Magerwahn und Fitnessterror

Wo man nur hinsieht – etliche Siegel, die Gesundheit und Schönheit versprechen. Immer mehr treiben exzessiv Sport und wiegen jedes einzelne Salatblatt auf, so scheint es. Paleo, Vegan und Low-Carb sind im Trend. Leben wir in einer essgestörten Gesellschaft?

Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung sind übergewichtig. Inwiefern werden wir denn von einer Schlankheitsdoktrin terrorisiert? Übergewicht wird zur Norm erhoben, Abweichungen darunter und darüber gelten als krankhaft. Bei Abweichungen darüber ist das aus medizinischer Sicht nachvollziehbar. Die Abweichung nach unten dagegen wird zunehmend als mager oder dürr empfunden, obwohl diese laut BMI in einem gesunden Bereich liegen.

Wenn jeder in der Umgebung einige Kilos zu viel hat, ist Übergewicht normal und laut allgemeiner Auffassung gut. Wenn jemand aus berechtigten Gründen auf diesen Missstand aufmerksam macht, wird davor gehalten, er würde ein unrealistisch negatives Körperbild verbreiten wollen, das auf Selbsthass beruht. In Wirklichkeit haben wir ein unrealistisch positives Körperbild, welches folgende gesundheitliche Nachteile hat: Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Schlaganfall, Krebs, Schlafapnoe, Arthritis/Gelenkprobleme, Probleme mit der Fruchtbarkeit, Asthma, Rückenschmerzen, Gallenprobleme, Inkontinenz, Embolien/Thrombosen, Gicht, Einbußungen in der Hirnleistung, schnelleres Altern und Depressionen.

Heute gibt es die Fat-Acceptance-Bewegung, die Übergewicht als Krankheit ansieht, die sich nur in seltenen Fällen heilen lässt und stattdessen auf Gesundheit bei allen Konfektionsgrößen setzt. Sie behauptet, dass 95 % aller Diäten scheitern und dass Gene unser Gewicht beeinflussen. Letzteres stimmt, aber so ist es auch mit Alkoholismus. Bevor ich zum Alkoholiker werde, muss ich zunächst Alkohol trinken. Und bevor ich übergewichtig werde, muss ich ständig im Kalorienüberschuss sein. Dass Übergewicht durch Überessen entsteht, wird als eine Beleidigung angesehen.

Fat Shaming ist verletzend, Fat Acceptance tödlich. Niemand würde auf die Idee kommen, eine Smoking-Acceptance oder Drug-Abuse-Acceptance Bewegung zu starten, weil der Missbrauch von Drogen tödlich sein kann. Ähnlich verhält es sich mit dem Übergewicht, nur dass Übergewicht akzeptiert wird, obwohl es im Interesse eines jeden ist, gesund zu bleiben. Denn nicht nur die Lebensjahre werden verkürzt, sondern auch die gesunden Lebensjahre. Wer will mit der Aussicht leben, in den letzten Jahren an einer Maschinerie zu hängen?

Auf 60 Prozent Übergewichtige kommen 0,3 Prozent Magersüchtige. Wenn es um die Konsequenzen geht, ist das extremer: 0,00673 Prozent der Todesfälle lassen sich auf Magersucht zurückführen, während etwa 5 bis 27 Prozent sich auf Überernährung und -gewicht zurückführen lassen. Leider ist der BMI kein zuverlässiger Indikator für den entscheidenden Körperfettanteil. Menschen können mit schädlicheren Konsequenzen rechnen als BMI-Übergewichtige, wenn sie trotz hohem Körperfettanteil normal- oder untergewichtig sind. „Skinny Fats“ fallen nicht auf, weil dies bereits normal ist, denn davon sind vor allem diejenigen betroffen, die wenig Sport machen, sich unausgewogen ernähren und daher Nährstoffmängel aufweisen. Dann baut der Körper Muskeln ab, da sie weder gebraucht noch versorgt werden. 40 Prozent der Normalgewichtigen sollen skinny fat sein. Damit haben drei Viertel der Bevölkerung einen zu hohen Körperfettanteil, während gerade mal 1 Prozent untergewichtig ist! Wo kann da von Magerwahn die Rede sein? Es ist ein Fettwahn!

Angesichts der Tatsache, dass wir nur noch am Schreibtisch sitzen, wirkt es wie ein Fitnessterror, den manche Menschen betreiben. Hier zeigt sich wieder die unsinnigen Schubladen normal – extrem. Es ist normal geworden, keinen Sport zu machen und herumzusitzen und extrem, seinen Körper herauszufordern und sich zu bewegen, um gesund zu leben. Sitzen ist das neue Rauchen.

Übergewicht ist keine unvermeidbare Krankheit. Medizinisch gesehen ist es unwahrscheinlich, dass der statistische Anteil einer Krankheit steigt. Während der letzten dreißig Jahre ist der Anteil aber gestiegen. Früher konnten nur diejenigen sich überernähren, die das Geld dazu hatten – Adel und Klerus; aber heute leben wir im Westen besser als jeder europäische König im Mittelalter. Kein Wunder, dass Übergewicht derart verbreitet ist! Wir sind umzingelt von Salz, Zucker und Fett. Es ist unmöglich, durch eine Stadt zu laufen, ohne durch die ganzen Eisdielen, Bäckereien und Imbissbuden Appetit zu bekommen. Essen ist immer und überall erhältlich, jeden Tag und jederzeit. Essen wird zu einer Sensation. Wer hätte nur gedacht, dass das zu einer gesundheitlichen Katastrophe führen könnte?

