Fliegen lernen

Bist du glücklich und zufrieden mit deinem Leben?

Das Ziel des Minimalismus ist das Führen eines bedeutungsvollen Lebens. Das heißt nicht, dass wir in jedem Geschichtsbuch stehen müssen und große Wunderwerke vollbringen müssen, um Bedeutung zu gewinnen. Nein, selbst wenn wir US-Präsident werden, werden wir vergessen. Oder kennt hier jemand alle 46 US-Präsidenten mit all ihren Verdiensten und Misserfolgen? Es leben etwa 7,5 Milliarden Menschen auf diesen Planeten und es haben schätzungsweise 118 Milliarden Menschen gelebt. Die Bedeutung des Einzelnen tendiert gegen Null. Daher ist der Kampf um Status, Erfolg oder Bedeutung aussichtslos. Auf längere Sicht führt sie zu nichts. Die Alternative, ein bedeutungsvolles und erfülltes Leben zu führen, führt langfristig auch zu nichts – aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir durch den Kampf um sozialen Status unglücklich, gestresst und von Besitz überflutet werden. Wir machen unser Selbstwertgefühl abhängig von den Erfolgen anderer und vergleichen uns mit den Nachbarn. Dieses Verhalten ist symptomatisch für eine Gesellschaft, in der Haben wichtiger ist als Sein. Wir müllen nicht nur Haus und Heim zu, sondern auch unseren Geist. Wir bringen in ihm Unordnung und Chaos rein, häufen Schuldenberge an und werden zu Sklaven von Banken. Wir hassen unsere Jobs und als Ausgleich für die verschwendete Lebenszeit konsumieren wir maßlos.

Wie entkommen wir der Falle? Minimalisten präsentieren uns die Lösung. Sie ist erstaunlich einfach. Wir können uns das Glück erkaufen. Der Preis: nichts! Keinen Cent müssen wir dafür ausgeben, im Gegenteil: wir können durch unser Glück verdienen! Indem wir unseren unnötigen Besitz verkaufen und loswerden, bekommen wir mehr Raum, mehr Platz in unserer Wohnung und können in eine kleinere ziehen, für die wir weniger Miete zahlen müssen. Hausbesitzer können ab einen gewissen Punkt ihr Haus verkaufen, müssen die Hypothek nicht mehr abbezahlen, als Schuldner nicht mehr für die Bank arbeiten und ein Leben in größerer Freiheit genießen.

Ab wann ist Besitz überflüssig? Was sollten wir loswerden und was nicht? Dafür gibt es keine einheitliche Antwort, auch wenn sich die meisten da überschneiden. Minimalisten verkaufen ihren Fernseher, Tablet und Küchengeräte, die sie nie benutzt haben. Danach folgen CD- und Büchersammlungen, da wir den Großteil uns nie wieder anhören oder durchlesen. Diese Inhalte können wir auch digitalisieren, dennoch sollten nur gern und regelmäßig gehörte Lieder behalten werden. Dekorationen gehören ebenfalls zu den ersten Dingen, die verschwinden. Wohlgemerkt, Dekorationen sind in einer minimalistischen Wohnung erlaubt. Auch hier gilt: weniger ist mehr.

Joshua Fields Milburn und Ryan Nicodemus geben auf ihrer Website http://www.theminimalists.com Tipps, um herauszufinden, wovon wir uns befreien sollten. Stellt euch die Frage: Brauche ich das wirklich? Habe ich es in den letzten drei Monaten benutzt und werde ich diesen Gegenstand in den nächsten drei Monaten verwenden? Schreibt euch eine Liste von den zehn teuersten Gegenständen, die ihr besitzt und den zehn wichtigsten Dingen in eurem Leben. Die Listen werden in keinem Punkt übereinstimmen. Eine Sammlung von Rolex-Armbanduhren verschafft uns nicht mehr Zeit im Leben. Fragt euch beim Einkaufen, was ihr wollt: das Produkt oder das Geld, das ihr ausgeben müsst.

