Zum Traum des bedingungslosen Grundeinkommens

Bald ist es soweit: 2016 soll per Volksentscheid in der Schweiz entschieden werden, ob jeder Bürger vom Staat unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage eine finanzielle Zuwendung von 2080 Euro erhält, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen müssen – die Rede ist vom bedingungslosen Grundeinkommen, eine jahrhundertealte Idee, die leider viel zu selten auch wirklich in die Tat umgesetzt wurde. In Finnland wird momentan darüber diskutiert, da die neue Regierung eine Existenzsicherung einführen will und erst letztes Jahr realisierte ein Berliner ein temporäres Grundeinkommen für zwölf Menschen per Crowdfunding. Und in Städten wie Dauphin, New Jersey, Pennsylvania, Seattle, Denver und Dauphin wurde mit dem ähnlichen Konzept Mincome bereits herumexperimentiert. Gute Ergebnisse wurden erzielt. Sollten wir also auch ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen?


Kritiker zeichnen ein Schreckensszenario einer faulen Gesellschaft an die Wand. Niemand muss arbeiten, niemand geht arbeiten, jeder hat Geld und kann seine Konsumlust befriedigen. Das kommt einem sogar als erstes in den Sinn, wenn man sich die Contra-Punkte eines Grundeinkommen überlegt, aber stimmt das auch? In den Städten, in denen mit diesem Konzept schon experimentiert wurde, wurden Daten enthoben und Studien geführt, die das Gegenteil belegen: Die meisten Menschen arbeiten zwar mehr als sonst, aber einen kleinen Leistungsabfall gibt es trotzdem, weil junge Mütter länger bei ihren Neugeborenen bleiben wollten und Jugendliche nicht mehr unter Druck stehen, ihre Familie finanziell mitzuversorgen. Kreativen Gruppen kann eine Existenzsicherung im Allgemeinen zu Gute kommen: Stell dir vor, du bist eine junge, talentierte Künstlerin. Musik und Zeichnen sind Leidenschaften, die bisher dein gesamtes Leben erfüllten. Doch jetzt kommst du von der Schule oder von der Universität und merkst, dass du nicht genug Geld mit der Kunst verdienen kannst, eines Tages landest du auf der Straße. Mit dem Grundeinkommen sähe das anders, denn vor dem Schlafengehen müsstest du nicht mehr stundenlang nicht zum Einschlafen fähig im Bett liegen, Sorgen bereitend, wie du an Geld herankommst, sondern kannst dich voll und ganz auf deine Arbeit konzentrieren. So geht es nicht nur jungen Künstlern und Musikerinnen, sondern auch vielen anderen Menschen, die unsere Gesellschaft braucht. Der durchschnittliche Schriftsteller lebt von etwa 3000 Euro – im Jahr! Das sind 250 Euro im Monat! Weniger als hundert Autoren können von ihren Büchern leben. Trotzdem gibt es viele Bücher, die gelesen werden, aber die Menschen dahinter leben in einer schwierigen Zeit. Anders mit dem Grundeinkommen. Wir würden aufblühen, hätten eine neue Art Hochkultur. Wir hätten mehr Menschen, die spenden können, die sich in Flüchtlingsheimen engagieren oder nicht entlohnte Tätigkeiten ausüben, die sich ehrenamtlich engagieren und dennoch einen festen Boden unter den Füßen hätten, die sich fortbilden können, ihren Kindern die Bildung finanzieren können und nicht wegen ihren großen Sorgen an Depressionen oder Angststörungen erkranken. In Dauphin wurden die Menschen in den nur vier Jahren, in denen das Experiment stattfand, zufriedener, hatten weniger Stress und weniger seelische oder körperliche Beschwerden, die Armut fing an, wegzuschmelzen, sehr viel mehr Jugendliche schlossen die Highschool ab, die Kosten für das Gesundheitssystem sanken, weil es weniger Krankenhausaufenthalte gab, die Kriminalitätsrate sank, die ökonomische Stabilität der Landwirtschaft war durch die Unabhängigkeit von den Launen der Ernte oder den globalen Lebensmittelpreisen gesichert und alle arbeiteten aus Motivation noch mehr. Durch ein bedingungsloses Grundeinkommen erreichen wir individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung, Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit.

