Warum gibt es etwas und nicht nichts?

Die Philosophie ist eine Route, die von einem Ort ins Nichts führt. So wie auch bei der Frage Warum gibt es etwas und nicht nichts? Sie verschlägt jedem den Atem aufgrund einer erschreckenden Kompromisslosigkeit, einer seelischen Wucht. Die abgründigste aller Fragen; die Kluft zwischen dem Nichts und dem Universum. Sie ist das Geheimnis der Existenz, die Unruhe, welche die nie ablaufende Uhr der Metaphysik in Bewegung hält.

Theisten kommen schnell zu einem Ergebnis und behaupten, Gott hätte die Welt erschaffen. Leider ist die Antwort aus mehreren Gründen unglücklich. Es ist nicht schwer, auf solch eine Antwort zu kommen, weil man den logischen Lehrsatz Aus nichts kommt nichts auf das Universum anwendet und schlussfolgert, ein Schöpfer müsse die Welt erschaffen haben. Dieses Gesetz wird in den meisten Fällen nicht auf den Schöpfer angewandt und so kommt es, dass Gott selbst einen Gott braucht, der ihn erschaffen hat. Wie ich in meinem Text zu Atheismus bereits beschrieben habe, führt dies zu einem infiniten Regress, d. h., jeder Schöpfer braucht einen eigenen Schöpfer, so dass es zu unendlich vielen Schöpfern kommt. Für mich ist das eine eher unelegante These.

Der Big Bang selbst ist natürlich auch nicht zufriedenstellend, weil für mich die Frage stellt, wie es von dem Nichts zu Etwas kam und warum. Es gibt zwar Daten, die darauf hinweisen, dass die Big Bang Theorie plausibel ist, aber ich zweifle eher dran. Genauso zweifle ich dran, dass wir in absehbarer Zeit eine Lösung für dieses scheinbar unlösbares Problem finden werden.

Wissenschaftliche Erklärungen an sich sind in diesem Zusammenhang schwierig, weil sie zu einer Zirkularität führen. Denn enthält das Universum alles Physikalische, dann wäre eine wissenschaftliche Erklärung eine physikalische Ursache. Doch diese Ursache müsste dann ein Teil des Universums sein, oder nicht? Dieses Problem haben wir immer, wenn mir kleinen Ursachen beginnen, also wenn wir beispielsweise annehmen, eine winzige Quantenfluktuation des Vakuums hätte den Urknall verursacht oder alles begann mit einer Singularität.

Platon nach gebe es eine ethische Notwendigkeit der Existenz, das Gute führte dazu, dass die Welt existiert. Dem bin ich auch skeptisch gegenüber eingestellt. Wie kann das Gute vor der Welt existieren? Dann gäbe es vorher nicht das Nichts, sondern nur das Gute. Und was genau wäre dann das Gute? Wie würde es sich ausdrücken und zeigen? Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass es keine logische Notwendigkeit gibt, dass das Gute die Welt verursacht. Es mag sein, dass man es als ethische Notwendigkeit betrachtet, aber wie genau sieht diese Folgereaktion aus?

Man könnte sogar fragen, ob das Nichts überhaupt eine metaphysische Option ist. Stellt euch vor, ihr beginnt, alle Energie restlos aus einer Raumregion zu entfernen. Malt euch aus, diese Region in ihrem niedrigsten Energiezustand zu verstehen, dem Vakuumzustand. An einem bestimmten Punkt dieses Energieentzugs geschieht etwas sehr Unerwartetes: Es kommt zu einer spontanen Bildung des Higgs-Felds. Es lässt sich nicht beseitigen, weil sein Betrag zur Gesamtenergie des Raums, den man zu entleeren versucht, negativ ist. Das Higgs-Feld ist etwas, was weniger Energie als nichts enthält. Begleitet wird es von virtuellen Teilchen, die pausenlos in die Existenz und aus ihr hinaus springen. Der Raum im Vakuumzustand erweist sich somit als völlig chaotisch.

