Entfesselt euch!

Wir befinden uns in der Falle. Wir arbeiten in einem Beruf, den wir satthaben, um Geld zu verdienen und für Dinge auszugeben, die wir nicht brauchen, um Menschen zu gefallen, die wir unerträglich finden. Das Haus ist kein Heim mehr, sondern eine Docking-Station, um den eigenen Akku für die Arbeit wieder aufzuladen. Weihnachten entwickelte sich von einem Fest der Nächstenliebe zu einer Möglichkeit, vor dem Chef zu fliehen. Von Kindesbeinen an leben wir in einem Klima, in der die Arbeit verhasst ist: die Eltern haben keine Zeit, in der Grundschule müssen wir uns anstrengen, um auf das Gymnasium und später auf die Universität zu kommen, nach dem Abschluss einen Beruf nachzugehen, den wir nie wollten. Wir träumen davon, reich zu werden oder nie arbeiten zu müssen und hören nicht damit auf, wenn wir die bittere Realität erkennen. In der Schule kommt ein Befehl nach den anderen und der sehnsüchtige Blick auf die Uhr ändert nichts an diesen Umständen. Je länger einer im System bleibt, je tiefer er in der Kette zum Bürosklaven steckt, desto schlimmer ist es um ihn bestellt.

Wie entkommen wir dieser Situation? Robert Wringham schreibt in seinem Buch „Ich bin raus: Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung“ über die neue Entfesselungskunst und Minimalismus. Kritiker entgegnen ihm: Was machen wir ohne Arbeit? Das System muss funktionieren! Ohne Arbeit gibt es keinen Sinn im Leben! Zu Recht haben diese Skeptiker erkannt, dass es um das höchste geht, was wir haben: das Leben! Unser Leben steht auf dem Spiel, unsere Zeit! Sollten wir sie mit unsinniger Arbeit vergeuden?

Wringham habe noch nie von einem Entfesselungskünstler gehört, der der Arbeit, der Armut, den Schulden und dem Stress entflohen ist, um das Leben in Elend und vor der Spielekonsole zu verbringen. Tatsächlich führt die Flucht vor der Arbeit wieder zur Arbeit – aber in erfüllendes und sinnvolles Schaffen, welches sich grundsätzlich von Bullshit-Jobs unterscheidet. Der Drang, zu handeln, kommt immer wieder durch. Daher plädiert Wringham für ein bedingungsloses Grundeinkommen: das Argument, dass niemand mehr bei einem Grundeinkommen arbeiten geht, entkräftet er und spricht sich dafür aus, dass kreative Menschen einen sicheren Boden unter den Füßen haben, um ihr künstlerischen Ziele zu verwirklichen – ohne Angst zu haben, auf der Straße zu landen oder einen ätzenden Beruf nachgehen zu müssen. Mehr Unternehmen könnten entstehen, da vorsichtige Gründer eine Sicherung hätten.

Selbstverständlich muss es Arbeit geben, damit unsere Wirtschaft funktionieren kann. Trotzdem sollten wir uns die Frage stellen, was uns wichtiger ist: unser Leben oder die Wirtschaft? Sollten wir leben, um zu arbeiten oder arbeiten, um zu leben? Und sollte es die Wirtschaft, wie sie momentan existiert, weiterhin geben? Nein. Wir dürfen aber nicht warten, bis die Politik die Industrie ändert oder die Industrie gar sich selbst. Dann wird es schon längst zu spät sein. Konsumenten schieben die Schuld auf die Industrie, da sich das System ändern müsse. Produzenten schieben die Schuld auf die Konsumenten, die unwillig sind, höhere Preise für nachhaltige und hochqualitative Produkte auszugeben. Politiker machen einen Spagat zwischen Konsumenten und Produzenten.

Natürlich kann ein minimalistisches Leben in der Freiheit durch edle Motive wie Umweltschutz begründet sein; der stärkste Antrieb, sich aus der Falle zu befreien, ist aber die Idee des Guten Lebens, über die antike griechische Philosophen diskutierten. Wie lebt der Mensch am besten? Wie wird er glücklich? Epikur sah die Lebensfreude als höchstes Gut an und war der Ansicht, dass wahrer Genuss und Glückseligkeit nichts mit Arbeit oder Konsum zu tun haben. Er legte vor allem Wert auf einfache Genüsse, enge Freundschaften, Freiheit und Bewusstsein. Um eine unerschütterliche Seelenruhe zu erreichen, sollen wir bedürfnislos und tugendhaft leben. Ein prominenter Vertreter der Bedürfnislosigkeit ist Diogenes von Sinope. Jorge Bucay schildert in seinem Buch „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ folgende Überlieferung:

„Eines Tages saß Diogenes auf der Schwelle irgendeines Hauses und aß einen Teller Linsen. In ganz Athen gab es kein billigeres Essen als dieses Linsengericht. Anders gesagt, einen Teller Linsen zu essen bedeutete, daß man sich in einer äußerst prekären Situation befand.

Ein Minister des Kaisers sagte zu ihm: „Wie bedauerlich für dich, Diogenes! Wenn du lernen würdest, etwas unterwürfiger zu sein und dem Kaiser ein bißchen mehr zu schmeicheln, müßtest du nicht so viele Linsen essen.“ Diogenes hörte auf zu essen, hob den Blick, sah den wohlhabenden Gesprächspartner fest an und antwortete: „Bedauerlich für dich, Bruder. Wenn du lernen würdest, ein paar Linsen zu essen, müßtest du nicht so unterwürfig sein und dem Kaiser ständig schmeicheln.“ (S.191f.) Das ist der Weg der Selbstbehauptung und der Verteidigung der eigenen Würde. Wir sollten uns eine Scheibe von Diogenes abschneiden und den Preis der Selbstaufgabe für Luxusgüter nicht mehr zahlen.

