Stadt, Land, Überfluss

Wann war das letzte Mal, dass du einen Kauf bereut hast? Wann war das letzte Mal, dass du spontan etwas gekauft hast, was nicht auf deiner Einkaufsliste stand? Wie viele Dinge um dich herum brauchst und benutzt du wirklich?

Konsum ist immer und überall zu haben. Ich brauche keine Begabung, ich brauche Geld. Die Innenstädte sind überfüllt von Geschäften, die damit werben, ihre Produkte heruntergesetzt zu haben und dass alles billig sei. Geiz ist geil. Solange Sonderangebot, Rabatt oder „nur für kurze Zeit“ daran steht, greifen wir gerne zu. Mid-Season-Sales zeigen uns das immer wieder. Oder dass Modehersteller jeden Monat neue Kleidung auf den Markt werfen. Gehend von einem Laden zum nächsten, erfreuen wir uns an den dargebotenen Waren. Je billiger, desto besser. Die meisten interessiert es nicht, wer unter den Preisen zu leiden hat. Nach der Devise: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wir kennen all die großen Zahlen und Grafiken, aber sie belasten uns nicht. Wir reagieren auf Einzelschicksale anders. Aber wie oft hören wir von ihnen? Eben. Trotzdem findet im Moment ein Wandel statt. Weg vom Einzelhandel, in dem noch Kontakt zwischen Menschen herrschte, hin zum Internethandel, welcher die Geschäfte, die noch Menschlichkeit vermitteln, nach und nach kaputt macht. Als Treffpunkte und Ort der Kommunikation verwahrlosen die Innenstädte.

Ein Problem des Internethandels besteht vor allem in der Dominanz marktbeherrschender Konzerne. Für Konsumgüter allen voran Amazon. Jeff Bezos wollte sein Unternehmen ursprünglich „relentless“ nennen, zu deutsch unbarmherzig. Gepasst hätte es besser. Amazons Handy will im Preiskampf noch weiter gehen. Es soll einen extra Knopf bekommen, um Produkte zu fotografieren, zu scannen, mit der gesamten Palette an Amazon-Produkten zu vergleichen und den Preis bei Amazon anzuzeigen. Per Klick lässt sich die Ware ohne Umstände bestellen. Von einem Nachdenken über den wirklichen Bedarf geht unsere Gesellschaft zum Impulsivkauf über. Geiz-ist-Geil hat gesiegt.

Der Leila-Shop in Berlin ist eine Antwort auf diesen Überfluss, ein Gegenentwurf zur Zweckrationalität eines Supermarktes. In dem Shop können Menschen ihren überflüssigen Besitz zur Verfügung stellen, um im Gegenzug selbst nützliche Gegenstände auszuleihen. Denn unser Alltag ist umzingelt von Gegenständen, die wir bis zu dreimal im Jahr brauchen, wenn überhaupt. Einer Studie des Bundesumweltministeriums nach besitzt der Durchschnittsdeutsche 10.000 Dinge, zehnmal so viel vor hundert Jahren, doch nur einen Bruchteil nach dem Kauf nimmt er in die Hand. Paco Underhill, Autor und Umweltpsychologie aus den USA, berichtete bereits 1999, dass es einen Wirtschaftszusammenbruch gäbe, wenn wir nur dann kaufen, wenn wir müssten und nur das, was wir brauchen. Wegen dieser ungeheuren Menge an sinnfreien Konsumgütern steigt auch die Wohnfläche. Anfang der 90er war eine durchschnittliche Wohnung für eine Person 35 Quadratmeter groß, heute sind es 43 Quadratmeter. 2030 wird sie Prognosen nach bei 54 Quadratmetern liegen. Und der Bedarf an Lagerräumen und angemieteten Kellern nimmt auch immer mehr zu, sagt ein Sprecher des Lagerhallen-Vermieters MyPlace. Das Unternehmen verfügte Anfang 2000 über einen Standort. Anfang 2013 waren es bereits 23 Hallen, gefüllt bis zum Rand mit Gegenständen, die niemand braucht. Der Klassiker für nutzlosen Besitz ist die Bohrmaschine, die wir im Laufe ihres Daseins im Schnitt 13 Minuten benutzen. Im Laufe ihres Daseins verstaubt sie – in jedem Haus. Konsum ist ein unbewusster Wahnsinn. Lasst uns nutzlosen Besitz durch besitzlosen Nutzen ersetzen und unseren Wohlstand anders denken! Nicht jeder muss alles haben. Es reicht, wenn wir uns bestimmte Dinge teilen, wie es in Bibliotheken seit gut zwei Jahrhunderten gang und gäbe ist. Für die Wehr gegen den Überkonsum benötigen wir nur Menschen mit Gemeinsinn. Leila ist nicht das Ende, aber ein Anfang. Deutsche Staatsbürger kaufen jährlich zehn Millionen Fernseher, 13 Millionen Computer und 22 Millionen Smartphone; die Anschaffungsneigung hat einen Höhepunkt erreicht. Laut Hamburger Wissenschaftlern, die die weggeworfenen Handys von 4000 Hansestädtern untersucht haben, weisen nur zehn Prozent der Geräte sichtbare Schäden auf, weitere 20 Prozent haben andere Defekte, funktionieren aber. Es geht den Menschen nicht um Nutzen, sondern um Haben.