Metaphysische Nihilisten versuchen die physikalischen Hürden zu umgehen und ziehen das sogenannte Subtraktionsargument ins Feld, eines der stärksten Argumente im Arsenal dieser Philosophen. Das Argument beginnt mit der Annahme, dass die Welt eine endliche Zahl von Objekten enthält – Tiere, Häuser, Bäume, Berge und so weiter und so fort. Es setzt auch voraus, dass jedes dieser Objekte kontingent ist. Obwohl das Objekt existiert, könnte es auch nicht existieren. Das erscheint plausibel. Im Film Ist das Leben nicht schön? denkt die Hauptfigur George Bailey nach einer Reihe von Rückschlägen an Suizid. Dank des Eingreifens eines Engels sieht George die Welt, wie sie wäre, wenn er nie geboren worden wäre. Er wird mit der Kontingenz seiner eigenen Existenz konfrontiert. Diese Kontingenz betrifft nicht nur einzelne Menschen, sondern wirklich jedes existierendes Ding. Schließlich macht das Subtraktionsargument noch eine Unabhängigkeitsannahme: das Nichtsein eines Objekts setzt nicht zwangsläufig das Sein eines anderen voraus.

Aber sind diese Prämissen wahr? Sind sie nicht nur gültig, sondern auch beweiskräftig? Das Argument der Endlichkeit und der Kontingenz scheinen in Ordnung zu sein, aber das Argument der Unabhängigkeit ist eher zweifelhaft. Im Film sieht George, dass es durch seiner Inexistenz viele andere Dinge gab, wie anrüchige Bars und Pfandleihen von Pottersville, die der geldgierige Bankier Mr. Potter gegründet hätte, wenn George ihn nicht gehindert hätte. Im Film Zurück in die Zukunft II gelingt es Marty McFly, die drohende Verhaftung seines Sohnes abzuwenden. Der zukünftige Biff Tannen erkennt jedoch die Funktion der Zeitmaschine und nutzt sie, um die Vergangenheit zu seinen Gunsten zu verändern. Dadurch entsteht ein terrorisienderes Gewaltmonopol, welches die Existenz seines Vaters quasi auslöscht. Ein strengeres, wissenschaftliches Modell zu dieser Analogie gibt es auch. So könnte man sich vorstellen, ein Positron und ein Elektron wären die einzigen Dinge auf der Welt. Man kann aber nicht eins weniger machen, weil das Ladungserhaltungsgesetz dies verbietet. Zwar haben beide eine individuelle Kontingenz, sind aber geprägt von einer existenziellen Verknüpfung. Man kann auch nicht von beiden zum Nichts vorgehen, da dies den Massen- und Energieerhaltungssatz verletzen würde.

Was ist eure persönliche Theorie zur Entstehung der Welt? Wie meint ihr, kann man die dargestellten Probleme lösen? Und in welchem Lager befindet ihr auch? Seid ihr Optimisten, also glaubt ihr, dass man irgendwann eine Lösung finden wird, oder seid ihr Pessimisten? Oder denkt ihr, dass die Frage völlig unsinnig ist? Schreibt mir eure Meinungen in den Kommentarbereich!

Lesenswertes:
Jim Holt – Gibt es alles oder nichts? Eine philosophische Detektivgeschichte.
Josef Honerkamp – Warum gibt es eigentlich irgendetwas und nicht einfach nichts?

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11 Kommentare zu „Warum gibt es etwas und nicht nichts?

  1. Ich finde die Frage nach dem Anfang von dem Universum und allem, was damit zusammenhängt, unbefriedigend, weil sie keine Bedeutung für mein/unser Leben hat. Diese Frage ist einfach etwas zu groß geraten und in keiner Weise verhältnismäßig. Und wissenschaftlich ist sie ebenfalls nicht, weil keine der verschiedenen denkbaren Antworten falsifizierbar ist. An dieser Stelle begegnen sich Physik und Metaphysik, und beides erweist sich als gleichermaßen sinnlos.

