Schizophrenie – oder wie es ist, aus der Welt zu fallen

1911 führte der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler in seiner Schrift Dementia praecox oder Die Gruppe der Schizophrenien erstmals einen der missverstandesten Begriffe aus der Welt der Psychiatrie ein. Doch die Beschreibungen dieses Krankheitsbilds blicken auf eine wesentlich längere Geschichte zurück. Wilhelm Griesinger unterschied schon 1845 zwischen primärer Verrücktheit und sekundären Schwächezuständen, der französische Psychiater Benedict Augustin Morel skizzierte in seinem 1860 erschienenen Werk Traite des Maladies Mentales die Erkrankung eines Jugendlichen, der zuvor vollkommen unauffällig sich zunehmend zurückzog und in einen demenzartigen Zustand verfiel. Ewald Hecker und Karl Ludwig Kahlbaum haben jeweils in den Jahren 1871 und 1874 Arbeiten über das Jugendirresein (also Hebephrenie) und dem Spannungsirresein (Katatonie) veröffentlich. Emil Kraeplin fasste dann 1893 die Paranoia, Hebephrenie und Katatonie unter dem Begriff Dementia praecox zusammen, wörtlich übersetzt heißt der Begriff so viel wie vorzeitige Demenz. Bleuler allerdings leitete einen grundlegenden Wandel im Verständnis dieser Störung ein. Er hielt die Grundsymptome für Assoziationslockerung, Affektstörungen, Parathymie, Autismus und Ambivalenz. Hinzutretende Symptome sollen Sinnestäuschungen, Wahnphänomene und katatone Symptome gewesen sein. Den Begriff Schizophrenie wählte er, weil er mentale Assoziationsstörungen für das Grundsymptom hielt. Allerdings bedeutet dieser Begriff so viel wie Spaltungsirresein, was viele zur Annahme verleitete, dass die Störungen was mit gespaltenen Persönlichkeiten, trivialen Widersprüchen im Alltag, in den Medien oder Politik zu tun hat. Jedenfalls beschrieb der Schweizer Psychiater die Merkmale als Auseinanderfallen gedanklicher Verbindungen, was sich in Denk- und Sprachstörungen ausdrückt, als Lockerung der Verknüpfungen zwischen Gefühlsausdruck und Gesagtem, was sich in fehlender Übereinstimmung zwischen Stimmung und Wahninhalt äußern kann, zum Beispiel Heiterkeit bei einer Beerdigung oder Verzweiflung nach erfolgreich bestandener Prüfung. 

Ein weiterer Schritt zur besseren Erfassung waren die Symptome des ersten Ranges, erstmal beschrieben von Kurt Schneider. Symptome des ersten Ranges sind beispielsweise die Wahnwahrnehmung, also dass reale Wahrnehmungen wahnhaften Bedeutungen beigemessen wird. So kann ein Betroffener einen roten Strich auf einem Blatt als Morddrohung interpretieren. Dazu gehören aber auch dialogische oder kommentierende Stimmen sowie Gedankenlautwerden. Betroffene nehmen leibliche Beeinflussungserlebnisse wahr. Außerdem werden sie von Gedankenentzug, -eingebung und -ausbreitung geplagt waren und fühlen sich in ihrem Willen beeinflusst. Gedanken werden manipuliert, können entfernt oder hörbar gemacht werden und sich ausbreiten. Für Patienten haben diese Merkmale einen besonders beunruhigenden Charakter. Zweitrangsymptome können Halluzinationen aller Art sein, etwa optische oder akustische Halluzinationen, aber Geruchs- oder Geschmackshalluzinationen. Generell verändert sich die Sinneswahrnehmung.

