Gibt es einen Gott?

Das erste Mal, dass ich am Christentum zweifelte, war, als ich als Fünftklässler vom Holocaust erfahren habe. Wie konnte es sein, dass ein gütiger Gott das Auslöschen von Milliarden von Menschen zulässt, beziehungsweise geplant hat? Drei Jahre später erfuhr ich, dass ich nicht der einzige Mensch mit diesem Gedanken war, und dass diese Frage als Theodizee-Frage in der Philosophiegeschichte bekannt geworden ist.

Für diese Frage sind folgende angenommene Eigenschaften Gottes relevant: Allgüte, Allmacht, Allwissenheit und Unbegreiflichkeit. Norbert Hoerster vertritt die Ansicht, dass Theisten mindestens ein Gottesattribut aufgeben müssen. Die Annahme, dass Allgüte und Allmacht logisch nebeneinander stehen können, bestreitet der Philosoph. Am sinnvollsten erscheint es zunächst, die Allgüte aufzugeben, wenn wir von einem uns unbekannten Schöpfergott ausgehen und nicht vom allzu menschlichen Gott der Bibel. Falls wir die letzte Möglichkeit in Betracht ziehen, spielen die Zehn Gebote eine Rolle; dann kennen wir klar die Moralvorstellungen Gottes. Letztlich bleiben die Zehn Gebote bloß moralische Leitlinien für eine gute Lebensführung, an die sich ein Gott nicht halten muss. Gehen wir dagegen von einen uns unbekannten Gott mit uns fremdem Moralvorstellungen aus, ist er aus unserer Sicht nicht gütig, aber das kann seinen Vorstellungen von Güte oder Moral entsprechen.

Der Güte Gottes lässt sich auch die göttliche Gerechtigkeit gegenüberstellen. Es wird argumentiert, die Gerechtigkeit Gottes erfordere, dass maximales Wohlergehen nicht immer sein Ziel sein kann. Menschliches Leiden wird als gerechte Strafe für Fehlverhalten oder Ungehorsam gedeutet. Wie können dann Gerechtigkeit, Allwissenheit und ein freier Wille des Menschen logisch nebeneinander stehen? Gottes Allwissenheit ist unvereinbar mit dem freien Willen. Die Abläufe der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind Gott bekannt. Daher ist die Zukunft festgelegt. Unsere Zukunft, unser Wille, unsere Taten und Träume. Dieser Logik nach halten wir nicht die Zukunft in unseren Händen. Wir sind wegen des Determinismus nicht verantwortlich für unsere Handlungen. Inwiefern ergeben Strafen für menschliches Fehlverhalten noch Sinn, wenn sie in Gottes Plan vorgesehen wurden?

Auch Gottes Allwissenheit enthält Schwachpunkte, denn die Möglichkeit, dass ein ihm übergeordneter Schöpfer ihn erschuf und Gott dazu verleitete, zu glauben, er sei allwissend, besteht. Gott kann daher nicht absolut wissen, ob er allwissend ist – was seine Allwissenheit einschränkt. Theisten können auch die Allwissenheit aufgeben, um die Theodizee-Frage zu lösen, denn die Gnosis sieht den Menschen als für eine vollkommene Gottesbeziehung gedacht. Da die Schöpfung durch den Sündenfall unvollkommen wurde, wurde die Beziehung des Menschen zu seinem Ursprung gebrochen. Gott entfernte sich vom Menschen, gibt ihm damit die Freiheit, in Sünde zu leben und Leid zu schaffen.

Gottes Allmächtigkeit lässt sich dagegen wie folgt angreifen: Ist ein omnipotentes Wesen dazu fähig, ihre Allmacht einzuschränken? Oder spezieller: Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer und unveränderbar ist, dass er weder seine Masse reduzieren noch ihn heben kann? Wenn er diesen Stein erschaffen kann, kann er ihn nicht heben. Wenn er ihn nicht erschaffen kann, ist er nicht allmächtig.

Die Voraussetzungen schränken Gottes Willen drastisch ein, aber das ist unwichtig. Per Definition muss ein allmächtiges Wesen alles tun können. Aus physikalischer Perspektive ist dieses Beispiel schlecht gewählt, da es auf dem überholten aristotelischem Weltbild beruht.

Wir erhalten aufgrund von verschiedenen Arten von Allmacht unterschiedliche Lösungen: Ein abdingbar allmächtiges Geschöpf kann ihre Allmacht durch das Erschaffen des Objekts oder durch die Unfähigkeit zur Schöpfung verlieren. Ist die Allmacht dagegen essenziell, verliert Gott seine Omnipotenz nicht, auch wenn er nicht fähig ist, diesen Stein zu erschaffen oder dieser Stein kann nicht existieren, weil er logisch unmöglich ist und Gott nur logisch Mögliches verrichten kann (bedingte Allmacht).

