Das Ende einer Dystopie

Florian Sander, ein Dozent für Soziologie, Sozialpsychologie und Politikwissenschaft, veröffentlichte auf der Netzpublikation Le Bohémien einen kritischen Artikel über das bedingungslose Grundeinkommen, welches er für unsozial und unnatürlich hält. Er unterstellt den Befürwortern eines BGE, dass sie Arbeit für eine unmenschliche Verbindlichkeit halten, die im Sinne des postmodernen Zeitalters zu überwinden sei. Um seine These zu belegen, zitiert er die Studie über „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel (1933), die feststellten, dass lang andauernde Arbeitslosigkeit zu klinischer Depression führe.

Richtigerweise argumentiert Sander, dass der Selbstwert aus dem Gefühl, gebraucht zu werden, resultiert. Arbeitende erleben dieses Selbstwertgefühl laut Florian Sander mehrdimensional, weil sie mehreren sozialen Systemen, der Gesellschaft und der Familie, einen unentbehrlichen Dienst erweisen können.

Anschließend erklärt Sander gemäß den Kapitalformen von Pierre Bourdieau, dass Arbeit nicht nur für das Selbstwertgefühl notwendig ist, sondern sie sei auch der soziale Raum, aus dem die Instanzen Familie, Liebesbeziehung und Freundeskreis rekrutiert werden. Arbeitslosigkeit führe zu sozialer Isolation und damit klinischer Depression. Diese Entwicklung würde laut Sander ein BGE fördern.

Ein BGE würde ökonomisches Kapital bereitstellen, aber die Arbeit auch vom sozialen, kulturellen und symbolischen Kapital trennen, was dazu führe, dass der Einzelne schlechtere Chancen hat, ebenjene Kapitalformen zu vermehren. Schließlich entferne ein BGE die Motivation, im Rahmen von Bildungsinstitutionen etwas zu erreichen, um auf dem Arbeitsmarkt zu profitieren. (Eine besonders fatale Vorstellung! Wer Institutionen wie Schule oder Universität nicht die Funktion der Bildung zuordnet, sondern die Vorbereitung der Menschen auf den Wettbewerb des Arbeitsmarktes, verkennt, dass wir in solchen Institutionen vorrangig lernen sollten, Wissen in Kontexte zu setzen und in Zusammenhängen zu verstehen, um an unserer Persönlichkeit zu arbeiten. Wir lernen, Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Leider entspricht die heutige Realisierung der Schule Sanders Vorstellung)

Dadurch würde soziale Ungleichheit verstärken, da dieser Umstand die Sozialisation und den Lebenslauf von Kindern in einem Milieu, in der Arbeitslosigkeit die Norm ist, erschweren würde im Vergleich zu Kindern, die in Familien aufwuchsen, in der Arbeit die Norm ist. Prestigemäßig hätten erstere einen Nachteil, da das symbolische Kapital ebenfalls sinken würde, was einen weiteren Abstieg der Betroffenen herbeiführt.

Die Konsequenz eines BGE sei daher eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Sozialneid, Unzufriedenheit und Verachtung werden über Generationen hinweg geschürt und zementiert. Ein BGE würde laut Sander das ökonomische Kapital zu Ungunsten der restlichen Kapitalformen stärken und den Zugang zum ersteren wiederum erschweren.

In seiner Argumentation übersieht Florian Sander ein Detail: Arbeitslosigkeit bedeutet einen massiven Ansehensverlust in vielen Milieus. Berufe dienen nicht nur dazu, Kapital zu schöpfen, sondern auch eine Identität zu stiften. Wer beispielsweise Professor an einer Universität ist, übernimmt seinen Beruf in seine Identität. Nicht selten fragen wir zuerst nach dem Beruf, wenn wir jemanden neu kennenlernen.