Die heutige Definition der Schizophrenie umfasst die zurückliegenden Untersuchungen früher Psychiater. Charakteristischen Symptomen nach ist die Schizophrenie als Psychose definiert, als Störung, die mit Realitätsverlust einhergeht. Innere und äußere Wahrnehmung verändert sich, die Kognitionen und die Emotionalität und häufig auch der Ausdruck und das Verhalten. Des Weiteren ist das Denken gestört. Gedanken reißen ab. Gedanken schieben oder gleiten sich über einen anderen; kurz gesagt: das Denken entzieht sich eigener Kontrolle. Als Positivsymptomatik versteht man Anzeichen, die beim neurotypischen Menschen nicht da sind und dazukommen. Das sind Halluzinationen und Wahnvorstellungen, die geprägt sind von einer unvergleichlichen subjektiven Gewissheit, von einer Unkorrigierbarkeit und einer Unmöglichkeit des Inhalts der Schilderungen des Kranken. Wahnvorstellungen sind beispielshalber paranoide Vorstellungen, also Verfolgungswahn, die mit einer unglaublichen Selbstbezogenheit und Bedrohungsgefühlen einhergeht. Die Welt wird als Kulisse mit fremdartigen Charakter und fremdartigen Charakteren wahrgenommen. Die vermeintlichen Verfolger können reale Personen sein, aber auch übernatürliche Mächte, Teufel und Dämonen. Aber auch die eigene Person kann einem Wandlungsprozess unterzogen worden sein. Betroffene können völlig größenwahnsinnig werden, denken, dass sie übernatürliche Fähigkeiten und Eigenschaften haben, zudem noch eine neue, wahnhafte Natur, meist religiöser Natur. So was kann auch einen komplett negativen Charakter haben: der Körper kann als unheilbar krank wahrgenommen werden, meist durch Einwirkung von Umwelteinflüssen, was man dann hypochondrischer Wahn nennt. Darüber hinaus können reale und vermeintliche Handlungen ein übermächtig schuldhaftes Profil erhalten, manchmal sogar durch die bloße Existenz. Coenästhetische Halluzinationen bedeuten, dass die inneren Organe verändert wahrgenommen werden. So berichtete eine Patientin beispielsweise, dass jede Nacht Herz und Gedärme entzwei gerissen werden und sich am Morgen selbst wieder zusammensetzen. Das Auseinanderreißen soll schmerzhaft sein, aber qualitativ anders als gewöhnliche Schmerzen. Optische Halluzinationen können völlig einfache Elementarhalluzinationen sein, wie farbige Wolken, Ringe, Sternen, aber auch komplexe szenische Handlungen.

Die katatone Symptomatik dagegen beschreibt Auffälligkeiten auf der Ebene der Psychomotorik, die sich in Hypo- und Hyperphänomene unterteilen lassen. Die Hyperphänomene sind stereotype Bewegungen oder Bewegungsmanierisierungen und die Hypophänomene sind Stupor, also das bewegungslose Verharren und die Verweigerungshaltung. Katatone Zustandsbilder können kritische Situationen hervorrufen, so kann katatone Erregung, welches völlig unvorhergesehen und plötzlich kommt, dazu führen, dass Betroffene toben und schreien, gegen Wände und Türen rennen oder gar Anwesende angreifen.

Die Negativsymptomatik ist das Fehlen von Funktionen und Aspekten, wie etwa der Antrieb und die Emotionalität. Die Denkabläufe verarmen, die Sprachproduktion versagt. Häufiger kommt es zu affektiven Veränderungen. Betroffene sprechen von einer abgeflachten Gefühlswelt, in der Gefühle an Kraft verlieren, auch bei Themen, die für die Patienten bedeutsam sein sollten, klingt die Stimme dann monoton. Sie spüren einfach weniger als vor der Erkrankung. Das betrifft nicht alle Bereiche gleichmäßig, so verflachen die sogenannten höheren Gefühle wie Sympathie, Mitleid oder Reue früher, die basalen Gefühle wie Trauer, Freude oder Wut später. Affektverarmung dagegen ist, wenn einige Gefühlskomponente noch intakt, aber kaum vorhanden sind. Der Alltag von Betroffenen ist meist affektiv kaum besetzt, Wahnthemen sind aber mit einem starken Affekt unterlegt.

Wie wir sehen, kristallisieren sich drei Haupttypen: die paranoide, hebephrene und katatone Schizophrenie. Die paranoide kommt mit Wahnideen und Sinnestäuschungen, die hebephrene mit Affekt-, Denk- und Antriebsstörungen und die katatone Schizophrenie mit psychomotorischen Symptomen wie Bewegungslosigkeit, Erregung oder wächsernde Biegsamkeit. Die familiäre Häufung als Ausdruck einer genetischen Komponente ist zweifelsfrei belegt, trotzdem kommen 80 Prozent der Schizophrenien sporadisch ohne weitere Erkrankungsfälle in der Familie vor. Psychosoziale Faktoren spielen auch eine Rolle, so können kritische Lebensereignisse wie Ortswechsel, Migration, Berufseintritt, Arbeitsplatzwechsel, beruflicher Auf- oder Abstieg, Ablösung vom Elternhaus, Beginn oder Ende einer Partnerschaft zu der Entstehung einer Schizophrenie beitragen. Das sind alles Faktoren, die stressauslösend sind. Von einem neurochemischen Korrelat ist von auszugehen, so erfahren Betroffene eine Regulationsstörung des Dopaminstoffwechsels, welches für das Belohnungssystem im Gehirn eine entscheidende Rolle spielt, aber auch eine Überaktivität in den limbischen Hirnregionen, die eine wichtige Rolle in der Regulation von Emotionen spielen. Meist tritt eine Schizophrenie im Verlauf des dritten Lebensjahrzehnts auf, doch die Vorläuferphase kann viele Jahre andauern. Sie beinhaltet Auffälligkeiten wie schwindendes Engagement in der Schule, Arbeit, Vernachlässigung der Körperhygiene und Kleidung, ungewohnte Launenhaftigkeit oder Wutausbrüche sowie sozialer Rückzug von der Familie. Eltern und Lehrer schätzen dies meist als Pubertätskrisen ein, doch die Erstmanifestation tritt meist Jahre danach auf. In manchen Fällen bildet sich die Symptomatik komplett zurück, die Rückfallquote ist hoch.

