Vorgehensweise bei der psychologischen Untersuchung

Nicht nur in Film und Fernsehen, sondern auch im Alltag begegne ich Menschen, deren Persönlichkeit ich erfassen möchte. Wie kann ich also andere Personen verstehen?

Dafür ist es wichtig, allgemeine Zusammenhänge zwischen Charaktereigenschaften zu kennen. Machen wir ein Beispiel. So hängt Arroganz mit Eigenschaften wie Egoismus oder Egozentrik zusammen. Warum? Arroganz ist die unrealistisch hohe Einschätzung des eigenen Wertes, Ranges oder der eigenen Fähigkeiten. Stelle dir also vor, dass du fest von deiner Überlegenheit überzeugt bist. Weshalb solltest du anderen Menschen dieselben Freiheiten eingestehen wie dir? Du bist mehr wert. Du hast demnach auch etwas Besseres verdient. Das heißt folglich auch, dass du mehr haben darfst als andere, und dass du dir deine eigenen Regeln machst. Weshalb solltest du anderen Menschen überhaupt Aufmerksamkeit widmen? Dir allein sollten sie ihre Aufmerksamkeit widmen. Nun stell dir vor, dich unterbricht jemand! Oder dir hört jemand nicht zu! Wie kann es derjenige wagen, dir nicht zuzuhören? Es gibt schließlich nichts Besseres als dich! Es gibt keinen Grund, weshalb du dich mit anderen Menschen beschäftigen solltest – doch, einen: Wenn sie dir nützen. Dabei ist es gleich, ob du dich als dankbar erweist – du machst die Regeln. Moralisch ist, was dir nützt. Andere mögen denken, dass deine Erwartungen auf eine besonders günstige Behandlung übertrieben seien; du dagegen findest sie berechtigt, schließlich sollten deine Mitmenschen erkennen, dass du Priorität hast. Entsprechend ist dein Zorn, wenn auf deine Erwartungen nicht automatisch eingegangen wird; dein Schmerz, wenn andere bevorzugt werden; deine Missgunst, wenn andere dir gegenüber ihre faktische Überlegenheit demonstrieren; deine Habgier, wenn du erkennst, dass du vergleichsweise weniger Materielles angehäuft hast als ein anderer.

Zwar habe ich diese Zusammenhänge als Kausalitäten dargestellt, tatsächlich sind es statistische Korrelationen: Eine Charaktereigenschaften kommt überdurchschnittlich häufig mit einer anderen auf. Dass die Ursprünge dieser Merkmale ähnlich sind oder oft gemeinsam auftauchen, ist zu vermuten. Um beim Beispiel des Narzissmus zu bleiben: Die Quelle von Arroganz kann in mangelnder Bestätigung seitens der Eltern liegen, weshalb ein gesundes Selbstwertgefühl nicht entwickelt wird. Eltern, die diese Verhaltensweise zeigen, misshandeln oder vernachlässigen ihre Kinder oft, was dazu führt, dass das Kind kein Urvertrauen entwickeln kann. Daraus entstehen wiederum Beziehungs- und Bindungsprobleme, sogar Bindungsstörungen, auch Gefühlskälte gegenüber anderen, weil sie weder Wärme noch Zärtlichkeit erleben durften. Das alles sind Merkmale der dissozialen Persönlichkeitsstörung. Entdeckt hat diese Charakterneurose dadurch, dass ihre Merke überdurchschnittlich oft an einigen Menschen erkannt hat. Anschließend wurden die Biographien der Betroffenen studiert und immer wieder wurden dieselben Muster erkannt. Um je die Kriterien für eine solche Störung zu erfüllen, muss nicht alle Symptome erfüllen, sondern drei von sieben. Tatsächlich zeigen nicht alle Betroffene alle Merke, was die These der statistischen Korrelation bestätigt.

Vorsicht ist dagegen bei Schnellschlüssen geboten. Charaktereigenschaften lassen sich gut aus dem Verhalten eines Menschen erschließen. Wenn jemand wegen Kritik gekränkt reagiert und anschließend wütend wird, ist festzustellen, dass.. er durch Kritik gekränkt wurde. Wenn jemand übermäßig häufig auf berechtigte, konstruktive Kritik gekränkt und wütend wird, dann ist ein Verhaltensmuster feststellbar. In diesem Fall ist auch vorhersehbar, dass diese Person wieder dieses Verhaltensmuster zeigt. Kränkbarkeit wäre ferner das passende Wesensmerkmal.

Hier hört es nicht auf. Nun gilt es zu hinterfragen, weshalb er kränkbar ist. Welche Geschehnisse in seiner Kindheit verursachten diese Eigenschaft? Wurde er von seinen Eltern vernachlässigt, gedemütigt und lächerlich gemacht? Oder wurde er von seinen Eltern verwöhnt, sahen sie in ihm einen perfekten Prinzen? Lässt sich seine Kindheit in Teilen rekonstruieren, ist die Untersuchung fortzusetzen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Für eine Charakterstudie ist psychologisches, aber auch psychiatrisches Wissen über seelische Erkrankungen sowie allgemeine Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitseigenschaften und vor allem die Beobachtung von Verhaltensmustern bedeutend.

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2 Kommentare zu „Vorgehensweise bei der psychologischen Untersuchung

  1. Sehr schön beschrieben und kritisch betrachtet, vielleicht könnte man noch ergänzen, dass der Narzissmus ein auf Konventionen beruhendes Konstrukt ist und die Übergänge fließend sind. Die Gefahr einer Stigmatisierung ist beim Persönlichkeitsstörungen besonders hoch.

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