Liegen wir am Ende unseres Lebens auf dem Sterbebett, werden wir nicht bereuen, dass wir so wenig gearbeitet haben, sondern zu wenig Zeit mit unserer Familie oder Freunden verbracht, uns nicht getraut haben, in Freiheit zu leben oder versuchten, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Wringham arbeitete einst in der Bibliothek eines Krebsforschungsinstituts und las sich die Tagebücher von Krebserkrankten durch. Am schlimmsten sei es gewesen, zu lesen, wie Erkrankte plötzlich feststellten, dass Karriere, harte Arbeit und Konsum nichts bedeuteten, dafür aber Familie, Freunde und Freiheit! Jedes Mal sei die Überraschung groß gewesen und mit Wut und Panik verbunden. Wir sollten nicht warten, bis Ärzte bei uns eine tödliche Krankheit diagnostizieren. Wir sollten unsere Prioritäten früher setzen. Zu diesem Zweck hatten die Bohemiens des 19. Jahrhunderts eine Vorliebe für Totenköpfe: Ein menschlicher Totenkopf auf einem Bücherregal zwischen den Büchern erinnert uns daran, dass das Leben vergänglich ist. Es vergeht zu schnell, um sich Sorgen zu machen – als Memento Mori dient es uns als Erinnerung daran, dass die eigene Sterblichkeit die Lösung für unsere Existenzangst ist.

„Aber wie realistisch ist das? Wer putzt dann noch die Flure? Wer fegt die Straße?“ – dieselben Einwürfe kamen auch, als die Sklaverei abgeschafft wurde. Die echte Beschäftigungskrise unserer Republik ist doch, dass wir trotz aller Fortschritte angeblich 40 Millionen Arbeitskräfte brauchen, um alle Bedürfnisse zu befriedigen. Trotzdem: Wie können wir uns aus der tödlichen Spirale des Konsumkapitalismus befreien? Der Weg führt über den Minimalismus. Wenn wir uns gegen Modewahn, Trendsetting und Kabelfernsehen wappnen, überflüssigen Besitz loswerden, brauchen wir keine große Wohnung mehr und müssen kein Vollzeit-Einkommen erzielen. Informations-, Status-, Existenzangst, das Ego und Abhängigkeiten – all das müssen wir hinter uns lassen, wenn wir ein Leben in Freiheit und Zufriedenheit genießen wollen, sagt Wringham. Wollen wir den unnötigen Bereichen der Wirtschaft schaden, müssen wir zuerst unsere Ausgaben minimieren und herausfinden, was wir für unser Leben wirklich brauchen. Wie viel bedeutet uns ein Auto oder eine Spielekonsole? So viel, dass wir weitere zehn Jahre in Lohnknechtschaft verbringen? Ist Konsum jenseits der Befriedigung der Grundbedürfnisse es wert, beträchtliche Opfer zu bringen? Wir sollten nur diejenigen Besitztümer behalten, die wir regelmäßig benutzen oder die einen besonderen ästhetischen Wert haben. Bei letzterem gilt auch: weniger ist mehr. Weniger Kunstwerke im Wohnzimmer verstärken die Bedeutung der verbleibenden. Das ist die Macht des Minimalismus.

Nach der Verringerung der Ausgaben kann eine Verringerung des Einkommens durch weniger Arbeit erfolgen. Ein Vorschlag Wringhams ist es allerdings, für den Notfall etwas zurückzulegen, da der Fluchtplan scheitern kann. Im Gegenzug hätten wir die Vergewisserung, dass wir es versucht haben. Auch mit Teilzeit- oder zeitarbeit befinden wir uns zwar nicht in der absoluten Freiheit, aber mehr Lebenszeit und -qualität haben wir dadurch allemal gewonnen. Ohne Geld können wir in diesem System nicht leben, daher müssen wir einen Weg finden, uns zu versorgen, ohne im herkömmlichen Sinn arbeiten zu müssen.

What would Kant do? Ist die Maxime, der Arbeitswelt und der Konsumwirtschaft zu entkommen, um ein Leben in Freiheit genießen zu können, verallgemeinerbar? Ja, definitiv! Laut Kant haben wir uns gegenüber eine moralische Pflicht und Verantwortung. Der Mensch ist kein Mittel zum Zweck der Erhaltung der Wirtschaft, er ist Zweck an sich und besitzt eine Würde. Natürlich würde die Wirtschaft zusammenbrechen, wenn wir aufhören würden, sinnlosen Besitz anzuhäufen – das ist ein „Opfer“, das wir bringen müssen, nicht nur der eigenen Person gegenüber, sondern auch der Menschheit als ganzes gegenüber. Bricht denn die Konsumwirtschaft zusammen, verbrauchen wir weniger Ressourcen und schonen die Umwelt, aber nicht der Welt zuliebe, sondern uns zuliebe. Die Erde hat kein Umweltproblem – wir haben es! Entweder passen wir uns an oder wir werden angepasst. Diejenigen Lebewesen, die sich nicht an steigende Temperaturen und übersäuerte Böden gewöhnen können, werden aussterben. Die Maximen der Konsumwirtschaft sind weder zukunftsfähig noch verallgemeinerbar. Wir müssen die ökologischen Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Wirtschaft schaffen, denn nur diese kann weiteres Wachstum ohne existenzbedrohende Nebenwirkungen sichern.

Arbeiter aller Länder, entfesselt euch!

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