Träumst du gerade?

„Lucy hatte einen schrecklichen Albtraum von wolfsähnlichen Monstern, die sich durchs Fenster in ihr Zimmer stürzten und sie mit entblößten Fängen angriffen. Sie spürte, wie sich Zähne und Klauen in ihr Fleisch bohrten. Als sie schwitzend und schwer atmend aufwachte, sah sie sich im Zimmer um. Erleichtert seufzend stellte sie fest, dass alles nur ein schlimmer Traum gewesen war. Doch da drangen sie mit ohrenbetäubenden Krach tatsächlich wolfsähnliche Monster in ihr Zimmer und attackierten sie, genau wie in ihrem Traum. Ihre Schreie mischten sich mit hilflosen Schluchzen.
Schließlich erwachte sie schweißgebadet und nach Luft ringend. Wie absurd! Sie hatte einen Traum im Traum gehabt, was bedeutete, dass das erste Mal Aufwachen ein Traum gewesen war. Wieder sah sie sich in ihrem Zimmer um; sie konnte keine Monster entdecken. Aber wie sollten sie wissen, ob sie diesmal wirklich wach war? Sie wartete voller Angst.“ (Quelle: „100 philosophische Gedankenspiele“ von Julian Baggini)

Das Phänomen des geträumten Aufwachens sollte jedem bekannt sein, aber woher wissen wir jetzt, ob wir wirklich wach sind, wenn wir träumen können, aufgewacht zu sein? Woher wissen wir, dass wir jemals wirklich wach sind? Träume sind unzusammenhängend und ohne logische Struktur. Dass ich wach bin, weiß ich, weil ich nicht plötzlich fliegenden rosafarbenen Elefanten begegne oder auf Wasser laufen kann. Meine Mitmenschen bleiben so, wie sie sind und verwandeln sich nicht plötzlich in Pamela Anderson.

Ich habe viele lebhafte Träume. In einem wanderte ich einen Landweg entlang und meine Großmutter und eine Freundin starben auf dem Weg. Die Freundin konnte anschließend in einem Krankenhaus gerettet werden. Nachdem ich die Schule besucht habe und mich alle über den Tod meiner Großmutter ausgefragt haben, ging ich wieder den Landweg entlang und meine Wahrnehmung änderte sich krankhaft wie bei einem Drogentrip. Bemerkenswert daran ist, dass dieses Traumdasein keine Vergangenheit besaß; ich hinterfragte nicht einmal meine Umgebung. In dem Augenblick empfand ich das anders. Ich hatte das Gefühl, dass meine Großmutter sowie die Freundin schon immer bei uns gelebt haben. Dass mir meine veränderte Wahrnehmung nicht merkwürdig vorkam, war der Beweis, dass mein kritisches Bewusstsein völlig ausgeschaltet war.

Jetzt sitze ich nachts vor meinem Laptop und tippe diesen Text ein. Ich bin mir zwar kurzfristig nicht bewusst, wie ich hierhergekommen bin, doch es gelingt mir, durch kurzes Nachdenken die Vergangenheit zu rekonstruieren und wieder den Bezug zur Gegenwart herzustellen. Doch was wäre, wenn ich die Vergangenheit nicht rekonstruiere, sondern konstruiere? Mein Gefühl, dass das, was ich erlebe, Folge einer persönlichen Vergangenheit ist, könnte genauso falsch sein wie mein Traum. Alle meine Erinnerungen könnten mir zum ersten Mal in den Sinn kommen. Mein Leben könnte auch in einem Traum erst vor kurzem begonnen haben. Das könnte auch bei euch möglich sein. Vielleicht liest ihr diesen Text in einem Traum, überzeugt davon, dass ihr in der „Wirklichkeit“ seid. Und es kann sein, dass ihr erst, wenn ihr aufwacht, erkennt, wie komisch all das ist, was euch jetzt als völlig normal erscheint.