Dass langanhaltende Arbeitslosigkeit zu Depressionen und sozialer Isolation führen können, ist unbezweifelbar. Der Schluss, dass ein BGE allerdings aufgrund des Wegfallens der Verbindlichkeit zur Arbeitslosigkeit einer ganzen Klasse führen würde, dagegen schon. Wir dürfen nicht vergessen, dass Menschen nicht nur arbeiten gehen, weil sie von unserer Bundesrepublik dazu gezwungen werden, sondern, weil sie es wollen. Arbeit kann Spaß oder das Leben erfüllen. Die Betonung hier liegt allerdings auf „kann“, da es eine Unzahl von Jobs gibt, die diese Funktion typischerweise nicht erfüllen. Robert Wringham schrieb in seinem Buch „Ich bin raus: Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung“, dass er noch nie von einem Entfesselungskünstler gehört hat, der der Arbeit entflohen ist, um das Leben in Elend und Einsamkeit zu verbringen. Die Flucht vor der Arbeit führte sie wieder zur Arbeit – aber in erfüllendes und sinnvolles Schaffen, welches sich von Bullshit-Jobs unterscheidet. Der Drang, zu arbeiten, kommt immer wieder durch.

Bemerkenswerterweise waren die meisten Entfesselungskünstler unzufrieden mit ihrem Leben und ihren Beruf, weshalb sie eine Flucht geplant haben, um eine zeitlang nicht mehr arbeiten zu müssen. Diese Situation lässt sich ebenfalls auf die Menschen übertragen, die Sander im Blick hat, wenn er von einer arbeitslosen Klasse spricht, für die eine arbeitende Klasse aufkommen muss. Diejenigen, die durch ein BGE nicht mehr in ätzenden Berufen arbeiten müssen, können sich befreien, um später der Gesellschaft wieder einen Nutzen zu bringen. Eine Volkswirtschaft hängt von Arbeit ab. Auch wenn der Wert eines Menschenlebens nicht durch Arbeit definiert ist, kann das wirtschaftliche Gefüge nur bestehen bleiben, wenn es zu ebenjener Klassengesellschaft nicht kommt.

Abgesehen von den sozialen Mechanismen auf gesellschaftlicher Ebene, die die Menschen trotz Unverbindlichkeit zur Arbeit bringen werden, übersieht Sander, dass seine Zwei-Klassen-Gesellschaft nicht für Jahrzehnte Bestand haben wird, wie er es prophezeit. Denn die arbeitende Klasse ist die vermögende Klasse, die in unserer Gesellschaft logischerweise einen höheren politischen Einfluss hat. Chefs von Unternehmen entgegnen jeder sozialpolitischen Reform des Arbeitsmarktes mit der Drohung von Auswanderung, was praktisch einen Verlust von Arbeitsplätzen für unser Land bedeutet. Eine Horrorvorstellung für unsere Parlamentarier. Wer würde denn die Regierung wiederwählen, wegen der er arbeitslos geworden ist?

Die arbeitende Klasse würde dafür sorgen, dass die Regierung das BGE streicht. Selbstverständlich wäre dies ein Bruch mit den Lebenstraditionen jener Klasse. Wenn Flüchtlinge und Arbeitslose Schmarotzer genannt werden, weil die Steuerzahler für ihre Existenzsicherung aufkommen müssen, dann wird die arbeitende Klasse dies auch tun. Diese massive Unzufriedenheit würde, wie Sander in seinem Text beschreibt, zu einer Revolution führen, da Arbeitende sehen, wie sie Geld verdienen müssen, um Arbeitslosen ökonomisches Kapital zu sichern. Je nach Größe der arbeitslosen Klasse wäre es volkswirtschaftlich gewiss nicht nötig, dass eine arbeitende Klasse dauerhaft eine andere Klasse versorgt. Das bedingungslose Grundeinkommen ist nicht die Dystopie, für die Sander sie hält.

Anders als Sander vermutet, wird ein BGE nicht Massenarbeitslosigkeit zementieren. Vielmehr wird ein BGE in der Zukunft notwendig sein, da routinierte Berufe besser von Maschinen bewältigt werden können. Solche Berufe fallen weg. Aus Ausgleich brauchen wir eine Existenzsicherung. Arbeitsplätze in Produktionsbereichen wird es nicht mehr geben, diese Menschen müssen wir auffangen, indem wir z. B. die erwirtschafteten Gewinne aus den automatisierten Arbeitssektoren in das BGE investieren, das letztlich diejenigen bekommen, die anstelle der Maschine den Beruf ausgeübt hätten und haben.

