Kritische Reflexionen eines ehemaligen Veganers

Vegan zu leben, heißt nicht, auch gesund zu leben. Einigen Veganern geht es mehr um Ethik als Gesundheit. So ging es mir auch. Anstatt meine Ernährung gut zu planen, stieg ich auf Fertig- und Ersatzprodukte um, die gemieden werden sollten. Üblicherweise enthalten diese Produkte nicht nur Unmengen an Salz, Zucker und Fett, sondern auch künstliche Aromen und unaussprechbare Zusatzstoffe. Getreideprodukte gab es auf meinem Speiseplan in Hülle und Fülle. Kurzum: Folgen waren Verdauungsbeschwerden, Müdigkeit, Blässe und unreine Haut. Daher entschied ich mich, Vegetarier zu werden und mich mit Ernährungswissenschaften zu beschäftigen.

Moralische Bedenken plagten mich bei der Umstellung: Das erste Glas Milch trank ich mit Widerwillen. Schließlich hatte ich genug Gründe, um vegan zu leben. Auf der anderen Seite ergänzte ich diese Gedanken um eine weitere Überlegung: Sollen setzt Können voraus. Ich konnte mich mangels lebensmittelkundlicher Kenntnisse nicht gesund und vegan ernähren – sofern dies möglich ist -, daher war der Abbruch meines Projekts berechtigt. Denn: ein ethisch erfülltes Leben bedeutet nicht, ein selbstaufgebendes Leben, sondern ein selbsterfüllendes Leben zu führen. Für das Wohl der Tiere habe ich meine Gesundheit gefährdet.

Obendrein würde die vegane Ernährungsweise als Standardkost die Nachfrage für tierische Produkte derart senken, dass deren Produktion nicht mehr profitabel wäre. Damit wäre die Tierhaltung abgeschafft, dachte ich. Ein unmöglich zu erreichendes Ziel. Tatsächlich sind Menschen auf tierische Produkte angewiesen, vor allem Stillende, Schwangere, Babys, Kinder und Jugendlichen. Die geistigen und körperlichen Schäden für Babys können bis hin zu Behinderungen oder Hirnatrophie reichen. [1, 2, 3, 4] Hier stellt sich die Frage: Was ist uns wichtiger? Unser Leben oder das Leben vieler Tiere? Da ich beidem eine hohe Bedeutung beimesse, wäge ich ungern ab. Daher muss ich mich mit einem Kompromiss zufrieden geben. Seit einigen Monaten esse ich wieder Milchprodukte und Eier aus tierfreundlichen Betrieben, zugunsten meines Wohlbefindens.

Für Veganer bleiben Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Samen, Getreide und Schließ- wie Schalenfrüchte, heißt Kerne und Nüsse, übrig. Hülsenfrüchte, Getreide, Samen und Schalen- wie Schließfrüchte sind gesundheitlich aus mehreren Gründen bedenklich. Die antinutritiven Inhaltsstoffe der Hülsenfrüchte, Schalen- wie Schließfrüchte und Getreide wie Gluten, Lektine, Phytinsäure wirken unverarbeitet toxisch und hemmen die Nährstoffaufnahme sowie die Proteinbiosynthese. [5] Traditionelle Verarbeitungsmethoden wie Fermentieren, Quellen, Wässern oder Keimen bauen diese Substanzen ab. Leider sind diese für ein „modernes Großstadtleben“ oft viel zu aufwändig und zeitintensiv. [6] Proteine stellen kein Problem darf. Die Deckung des Eiweißbedarfs bei einer rein pflanzlichen Ernährung ist trotz weniger Schwierigkeiten möglich. Denn die vorhin genannten Lebensmittel dienen oft als Eiweißquellen, da sie aber ein unvollständiges Aminosäurenprofil aufweisen, leidet die biologische Wertigkeit und damit die Proteinaufnahme des Körpers. Glücklicherweise erhöht sich diese durch kluge Kombination.

