Zur Menschenwürde

Wie begründet man die Menschenwürde? Sollten die Wesen, denen Würde zugesprochen wird, diese durch die Zugehörigkeit zu einer Spezies erlangen? Wenn aber die Würde durch das Erfüllen eines Kriteriums zugesprochen wird, verlieren diese Wesen mit dem Fehlen dieser Bedingung die Würde. Wählt man die Vernunft oder zumindest den Verstand als Bedingung, verlieren beispielsweise Menschen mit geistigen Behinderungen ihre Würde, Kleinkinder, Embryos oder uns geistig unterlegene Tiere. Wie viel von der Vernunft muss man haben, um Würde zu haben? Wie bestimmt man dies? Wählt man den freien Willen als Bedingung, verlieren beispielsweise unzurechnungsfähige Menschen ihre Würde, zudem ist strittig, ob es einen freien Willen gibt. Die Leidensfähigkeit kann deswegen auch nicht die Bedingung für Würde sein, da es Menschen gibt, die sich schwer emotional oder körperlich verletzen lassen, in seltenen Fällen überhaupt nicht.  Aus der Zugehörigkeit zu einer Spezies als Voraussetzung für Würde folgt Speziesismus, aus der Zugehörigkeit zu einer Rasse oder Ethnie als Voraussetzung folgt Sozialdarwinismus und Eugenik. Als Gegner dieser Praktiken ist mir die Lebendigkeit als Kriterium eingefallen, da unbelebte Objekte nicht leidensfähig und nicht zu töten sind, da in ihnen kein Leben innewohnt, doch zu Schmerzen unfähige Menschen können durch Verletzungen zu Schäden kommen, die sie beeinträchtigen oder ihren Tod verursachen. Doch der Unterschied zwischen Leben und Tod ist kein dualistischer, sondern ein gradueller Verlauf – das Sterben. Im Sterben liegenden Menschen wären Träger von minderer Würde. Wenn man argumentiert, dass diese Wesen bereits Träger von Würde waren, und sie aus diesem Grunde genauso zu behandeln seien wie alle anderen Wesen, wären Organspenden verwerflich; wenn man argumentiert, dass diese Wesen potentiell ihre Würde (wieder)erlangen können, wären Verhütungsmittel und Abtreibung verwerflich.

Natürlich basieren diese ersten Gedanken auf dem Versuch, allen existierenden Lebewesen eine Würde zuzuschreiben, wie es in unserer Verfassung zumindest für die Menschen verankert ist. Scheitert der Versuch, die Würde überzeugend zu begründen, wäre die Würde lediglich eine idealistische Träumerei. Selbstverständlich könne man von unterschiedlichen Arten oder Abstufungen von Würde ausgehen, doch daraus folgt unweigerlich Rassismus oder Speziesismus, die beide Sozialdarwinismus oder Eugenik legitimieren – Diskriminierung sei aber zu verhindern. Denn die Würde ist ein zentrales Axiom moderner Gesellschaften. Verliert sie ihren Boden, fallen wir in ein tiefes Loch der Dekadenz.

Advertisements

13 Kommentare zu „Zur Menschenwürde

  1. Wie soll man diese Fragen lösen ohne unterwegs katholisch zu werden…?
    Wo Du das mal so schön formuliert hast, fällt mir auf: Die Schwierigkeit dieser Probleme könnte einer der Gründe sein, weshalb die Kirchen überhaupt noch als moralische Instanzen existieren.

    Gefällt 3 Personen

    1. Tatsächlich liegt der Ursprung der Menschenwürde in der Theologie. Vor allem in der Gottebenbildlichkeit liegt die Menschenwürde begründet. Da aber Staat und Religion getrennt sind (oder sein sollten), brauchen wir eine säkulare Rechtfertigung der Menschenwürde.

      Gefällt mir

    2. Das würde ich nicht sagen. In meinem Text habe ich versucht, allen Menschen denselben Wert oder dieselbe Würde zuzuschreiben, beziehungsweise allen Lebewesen und bin damit gescheitert. Zwar hat Kant es geschafft, die Würde ohne religiösen Bezug herzuleiten. Dafür gebraucht er den freien Willen. Das Problem wäre dann doch, dass Menschen ohne freien Willen (wegen gewissen psychischen Erkrankungen oder geistigen Behinderungen) eine geringere Würde hätten. Daraus folgt unweigerlich Diskriminierung, was ich zu verhindern versucht habe.