Eine Vielzahl von Theorien sind zur Entstehung von Psychosen formuliert worden. Bisher konnte weder die biologische noch psychosoziale Forschung eine allgemeingültige Ursache finden, weswegen man von einer multifaktoriellen Ursache ausgeht. Biologische Ursachen sind Stoffwechselstörungen von Neurotransmittern, die bekanntermaßen für den Informationsfluss zwischen Nervenzellen zuständig sind. Dopamin, Serotonin und Glutamat sollen dabei die Protagonisten auf der Bühne der Botenstoffe sein. Für positive Symptome scheint eine Überaktivität des Dopamins in dem Teil des Gehirns zu bestehen, in dem Reize von außen verarbeitet werden und Affekte reguliert werden. Für negative Symptome scheint eine Unteraktivität des Dopamins in dem Teil des Gehirns zu bestehen, das für kognitive Fähigkeiten und Motivation zuständig ist. Unser bestes Modell wird als Vulnerabilität-Stress-Modell bezeichnet. Sie besagt, dass Menschen mit einer möglicherweise genetisch bedingten Disposition zu Psychose beziehungsweise anderen Risikofaktoren besonders empfindlich sind für Stresssituationen wie Pubertät, Schulabschluss, Verliebtheit, Trennung, Überarbeitung, Urlaub, Umzug, Heirat, Verlust oder Todesfalls, Schwangerschaft oder andere schwierige Lebenssituationen. Trotzdem kann durch die schützende Wirkung anderer Faktoren wie gute soziale Einbindung, gutes Funktionsniveau, gute Bewältigungsfähigkeiten der Ausbruch der Psychose ausbleiben, so dass eine Erkrankung nicht unausweichlich ist. Oft sind es feinfühlige und kreative Menschen, die an einer Psychose erkranken, das kranke Genie John Nash ist ein tragisches Beispiel für so einen Fall.

Empfehlenswerte Beiträge und Berichte:
YouTube: IhaveSchizophrenia1
Daniel Smith: „So fühlt sich akute Schizophrenie an“ (01.11.2014)
Jessie Hicks: „Der einsame Programmierer Gottes“ (27.11.2014)

Quellen, verwendetes Material und weiterführende Links:
Psychoedukation im Netz: „Psychosen
dasGehirn: „Der Kosmos im Kopf
Dr. Christian Wolf: „Der hohe Preis der Intelligenz?“ (28.07.2015)
Wikipedia: Psychose
Wikipedia: Schizophrenie
Gesundheit: „Dopamin – Glücksbringer oder Krankmacher?“ (08.10.2012)
Thomas Stompe: „Vom Wahn zur Tat: Wahre Fälle aus der forensischen Psychiatrie“ (12.02.2013)
Psychosoziale Gesundheit: „Wie beginnt eine Schizophrenie?
Der Tagesspiegel: „Psychiatrie: Stimmen im Kopf
Michael Byrne: „Warum hat die Evolution die Gene für psychische Krankheiten nicht eliminiert?“ (10.03.2015)
Hanson O’Haver: „Darum kommen psychische Krankheiten oft mit Anfang 20“ (05.05.2015)

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2 Kommentare zu „Schizophrenie – oder wie es ist, aus der Welt zu fallen

  1. So reich möchte ich einmal sein, das ich mir um so etwas Gedanken machen muß,.
    Kleidung weggeben? ich muß sie tragen bis sie auseinander fällt
    Vegan leben? mir sagt mein Arzt immer ich soll mehr Fleisch essen, damit ich keine Eisentabletten nehmen muß
    Bus und Bahn? das gibt es hier nicht
    und so weiter und so fort

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    1. Das ist wohl der falsche Text, aber kein Problem.
      Mh, nein. Reich muss man nicht sein, um sich über so etwas Gedanken zu machen. Im Gegenteil, gerade ärmere Menschen können durch einen angepassten Minimalismus ein finanziell gesehen balanciertes Leben führen. Ich bin auch nicht der reichste Mensch auf Erden und mache mir trotzdem Gedanken darüber, ob das, was ich zu Hause stehen habe, wirklich brauche, genauso, wenn ich im Laden stehe und mich frage, ob das, was ich kaufen möchte, ich wirklich brauche.
      Mit meinen Tipps möchte ich lediglich eine Hilfestellung geben, es ist nicht als der definitive Leitfaden zu einem einfachen Leben gedacht. Wenn du Fleisch ist, um keine Eisentabletten zu nehmen, ist in Ordnung. Wenn es bei dir – warum auch immer – weder Bus noch Bahn gibt, musst du schauen, wie du effektiv von A nach B kommst.

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