Auch die typisch kohlenhydratlastige Kost weist Schwierigkeiten auf. Jede Nahrung gelangt über den Mund durch die Speiseröhre in den Magen, in der sie in dosierten Portionen in den Dünndarm zur Verdauung und Nährstoffaufnahme gegeben wird. Die Zellen im Darmwand können allerdings nur Einfachzucker aufnehmen. Daher wird Stärke von Enzymen in Glucose aufgespalten. Anschließend wird der Traubenzucker an das Blut weitergegeben. Je schneller die Stärke in Glucose zerlegt wird, desto höher steigt auch Blutzuckerspiegel. Ballaststoffe dagegen verlangsamen den Glucoseanstieg. Der Körper schüttet nach dem Anstieg des Blutzuckerspiegels das Proteohormon Insulin aus, um die Aufnahme von Glucose in den Zellen zu ermöglichen. Leber und Muskeln nehmen den Großteil als Glykogen, langkettige Glucose-Einheiten, auf, da nur diese fähig sind, Traubenzucker zu speichern. Der Blutzuckerspiegel sinkt wieder.

Sowohl ein zu niedriger, als auch ein zu hoher Blutzuckerspiegel sind gesundheitlich bedenklich. Auf der einen Seite sind wir mit Müdigkeit, Heißhungerattacken, Nervosität und schlimmstenfalls Bewusstseinsverlust konfrontiert, auf der anderen Seite mit Schädigungen der Blutgefäße, Insulinresistenz und Diabetes. Allerdings nehmen wir nicht nur Kohlenhydrate auf, sondern auch Fett und Eiweiß. Insulin sorgt einerseits für eine Verstärkung der Aminosäuren in den Zellen und treibt den Aufbau von Eiweißen an, andererseits regt Insulin Körperzellen dazu an, Glucose aus dem Blut und Fett zu speichern. Wenn der Insulinspiegel dauerhaft zu hoch ist, hören die Zellen nicht mehr auf, Fett zu speichern. Ein großer Teil der Nahrungsenergie wird in den Fettzellen gelagert, sodass Hunger und Müdigkeit die Folgen sind. Außerdem führt dies auch zur Insulinresistenz, der Vorstufe der Diabetes, da die Bauchspeicheldrüse nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit einen rapiden Anstieg des Blutzuckerspiegels registriert und weiterhin Insulin ausschüttet, bis eine Notlösung der Niere in Kraft tritt: Ab einer bestimmten Schwelle filtern die Nieren den Traubenzucker aus dem Blut und scheiden ihn aus. Man nennt das Diabetes. Insulinresistenz hat wiederum einen ungünstigen Einfluss auf den Triglyceridspiegel und auf die Lipoproteine, da die Leber bei einem Überangebot von Glucose diese in Fettsäuren umwandelt, die als Triglyceride ins Blut gegeben werden, was die Qualität der Lipoproteine niedriger Dichte verschlechtert. Mit einer kohlenhydratlastigen Kost läuft man Gefahr, das Risikoprofil für Arteriosklerose zu entwickeln, aber auch eine Verfettung der Leber lässt sich herbeiführen. Auch Fructose kann Schaden anrichten, da nur die Leber Fruchtzucker verarbeiten kann und es bevorzugt in Fett umwandelt. Dies hat eine Leberverfettung und den Anstieg der Blutfette zur Folge. Daher ist es ratsam, auf stärke- und zuckerreiche Lebensmittel zu verzichten, nicht nur bei veganer, sondern auch bei gemischter Kost. Andererseits: Insulinresistenz wird durch eine ballaststoffreiche, fettarme (und vegane) Ernährung vorgebeugt [7, 8]. Ansonsten haben Veganer ein vermindertes Risiko, an koronaren Herzkrankheiten zu erkranken. [9]

