Boden; importieren wir hingegen Tomaten aus Spanien, kann das langfristig zu Wasser- und Nährstoffmangel in den spanischen Böden führen. Deswegen kann nur eine konsequent regionale Ernährung sinnvoll sein.

Tiere düngen den Boden und pflegen die Landschaft. Rinder essen Gras und machen aus einem für uns unverdaulichen Stoff Fleisch. Nutztiere standen nie in Nahrungsmittelkonkurrenz zu den Menschen, da sie von Natur aus weder Hülsenfrüchte noch Getreide fressen. Erst mit der Massentierhaltung wurden Regenwälder für Soja oder Weizen abgeholzt. In einigen Fällen ergibt es keinen Sinn, Weiden zu Äcker zu transformieren, weil es dem Ökosystem nur schadet und der Boden für Bepflanzung ungeeignet ist.

Außerdem: Was passiert mit den Tieren, wenn wir die Tierhaltung beenden? Ist das im Sinne der Tiere? Nicht mal unsere Hauskatzen hätten viel Spaß in der Wildnis und kehren freiwillig zu uns zurück. Aber wieso haben wir dann Zäune um die Weiden gebaut? Dennoch berichten Tierhalter von freundschaftlichen Gefühlen, die sie von den Tieren erleben. Die Möglichkeit des Stockholm-Syndroms liegt nahe, obwohl dies nur eine Spekulation bleibt. Zäune können Rinder auch vor Raubtieren beschützen.

Einige Veganer lehnen Tierhaltung ab, da artgerecht nur die Freiheit sei. Wir Menschen sind selbst Tiere und wohl kein Veganer wäre bereit, die Zivilisation mit all ihren Vorteilen aufzugeben. Der promovierte Landwirt Dr. Willi Kremer-Schillings gibt in seinem Buch „Sauerei!“ folgende Argumente für die Tierhaltung: Die Tiere sind frei von Hunger und Durst, müssen keine Angst vor vergifteter Nahrung haben und können sich sicher sein, immer genug zu Essen zu haben. In der „Freiheit“ werden Tiere krank, sterben früh an Verletzungen oder werden von Raubtieren gejagt und aufgefressen. Den Bauern stehen Tierärzte zur Verfügung, Medikamente und Versorgung. Die Furcht vor Raubtieren ist im Stall unbegründet, auch können Tiere in den Stall flüchten, weil dort das Klima ausgeglichener ist: Kühe müssen sich nicht bei Regen unter Bäume drängen und Schweine sich nicht im Schlamm wühlen. Nutztiere wiegen sich in Sicherheit und führen ein ruhiges Leben ohne Rang- oder Überlebenskämpfe, Gewalt und Tod, die zur Natur dazugehören. Natürlich gilt das nicht für die industrielle Tierhaltung, sondern nur für die bäuerliche Weidehaltung.

Abschließend fragt Bauer Willi: Leben wir Menschen artgerecht? Sehen wir die Nutztierhaltung nicht aus allzu menschlicher Sicht? Behandeln wir die Tiere art- oder tiergerecht? Die meisten Veganer würden nun die Auswirkungen der Tierhaltung auf die Umwelt kritisieren, doch bezüglich der ökologischen Folgen sind die Tiere nicht das Problem, sondern deren Überzahl, die aus der Überbevölkerung des Planeten resultiert und des steigernden Verbrauchs tierischer Erzeugnisse. Dieser Konsum ist ein Verbrauch, kein Bedarf, da wir nicht derart viele Tierprodukte benötigen, um zu überleben. Fleisch ist ein Luxusprodukt und muss nicht verzehrt werden, um das Überleben zu sichern. Darüber hinaus fördern diese Mengen an tierischen Produkten eine pflanzenarme Ernährung, die für die wenigsten sinnvoll ist. Dass Massentierhaltung abgeschafft gehört, sollte jedem klar sein – genauso wie die Tatsache, dass Weidehaltung uns weniger Fleisch und Fisch, Eier und Milch bringen wird. Mir ist klar geworden, dass die Weltbevölkerung nicht vegan leben wird, weil Sollen Können voraussetzt.

Denn: Warum die Inuit mit Fleisch versorgen? Wieso sollten die Massai oder Mongolen Vegetarier werden? Schwangere, Stillende, Babys, Kinder und Jugendliche brauchen tierische Produkte, wenn sie keine ernsten gesundheitlichen Folgen riskieren wollen. In einigen Regionen ergibt es keinen Sinn, Veganer oder Vegetarier zu sein, denn in Halbwüsten oder Küstenregionen kommen wir nicht ohne Fleisch oder Fisch aus – auf der anderen Seite sind genau diese Regionen nicht diejenigen, die die Probleme verursachen. Die westlichen Industrienationen tragen die Hauptverantwortung für den menschengemachte Klimawandel; doch in diesem Punkt liegt auch das Potenzial. Wer nämlich im fruchtbaren Europa lebt, hat reichlich Auswahl an Obst und Gemüse. In Zukunft müssen wir auf lebensnotwendige Produkte wie Schokolade, Bananen oder Kaffee verzichten, wenn wir das Leben unserer Enkel ermöglichen wollen.

Quellen:

zum Wasserverbrauch von Fleisch: Urgeschmack – „Der wahre Wasserverbrauch von Fleisch

zu Gesundheit und Veganismus, s. Quellen in meinem Beitrag: „Kritische Reflexionen eines ehemaligen Veganers

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Vielen Dank!

An Dich

Hallo, Du. Ich kenne Dich kaum, aber wenn Du dies liest, erfreut es mich. Es ist Silvester.
Enttäuschungen, Überraschungen, Freude und Trauer, Verlust und Gewinn. Alles in einem Jahr.
Mit diesem Tag endet dieses spektakuläre Jahr, welches hoffentlich für jeden von euch nicht monoton verlief und erinnerungswürdig bleibt.
Ich wünsche Dir vom Herzen einen guten Rutsch ins neue Jahr. Viel Glück, Erfolg, Freude und wundervolle Momente wünsche ich Dir.
Tu mir bitte einen Gefallen: Genieße die kleinen Momente, die zwischenmenschlichen Kleinigkeiten, die oft nicht auffallen, aber bedeutsam sind.
Und leg Dich nachmittags einfach mal in den Wald, schau hoch zum Himmel und lasse Deinen Gedanken freien Lauf.