Das Seelenleben der Tiere

Der Förster Peter Wohlleben erkundet in seinem Buch „Das Seelenleben der Tiere“ die Innenwelt unserer tierischen Mitbewohner. So surfen Raben auf Dächern, merken sich Namen untereinander oder necken gemeinsam Hunde, um diese zu ärgern. An ihren Lauten ist ihre Wertschätzung für Artgenossen erkennbar, ferner nutzen sie ihren Schnabel wie wir unsere Hände, besitzen ein umfangreiches lautliches Vokabular, ein detailliertes Ausdrucksvermögen und beherrschen etliche Bewegungsabläufe, um sich zu verständigen.

Das ist noch längst nicht alles! Kolkraben bilden lebenslange Ehen, in denen sie einander treu bleiben oder meiden und merken sich egoistische, gierige Tiere. Füchse stellen sich oft tot, um solche Raben anzulocken und aufzufressen.

Pferde können ebenfalls miteinander sprechen. Das Wiehern von Pferden ist zweistimmig, damit können sie komplexe Informationen übermitteln; wie es ihnen geht und wie stark ihre Gefühle sind. Außerdem können sich Pferde für unerwünschtes Verhalten schämen, wenn andere Pferde ihnen dabei zusehen oder sie werden ängstlicher, je älter sie sind. Denn sie merken, dass sie schwächer werden und dösen nur noch, da sie sich hinlegen müssten. Zum Aufstehen sind sie zu schwach und das ist tödlich.

Selbst Hirschkühe werden mürrisch im Alter, da sie Nahrung bloß grob richtig zerkleinern können und deswegen nur schwache Kälber gebären. Das gefährdet ihre Stellung in der Hierarchie. Wer wäre nicht zänkisch, wenn er davon ausgehen müsste, in jedem Moment ausgestoßen zu werden?

Wenn ihre Kälber sterben, empfinden sie Trauer, kehren oft zum Todesort zurück und rufen nach dem Kalb. Wie nostalgisch, wie melancholisch! Leider gefährdet dieses Verhalten ihre Stellung in der Hierarchie, da sie für Jäger leichte Beute sind. Wie wir Menschen müssen genauso Tiere lernen, was Sterben bedeutet und brauchen Zeit, um solche Ereignisse zu verarbeiten.

Krieg ist nicht typisch menschlich: Bienen bekriegen andere Völker vor dem Winter, wenn die Vorräte für die nächsten Monate knapp werden. Dann lernen sie, dass es sich lohnt, Krieg zu führen und hören auf, Nektar zu sammeln bis nur noch starke gegen starke Bienenvölker kämpfen. Andererseits bringen Fledermäuse unerfahrenen Artgenossen Blut mit, wenn diese erfolglos blieben und sonst verhungern würden. Mit dem Blut versorgen sie obendrein die Fledermäuse, die ihnen fremd sind. Solches Verhalten wird gerne gesehen und durch Hilfe bei schweren Zeiten belohnt.

Tiere helfen anderen Spezies gleichermaßen: Adoptionen kommen z. B. in der Natur vor. 2012 wurde der französische Bulldogge Baby bekannt, der sechs Frischlinge adoptierte und groß zog; die kubanische Hündin Yeti stillte 14 Ferkel. Marder und Mäuse empfinden Mitleid, wenn sie sehen, wie ein Artgenosse aufgegessen wird. Solche Erlebnisse traumatisieren und verängstigen unfassbar.

Darüber hinaus gilt der Satz „Glück ist ansteckend“ für Schweine genauso! Wenn Schweine Schokorosinen bekommen und dabei klassische Musik läuft, freuen sie sich später auch ohne Schokorosinen. Andere Schweine, freuen sich spontan mit, wenn diese die Konditionierung nicht kennen. Im Übrigen können Schweine sich Namen merken, wenn sie von uns einen bekommen. Wildschweine merken sich klugerweise, in welchen Gebieten es Jagdverbote gibt und flüchten in diese Gebiete bei Gefahr. Das ist zum Beispiel an der Grenze zur Schweiz in Frankreich der Fall: die Tiere fliehen in den Kanton Bern.