Das nächste Problem ist die unzureichende oder unausgewogene Nährstoffversorgung: Calcium, Eisen, Jod, Kreatin, Omega-3-Fettsäuren, Vitamin B12 und oft auch Zink. [10, 11, 12, 13, 14, 15, 16] Zwar enthalten auch pflanzliche Quellen beispielsweise Omega-3-Fettsäuren, oder Zink, Calcium und Eisen, aber bei ersterem sind die geringen Umwandlungsraten von α-Linolensäure (ALA) zu Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) ein Problem [17, 18], und bei letzterem ist die niedrigere Bioverfügbarkeit eine Schwierigkeit [19, 20, 21]. Offensichtlich lautet die pragmatische Lösung, diese Nährstoffe zu supplementieren. Der umweltschonende Aspekt des Veganismus wird wegen der energieintensiven Produktion und der Verpackung aus Plastik und Aluminium ad absurdum geführt, besonders wenn zusätzlich Importprodukte wie Quinoa, Bananen oder Kaffee konsumiert werden. Präparate mit isolierten Nährstoffen können keine vollwertige Ernährung ersetzen. Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel mit einem einzigen, hoch dosierten Inhaltsstoff kann die Balance der Nährstoffe im Körper stören. Zu viel Eisen setzt beispielshalber die Verwertung von Zink herab und begünstigt Infektionen sowie Arteriosklerose. [22] Wegen der Mengen an Präparaten kann keine pauschale Aussage getroffen werden; und dass Supplemente nicht als Ersatz für eine ausgewogene und gesunde Ernährung dienen sollten, ist ethisch unbedeutend. Wenn ich zwei Möglichkeiten habe, von denen eine Option weniger Leid erzeugt als die andere und genauso effektiv sein kann, weshalb sollte ich mich für die andere entscheiden? In der Tat könnten finanzielle Gründe dagegen sprechen. Effekte, hochwertige Supplemente für essenzielle Fettsäuren, Vitamine und Kreatin sind nicht gerade günstig. Letztlich bleibt eine vegane und gesunde Ernährung ein Privileg. Das sollte es nicht sein.

Es ist wahr, dass viele Veganer positive Erfahrungen mit ihrer Ernährungsumstellung erlebten. Wissenschaftlich gesehen haben diese Aussagen keine Relevanz, da sie keine seriösen Untersuchungen ersetzen können. Aber man kann zu Recht mutmaßen, dass Veganer sich mehr mit Ernährung beschäftigen, auf Inhaltsstoffe und Zutaten von Fertigprodukten achten und gegebenenfalls auf sie verzichten oder selbst kochen müssen. Gesunde, vegane Ernährung ist abhängig von der Umsetzung. Von daher haben einige Veganer sicherlich mehr Nährstoffe zu sich genommen als mit ihrer Mischkost.

Dass der Veganismus nicht praktikabel ist, ist mein vorläufiges Urteil. Selbstverständlich kann ich die Argumente für den Veganismus nachvollziehen, da ich sensibilisiert bin. Dahingegen bin ich offener und undogmatisch geworden, was eine intensivere, kritische Auseinandersetzung zur Folge hat. Ich bleibe Vegetarier. Da ich einen niedrigen Omega-3-Index haben könnte, kann sich das ändern. Eins hat mich der Veganismus gelehrt: Ernährung sollte kein Spagat zwischen Gesundheit und Ethik sein.

Quellen:

[1] Ausgewogene Substratversorgung durch Fleischverzehr, Franziska Feldl, Berthold Koletzko

[2] Maternal vegan diet causing a serious infantile neurological disorder due to vitamin B12 deficiency, T. Kühne, R. Bubl, R. Baumgartner

[3] Mütterlicher Vitamin-B12-Mangel: Ursache neurologischer Symptomatik im Säuglingsalter, T. Lücke et al.

[4] Nutritiv bedingter konnataler Vitamin B12-Mangel als Ursache von Krampfanfällen und Myoklonien im Neugeborenenalter, F. Karakaya

[5] III. Nutritive und antinutritive Inhaltsstoffe der Leguminosen, R. Marquard

[6] Traditional Preparation Methods Improve Grains‘ Nutritive Value, Stephan Guyenet

[7] Gesundheitliche Effekte von Ballaststoffen, Deutsche Apotheker-Zeitung

[8] A low-fat vegan diet improves glycemic control and cardiovascular risk factors in a randomized clinical trial in individuals with type 2 diabetes, Barnard et al.

[9] Mortality in vegetarians and nonvegetarians: detailed findings from a collaborative analysis of 5 prospective studies.

[10] Dietary calcium: adequacy of a vegetarian diet.C. M. Weaver, K. L. Plawecki

[11] EPIC–Oxford: lifestyle characteristics and nutrient intakes in a cohort of 33 883 meat-eaters and 31 546 non meat-eaters in the UK., Davey et al.