Allerdings ist auch dieses Argument kritisch zu sehen. Schließlich ist Automatisierung von Berufen keine neue Erscheinung. Zwar werden Berufe wegfallen, aber es werden auch neue geschaffen. Früher gab es den Beruf des Rechners. Das waren Menschen, die mithilfe von Rechenmaschinen numerische Verfahren angewandt haben, um für ein Unternehmen Rechnungen durchzuführen. Vergleichbar ist der Beruf mit dem des Sekretärs. Als der Computer erfunden wurde, entfiel dieser Beruf, aber dafür kamen neue hinzu. Die zimmergroßen Computer mussten auch gewartet, transportiert, gebaut werden. Allgemein gesagt können wir Menschen aus entfallenen Berufen auffangen, indem wir sie für neue Berufe umschulen, die stattdessen gebraucht werden. Aber auch ohne Massenarbeitslosigkeit ist ein BGE sinnvoll, denn:

In Städten wie Dauphin, New Jersey, Pennsylvania, Seattle oder Denver wurde mit diesem Konzept bereits experimentiert. In Dauphin wurde ein (knapp) existenzsicherndes BGE an jeden Bewohner der Stadt gezahlt. Eine zusätzliche Belohnung wurde durch eine negative Einkommenssteuer realisiert, denn jeder zusätzlich verdiente Dollar ließ das Mindesteinkommen lediglich um 50 Cent sinken. In konventionellen Sozialhilfeprogrammen werden Empfänger nicht belohnt, wenn sie in der Erwerbstätigkeit aktiv sind. Dieser Anreiz habe auch dazu beigetragen, dass der Arbeitsmarkt nicht zusammenbrach.

Evelyn Forget folgerte aus den Daten, dass junge Mütter und Jugendliche weniger arbeiteten. Erstere wollten sich länger um ihre Neugeborene kümmern und letztere standen nicht mehr unter dem Druck, ihre Familie finanziell mitzuversorgen. Dies führte dazu, dass mehr Jugendliche den Schulabschluss bestanden. Zusätzlich haben diejenigen, die weitergearbeitet haben, die Chance gehabt, zu entscheiden, welchen Beruf sie ausüben wollen. Krankenhausaufenthalte fielen, weniger Arbeitsunfälle geschahen und weniger Notfallaufnahmen wegen Unfällen oder Verletzungen. Außerdem sank die Rate von Psychiatrie-Aufenthalten und die Anzahl an ärztlichen Beratungen mit Betroffenen von psychischen Leiden. Die Bewohner hatten weniger Stress, seelische oder körperliche Beschwerden, Armut existierte praktisch nicht mehr, mehr Jugendliche schlossen die High-School ab, die Kosten für das Gesundheitssystem sanken, die Kriminalitätsrate sank und die ökonomische Stabilität der Landwirtschaft war durch die Unabhängigkeit von den Launen der Ernte oder den globalen Lebensmittelpreisen gesichert.

Jungen, kreativen Menschen wird diese Form der Existenzsicherung zu Gute kommen. Denn von Kunst und Kultur können die meisten nicht leben, obwohl es ihr Leben erfüllt. Künstler müssten nicht mehr an Schlafstörungen leiden, sondern könnten sich auf ihr Schaffen konzentrieren und der Gesellschaft einen kulturellen Beitrag leisten. Denn der durchschnittliche Schriftsteller lebt von etwa 3000 Euro… im Jahr. Das sind 250 Euro im Monat. Mit einem Mindesteinkommen würden wir aufblühen. Wir hätten eine Hochkultur. Mehr Menschen könnten sich ehrenamtlich engagieren, spenden, fortbilden und Kindern die Bildung finanzieren. Geldsorgen und Armut würden verschwinden.

Das bedingungslose Grundeinkommen führt nicht zu einer Dystopie. Es beendet eine.

Quellen:

Florian Sander: BGE: Am Ende eine Dystopie

Evelyn L Forget (2008): The town with no poverty: A history of the North American Guaranteed Annual Income

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2 Kommentare zu „Das Ende einer Dystopie

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