Ob man wach ist oder träumt, kann man durch sogenannte Reality Checks erfahren. Ich stelle mir ständig die Frage, ob ich wach bin oder nicht und beobachte aufmerksam, ob irgendetwas anders ist als sonst. Außerdem halte ich mir die Nase zu und versuche auszuatmen, denn im Traum funktioniert das, aber nicht in der Realität. Das liegt an der Schlafstarre während der REM-Phase, in der man träumt. Oder ich zähle die Finger an meiner Hand ab, denn im Traum kann sie sich verändern. Da ich in meinen Alltag viel mit Texten oder Büchern zu tun habe, schaue ich kurz weg und beobachte, ob sich etwas am Text verändert hat. Wenn sich der Text verändert hat, die Buchstaben darin merkwürdige Dinge tun oder ähnliches, ist man in einem Traum. Bei den Reality Checks sollte man nicht hektisch vorgehen, sondern sie mit Ruhe und Bedacht unvoreingenommen ausführen, sonst verlieren sie an Wirkung. Mit den Gedanken „Das klappt doch eh nicht!“ oder „Ich bin doch eh wach!“ verliert der Reality Check an Sinn und Wirkung, sodass man das auch im Traum denkt und vielleicht überhaupt keinen Reality Check ausführt. Hilfreich ist hier eine positive Haltung, indem man sich selbst davon überzeugt, dass man träumt und durch den RC erst richtig klar wird. Übrigens stelle ich mir im Rahmen von Realitätsüberprüfungen die Frage, wo ich vor zwei Stunden war und was ich in der Zeit gemacht habe, denn im Traum hat man keine Vergangenheit. Die Fragen, ob es Sinn ergibt, was man gerade tut und wie man hergekommen ist, sollten auch gestellt werden. Natürlich weiß man so was alles im Alltag, aber man glaubt es eben auch im Traum zu wissen. Genau das ist das Problem.

Der Sinn hinter diesen Reality Checks ist, dass sie im Traum automatisch ausgeführt werden, wenn man sie im Alltag oft genug durchführt. Kritische Fragen aktivieren die Gehirnareale, die für Bewusstsein zuständig sind, so kann man im Traum auch klar werden. Sie sind auch für die Klartraum-Technik DILD wichtig, also Dream-Initiated Lucid Dream. Dabei werden Reality Checks im Traum ausgeführt und man wird im Traum Klarheit erlangen und kann den Traum mehr oder weniger steuern, beziehungsweise bewusst erleben oder beeinflussen. Es ist wichtig, die Überprüfungen gerade dann zu machen, wenn etwas Seltsames geschieht, denn so was passiert im Traum häufig, aber wird nie hinterfragt. Das können Widersprüche oder Fehler im Kontext sein, beispielsweise ein erneutes Schreiben des Abiturs, aber auch Ereignisse, die im Wachleben unmöglich sind oder Personen, die man im Wachleben nicht mehr sieht. Hilfreich kann es auch sein, sich selbst durch Autosuggestionen glauben zu lassen, dass man klarträumen wird und sich vor dem Einschlafen auf die Absicht konzentriert, sich an seine Träume zu erinnern. Eine gute Traumerinnerung ist neben Klarheit auch wichtig, denn was ist denn ein Klartraum, wenn man sich an ihn nicht erinnern kann? Traumtagebücher sollten geführt und auf wiederholende Ereignisse im Traum analysiert werden. Träumt ihr beispielsweise oft von der Schule, sollte man gerade dann sein kritisches Bewusstsein aktivieren, wenn man in der Schule ist.

Wer noch nie einen Klartraum erlebt hat, kann selten die Faszination verstehen, die sich in Klarträumern verbirgt. In ihnen kann man alles machen, was man will. Man kann Situationen neu erleben, Dinge ausprobieren, die man sich sonst nicht traut oder völlig abstruse Sachen anstellen. Fliegen, durch Wände gehen, unsichtbar werden und viele andere Möglichkeiten stehen einem offen. Man kann erfahren, wie es ist zu sterben, anderen Menschen die Dinge sagen, die man sich sonst nicht traut und dadurch Selbstbewusstsein gewinnen. Aber Klarträume öffnen uns auch die Tore zu unserem Unterbewusstsein. Träume drücken in erster Linie unsere Gefühle aus, unsere emotionalen Konflikte mit anderen Menschen, verdrängte Geschehnisse und beinhalten so viel zu interpretierendes Material. Wenn man sich erst mal bewusst wird, welches Potential eine gute Traumerinnerung oder gar das Klarträumen für die Selbstfindung hat, kommt man kaum von ihr los. Im Klartraum kann man die Reaktionen anderer Menschen intensiv beobachten, ihnen Fragen stellen. Deren Antworten sind Gold wert. Ich stelle meist Fragen über mich selbst, um näher in den Ozean meiner Psyche einzutauchen und die fest verschlossene Schatztruhe meiner Gefühle endlich bergen zu können. Unbestreitbar ist es, sich in diesem Kontext mit Traumdeutung auszukennen, um sich selbst näher kennenzulernen.