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    1. Da gebe ich dir Recht. Natürlich sind die Antworten auf diese Frage nicht falsifizierbar, folglich nicht wissenschaftlich; aber die Unterlassung der Beschäftigung mit dieser Frage ist für mich genauso unbefriedigend. Mich plagen diese Gedanken.

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    2. „Mich plagen diese Gedanken.“ : Trotzdem sind es Luxusgedanken. Wichtiger sind allemal Fragen, wie wir die nächsten zehn oder zwanzig Jahre gestalten. Und zwar für viele, viele kommenden Generationen, von denen es hoffentlich noch einige geben wird.

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  2. Stimme Herrn Zöllner zu. Unbefriedigend in jedem Fall. Logischerweise führt die Frage nach allem Anfang zu übernatürlichen, also logisch nicht mehr haltbaren Antworten. Die Frage ist aber dann, ob sie in ihrer Vertracktheit auch eine überflüssige Frage ist? Oder drängt sie sich uns Menschen auf, juckt den Verstand wie ein Mückenstich. Anthropologisch interessant, Gott würde hier ein Gnadenbrot erhalten. Und wenn wir fragen, was uns wirklich nützt, drängt sich da nicht wieder der obskur begründete ethische Ansatz auf? Denn wo ALLES begann, müssen wir nicht wissen. Das Wesen guten Handelns wäre da schon interessanter…

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    1. „ein Wesensmerkmal der (zumindest universitären) Philosophie“: die Frage nach der guten Lebensführung ist ein Wesensmerkmal der Philosophie. Deshalb sind Fragen des alltäglichen Lebens auch philosophisch interessant.

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  3. Ich kann sehr gut vestehen, dass dich diese Fragen beschäftigen, vor allem das mit der Entstehung des Universums – selbst wenn es uns eigentlich gar nicht mehr betrifft! Der Urknall erscheint mir auch ziemlich unwahrscheinlich, denn wenn es „nichts“ nicht gibt, dann kann es auch nicht nichts gegeben haben…
    Für die meisten Probleme, auch die, die du ansprichst, wird man wohl kaum eine Lösung finden. Aber ist das nicht der Reiz an der Philosophie? :)

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  4. Als total Fachfremder (Null Plan von Philosophie) habe ich mir hier und da einige Gedanken über Existenz gemacht und habe den Artikel mit einigem Interesse gelesen. Die Fragestellungen haben vielleicht nicht viel mit dem Alltag zu tun, aber doch durchaus mit dem Leben.
    Beispielsweise kann man sich in depressiver Stimmung die Frage stellen: Wie komme ich in den Zustand der Nichtexistenz? Für mein Bewusstsein ist die physikalische Frage hier weniger interessant, sondern die Frage ob sich Zweifel ausräumen lassen, dass das Bewusstsein in den Zustand der Nichtexistenz überführt werden kann.
    Ist das nicht eine Frage des menschlichen Lebens, ob ein Suizid nicht alles noch schlimmer machen kann?
    Ob die Frage nach der Existenz sinnlos ist, lässt sich vielleicht mit der Frage kombinieren, ob die Existenz sinnlos ist.
    Die Antwort, dass Gott Alles in die Existenz gebracht hat mag für viele unbefriedigend sein, viele finden darin jedoch die meiste Sinnhaftigkeit.

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    1. Dass viele daran die meiste Sinnhaftigkeit finden, bezweifle ich nicht. Rein logisch gesehen geriet man in Widersprüche, die sich nicht auflösen lassen.

      Ja, die Frage nach der Existenz und die Existenz selbst sind sinnlos, aber das ist das positive an ihr: Das Leben ist keine Prüfung. Du kannst nicht durchfallen oder bestehen. Du wirst am Ende deines Lebens nicht benotet. Du kannst alles tun, was du willst – Sieg oder Niederlage im gesellschaftlichen Sinn. Es würde keinen Unterschied machen. Kein Druck lastet auf uns, wir können das Leben genießen.

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