Für ein vollkommenes Wesen erscheint nur eine unabdingbare, absolute Allmacht als sinnvoll, doch bei diesem Allmachtsverständnis entstünde das Paradoxon erst gar nicht. Nach dieser Auffassung könnte Gott uneingeschränkt handeln; auch einen unhebbaren Stein könnte er trotz weiterbestehender Allmacht schaffen. Ein solcher Gott kann nicht nur weder erkannt noch verstanden werden, auch weitere vernünftige Aussagen sind damit unmöglich. Vor allem folgen dieser Interpretation beliebige Möglichkeiten: Unmöglichkeit gäbe es nicht mehr, aber auch, dass alles möglich sei, wäre falsch, da es sich hierbei um eine Schlussfolgerung handelt und die Ungültigkeit der Logik im Sinne der absoluten, unabdingbaren Allmacht steht. Für den Menschen ist es sinnlos, über etwas zu spekulieren, das er nicht mit nachvollziehbaren Mitteln erkennen kann.

Allwissenheit und Allmacht stehen sich ebenfalls in einem Spannungsverhältnis gegenüber. Wenn Gott allwissend ist, weiß er, wie er eingreifen muss, um den Lauf der Zukunft zu verändern. Letztere ist durch seine Allwissenheit determiniert. Gott kann es nicht anders mit seinem Eingriff überlegen. Daher ist er nicht allmächtig.

Schwierig ist es, Schwachstellen in der Zeitlosigkeit Gottes zu sehen, denn unser Zeitverständnis ist linear. Erst tritt A ein, dann B. Alle Szenen der Weltgeschichte sieht Gott dagegen simultan; jede Handlung in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sieht er gleichzeitig. Würde dies nicht seine Allmacht einschränken? Ist es noch möglich, dass er überhaupt handeln kann?

Vor Gottes Schöpfung soll es weder Zeit noch Materie gegeben haben. Laut Einsteins Relativitätstheorie sind Materie und Energie äquivalent, Raum und Zeit Seiten einer Medaille. Ohne Raum keine Zeit, ohne Zeit keinen Raum. Ohne Materie keinen Raum, ohne Raum keine Materie. Ohne Zeit keine Materie, ohne Materie keine Zeit. Denn Materie braucht Raum, und Zeit vergeht, wenn Materie sich im Raum bewegt. Kurzum, Materie, Energie und Raumzeit bilden eine Einheit.

Demnach benötigte Gott Zeit, um die Zeit zu erschaffen, um die Materie zu erschaffen benötigte er Materie. Erschaffung ist ein Prozess, der Zeit voraussetzt, das gilt, wenn er die Naturgesetze, nach denen Zeit vergeht, geschaffen haben soll. Aus dem Nichts etwas zu erschaffen, ist nicht möglich. Somit ist Akt der Schöpfung irrational und kann nicht stattgefunden haben. Selbst Gott bräuchte einen Schöpfer, was letztlich zu einem infiniten Regress führt. Die Frage, woher die Welt kommt, bleibt also unlösbar. Weder Gott noch der Urknall können die Entstehung der Welt vollständig erklären. Auch die Regel „von Nichts kommt nichts“ setzen wir voraus: Falls die Regel nicht galt, war die Entstehung des Universums ohne Schöpfer möglich. Hier befinden wir uns aber im Bereich der Spekulation; ja, wir wissen nicht einmal, ob Naturgesetze und -konstanten statisch oder variabel sind.