[12] Iodine intake and iodine deficiency in vegans as assessed by the duplicate-portion technique and urinary iodine excretion., H. J. Lightowler, G. J. Davies

[13] Vegetarian diets : nutritional considerations for athletes., A. M. Venderley, W. W. Campbell

[14] Position of the American Dietetic Association: vegetarian diets., W. J. Craig, A. R. Mangels

[15] Vitamin B12 and homocysteine status among vegetarians: a global perspective., Ibrahim Elmadfa, Ingrid Singer

[16] EPIC–Oxford: lifestyle characteristics and nutrient intakes in a cohort of 33 883 meat-eaters and 31 546 non meat-eaters in the UK., Davey et al.

[17] Increase in dietary n-3 fatty acids decreases a marker of bone resorption in humans, Amy E. Griel et al.

[18] alpha-Linolenic acid supplementation and conversion to n-3 long-chain polyunsaturated fatty acids in humans, J. T. Brenna, N. Salem, A. J. Sinclair, S. C. Cunnane

[19] Choices for achieving adequate dietary calcium with a vegetarian diet, C. M. Weaver, W. R. Proulx, R. Heaney

[20] Position of the American Dietetic Association: vegetarian diets., W. J. Craig, A. R. Mangels

[21] Position of the American Dietetic Association: vegetarian diets., W. J. Craig, A. R. Mangels

[22] Nährstoffe in Pillenform, UGB Gesundheitsberatung

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13 Kommentare zu „Kritische Reflexionen eines ehemaligen Veganers

  1. sie essen und sehen ein stück lebensqualität, eine leckere wohltat auf dem teller. in ihrem kopf verwandelt sich ein stück totes tier in ein stück fleisch, das nicht mehr einem lebewesen ähnelt. für sie ist tiere essen völlig normal, das hat man schliesslich immer so gemacht, es ist gesund und nahrhaft. immer mehr beruhigen ihr gewissen mit bio-fleisch.

    ist ein veganer anwesend funktioniert das verdrängen nicht mehr und fleischesser fangen an, sich zu rechtfertigen. viele sind ignorant oder aggressiv, andere reagieren mit wut, abwertung, spott oder hass. nicht auf sich selbst, sondern auf die veganer, weil veganer zerstörung und tod sehen. veganer haben eine moral, die über das private hinausreicht, ihnen geht es um die grossen zusammenhänge in der welt, um umweltzerstörung, klimawandel, massentierhaltung und auch gesundheit.

    die agression der fleischesser rührt daher, dass der veganer sich moralisch über den fleischesser stellt. fleischesser wollen mit gutem gewissen ihr positives selbstbild schützen. veganer möchten, dass fleischesser sich schuldig fühlen, weil ihnen die welt, das klima und die tiere scheissegal sind. veganer aber wollen die welt retten. wer fleisch isst tötet die welt, tötet tiere und am ende sich selbst. man muss solche vorwürfe noch nicht einmal äussern, die blosse anwesenheit eines veganers reicht schon aus.

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    1. Ich glaube Aggression gegen Andersesser hat eher etwas mit unserer Tischkultur und unserer Vorstellung von Konformität zu tun. Jeder ißt das selbe, der Teller wird leer gegessen und wenn man eine Weltanschauung hat, drängt man sie dem Nachbarn laut und wortreich auf. Eine ganz andere Tischkultur erlebt man in Südostasien. Es stehen mindestens so viele Gerichte auf dem Tisch wie Gäste da sind, die Menschen wissen, woraus sie bestehen oder in Buffet-Restaurants haben die Teller deutliche Farbkennzeichnung, um den Angehörigen der vielen Religionen peinliches Nachfragen zu ersparen. Überhaupt scheint Einordnen in die Gruppe wichtiger als persönliche Befindlichkeiten. Ich erlebte sogar, dass Allergiker erst mal fröhlich von allem probieren und dann mit geschwollenen Atemwegen da sitzen und meinen: Geht schon, hab bloß vergessen, dass ich das nicht vertrage. Genauso werden politische oder ethische Ansichten nicht diskutiert. Ich glaub jetzt nicht, dass das besser sei. Aber von der Esskultur bin ich schon ziemlich begeistert.