Auf der anderen Seite gibt es Lug und Betrug im Tierreich: Eichhörnchen täuschen nur vor, dass sie Futter verstecken, falls sie sich beobachtet fühlen und Elstermänchen betrügen ihre Weibchen, obwohl sie lebenslange Ehen bilden! Dafür sorgen sich Eichhörnchen um ihre Verwandten und dringen mutig in fremde Gebiete ein, wenn diese nichts von diesen hören und adoptieren eventuell Waisenkinder.

Das wohl bekannteste Tier ist die Gorilladame Koko, die die Gebärdensprache konnte und mithilfe von über 1000 Zeichen mehr als 200 Wörter auf verschiedene Weise intelligent kombinieren und längere Gespräche führen konnte. Sie zeigte z. B. ihr Wissen über Todesursachen. Neurologisch gesehen haben Affen auch Hirnareale für Wortverständnis und -artikulation, allerdings können nur Menschen sich derart komplex unterhalten, weil sie einen längeren Kehlkopf haben, eine freie Zunge, Stimmbänder und eine veränderte Atemtechnik, die es ihnen dies ermöglicht. Zwar beherrschen Affen nicht die menschliche Grammatik, nutzen dafür abstrakte Symbole für Objekte, Situationen und Handlungen, die sie mit bestimmten Tieren oder Gegenständen verknüpfen. Aus wissenschaftlicher Sicht befinden sich die meisten Affen auf dem Sprachniveau eines dreijährigen Kindes – bewiesen durch Untersuchungen, in denen Primaten sozial isoliert in einem sterilen Labor ein unbekanntes Symbolsystem lernen mussten.

Was unterscheidet den Menschen vom Tier?

Mensch und Tier sind keine Gegensätze, abgesehen davon existiert das Tier nur im Plural. Tiere können denken, Probleme lösen, sich Namen merken, miteinander kommunizieren, lügen, betrügen, sich einfühlen und sich Wege merken. In der Evolution wurde das Rad nicht jedes Mal neu erfunden, tatsächlich sind wir Tieren ähnlicher, als wir glauben. Richard David Precht spricht daher in seinem Buch „Tiere denken“ vom Menschentier, denn wir gehören zu den Säugetieren – mit dem krassen Unterschied, dass wir anderen Spezies intellektuell haushoch überlegen sind.

Precht plädiert für eine „Ethik des Nichtwissens“. Solange Aussagen zum mentalen Innenleben von Tieren unbewiesen sind, sollten wir nicht deren Gegenteil annehmen. Keine menschliche Eigenschaft ist exklusiv menschlich. Es gibt kein Kriterium das alle Menschen von allen Tieren trennt und uns gruselt die genetische Ähnlichkeit zwischen Menschen und Menschenaffen. Während sich Schimpansen und Menschen genetisch um nur 1,6 % unterscheiden, unterscheiden sich Schimpansen und Gorillas um über 2 %. Das trennt uns also von der Tierwelt? Wir sind den Schimpansen näher als die Schimpansen den Gorillas. Ist das nicht verrückt?! Im Gehirn zwischen Mensch und Schimpanse gibt es kaum Diskrepanzen, die größte genetische Abweichung liegt in der Größe des Hodens. Mensch und Affe – wie Pferd und Esel?

Vergleichen wir Primaten und Menschentiere genauer, fällt der Schimpanse im Test durch. Tiere sind in allen „wichtigen“ Punkten unterlegen: Kultur, Werkzeuggebrauch, Spiritualität und Philosophie, der Erwerb der menschlichen Sprache – wie fair ist dieser Maßstab denn? Wie vernünftig ist es, Tieren Würde abzusprechen, weil sie der menschlichen Sprache unfähig sind? Sind Tiere nur dann wertvoll, wenn sie wie wir sind? Beziehungsweise, wenn sie auf dem intellektuellen Niveau eines westlichen Philosophen sind? Ist Ähnlichkeit ein miserables Kriterium für Würde, weil auch Frauen und Dunkelhäutige an Diskriminierung litten? Wie viele Menschen definieren in ihrem Alltag allgemeingültige Normen, an denen sie sich orientieren? Wer überlegt, ob seine Pläne gemäß dem kategorischen Imperativ moralisch vertretbar sind? Wer kann immer seine Absichten vor seinem Tun begründen? Ist es nicht vielmehr so, dass wir unsere Taten meist danach rechtfertigen? Träumen wir nicht alle von einem Schlaraffenland, einem Paradies, in dem wir nur schlafen und essen müssen?