Ich konnte einen Kleiderschrank und ein Bücherregal loswerden. Meine Lieblingsbücher und -klamotten habe ich behalten. Hanteln und eine Hantelbank verschwanden auch aus meinem Zimmer. Von nun an trainiere ich ohne Geräte und zu Hause, um nicht in Abhängigkeit von Wind, Wetter oder Werkzeugen zu gelangen. Mein Zimmer ist aufgeräumt. Das Wichtigste ist jedoch: Mein Geist verlor Ballast. Mein Ziel war es nicht, Glückseligkeit zu erlangen. Aber Glück und Zufriedenheit sind schöne, erwünschte Nebeneffekte einer minimalistischen Lebensführung. Ich meldete mich von sozialen Netzwerken ab und verbringe meine Zeit nun, um zu lesen, zu schreiben, zu kochen oder Französisch zu lernen. Serien, Fernsehen, Unterhaltung auf YouTube… all das gehört der Vergangenheit an. Stattdessen: Meditation, Mittagsschlaf und Musik. Es ist unfassbar, wie viel Zeit ich dadurch gewonnen habe. Der Verzicht fühlt sich nicht als Verlust an, sondern als Gewinn – als Gewinn von Lebensfreude durch das Verzichten von Tätigkeiten, die mir Lebensfreude versprachen.

Zu lange folgte ich dem Irrglauben, dass Konsum mich glücklich machen könnte. Mit Konsum verdrängen und unterdrücken wir unsere Probleme, Ängste und Sorgen, anstatt an ihnen zu arbeiten. Minimalismus fordert uns heraus, denn wir setzen uns stärker mit dem Sinn des Lebens auseinander. In den meisten Fällen stellen wir fest, dass unsere Tätigkeiten nicht unseren wirklichen Wünschen entsprechen. Wir müssen nicht die Karriereleiter emporsteigen, wir müssen nicht viel Geld verdienen, wir müssen keinen SUV fahren. Mir reicht es, Essayist zu werden, Nebenjobs zu führen und Fahrrad zu fahren. Das große Geld erwartet mich nicht. Aber das Glück.

Lebe im Jetzt. Deine Zeit, dein Leben ist das kostbarste, was du hast. Wenn du dich mit einem Menschen unterhältst, bringe ihm Respekt entgegen. Schaue nicht auf dein Smartphone, sondern höre achtsam zu. Wenn du isst, schaue nicht fern, sondern genieße jeden einzelnen Biss, jeden einzelnen Moment und sei dankbar für die Tatsache, dass du regelmäßig essen kannst. Wenn du in die Schule gehst, sieh das nicht als Qual an, sondern als Chance oder als Herausforderung. Wenn du Angst vor einer Reise oder der Verwirklichung deiner Ziele hast – ein Grund mehr, sie zu machen! Überwinde deine Ängste, wachse an ihnen. Nichts im Leben ist selbstverständlich – nicht das Essen, das warme Bett, bei den Eltern leben, keine Angst vor Bürgerkriegen haben, Freundschaften, Beziehungen, kostenlose Schulbildung oder sauberes Trinkwasser! Sei dankbar.

Minimalismus ist kein Utopia. Es wird nicht alle Probleme lösen, sondern deine alten Probleme gegen neue eintauschen. Das ist ein Naturgesetz: Singles beklagen ihre Einsamkeit, Verheirate beklagen ihre eingeschränkte Freiheit. Konsumisten haben ihre typischen Probleme, Minimalisten auch. Die Lebensqualität ist nichtsdestoweniger eine bessere. Die wenigsten bereuen es, diesen Weg einzuschlagen. Richtig gehört: Es ist ein Weg, nicht das Ziel. Minimalismus bedeutet ständige Arbeit an sich selbst, um zu den besten Menschen zu werden, der man sein kann. Minimalismus bedeutet, seine Ziele neu zu sortieren, einzuordnen und Prioritäten setzen. Minimalismus bedeutet Hinterfragen, ein kritisches Bewusstsein, erhöhte Achtsamkeit.