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  2. Ich finde deine Ausführungen sehr gut recherchiert und auch dementsprechend dargelegt. Nichts desto trotz sagst du selbst, dass du dich als Veganer vorwiegend von Fertigprodukten ernährt hast. Das kann auch bei einer Mischkost, sowie vegetarischen Ernährung, wie du selbst sagst, ungesund sein. Wodurch wird dann nun die Ernährung als Vegetarier gesünder? Daduch, dass du nun auch Tierprodukte in deinen Speiseplan mit aufnimmst? Oder dadurch, dass du dich mit dem Thema Ernährung näher beschäftigt und deine Ernährung jetzt vielleicht abwechslungsreicher/gesünder gestaltest?

    Zur Sache mit dem Proteinmangel muss ich jedoch sagen, dass die Theorie man müsse ein komplettes Aminosäureprofil zu sich nehmen überholt ist. Wenn man sich abwechslungsreich ernährt und dabei auch genug Kalorien zu sich nimmt, so ist Proteinmangel nichts worüber man sich Sorgen machen muss. Zumindest nicht in unserer Gesellschaft. Proteinmangel kommt vorwiegend durch Unter- bzw. Mangelernährung zustande.

    Die Entstehung von Diabetes hast du auch gut und auch richtig erklärt ;).
    Nichts desto trotz, zu einer Leberverfettung kommt es meist nicht durch die Fructose aus Obst. Hierbei muss differenziert werden. Wir nehmen oftmals zu viel Zucker durch Nahrungszusätze auf und das wiederum kann dann tatsächlich zu langfristig erhöhten Blutzuckerwerten führen. Hierbei macht es dann Sinn Nahrungsmittel, die mit Fructose-Glucosesirup (extrahierter Fructose, also dem reinen Fruchtzucker) angereichert sind, zu meiden. Beispiele hierfür wären Fruchtsäfte aus dem Tetrapack, Fruchtjoghurts, Süßigkeiten usw.
    Bei normaler Zufuhr an Obst und Gemüse kommt unser Körper problemlos mit der darin befindlichen Glucose zurecht, ohne dass man Gefahr läuft eine Leberverfettung zu erleiden. Im Gegenteil.

    Ernährung sollte nicht auf Kosten der Gesundheit gehen, da stimme ich dir voll und ganz zu. Doch entscheidend hierbei ist, ohne dir zu nahe treten zu wollen, auch die eigene Umsetzung. Ich kann mich nicht puddingvegan ernähren, dann Nährstoffmängel bekommen und sagen die vegane Ernährung sei insgesamt nicht praktikabel.

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    1. Entschuldige, da hast du mich missverstanden! Selbstverständlich kann eine Mischkost auch ungesund sein: Dies habe ich in dem Text auch geschrieben und meine eigene Ernährung dahingehend kritisiert! Ich nenne sie eine Fehlernährung; aber nicht, weil sie vegan war. Ich folgere aus meinen eigenen Erfahrungen nicht, dass die vegane Ernährung insgesamt nicht praktikabel sei, sondern aus ernährungswissenschaftlichen Untersuchungen – das ist auch nur mein vorläufiges (!) Urteil. Das kann sich jederzeit ändern.
      Mir ist der Aspekt des Umweltschutzes auch wichtiger geworden. Daher kaufe ich (überwiegend) regional – bei veganer Ernährung wird das schwierig. Chia-Samen, Cashewkerne, Kakao, Bananen und Avocados entfallen zum Beispiel, die Liste der Lebensmitteln, die ich noch verzehren kann, würde sich beschränken und nicht mehr abwechslungsreich bleiben: Ich könnte mich wiederum nicht gesund ernähren. Es scheint, dass Umweltschutz, Tierschutz und Gesundheit in einem Spannungsverhältnis stehen.

      Zu deiner Frage: Meine Ernährung wird dadurch gesünder, dass ich einerseits mich mit Ernährung beschäftige, mehr selbst koche und backe, aber andererseits mehr tierische Produkte zu mir nehme. Ich möchte nicht sagen, dass eine gesunde vegane Ernährung unmöglich ist. Es ist für mich zu schwierig, sie momentan umzusetzen, zum anderen kann ich mein angehäuftes Wissen über Ernährung nicht völlig ignorieren.

      Über einen Mangel an Proteinen muss man sich als Veganer keine Sorgen machen. Das ist das kleinste Problem. Wenn man genug weiß, ist es nicht einmal eins.

