Die globale Bourgeoisie

Laut AfD soll sich Leistung wieder lohnen und gleichzeitig sollen Vermögende entlasten werden. Was haben die Reichen denn geleistet? Was hat Trump geleistet? Er hatte einen reichen Vater, der das Unternehmen vorher aufgebaut hat und selbst einen vermögenden Vater hatte. Donald Trump hat das Unternehmen übernommen und weitergeführt. Die Kennedys – eine schwerreiche Familiendynastie bestehend aus Spitzenpolitikern. John Fitzgerald Kennedy hatte schlicht das Glück, im reichsten Land der Welt geboren worden zu sein und dazu noch in einer Familie, die in deine Bildung und dein Leben dermaßen investiert, dass du zur wirtschaftlichen und politischen Elite gehören wirst und in der finanziellen Oberschicht bleibst. Bushs Vorfahren waren bereits Politiker, Anwälte, Industrielle und Senatoren. Der Schritt zum Präsidenten ist da nicht weit. Dass der Sohn des Präsidenten wieder Präsident wird, ist wahrscheinlich. Die Geschwister von George H. W. Bush sind Banker, Moderatoren, Geschäftsmänner, die Kinder Gouverneure, Investoren, Immobilienentwickler, Geschäftsmänner, Autoren, Models und Modedesigner. Der Sohn des zweiten US-amerikanischen Präsidenten wurde wiederum Präsident. Theodore Roosevelt und Franklin D. Roosevelt waren Cousins und weitläufig mit zehn weiteren Präsidenten verwandt, darunter George Washington und die Präsidenten der Harrison- und Adams-Familie.

Kennedys Vater war Geschäftsmann, Diplomat und Wahlkampfveranstalter. Seine Familie besteht aus Präsidenten, Senatoren, Justizministern, Gründern von Sportorganisationen, Diplomaten, Botschaftern, Juristen, Verlegern, Journalisten, Autoren, Schauspielern, Anwälten, Aktivisten, Regisseuren, Medizinern und Parlamentariern. Die Wahrscheinlichkeit, in dieser Familie ein erfolgreiches wirtschaftliches oder politisches Leben zu führen, ist extrem hoch, weil die Familie (1) das nötige Vermögen, (2) einen extrem guten Ruf und (3) eine Erwartungshaltung an ihre Nachkommen hat.

Schon die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika waren reich. Der erste US-Präsident gehörte zu den vermögendsten Männern der Nation. Einige waren superreich. Es gab keinen, der nicht mindestens wohlhabend war. Die Mehrheit ist in führenden Familien geboren worden und eine kleine Minderheit hat sich aus bescheidenen Verhältnissen hochgearbeitet. Nach ihrer Karriere als Delegierte waren die meisten erfolgreich. Sie wurden Präsidenten, Vize-Präsidenten, Präsidentschaftskandidaten, Senatoren, im Kabinett oder im Repräsentantenhaus, Bundesrichter oder sogar am obersten Bundesgericht, Gouverneure oder Diplomaten. Da wundert es niemanden, dass ihre Söhne hohe Positionen im politischen Leben errungen haben. Diese Menschen haben Connections. Sie wollen erfolgreiche Nachkommen und ihren Namen zu einer Marke etablieren.

In anderen Ländern ist die Chancengerechtigkeit nicht besser. Auch in Deutschland gilt: Du bleibst, was du bist. Wer aus einem hochschulfernen Elternhaus mit Migrationshintergrund kommt, hat schlechtere Karten als ein Kind aus einer wohlhabenden Akademikerfamilie. Der Start bestimmt das Ziel mit. Die wirtschaftliche und politische Elite entsprang aus Familien, die wiederum ausgezeichnete Startbedingungen hatte. Nur die wenigsten haben sich aus eigener Kraft emporgearbeitet. Der amerikanische Traum heißt Traum, weil man schlafen muss, um an ihn zu glauben. Diese Oberschicht wird ihre Macht nicht freiwillig zurückgeben, denn wer will schon den Ast, auf den er sitzt, absägen? Geld ist Macht. Einflussreiche, wohlhabende Lobbyisten dienen nicht den Interessen des Allgemeinwohls wie Umwelt- und Tierschutz oder Sozialstaatlichkeit. In der neoliberalen Ideologie heißt es: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Aber nicht jeder ist Schmied. Jeder ist seines Glückes Schmied, dessen Eltern Schmiede sind oder dessen Eltern genug Geld haben, um sich das Glück schmieden zu lassen.