Große Menschenaffen verstehen die Wurzeln unserer Moral: die Zusammenarbeit, Dankbarkeit, Gemeinschaft und Einfühlungsvermögen. Selbst das Einnehmen anderer oder gar artfremder Perspektiven ist nicht exklusiv menschlich, denn Menschenaffen können sich ebenfalls in andere Tiere wie z. B. Vögel hinein versetzen. Unsere moralischen Fähigkeiten sind einzigartig, aber nicht einzig; es gibt keinen menschlichen Sonderweg zu abstrakten moralischen Werten. Wie viel sagen die Weltkriege über unsere Werte aus?

Tiere kennen keine Arbeit, der Homo sapiens seit den letzten 3000 Jahren und der Tauschhandel setzte sich vor 2500 Jahren durch und wurde im 19. Jahrhundert durch ein Währungssystem abgelöst. Selbst die Lohnarbeit ist nicht jedem Menschenvolk bekannt, doch all dies zählen wir zu unser arteigenen Kultur. Was ist mit dem Umgang älterer Artgenossen, Partnerschaften, Besitz und Eigentum, Kommunikation und Konflikten? Primaten können Fähigkeiten erlernen, kopieren, imitieren und den Nachfahren beibringen. Soziale Hierarchien setzen sich ebenfalls bei Tieren über Generationen fort, obschon sie nicht biologisch festgelegt sind und bei verschiedenen Gruppen gleicher Art unterschiedlich sein können.

Was verstehen wir von Tieren? Ich kann nicht mal die Fähigkeit des Denkens meiner Mitmenschen hieb- und stichfest beweisen, geschweige denn des Bewusstseins. Was wollen wir von Primaten verstehen, wenn wir nicht einmal Sprache, Kultur, Leben und die Welt von indigenen Völkern begreifen, obwohl wir zur selben Spezies gehören und dieselben metaphysischen Voraussetzungen haben? Dürfen wir denn über Sachverhalte urteilen, die wir nicht durchschauen können? Dürfen wir das Bewusstsein von Tieren begutachten, wenn dieser Begriff bloß nebulös vor uns schwebt? Ist es nicht sonderbar, wenn wir als Gehirne mithilfe von Gehirnen etwas über Gehirne aussagen wollen? Wir dürfen daher nicht nur Tiere beobachten, sondern darüber hinaus die Art und Weise, wie wir sie beobachten. Denn unser Blick ist durch unsere Artzugehörigkeit verstellt, das verzerrt die Ergebnisse, die wir hervorbringen.

Aus der Ähnlichkeit des Menschen mit seinen Mitgeschöpfen, kann nur eines folgern: Tiere sind Träger einer Würde, die ihnen unantastbare Rechte verleiht. Der menschliche Speziesismus muss ein Ende haben!

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2 Kommentare zu „Das Seelenleben der Tiere

  1. Nicht, dass ich das nicht sympathisch finde, aber mir drängen sich beim Lesen doch Fragen auf, was nicht an deinem Anliegen liegt, sondern an der Art, wie du es zu rechtfertigen versuchst. Deshalb drei kritische Einwände gegen deine Überlegungen:

    1) Die Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier leitest du, so wie ich das sehe, aus der genetischen Ähnlichkeit ab. Die Frage, die du vermeidest zu stellen ist die, was ein Unterschied von 2% in der Erbmasse bedeutet. Ob das viel ist oder wenig … Es drängt sich aber stark die Frage auf: Ist DNA überhaupt bedeutsam? Für Ähnlichkeiten wie für uns als Menschen? Das materialistische Gegenargument wäre: Für „die Natur“ spielt die DNA nur insofern eine Rolle, dass man sie an die nächste Generation weitergeben kann, ähnlich ist sich nur, was sich untereinander paaren und eine zeugungsfähige Filial-Generation hervorbringt. So gesehen wäre die Kluft zwischen jeweils zwei Spezies immer unüberbrückbar.