      Richtig – bei einer normalen Zufuhr an Obst müssen wir uns keine Sorgen um Leberverfettung machen. Bei einem Übermaß (vielleicht) schon. Aber das war mir eigentlich nebensächlich.

      Ansonsten freue ich mich sehr über deinen sachlichen Kommentar. Zwischen Veganern und Vegetariern gibt es genug Streitereien; schön, dass du sachlich bleibst! :)

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  3. Was den ökologischen Aspekt angeht, stimme ich dir zu, wenn zu viele Lebensmittel wegfallen, dann kann dies dauerhaft keine abwechslungsreiche Ernährung gewährleisten.
    Andererseits, stellt man vegetarisch und vegan einander gegenüber, so vverursacht die vegetarische Ernährung mit sagen wir mal Bioprodukten, regional und sausonal dennoch mehr CO2 Emissionen (dazu noch Lachgas und Methan, durch den Konsum von Tierprodukten, was sich beides länger in der Atmosphäre hält als CO2) als die vegane Ernährung mit mitunter nicht saisonalen Produkten.
    Insofern steht die Sache mit dem Umweltschutz meiner Ansicht nach nicht wirklich in einem Spannungsverhältnis.

    Hm, wenn du dich nun mehr mit Ernährung beschäftigtst, mehr selbst kochst, damit deine Ernährung abwechslungsreicher gestaltest, inwiefern macht es dir das nun dann jetzt schwierig eine gesunde vegane Ernährung umzusetzen? Vor allem wenn du sagtest, dass du vorher als Veganer viele Fertigprodukte gegessen hast? Unter den jetzigen Aspekten sollte doch gerade eigentlich nun die Umsetzung einer veganen Ernährung leichter sein. Mir erscheint das so etwas unlogisch (entschuldige, ich möchte dir da nicht zu nahe treten. Ist lediglich mein Blickwinkel darauf.)

    Was wissenschaftliche Studien angeht, so gibt es mittlerweile auch einige Ernährungsgesellschaften, die sagen, dass eine vegane Ernährung den Nährstoffbedarf des Menschen in allen Lebensphasen gewährleisten kann.
    Kritisch wird es, wenn man seine Nahrungsmittelauswahl als Veganer drastisch einschränkt, sich einseitig ernährt oder zu wenig Gesamtkalorien verzehrt. So viel zu den Faktoren, die man selbst in der Hand hat.
    Problematisch kann es dann werden wenn chronische Magen -Darm Erkrankungen wie z.B. Morbus Crohn, Gastritis etc. oder mehrere Lebensmittleunverträglichkeiten wie Fructoseintoleranz UND Histaminintoleranz, Glutenunverträglichkeit usw. gegeben sind.
    Ist jedoch gesundheitlich keiner dieser Faktoren gegeben, kann man sich problemlos gesund vegan ernähren. Auch mit entsprechend wissenschaftlichem Hintergrund dazu.

    Von Gebashe halte ich nichts. Dazu habe ich mal auf meknem Blog geschrieben :).

    Lg Cordula

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    1. Was den ersten Aspekt angeht, habe ich es anders erlebt. Als Vegetarier habe ich zurzeit den gleichen ökologischen Fußabdruck wie ein „durchschnittlicher“ Veganer, eben weil ich regional und saisonal einkaufe und wenn es möglich ist, ökologisch hergestellte Produkte konsumiere, kein Auto fahre, nicht fliege etc.

      Mir fällt es immer noch schwer, eine vegane Ernährung umzusetzen, weil mein Speiseplan eben erheblich reduziert wird, wenn ich Importprodukte meide. Im Winter und im Frühling wird es wesentlich schwieriger, sich regional und vegan zu ernähren, als im Sommer und im Herbst. Vielleicht könnte man sich daher eine saisonal abhängige Kost ausdenken (Herbst/Winter: vegetarisch/Mischkost; Sommer/Frühling: vegan)

      Aber wie gesagt: Mit meiner Suche bin ich noch längst nicht zu Ende. Der Veganismus erscheint mir persönlich immer noch die attraktivste Option, aber mittlerweile habe ich nicht mehr dieses dogmatische Denken und keinen idealisierten, verklärten Blick.