Sozialkritiker weisen immer wieder darauf hin, wie gefährlich Modells und Puppen für Kinder seien. Auf der einen Seite sind Puppen für Mädchen schlank, auf der anderen Seite sind Puppen für Jungs extrem muskulös; offensichtlich orientieren sich die wenigsten an diesem Ideal. Anorexia nervosa oder athletica entstehen nicht durch das Anschauen einiger cooler Fotos von schlanken Modells. Zwei Drittel der Erkrankten von Essstörungen berichten von sexuellen Missbrauchserlebnissen in ihrer Vergangenheit, die posttraumatische Belastungsstörungen verursachten und viele Betroffene sind in dysfunktionalen Elternhäusern aufgewachsen, die einen Anteil an der Erkrankung ausmachen. Der Glaube, dass Mädchen an Magersucht erkranken, weil sie abnehmen möchten, verharmlost dieses komplexe Problem extrem und zeugt von tiefer Unkenntnis über psychische Störungen. Die wirklichen Gründe für Magersucht sind vielfältig und vom Einzelfall abhängig. Sicherlich gehören Schönheitsideale dazu: Das leugne ich nicht, aber die Hintergründe der gestörten Selbstwahrnehmung und des starken Kontrollbedürfnisses sollten wir nicht auf Modelshows reduzieren. GNTM triggert allenfalls diejenigen, die schon betroffen oder gefährdet sind. Eins ist sicher: Essstörungen sind weder Modeerscheinungen noch trendige Diäten!

Quelle: Nadja Hermann – „Fettlogik überwinden“ (s. den gleichnamigen Blog)

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8 Kommentare zu „Magerwahn und Fitnessterror

    1. Dabei ist auch nicht mit Untergewicht zu spaßen! Das Leben mit Untergewicht ist mindestens so schlimm wie das mit Übergewicht (vor allem die Sprüche, die man zu hören bekommt, sind ähnlich verletzend).
      LG Theodor

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  1. „Zwei Drittel der Erkrankten von Essstörungen berichten von sexuellen Missbrauchserlebnissen in ihrer Vergangenheit, die posttraumatische Belastungsstörungen verursachten und viele Betroffene sind in dysfunktionalen Elternhäusern aufgewachsen, die einen Anteil an der Erkrankung ausmachen. Der Glaube, dass Mädchen an Magersucht erkranken, weil sie abnehmen möchten, verharmlost dieses komplexe Problem extrem und zeugt von tiefer Unkenntnis über psychische Störungen.“

    Kann dir in diesen Punkten nur absolut zustimmen. Aus eigener Erfahrung mit Anorexie waren es nicht nur bei mir, sondern auch bei denen, die ich kennen gelernt habe, egal ob auch anorektisch oder bulimisch, selten der Wunsch auszusehen wie irgendein Model. Es ist eine Form von Kontrolle, wenn alles andere aus den Fugen gerät. Das soziale Umfeld, der Umgang mit negativen Gefühlen, alles spielt mit zusammen. Das ist zu komplex, als dass man es vereinfacht darstellen könnte.

    Etwas, das ich auch immer wieder feststelle, was du hier ansprichst ist, dass man mir sagt ich sei zu dünn. Gar mangelernährt oder dürr. Ich habe einen BMI von 20. Ich finde das irgendwie verzerrt. Als ich einen BMI von unter 14 hatte war ich mangelernährt. Und heute, wo ich normalgewichtig bin, sagt man mir ich sei zu dürr und solle zunehmen?

    Man sollte niemanden schlecht behandeln, weil er anders aussieht. Egal ob dünn oder dick. Doch man sollte auch realitstisch sein. Fat-Acceptance, wenn es heißt ein Gewicht von über 140 Kilo sei vollkommen okay, halte ich für bedenklich. Nicht jeder muss Gertenschlank sein. Doch Übergewicht ist nun einmal Risikofaktor für viele Erkrankungen und führt zu mehr Todesfällen als Anorexie oder Bulimie.

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    1. Ich stimme dir zu, weil ich Ähnliches erlebt habe. Ich hab einen BMI von 19, einen idealen Blutdruck, hervorragende Blut- und Urinwerte, einen optimalen Puls, einen niedrigen Körperfettanteil, normale Blutzuckerwerte… und jeder in meiner Umgebung will mich überzeugen, zuzunehmen. Wozu? Als ich aufgrund meiner Essstörung mangel- und fehlernährt war, gab es genug Gründe dafür.

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    2. Eben genau das meine ich.
      Mir geht es damit immer so, dass mir das irgendwie ein schlechtes Gefühl gibt. Da hat man so hart gekämpft wieder normal essen zu können und auch ein normales Gewicht zu haben und wird dafür dann kritisiert…

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