      Gefällt mir

    3. zu Egotheist, 06.04.: Die Würde ist bei Kant ein absoluter Wert, was nebenbei bemerkt ein Widerspruch ist, weil Werte immer relativ sind. Aber abgesehen davon bedeutet ‚absolut‘, daß es keine Begründung für diesen ‚Wert‘ gibt. Die Würde des Menschen ist voraussetzungslos. Sie gilt einfach. Und deshalb ist sie auch nicht an den freien Willen gebunden. Allerdings ist das moralische Gesetz an den freien Willen gebunden. Moralische Gesetze gelten nur unter dieser Voraussetzung, daß wir ihnen aus freiem Willen zustimmen können. Die Würde des Menschen steht jenseits moralischer Gesetze. Sie ist schlicht und einfach gegeben.

      Gefällt 2 Personen

    1. Dieses Plakat zeigt, daß jede Verbesonderung von Menschenrechten (hier in Richtung auf die Frau) mit einer Ausschließung von anderen Menschen (Flüchtlingen als potentiellen Vergewaltigern) verbunden ist. Menschenrechte gelten für alle oder gar nicht.

      Gefällt 1 Person

  2. Was denn ist Würde überhaupt ? Wie wird sie definiert und was sagt sie einem jeden Einzelnen von uns ?
    Ich für meinen Teil kann mit diesem Begriff bis heute nichts anfangen. Das hat sicher auch mit meiner Geschichte zu tun. Aber ich frage mich grundsätzlich, wie es anderen damit–mit dieser Frage–geht. Für mich ist das ganze Konzept so schwummrig und nichtssagend wie z.B. die Idee von Religiosität / Spiritualität. Oder Deepak Chopras Sprüche. Habe ich vielleicht einen Knopf im Denken ?
    Der Begriff Wert ist mir hier nicht dienlich, denn dieser ist in jedem Fall subjektiv. Was bei der Würde ja eben scheinbar nicht der Fall sein sollte.

    Gefällt mir

    1. Würde ist eine existenzielle Erfahrung. Es ist vor allem ihr Mangel oder auch ihre permanente Verletzung, die auffällt. Der saturierte Mensch kennt seine Würde nicht, auch wenn er sie für sich in Anspruch nimmt. Hast Du Dich noch nie gekränkt oder bleidigt gefühlt? Gerade führt uns der beleidigte Erdogan wie in einem Zerrspiegel vor, was es heißt, seine Würde verletzt zu sehen, gerade er, der auf der Würde seiner Mitmenschen mit Füßen herumtrampelt. Würde ist wie ein Lufthauch. Unmerklich und doch notwendig, um atmen zu können.

      Gefällt 1 Person

    2. Vielen Dank für Eure Antworten. Ich werde mir weiterhin Gedanken darüber machen (und habe das auch vor diesem Bericht bereits getan.) Ich bin zwar ein ausgesprochener Denker, mich im Schreiben auszuformulieren fällt mir jedoch meist sehr schwer. Dennoch will ich es versuchen.

      Zu Kants Aussage fällt mir nur wieder ein: Es tönt ja schön, aber was sagt es wirklich aus ? Zumindest nichts, was von grundsätzlichem Gehalt wäre. „Die Würde ist über jeden Preis erhaben“ ist doch in etwa das selbe wie „Gott ist über jede Moral erhaben“ (Verzeihung, dass ich wieder mit diesem Vergleich komme, er liegt mir einfach am nächsten). Vielleicht bin ich auch zu sehr Kopfmensch, um so etwas nachvollziehen zu können.

      Kränkung und Beleidigung kenne ich (fast) nicht. Oder ich nenne sie nicht so. Was ich sehr gut kenne, sind die Basisemotionen, vor allem die Unguten. Ich bin mit einer komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung aufgewachsen, was meine ganze Entwicklung äusserst nachteilig geprägt hat. Es ist erst einige Monate her, seit ich zum ersten Mal in meinem Leben so etwas wie Unmut über das Wirken eines anderen empfand. Ich verbrachte 30ig Jahre meines Lebens ohne ein Gefühl für meine eigene Existenz. Es gab nur das Du. Ich empfand mich als Teil meiner Aussenwelt, nicht als eigenständiges Wesen. Ich war ein missratenes Anhängsel, welches man eigentlich loswerden wollte. Ich war verantwortlich für alles, was falsch lief, auch bei anderen. Ich bin falsch. In diesem glauben wuchs ich auf, verbrachte ich mein Leben. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich mit dem Begriff der Würde so gar nichts anfangen kann. Ich habe erst vor Kurzem damit beginnen können, ein Gefühl für mich selber zu entwickeln. Langsam schleichen sich jetzt auch Gefühlsregungen ein, die mir völlig fremd/neu sind.
      Ich will nicht behaupten, zuvor gar kein Ich-Gefühl gehabt zu haben, aber dieses reduzierte sich auf eine animalistische Basis. Wenn der eigene Organismus tagtäglich nur ums nackte Überleben kämpft (denn das sind Traumata), bleibt wohl keine Chance für Ausdifferenzierung auf höheren Ebenen.

      Gefällt 1 Person

Was sagst Du dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s