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  4. Na ja, wenn du deiner Erfahrung nach momentan genau denselben ökologischen Fußabdruck hast wie ein durschnittlicher Veganer, der ab und zu Chia Samen und Bananen konsumiert, inwiefern ist das mit dem ökologischen Aspekt dann ein „Spannungsverhältnis“? Dann könntest du ja ab und zu nicht regional und saisonal essen und würdest denselben ökologischen Fußabdruck hinterlassen wie jetzt. Somit, wenn die Öko-Bilanz deiner Schlussfolgerung nach folglich gleich ist, egal ob vegetarisch oder vegan, warum dann nicht die vegane Ernährung „lockern“? Denn, wenn du als Vegetarier nicht eine bessere Öko-Bilanz hast, inwiefern ist der ökologische Aspekt hierbei dann ein Argument für eine vegetarische Ernährung?

    Was die Sache mit dem „dogmatischen bzw. idealisierten, verklärten Blick“ angeht, so finde ich das etwas unglücklich ausgedrückt.
    Man kann sagen verschiedene Menschen haben verschiedene Sichtweisen. Das ist auch in Ordnung. So kann man sich austauschen und gewisse Dinge nochmals überdenken/hinterfragen usw.
    Ich habe das hier auch schon einmal hinter mir. Nur war es bei mir vom Vegetarier zurück zum Mischköstler. Aus heutiger Sicht stelle ich meine damalige Entscheidung in Frage und würde so wohl nicht noch einmal verfahren.
    Das sind meine Erfahrungswerte. Von daher wünsche ich dir viel Erfolg bei deinen ;).

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    1. Schachmatt würde ich sagen. Ich habe einen Fehler in meiner Argumentation. Danke, dass du mir ihn aufzeigst.

      Es ging hierbei nur meine eigene Sichtweise. Diese war verklärt, idealisiert und dogmatisch. Ich wollte die Sichtweisen anderer Veganer nicht beurteilen.

      Vielen Dank! :)

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  5. Entscheidend ist, wie groß der Spagat zwischen Ernährung und Ethik, also der Frage nach dem guten Leben, sein muss. Natürlich gibt es unterschiedlichste Gründe, vegan oder vegetarisch zu leben. Hier soll es ja explizit um Veganismus gehen. Ich würde den Fokus in meiner Antwort etwas stärker auf die Ethik legen wollen, also die Frage nach dem guten Handeln. Was soll ich also tun? Auf der einen Seite ist der Mensch wohl oder übel ein Wesen, dass Nahrung, auch tierischer Herkunft, zu sich nehmen kann und dies schon seit Urzeiten getan hat. Der Verdauungsapparat ist bspw. bestens dazu geeignet. Ich weiß, ein Sein-Sollen-Fehlschluss.. In diesem Falle vielleicht aber nicht das schlechteste Argument. Ich komme später darauf zurück. Auf der anderen Seite wurde die Nahrungsmittelproduktion insbesondere im Bereich der Fleischproduktion immer weiter verindustrialisiert und damit auch ein gutes Stück weit pervertiert. In der Werbung werden glückliche Schweine, RInder und Hühner suggeriert, die Realität sieht meist anders aus.. Das ist eine oftmals ekelerregende Form der Missachtung der Bedürfnisse anderer Lebewesen. Besonders spannend ist hier der Vergleich zu Hund, Katze oder Hamster. Warum werden die nicht verzehrt? Da liegt es doch nahe, auf diese Produkte zu verzichten, deren Produktion man nicht gutheißt. Wenn ich die Bedinungen ablehne, dann muss ich konsequenterweise auch den Konsum ablehnen oder bei den betroffenen Produkten jeweils Informationen einholen und abwägen. Heißt das aber auch, dass man sämtliche tierischen Produkte ablehnen sollte? Ich denke nicht. Insbesondere dann, wenn durch die Vermeidung des einen Übels größere, andere Übel folgen, wie die im obigen Text genannten wie eine Verschlechterung der Gesundheit oder andere Umweltschäden, die sich mit Hochverarbeiteten Ersatzprodukten wohl derzeit nicht verhindern lassen. WWKD: What would Kant do? Eine Maxime bilden und diese überprüfen: Ich soll auf sämtliche tierischen Produkte verzichten, auch wenn dies eine Verschlechterung meiner Gesundheit bedeutet. Diese Maxime kann wohl kaum zum allgemeinen Gesetz werden. Auch für Aristoteles war die körperliche Gesundheit eine der Vorraussetzungen zum Erlangen der Eudaimonia. Auch ein Utilitarist, sofern er nicht Singer heißt, würde wahscheinlich zu einem ähnlichen Ergebnis kommen. Aber wie das Dilemma auflösen? Fragen wir doch einen Hedonisten. Epikur beispielsweise. Ich fasse mich kurz: Lerne, mit dem Einfachen zufrieden zu sein, um das Besondere zu genießen. Vielleicht ist die Lösung nicht der Verzicht, sondern die Mäßigung und bewusste Genuss des Besonderen. Vielleicht ist es die regionale Bio-Milch, die weniger abstoßend ist, weil die Bedingungen bestimmter Molkereien vorsehen, dass Kühe auf die Weide müssen und nicht voreilig geschlachtet werden. Vielleicht ist es der Landwirt im Ort, der mir die Eier verkauft, der Metzger, der noch weiß, woher er sein Fleisch bekommt. Die Kosten dafür sind höher, aber vielleicht kann man mit weniger und dafür bewussterem Konsum einen guten Schritt machen. Dann muss die Ernährung vielleicht nicht radikal vegan sein, sondern bewusst vegetarisch oder flexitarisch. Eine weitere Option ist der Verzehr von Insekten, der von vielen Experten als sinnvolle Alternative gesehen wird und der den Proteinbedarf decken könnte.