Hierbei spielen vier Effekte eine Rolle. Der erste ist der genannte Mitläufer-Effekt. Er besagt, dass wir Dinge haben wollen, die andere auch haben. Von Jahr zu Jahr kaufen sich Scharen von Jüngern die neusten Apple-Produkte, obwohl ihre iPhones einwandfrei funktionieren. Wir schauen die Bundesliga lieber auf einem Flachbildschirm statt auf einem Röhrenbild, fahren lieber mit einem SUV durch die Innenstadt, anstatt das Fahrrad zu benutzen. Der britische Wirtschaftswissenschaftler Mark Boyle erschien anderen Exzentriker, bloß weil er keinen Plasma-Fernseher besaß, als er freiwillig auf Konsum verzichtete.

Neben dem Mitläufer-Effekt hat auch der Snob-Effekt einen Einfluss auf das Kaufverhalten. Er treibt diejenigen in den Kaufrausch, die Dinge haben wollen, weil sie andere nicht haben. Dadurch heben wir uns von den anderen ab, wollen unsere mutmaßliche Individualität zeigen oder drücken unser Prestige durch überteuerte Statussymbole aus. Neben dem Snob-Effekt gibt es noch den Geltungskonsum. Thorstein Veblen, Soziologe, beobachtete bereits 1899 den Geltungskonsum unter Amerikas Reichen. Es gibt einen Markt für Dinge, die ungeheuer teuer sind, dass die Zahl der Nachahmer sich garantiert in überschaubaren Grenzen halten wird. Aufgrund dieses Effekts fließt das tonnenweise Geld bei den Yacht-Herstellern. Und das ist auch der Unterschied. Betroffene bevorzugen Güter wegen ihres höheren Preises, um zu zeigen, was sie sich leisten können. Das dient der Definition des eigenen sozialen Status‘. Die Nachfrage ist eine direkte Folge aus dem höheren Preis. Beim Snobeffekt dagegen ist die Einzigartigkeit des Produkts das Kriterium. Der Preis hat darauf nur indirekten Einfluss. Punks beispielsweise verhalten sich nach dem Snob-Effekt. Sie zielen darauf ab, sich durch nonkonformistische Mode von der Gesellschaft abzugrenzen.

Außerdem beschreibt der Diderot-Effekt, wie Menschen nach dem Kauf eines Gegenstands in den Zwang geraten können, weitere Käufe zu tätigen, um ein passendes Gesamtbild zu schaffen. Ein neuer Schal kann zu all den Klamotten im Kleiderschrank nicht passen. Oder ein Sessel, der farblich nicht in die Wohnung passt. Die entstehende Unzufriedenheit löst eine Konsum-Kettenreaktion aus. Als Käufer muss man die restlichen Sessel auch ersetzen, der Schrank passt auch nicht mehr, die Farbe des Bettes sieht neben dem Schreibtisch unschön aus und die Lampe sieht viel zu altmodisch aus. Wofür ist Konsum gut, wenn er uns schadet?

Laut Robert und Edward Skidelsky dient Konsum Placebo unserer Gesellschaft, zu unserer scheinbaren Belohnung für exzessive Arbeit. Kurzfristig gesehen tut uns der Kaufrausch gut, weil das Gehirn Neurotransmitter und Hormone für Hochgefühle ausschüttet. „Kauf dich glücklich!“, der Name eines verbreiteten Mode-Ladens ist Programm. Doch diese Kicks halten nur Minuten oder Sekunden an. Wir dürfen diese süchtig machenden euphorischen Momente nicht mit Zufriedenheit verwechseln. Nach einer Zeit bildet sich eine Toleranz, was heißt, dass wir die Dosis erhöhen müssen: Wir müssen immer mehr kaufen, und nur, um etwas zu haben, bis der Punkt erreicht ist, an dem wir gerade noch die Zeit benutzt haben, um Konsumgüter zu suchen, zu identifizieren und zu vergleichen, zu prüfen, zu kaufen, entgegen zunehmen, unterzubringen – und dann nicht mehr zu nutzen, weil die dafür notwendige Zeit bereits aufgebraucht wurde, sagt der Konsumkritiker Nico Paech.

In der Welt der Liebe finden wir auch Marktstrukturen: Welche Frau entspricht meinem Status, welchen Erwartungen soll sie entsprechen, welche Größe, Augenfarbe etc. soll sie haben? Welcher n hat das ausgeprägteste Sixpack, wie hoch ist sein Einkommen, wie groß soll er sein und was muss er können? Dieser typische Zug unserer Gesellschaft hat Ähnlichkeiten mit dem abendlichen Schaufensterbummeln: Was kann ich mir leisten, was kann ich mir kaufen? Dieser Kitzel des Kaufens ist das Lebensglück heutiger Menschen. Intuitiv verpassen wir potentiellen Partnern einen Marktwert, fürchten uns vor einer Beziehung, wenn sie unseren sozialen Status herabsetzen kann. Und anstatt uneigennützige Liebe zu geben, statt sie zu erwarten, vergessen wir in unserem Egoismus das Leben des Anderen. Datingportale befeuern dieses Verhalten.