Quellen, verwendetes Material und weiterführende Links:
Wikipedia: Klartraum
Klartraum: Homepage
Wikibooks: Klartraum
Frankfurter Allgemeine: „Fliegen lernen“ (18.01.2015)
Frankfurter Allgemeine: „Nie wieder Albträume“ (20.05.2014)
Klartraum-Wiki: Homepage
KT-Forum: „Klarträumen – Schritt-für-Schritt-Anleitung & FAQ“ (07.07.2011)
Klartraumforum: „Der Schlüssel zum Klarträumen“ (20.01.2012)
SpiegelOnline: „Schlafforschung: Wie Klarträumer ihre Gedanken steuern“ (13.02.2011)
wikiHow: „Einen Klartraum haben
scinexx: „Warum haben nicht alle Klarträume?“ (22.01.2015)
Presseportal: „Klarträumen schärft den Realitätssinn – Wer Träume bewusst erlebt, zeigt ein besonders hohes Maß an gesunder Skepsis“ (05.05.2015)
YouTube: KlareTraeume
KlareTraeume: „Wichtiger Klartraum – Tipp: kritische Fragen (DILD)“ (18.07.2015)
KlareTraeume: „Die beste Klartraum-Technik für uns – Anfänger Crashkurs DILD“ (22.07.2015)
Apotheken-Wissen: „Wie funktioniert Klarträumen?
Universität Bonn: „Zwischen Wahrheit und Wahn“ (18.08.2009)
Hanna Drimalla: „Hirnscanner: Kühler Kopf und klare Träume“ (20.05.2014)
Judith Rauch: „Erinnerung und Traum: Die Nachtseite des Bewusstseins“ (01.09.2013)
Arvid Leyh: „Gesundheit: Schlaf und Traum im Überblick“ (01.11.2012)
Nadja Brenneisen: „Ich hab mich auf die Suche nach luziden Träumen begeben“ (17.12.2014)
Ursula Voss: „Klarträume : Im Zwischenreich“ (04.02.2011)
Irene Habich: „Luzide Träume: Auftauchen aus der Traumwelt“ (09.07.2015)
Jan Dönges: „Klarträume: „Im Schlaf erwacht“ (20.08.2009)

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3 Kommentare zu „Träumst du gerade?

  1. Luzide Träume erlebe ich oft. Ich habe schon unzählige Male versucht eine Blume, einen Stein, eine Muschel oder ein Schiftstück aus meinen Träumen mitzunehmen. Ich möchte mir gerne meine Bewußtseinsklarheit darüber, daß ich mich in der Traumwelt bewege durch TRAUMSOUVENIRS dokumentieren. Offenbar gibt es da eine geheimnisvolle Zollschranke, die die Ausfuhr von Traumbeweisstücken verhindert ;-) – denn bisher erwachte ich stets mit leeren Händen.
    Doch ich gebe nicht auf und greife immer wieder beherzt ins Traumgewebe …
    Traumwandlerische Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

    Gefällt 1 Person

    1. Ich versuche das „Drehbuch“ nach meinen Wünschen zu gestalten und empfinde ein herrliches, lebhaftes und spielerisches Gefühl von FREIHEIT!
      Das willentliche Beeinflussen ist jedoch oft eine Gradwanderung, die bei zu großer KLARHEIT dazu führt, daß ich richtig wach werde. Auch das ist mir beim luziden Träumen stets bewußt und so lasse ich den Traum mit einigen „Verbesserungen“ einfach geschehen. Manchmal diskutiere ich auch mit den Traumfiguren darüber, daß wir in einen Traum sind … das hat wirklich oft sehr absurde und komische Metametametaebenen … :-)

      Gefällt 1 Person

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