Wir brauchen eine Ökonomie für die 99 %. Nicht nur auf nationaler, sondern auf globaler Ebene. Der Westen gehört zur globalen Bourgeoisie, dessen Vermögen das globale Proletariat ermöglicht, weswegen der amerikanische Traum ein Alptraum ist. Durch die Digitalisierung haben die Menschen der Entwicklungsländer Einblicke in unseren privilegierten Lebensstil bekommen. Sie stellen uns Fragen über soziale Gerechtigkeit, die wir nicht beantworten wollen. Sie wollen leben wie wir. Es gibt auch „Wirtschaftsflüchtlinge“, aber das sind keine verachtenswerten Menschen. Ihre Fluchtursachen müssen genauso respektiert werden wie die von Kriegsflüchtlingen. Wirtschaftsflüchtlinge sind die Verlierer der Globalisierung, versuchen am Freihandel teilzunehmen und unseren Lebensstil zu erreichen. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich derart dramatisch auseinandergeht wie bisher und wir nichts dagegen unternehmen, müssen wir mehr Wirtschaftsflüchtlinge erwarten. Deutsche Unternehmen exportieren beispielsweise ihre Arbeitskraft in Form von Produkten, die in aller Welt zu finden sind. Sogenannte Wirtschaftsflüchtinge versuchen ebenfalls, ihre Arbeitskraft dort zu exportieren, wo sie eine Nachfrage vermuten. Nico Beckert führt dies im Wesentlichen auf zwei Gründe zurück: Zum einen stoppen korrupte Herrscher (in ehemaligen Kolonien) jede Entwicklung und tragen zur Aussichtslosigkeit der Bevölkerung bei, zum anderen stehen Entwicklungsländer durch den weltweiten Handel unter Wettbewerbsdruck, gegen den sie aufgrund von billigen Import nicht bestehen können. Die Folgen sind Staatspleiten und -versagen, was Orientierungslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit vorantreibt. Schlussfolgerung: Wirtschaftsflüchtlinge fliehen vor Perspektivlosigkeit, die Europa mitzuverantworten hat, um anschließend in Europa als illegale Wirtschaftsflüchtlinge gebrandmarkt zu werden. Kaum ein Industrieland hat sich in einem Freihandelssystem entwickelt.

Nicht nur Wirtschaftsflüchtlinge, sondern auch Klimaflüchtlinge. Unser Lebensstil hat dramatische ökologische Konsequenzen nach sich gezogen. Wir merken davon vergleichsweise wenig, die Entwicklungsländer hat es knallhart erwischt. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte werden diese Menschen nach Europa und Nordamerika flüchten. Zudem gehören diese Flüchtlinge nicht einmal dem nationalen Proletariat an, denn diese sterben an Elend, Hunger und Krankheiten. Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben das Geld, um die Flucht zu finanzieren. Sie sind gebildet, jung und kennen die politischen Zusammenhänge, die dazu geführt haben, dass sie fliehen mussten. Innerhalb dieser Länder haben diese Menschen wiederum die Angst, sozial abzusteigen – wie viele Deutsche aus dem Mittelstand. Deswegen kommen sie nach Europa, weil wir hier ein stabiles politisches System mit steuerfinanzierten Bildungsinstitutionen haben. Sie finden hier die Chancen auf ein besseres Leben.

Die AfD wird die hier beschriebenen Probleme nicht lösen, sondern verschärfen, denn in dieser Partei sind viele prominente Gegner des Mindestlohns [2], Befürworter von Deregulation [3], der Privatisierung von Arbeitslosengeld und Unfallversicherung [4] oder der Absenkung von Arbeitslosengeld [5]. Gemäß dem Steuermodell von Kirchhof will sie eine  flache Einkommenssteuer einführen und vor allem die Spitzensteuersätze für Vermögende [6] oder die Erbschaftssteuer komplett abschaffen [7]. Die studierte Ökonomin Katharina Nocun beschreibt die AfD daher als neoliberale Partei in blauer Verpackung. Sie ist aber nicht die einzige Partei in Europa oder Nordamerika, die eine rechtspopulistische, neoliberale Politik betreibt. Wenn rechtspopulistische Kräfte weiterhin zunehmen, wird es einen globalen Klassenkampf geben. Diese Parteien führen weder eine soziale nationale, noch internationale Wirtschaftspolitik. Außerdem will die AfD notfalls Flüchtlinge an den Grenzen erschießen und leugnet die anthropogene Erderwärmung. Das haben rechtspopulistische Parteien gemeinsam: Sie leugnen den Klimawandel, betreiben eine neoliberale Politik, während sie konservativ sind. Konservative und neoliberale Politik widersprechen allerdings einander. Das hat auch die CDU erkannt, was der Auslöser für ihren Linksruck war. Gibt man dem Markt die Macht, werden die Grenzen geöffnet und die Globalisierung in Gang gesetzt. Das führt zu nationalen und internationalen Veränderungen wie Migration oder Flucht, was konservativem Denken widerspricht. Früher hatten wir einen Ost-West-Konflikt, heute einen Nord-Süd-Konflikt.