Ein Ende der Affluenza, der Überflusskrankheit, ist nicht in Sicht. Die gesellschaftlichen Symptome verschlimmern sich, Hersteller überproduzieren Produkte und Käufer häufen Wohlstandsmüll in Unmengen an. Der Einzelne zeigt eine zunehmende Neigung zur Überschuldung, gefolgt von Verzweiflung, Überforderung und im schlimmsten Falle Angstzuständen. Wir wissen, welche Folgen unser ausufernder Lebenstill hat. Eine erstaunliche Selbstbetrugsleistung. Unsere Gesellschaft ist in einer tiefen Krise, weil wir unsere Einsamkeit nicht aushalten, die Leere im Innerem. Unsere Bedarfsdeckungsgesellschaft wurde zur Überflussgesellschaft. Und die Heilsversprechungen leuchten uns an jeder Ecke grell entgegen.

Dieser Artikel ist eine Gemeinschaftsarbeit von Egotheist und Leviakon.

Quellen, verwendetes Material und weiterführende Links:
Konsumpf: „Forum für kreative Konsumkritik – Culture Jamming, Nachhaltigkeit, Konzernkritik, Adbusting“
Berlin 21: „Leila – Berlins erster Leihladen
Gesellschaft für Konsumforschung: „Einkommenserwartung auf höchstem Stand seit der Wiedervereinigung“ (23.04.2015)
Gesellschaft für Konsumforschung: „Konsumklima weiter im Aufwand“ (26.02.2015)
Jörg Schindler: „Stadt – Land – Überfluss: Warum wir weniger brauchen als wir haben“ (18.08.2014)
Harald Welzer: „Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand“ (17.02.2014)
Institut für Forstökonomie „Wirtschaft ohne Wachstum? Notwendigkeit und Ansätze einer Wachstumswende“ (2012)
Hartmut Rosa, Niko Paech, Friederike Habermann, Frigga Haug, Felix Wittmann, Lena Kirschenmann: „Zeitwohlstand – wie wir anders arbeiten, nachhaltig wirtschaften und besser leben“ (2014)
Niko Paech: „Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“ (03.04.2012)
Deutschlandfunk: „Wegmarken 2010: Wohlstand ohne Wachstum (Teil 1)“ (01.01.2010)
matthias jung: „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand (Harald Welzer) – Gedanken aus der Sicht eines Christen, eines Theologen, eines Pfarrers | matthias jung“ (04.04.2013)
Die Welt: „Verzicht ist eine Chance, keine Einschränkung“ (18.02.2012)
Deutsche Welle: „„Wir haben genug“ – Junge Konsumkritik“ (14.11.2013)
Frankfurter Allgemeine: „Konsumkritik konkret: Der Mann ohne Geld“ (21.12.2013)

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2 Kommentare zu „Stadt, Land, Überfluss

  1. Stichwort Kapitalismus und Ersatzbefriedigung. 90% der Gesellschaft müssen tagtäglich im Hamsterrad laufen, damit sich die Kapitalismusmaschine immer schneller drehen kann, nur um am Ende doch in sich selbst zusammenzubrechen, wie jedesmal. Der Konsumrausch ist nötig, um „die Wirtschaft anzukurbeln“, dem gewöhnlichen Hamster (homo cricetus) bietet er außerdem einen kurzen Moment des Sich-Vergessens, des Scheinglücks, ein Gefühl des Dazu-Gehörens, Attraktiv-Seins, glänzend, neu, unversehrt, jungfräulich-glatt.
    Es ist wichtig, dass sich der Konsument seiner Verantwortung bewusst wird, die wirkliche Verantwortung liegt aber beim System selbst und bei denen, die von ihm parasitär profitieren. Es ist vor allem wichtig, dass wir uns der Gehirnwäsche durch Werbung und „öffentliche Meinung“ bewusst werden und versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten, etwas zu ändern.

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  2. Hat dies auf Quer-Denk-Seite rebloggt und kommentierte:

    Inzwischen ist der Konsum zu einer Geißel der Menschheit geworden. Wir arbeiten um zu konsumieren, um Dinge zu haben die wir nicht brauchen,,, Letztlich zwingt uns dieser konsumierte unnötige Besitz in Abhängigkeiten, aus denen wir uns kaum noch befreien können – und sei es nur der Konsumentenkredit, den wir zurückzahlen müssen, dafür arbeiten verrichten, die wir für falsch halten, die uns keinen Spaß machen, die Umwelt schädigen usw. Wir treiben damit das Hamsterrad, in dem sich 99% der Menschen in den Industrieländern befinden,an. Wir beschleunigen es sogar.
    Es ist schon lange Zeit auszusteigen und alle Abhängigkeiten, die man eingegangen ist, auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls zu reduzieren oder aufzuheben.
    Fängt man erst einmal damit an, dann kommt die ganze Weltsicht ins Rutschen.

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