In Hinblick auf die Zukunft ist das Grundeinkommen fast schon notwendig. Bald werden wir mit einer Massenarbeitslosigkeitswelle konfrontiert werden, die es so noch nie gegeben hat. Routinierte Berufe werden von Maschinen bewältigt werden und diese Tendenz ist schon heute sichtbar. Aber ist das auch gut so? Von Arbeit sagt man doch, dass sie identitätsstiftend sei und man kann den ganzen Tag doch nicht faul herumliegen. Und irgendwer muss doch die Drecksarbeit tun. Nun, mein Vater war ein Fließbandarbeiter, meine Mutter eine Putzfrau. Ich habe erlebt, dass diese Beschäftigungen nicht identitätsstifend sind. Stattdessen sind sie erniedrigend und hat zum Teil bei meiner Mutter großen Stress ausgelöst, da sie die Arbeit nicht freiwillig verrichtet hat, sondern unsere Familie mitfinanzieren musste, damit wir einigermaßen gut leben können. Um Identität ging es hier nie. Diese Berufe werden wegfallen. Als Ausgleich brauchen wir eine Existenzsicherung. Arbeitsplätze in Produktionsbereichen wird es nicht mehr geben, diese Menschen müssen wir  auffangen. Daher könnten wir z. B. die erwirtschafteten Gewinne aus den automatisierten Arbeitssektoren  den Menschen geben, die anstelle der Maschine gearbeitet hätten und schon haben. Dass ganze Berufsfelder durch Robotisierung verschwinden, ist nichts neues. Früher gab es den Beruf des Rechners. Menschen saßen in Hallen und haben lange Zahlenreihen addiert, subtrahiert, multipliziert, dividiert oder andere Rechenoperationen mit ihnen durchgeführt. Bis der Computer kam.

Als die Menschenrechte vor mehr als 200 Jahren vereinbart wurden, hat man sich auch gefragt, wer die Drecksarbeit dann macht, wenn jeder Mensch gleiche Rechte hat. Leider meinte man mit „Menschen“ nur weiße, erwachsene Männer, Frauen, Sklaven, Farbige waren keine Menschen. Niemand sollte Drecksarbeit verrichten – außer Roboter, die wir dafür schaffen, dass sie für uns unliebsame Arbeit verrichten. Denn Roboter sind dafür da. Das Wort kommt aus dem Tschechischen und heißt so viel wie Zwangsarbeit.

Die Frage bleibt nur: Wie finanziert man das Ganze? Zuallererst sollten Sozialleistungen wie Kindergeld, BAföG, Rentenversicherung, Wohngeld oder Arbeitslosengeld komplett entfallen, das Geld würde in das BGE einfließen. Eine Palette von staatlichen sozialen Programmen ist eben nicht so effizient wie ein einzelnes koordiniertes Grundeinkommenprogramm. Die notwendige Bürokratie würde sich auch in Grenzen halten. Wolfgang Schäuble sagte in einem Interview der Frankfurter Rundschau, dass der Staat momentan 12.500 Euro pro Kopf und Jahr ausgibt. Das sind im Monat etwa 1042 Euro – also genug Geld für eine Existenzsicherung. Das Geld für die Sozialleistungen fließt aber auch in andere Dinge, wie z.B. die Verwaltungskosten. Das sind Kosten für den Bau für Agenturen, die sich um Arbeitslosigkeit kümmern, die Gehälter von Helfern, die Arbeitslose bei ihrer Suche nach einer Erwerbstätigkeit unterstützen, aber auch die auszufüllenden Anträge, das Papier und die Tinte mit denen sie gedruckt werden, sogar um die Entwicklung neuer Strategien. Mit diesem Geld können wir auch etwas anfangen, z. B. Steuern senken, in die Bildung investieren, das Grundeinkommen erhöhen oder für andere sinnvolle Zwecke nutzen. Götz Werner, Susanne Wiest und Ralph Boes schlagen eine Konsumsteuer ähnlich der Mehrwertsteuer vor, genauso wie die Abschaffung aller anderen Steuern, weil es gänzlich unsinnig ist, Arbeit und damit das Schaffen von Werten für unsere Gesellschaft zu besteuern und damit einen Paragraphendschungel wie ein Monstrum von Verwaltungseinheiten zu erzeugen. Letzen Endes sitzen alle Steuern im Endpreis einer Ware. Machen wir ein Beispiel.

Wir gehen in ein Café und bestellen uns ein Latte macchiato. Ein kleiner Teil des Preises geht für die Warenkosten und für die Infrastruktur drauf, etwa ein Viertel für Löhne und Gehälter. Der Rest? Steuern. Umsatzsteuer, Lohnsteuern, Steuern und nochmals Steuern. Die Hälfte unseres Kaffees geht unserem Café zu Gute, die andere Hälfte besteht aus Steuern. Hätten wir ein Grundeinkommen, würden die echten Kosten geringer werden. Dadurch würde Raum zur Finanzierung eines Teils des Grundeinkommens entstehen und ein weiterer Teil würde durch bisherige Steuern finanziert werden, durch den Wegfall von Transferleistungen, die durch das Grundeinkommen ersetzt werden. Dabei bleibt der Preis gleich.