    2) Was folgt daraus, dass Tiere die Werte verstehen, die innerhalb menschlicher Moral gelten? Das ist ein gefährliches Argument, denn man könnte daraus ableiten, Moral sei auch nur ein biologisches Programm. Aber können Tiere deshalb moralisch sein? Ich bin Kantianer genug zu sagen: Es kommt nicht auf das Handeln oder Verstehen an, es kommt darauf an, eine moralische Norm bewusst anzuerkennen. Nicht einfach faktisch pflichtgemäß zu handeln, das ist bloß moralkonformes, aber kein moralisches Handeln.

    3) Jede Ethik des Nicht-Wissens ist der Versuch, die Welt von allen Risiken zu befreien. Zumindest wenn sie auf einen radikalen Egalitarismus herausläuft. Ist eine solche Welt möglich? Und wenn sie möglich wäre (ich habe da so mein Zweifel), wäre sie wünschenswert?

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    1. Vielen Dank für deinen kritischen Kommentar!

      zu 1) Nein, ich leite die Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier nicht aus der genetischen Nähe ab. Die Zahl sollte bloß verdeutlichen, wie nah wir (genetisch gesehen) zu Schimpansen sind. Trotzdem machen diese 2 % einen immensen Unterschied. Es liegt schließlich nicht nur an der Quantität der Gene, die wir teilen, sondern welchen Einfluss sie auf unser Leben haben. In dem ersten Teil des Textes bin ich daher auf verschiedene Verhaltensweisen von Tieren eingegangen, die mich überrascht haben, da ich sie nie erwartet oder für möglich gefunden hätte. Die meisten sind noch zu sehr beeinflusst von Descartes. Außerdem solltest du wissen, dass ich in anderen Texten andere Kriterien wie Bewusstsein oder Empfindungsfähigkeit angelegt habe, weil ich sie für moralisch relevant halte.

      zu 2) Nein, eben nicht. Moral ist kein biologisches Programm, sondern von der Kultur abhängig. Dass Moral von der Biologie beeinflusst wird, zeigt sich spätestens seit dem Unfall von Phineas Gage.

      Natürlich kommt es nicht nur auf moralkonformes Handeln an. Aber wie schon im Text kritisch hinterfragt: Wie viele Menschen erfüllen diesen Anspruch? Und wieso legen wir diesen Anspruch an Tiere? Wenn nur Menschen oder Menschenähnliches eine Würde haben darf, weshalb müssen Tiere an Moralphilosophen herankommen, um wertvoll zu sein? Der Maßstab ist viel zu hoch; Menschen richten sich unbewusst nach ihren Trieben und Gefühlen, der Verstand legitimiert die Handlungen im Nachhinein.

      zu 3) Prechts Ethik des Nicht-Wissens ist auf die Tiere bezogen. In der Vergangenheit wurden viele falschen Aussagen (z. B. von Descartes) über Tiere geäußert, so seien Tiere nur Maschinen oder ferngesteuert. Die Reste dieser Philosophie finden sich im Denken vieler Menschen unserer Zeit wieder. Die Ethik des Nicht-Wissens ist der Versuch, wissenschaftlich an diese Fragestellung heranzugehen, d. h. unbewiesene Aussagen („Tiere sind Maschinen.“) nicht als wahr hinzunehmen, bevor der Beweis erbracht wurde. Wir müssen uns eingestehen, dass wir über Tiere und andere Menschen viel weniger verstehen, als wir glauben.

      Ein radikaler Egalitarismus wäre wohl kaum das Ende. Die Weltbevölkerung wird nicht radikal vegan leben; wünschenswert ist das auch nicht, was ich in früheren Texten auch schon angesprochen habe. Andernfalls: Was versteht du unter einer radikal egalitären Welt?

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