Minimalismus ist gleich Maximalismus. Viel Glück mit wenig Besitz. Das Maximieren der Lebensqualität, des Genusses, des Nutzens von Zeit und Raum. Das Wegwerfen von Dingen ist nur der erste wichtige Schritt in Richtung eines freieren Lebens. Wenn dein Kopf voll ist, hilft dir die minimalistischste Wohnung nicht. Minimal-materialistisch -, aber nicht zum Schaden der Lebensqualität. Minimalismus bedeutet nicht nur, wenig zu besitzen, sondern auch Persönlichkeitsentwicklung, Achtsamkeit, Genuss und Potentialentfaltung.

Meine Lieblingsgeschichte handelt von einem Adler, der unter Hühner aufwächst, weil ein Wanderer sein Ei aufgefunden und in das Nest eines Bauernhofs gelegt hat. Der Adler pickte wie andere Hühner am Boden nach Insekten, Samen und Körnern, gackerte und flog höchstens einen halben Meter in die Luft wie andere Hühner. Schließlich kam auch seine Zeit und der Adler wurde alt. Er sah einen starken und stolzen Vogel am Himmel fliegen und blieb erstaunt sehen. Als er fragte, was das für ein Tier sei, antwortete ihm ein Huhn: „Das ist ein Adler! Er ist der König aller Vögel! Er ist majestätisch und mächtig! Doch mach dir keine Sorgen über ihn. Du wirst nie so wie der Adler werden. Er kann so hoch fliegen, weil er ein Adler ist, aber wir sind nur Hühner. Wir müssen am Boden bleiben.“ Und so starb der Adler, ohne ein einziges Mal hoch geflogen zu sein. Er starb, ohne jemals das gewesen zu sein, was er wirklich ist – ein Adler, kein Huhn!

Wir alle kennen die Geschichte von Ikarus, dessen Vater ihm geraten hat, nicht zu hoch zu fliegen, da seine Flügel aus Wachs wegen der Hitze der Sonne schmelzen würden und er an den Sturz sterben würde. Wegen seiner Arroganz flog Ikarus dennoch hoch und starb an den Sturz. Aber das ist nicht die ganze Geschichte, denn Ikarus‘ Vater riet ihm auch, nicht zu tief am See zu fliegen, da die Feuchte des Meeres zum Absturz führen würde. Wie glauben, dass es falsch ist, arrogant zu sein und richtig, bescheiden zu sein. Bescheidenheit ist eine Tugend? Nein! Selbstliebe ist eine Tugend! Seinen eigenen Wert zu erkennen, zu akzeptieren und dem gemäß zu handeln – das ist wahre charakterliche Größe! Die größte Tragödie der menschlichen Existenz ist es nicht, zu hoch zu fliegen und zu stürzen, sondern zu niedrig zu fliegen und sein Ziel nicht zu treffen! Doch die meisten von uns verhalten sich wie Hühner, obwohl sie Adler sind. Die meisten von uns haben Angst vor der Höhe und fliegen lieber tief. Die meisten von uns machen sich über die Leute in der „Friendzone“ lustig. Aber wer macht sich über die Leute in der Komfortzone lustig? Niemand! Wir selbst stecken in der Komfortzone. Wer erkennt mit Freude, dass er weit unter seinem Potential steckt?