    Vielleicht ist das eine ethische Perspektive: Der bewusste Vegetarismus (oder Flexitarismus). Ethisches Handeln im aristotelischen Sinne heißt nicht Selbstaufgabe, sondern im wörtlichsten Sinne vernunftgeleitete, tugendhafte Lebensführung im Sinne des eigenen Telos. Das sind hohe Ideale, die man vielleicht beim nicht bewusst ausgewählten Milcheis, der nicht hinterfragten Bratwurstherkunft hin und wieder verletzt. Das heißt aber nicht, dass man automatisch inkonsequent oder unethisch handeln würde. Der Mensch ist Teil zweier Welten. Er ist aus krummem Holze gemacht (vgl. Kant), er ist Tier und Vernunftswesen. Man könnte auch sagen: Trieb- und Vernunftswesen zugleich. Vielleicht löst das das Sein-Sollens-Problem von oben wieder auf. Wir sind nunmal Säugetiere, die sich aus Allesfressern entwickelt haben. Aber, und das ist der Punkt, wir können uns qua unserer Vernünft mäßigen.
    Nach einem Jahr Vegetarismus während des Studiums war das meine Antwort auf die Frage, wie sich ökologischer Fußabdruck, Tierleid, Genuss und Gesundheit unter einen Hut bringen lassen. Die Antwort ist wenig radikal und vielleicht damit auch inkonsequent. Aber sie ist praktikabel und als solche damit dann langfristig doch gar nicht so schlecht. Nichtsdestotrotz muss zwischen den unterschiedlichen Ansprüchen immer wieder aufs neue austariert werden.

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  6. Ein sehr interessanter Artikel, den du geschrieben hast.
    Ich bin ein „Allesesser“, wobei ich darauf achte, regional, sesonal und so weit es möglich ist auch Bio Produkte zu kaufen.
    Vor 20 Jahren hatte ich mich entschieden vegetarisch zu essen. Damals wurde ich belächelt….
    Heute ist es ganz normal „so“ zu leben.
    Leider musste ich meine Ernährung nach 5 Jahren wieder umstellen….denn ich wurde schwanger und hatte ein derart niedrigen Eisenwert, der sich auch durch Tabletten nicht auffangen ließ. So fing ich langsam an, wieder Fleisch zu essen.
    Mir ging es dadurch wesentlich besser… und das nicht nur in der Schwangerschaft, sondern auch danach.

    Ich denke, daß einige Menschen nicht geeignet sind, sich ausschließlich vegan zu ernähren. Weil der Körper es nicht schafft, sich das Eisen etc. aus der pflanzlichen Nahrung zu „holen“ und ausreichend zu verwerten.

    Auch ich habe immer wieder Diskussionen mit Verganern…. Die ihre Überzeugung allen überstülpen und aufzwingen wollen. Das finde ich schade.

    LG

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