Die Idee selbst ist über ein Jahrtausend alt. Islamische Kalifen, amerikanische Revoluzzer, Science-Fiction-Autoren und Martin Luther King Jr. haben sich alle für dieses Konzept eingesetzt, wenn nicht eingeführt. Das erste Mal war es in Arabien um das Jahr 600. Sie entsprang aus islamischen, religiösen Traditionen und hieß Zakat. Die Zahlung und Verteilung von Zakat, die als komplett unilaterale und bedingungslose Übertragung definiert war, galt als Akt der Frömmigkeit. Man musste einen vorgeschriebenen Teil des Eigentums an einen armen Muslim übertragen. Ein Muslim, der mehr als genug hat, musste einem bedürftigen Muslim spenden. Abu Bakr, der Schiwiegervater des Religionsstifters Mohammed, brachte diese Idee im Jahr 632 um eine Stufe höher. Er führte einen Mindestlohn ein, in jedem Jahr standen dann allen Muslimen erst zehn, dann zwanzig Dirhams zu. Das funktionierte fast ein Jahrhundert lang bis ins Jahr 720, als das Vertrauen in den Staat zurückging und Zakat zur freiwilligen Wohltätigkeit wurde. Aber das sind nicht die einzigen historischen Figuren. Der amerikanische politische Intellektuelle Thomas Paine war eiserner Verfechter für Garantie auf Reichtum für jeden Amerikaner, Napoleon vertrat die Idee genauso wie Martin Luther King Jr., der in seinem Buch Where do we go from here schrieb „Ich bin mir sicher, dass der einfachste Weg, der beste Weg ist — und die Lösung der Armut ist, sie ganz abzuschaffen, indem man ein Einkommen garantiert.“ Die eindringlichsten Versuche kommen aber aus der Science-Fiction-Fraktion. Ein Reddit-Eintrag, der auf das lange unveröffentlichte Werk For Us, the Living von Robert Heinlein verwies, brach eine Diskussion im Forum aus. 2003 wurde das Buch nach einem Fund in einer Garage veröffentlicht, als greifbare Lösung für eine anbahnende Finanzkrise. Das Szenario schildert eine techno-utopische Welt im Jahr 2086, in dem jeder ein Sozialdarlehen erhält, in der niemand sich überarbeitet wegen der Nutzung von fortschrittlichen Produktionstechnologien. Dies garantierte finanzielle Sicherheit verabschiedete in dem Roman die Überproduktion und das rigorose Wachstumsmodell der Wirtschaft.

Quellen, verwendetes Material und weiterführende Links:
Whitney Mallet: „Die Stadt, die all ihren Bewohnern ein Grundeinkommen schenkte“ (29.05.2015)
Christine Kewitz: „Berliner will bedingungsloses Grundeinkommen mit Crowdfunding realisieren“ (24.07.2014)
Christine Kewitz: „Architekt Van Bo Le-Mentzel will sich ein Jahr seines Lebens crowdfunden lassen“ (23.06.2014)
Brian Merchant: „Der utopische Traum vom Mindesteinkommen“ (16.11.2013)
Theresa Locker: „Wie die Schweizer BGE-Aktivisten das Grundeinkommen durchsetzen wollen“ (24.11.2014)
Theresa Locker: „Die Schweiz überlegt, ob sie jedem Bürger 2080 Euro im Monat schenken soll“ (18.11.2014)
Theresa Locker: „Finnland hat das europaweit erste Grundeinkommens-Experiment beschlossen“ (22.06.2015)
Gary Burtless: „The Work Response to a Guaranteed Income: A Survey of Experimental Evidence
Evelyn L Forget: „The Town without poverty“ (Februar 2011)
Ruth Fulterer: „Niederlande experimentieren mit Grundeinkommen“ (14.08.2015)
Verena Friederike Hasel: „Macht Geld faul?“ (27.02.2015)
Zeit Online: „Grundeinkommen – News und Infos

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4 Kommentare zu „Zum Traum des bedingungslosen Grundeinkommens

    1. Mit den von Dir aufgezählten Gründen stimme ich überein.
      Der jetzige Erwerbszwang zu fast jedem Niedriglohnpreis und die amtliche Gängelung und Maßregelung bei Arbeitslosigkeit sind volkswirtschaftlich und sozialpsychologisch ruinös.
      Tatsächlich ist GENUG für alle da, aber es hapert an der Verteilung:
      https://leselebenszeichen.wordpress.com/2014/10/27/wem-gehort-deutschland/

      Angst ist sehr demotivierend, schürt Mißtrauen, macht krank und schwächt jede Leistung .

      Die heilsame, existenzielle ENTSPANUNG, die ein bedingungsloses Grundeinkommen bedeutet, würde dazu führen, daß es sich die Menschen leisten können, eine Arbeit zu tun, die sie LIEBEN. Manche würden weniger arbeiten, manche mehr, manche wohl auch gar nicht.
      Die Menschen wären ermutigt, andere Berufe oder Tätigkeiten auszuprobieren, ohne einen existenzbedrohenden Karriereknick fürchten zu müssen.
      Es gäbe gewiß auch viel mehr künstlerischen Ausdruck … ohne sogenannte Marktzwänge.
      Geldfreier Talentetausch wäre vielleicht viel häufiger.
      Die überzüchtete Wettbewerbsmentalität könnte einer natürlichen intrinsischen Motivation weichen … :-)

      Gefällt 1 Person

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