Wie ein Adler zu fliegen bedeutet nicht, viel Geld durch eine steile Karriere zu verdienen und dies durch materiellen Besitz demonstrativ zur Schau stellen. Eines Abends blickte ich zum Himmel und sah den Mond, nicht eine Photographie vom Mond, kein Gemälde, sondern den Mond selbst. Nicht, dass mir sein Antlitz unbekannt wäre: ich habe ihn schon oft genug gesehen. Aber da wurde mir eins klar: Egal, wie ich lebe, der Mond wird trotzdem weiter um die Erde kreisen. Ich könnte total versagen. Ich könnte abstürzen, Drogen nehmen, obdachlos werden und gesellschaftlich missachtet werden. Ich könnte der erfolgreichste, einflussreichste, reichste und glücklichste Mensch der Welt sein – und der Mond würde sich trotzdem weiter um die Erde drehen. Nicht nur der Mond; die Erde würde sich weiter um die Sonne drehen, das Sonnensystem weiter um das Zentrum der Milchstraße, die Milchstraße weiter um ein Galaxiencluster. Ich könnte auf der Erde erreichen, was ich will: Letztendlich bin ich dem Universum egal. Einst machte mich das depressiv, bis ich den Trost in dieser Erkenntnis verstand: Es gibt keinen Druck. Ich muss keine Karriere verfolgen, die ich nicht will. Ich muss nicht viel Geld verdienen. Ich muss mir keinen goldenen Porsche leisten können: Das Leben ist keine Prüfung. Du kannst es weder richtig noch falsch machen. Es gibt weder Bestehen noch Durchfallen.

Wie ein Adler zu fliegen bedeutet, mein Leben zu leben, es in vollen Zügen zu genießen und die Persönlichkeit sein, die ich wirklich bin. Wie ein Adler zu fliegen bedeutet für mich, einen Charakter zu entwickeln: die Fähigkeit, nach der Euphorie ein Ziel weiterzuverfolgen. Wahre Leidenschaft! Wie ein Adler zu fliegen bedeutet: seiner Bestimmung nachzugehen, seine Ängste aufzugeben und sich trauen, seine Ziele zu verfolgen – zu leben! Im Hier und Jetzt!

Zwei Wochen sind seit dem Neujahr vergangen. Vergesst die Vorsätze für das Neue Jahr. Ich biete euch eine Alternative an: Vorsätze für ein Neues Leben! Und nun fliegt, denn ihr seid Adler.

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6 Kommentare zu „Fliegen lernen

  1. „… sondern zu niedrig zu fliegen und sein Ziel zu treffen!“
    Ich glaube, das müßte eigentlich heißen: „… sondern zu niedrig zu fliegen und sein Ziel NICHT zu treffen!“
    Eigentlich korrigiere ich normalerweise nicht an den Sätzen anderer Blogger herum. Aber in diesem Fall schätze ich den Inhalt des Posts zu sehr, um den verunglückten Satz so stehen zu lassen.

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  2. Und mit jedem Umzug kommt das Erschrecken über die Schwere: „So viel wiege ich also! So viel hängt an mir dran…“ Materieller Besitz ist auch eine Art, sein Ich auszudehnen..
    Aber ich weiß nicht, ich persönlich mag eine Wohnung voller Bücher, voller Teppiche, Kissen, Sessel und Kerzen. Für mich ist das Behaglichkeit, nicht ein „white cube“, der mir bloß Ödnis, Kälte und Leere auszustrahlen scheint.
    Letztlich bleibt die Menge an materiellen Besitz auch nur ein Symbol dafür, wie sehr wir unser Ich von unnötigem Ballast befreit haben. Das sollte wohl an erster Stelle stehen.
    Schöner Text übrigens.
    Beste Grüße

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    1. Da hast du natürlich Recht.
      Minimalismus ist ein Weg, nicht der Weg. Für mich und viele andere hat er funktioniert. Eine Garantie gibt es nicht. Minimalismus muss nicht ein „white cube“ sein – Dekoration ist erlaubt!
      Vielen Dank und liebe Grüße!

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  3. Minimalismus ist ein tolles Thema…
    Auf meinen Job möchte ich allerdings nicht verzichten, denn von was soll ich denn mal leben, wenn ich alt und gebrechlich bin und mich nicht mehr bewegen kann, um einen Nebenjob machen zu können? Die Frage wäre ja auch diese, ob ich überhaupt noch einen Job finden könnte, wenn ich die 75 weit überschritten hätte?

    Ciao

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    1. Die Frage ist auch, ob du überhaupt so lange leben willst. Es gibt kein Muss, der vorgezeichnete Weg ist nur EIN Weg, du kannst ihn so variieren und deinen Wünschen entsprechend anpassen, wie du es willst.

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