Religion ist unvereinbar mit Wissenschaft, denn sie beansprucht die absolute Wahrheit für sich – Wissenschaft auf der anderen Seite übt Selbstkritik. Religion ist das Akzeptieren von Tatsachenbehauptungen ohne starke Indizien, sondern mit Einzelerzählungen, Offenbarungen und Erweckungserlebnissen, überliefert durch historische Autoritäten und dokumentiert durch heilige Schriften mit als absolut deklariertem Wahrheitswert. Der Erkenntnisprozess ist nicht wiederholbar, nicht reproduzierbar: nicht verifizierbar, nicht falsifizierbar. Wissenschaft ist das Akzeptieren von Tatsachenbehauptungen aufgrund von schlüssigen und starken Indizien. Erkenntnisprozess ist wiederholbar, reproduzierbar: verifizierbar, falsifizierbar. Jede Untersuchung muss strenge Kriterien einhalten. Wissenschaftler reißen Theoriegebäuden nieder, wenn stärkere Belege gegen sie sprechen. Religion dreht sich um Autoritäten: Mohammed, Jesus, Zarathustra. Wissenschaft dreht sich um Themen: Evolution, Quantenverschränkung, Wasserstoffbrückenbindung. Eine Gemeinsamkeit gibt es: Beide unterscheiden sich abhängig von Ort und Zeit. Religionen entwickeln sich weiter: Vom Judentum zum Christentum bis hin zum Islam. Vom aristotelischem Weltbild zu Newtons Gesetzen bis hin zur Relativitätstheorie. Die Wege zur Veränderung sind grundverschieden. Logische Lehrsätze gelten überall, zu jeder Zeit, denn Wahrheit ist weder zeit- noch ortsabhängig. Die Gültigkeit religiöser Lehrsätze dagegen ist abhängig von Ort und Zeit.

Praktisch sehen wir das in den heiligen Schriften von Religionen, die auf Gotteserfahrungen und spirituellen Erlebnissen aufbauen. Eine persönliche Erfahrung gilt nicht als wissenschaftliche Evidenz, da die Wissenschaft ihre Phänomenologie durch reproduzierbare Belege und Untersuchungen untermauert. Der Kognitionswissenschaftler Michael Persinger vertrat die Auffassung, dass transzendentale Erfahrungen auf kurzzeitige elektrische Entladungen im Präfrontalkortex zurückzuführen sind. In zahlreichen Versuchsreihen befestigte der Forscher stimulierende Elektroden an den Köpfen der Probanden. Dabei beobachtete er spirituelle Erlebnisse wie Nahtoderfahrungen, religiöse Ekstase oder Engelserscheinungen bei den Versuchspersonen.

Bei Heiligen und biblischen Gestalten finden sich Zusammenhänge zwischen religiösen Erfahrungen und Epilepsie. Der alttestamentarische Prophet Ezechiel hat alle Züge eines Konvertiten, der durch epileptische Schübe zu Gott fand. Saulus‘ folgenreicher Glaubenswechsel zum Apostel Paulus liest sich auch als Krankengeschichte eines Epileptikers. Andere Hirnforscher wie Gerhard Roth bringen spirituelle Erlebnisse mit Abfall des Blutzuckers, Sauerstoff- oder Schlafmangel, Angstzustände und Depressionen in Verbindung.

Dieser Text bezieht sich nur auf eine einzige, aber verbreitete Gottesvorstellung. Es wäre eine Herkulesarbeit, alle Gottesvorstellungen anzugreifen. Ohne eine Definition des Wortes „Gott“ ist der Begriff substanz- und inhaltslos. Eine einzige Gottesvorstellung anzugreifen, ist mir nur unvollständig gelungen. Ich schließe Irrtümer nicht aus, daher bin ich Agnostiker. Belege und Beweise bleiben nach 2.000 Jahren aus. Gibt es einen Gott? Ich weiß es nicht. Können wir wissen, ob es einen Gott gibt? Nein. Bis es dazu keine starken Indizien oder Belege gibt, wird ein Gott in meinem Leben keine Rolle spielen.

Advertisements

3 Kommentare zu „Gibt es einen Gott?

  1. Der allmächtige Gott schuf also Menschenwesen, stattete sie in seiner Allgüte mit Willensfreiheit aus, in seiner Allwissenheit voraussehend, dass sie sich unbegreiflicherweise gegen ihren Schöpfer und gegeneinander wenden würden. Klingt doch eigentlich ganz logisch…

    Gefällt mir

  2. Das Ende liefert die entscheidende Antwort: Wir können objektiv keine Antwort auf die Frage geben, subjektiv aber schon. Interessant sind hier unterschiedliche Ansätze derjenigen, die eine objektive Beweisführung versucht haben. Oder verbal ordentlich auf den Tisch gehauen haben: Feuerbach, Nietzsche, Marx, Thomas von Aquin, Anselm von Canterbury, Richard Dawkins.. Da gibt es eine ganze Reihe interessanter Texte. Bei Bedarf habe ich etwas spannendes darüber, was Religionen eigentlich bringen können. Das kann ich auf Anfrage per Mail gerne mal zusenden.

    Interessant finde ich, dass eine Progression von Judentum über Christentum hin zum Islam angenommen wird. Ich denke, das würde nur von einer der drei Glaubensgemenschaften ggf. so gesehen ;-).

    Gefällt 1 Person

Was sagst Du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s