Jetzt ist die Zeit, um unser Leben radikal zu verändern. Weg mit dem Wegwerfwahn! Vergesst den Konsum! Schafft Massentierhaltung ab! Reduziert euren Verbrauch tierischer Produkte! Wer braucht jedes Jahr das neueste Handy? Den schnellsten Laptop? Den dünnsten Fernseher? Wozu jeden Monat neue Klamotten? Wieso mehrmals jährlich in den Urlaub fliegen? Wasser in Plastikflaschen? Ohne eine drastische Änderung unseres Lebensstils haben wir keine Chance, die Welt zu retten. Es geht nicht mehr darum, die Welt zu verändern. Es geht darum, sie zu verschonen.

Menschen in Entwicklungsländern sterben an Hunger. Es gibt mehr Plastik in den Weltmeeren als Plankton. Die Gletscher schmelzen, Tierarten sterben aus. Wir verpesten die Umwelt mit unseren Fahr- und Flugzeugen. Regenwälder werden gerodet, Monokulturen überstrapazieren Böden, Treibhausgase werden gepumpt. Bodenerosion, Wassermangel, Gewässer-, Luft und Bodenverschmutzung sind die Folgen, saurer Regen, Vermüllung der Landschaften und die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen von verschiedenen Arten durch Bergbau. Deswegen ist Minimalismus nicht Verzicht, sondern intelligent. Es ist keineswegs intelligent, Rohstoffe in wenigen Jahrzehnten zu verbrauchen, für die die Erde Jahrmillionen brauchte, um sie zu entwickeln.

Der Einzelne ist nicht schuld an der Katastrophe. Niemand hat es sich ausgesucht, in einem betonierten Land zu leben, aber jeder hat einen Anteil daran. Zwar können wir als Einzelne nicht die Welt verändern, weil Veränderungen aus kollektiven Bemühungen heraus entspringen. Diese kollektiven Bemühungen entstehen aus vielen individuellen Bemühungen. Angenommen jeder würde abstreiten, dass sein Engagement einen Nutzen haben wird, dann wird die Welt bleiben, wie sie ist. Leider ist das die bittere Realität. Nur eine Minderheit glaubt wirklich daran, dass das, was sie tut, zählt. Das eigene Handeln hat nicht nur einen Nutzen, sondern auch eine Signalwirkung. Es wirkt sich positiv auf andere Menschen aus, wenn man selbst aus der Reihe tanzt und das System hinterfragt. Sie beginnen selbst, ihr Leben und das System zu hinterfragen und ihre Einstellungen zu verändern. Das führt dazu, dass sie wiederum andere zum Denken anstoßen. Es ist wie der erste Dominostein, den wir ins Rollen bringen. Frei nach Laotse: Willst du die Welt verändern, musst du zunächst dich selbst verändern, dann dein Haus, deine Straße, deine Stadt und dann dein Land. Wir müssen bei uns selbst anfangen, denn dein Kassenbon ist ein Stimmzettel. In diesem Sinne: Empört euch! Für eine gerechte Welt!

Fußnoten:

[1] Nico Beckert: „Wirtschaftsflüchtlinge Wenn Globalisierungsverlierer am Freihandel teilhaben wollen

[2, 3, 4, 5, 6, 7] Katharina Nocun, „Wie sozial ist die AfD wirklich? – Eine Expertise zu Positionenin der AfD bei der Sozial- und Steuerpolitik“, S. 15, 18, 21, 25, 29, 32

Advertisements

3 Kommentare zu „Die globale Bourgeoisie

  1. (Im Vergleich zu den anderen Artikeln viele Grammatik- und Wortfehler ->“Sie stellen sie uns Fragen…“)

    Ansonsten starker Artikel. Mir gefällt besonders der Schmied-Vergleich.

    Gefällt 1 Person

Was sagst Du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s