Besteht der Mond aus Käse?

„Der Mond besteht aus Käse. Vielleicht handle ich mir durch diese Aussage mein Todesurteil ein, denn eigentlich sollten wir das nicht wissen. Sie werden behaupten, ich sei verrückt. Doch wie Kurosawa ganz richtig sagte: ‚In einer verrückten Welt sind nur die Verrückten normal.‘
‚Aber es waren doch schon Menschen auf dem Mond‘, werden Sie sagen. Ach was. Das war gefälscht, von der NASA in einem Studio gefilmt. ‚Es war nicht nur ein bemannter Mondflug‘, wenden Sie nun ein. Tja, die anderen waren auch fast alle Fälschungen, aber es gab ein paar echte und von denen haben die Astronauten Materialproben mitgebracht, die die Käsetheorie bestätigen. Natürlich hält man diese Ergebnisse unter Verschluss.
‚Aber die Menschen beobachten den Mond doch mit Hilfe von Teleskopen.‘ Und so soll sich feststellen lassen, ob der Mond aus hartem Gestein oder weichem Käse besteht?
‚Wenn Ihre Theorie stimmen würde, hätte sie sich doch sicher längst herumgesprochen.‘ Nun, würden Sie wohl eher schweigen, wenn man Ihnen einen ordentlichen Betrag bietet, oder sich als Wahnsinniger abstempeln oder umbringen lassen?
Denken Sie doch mal drüber nach: Wie sollte Elvis da oben ohne ordentlichen Vorrat an Käse überleben?“ (Quelle: „100 philosophische Gedankenspiele“ von Julian Baggini)

Die Käsevermutung scheint eine abstruse These eines verwirrten Verschwörungstheoretikers zu sein. Doch mehr als die Hälfte der Amerikaner glauben, dass 9/11 geplant war. Was macht daraus eine vernünftige Ansicht? Und warum sollte unsere keine sein, nur weil keiner daran glaubt?

Verschwörungstheorien entstehen im Wesentlichen aufgrund zweier Beschränkungen bei der Wissensbildung. Die erste Einschränkung hat was mit der holistischen Natur der Erkenntnis zu tun, denn unser Wissen ist ein Netz mit einer schier großen Anzahl von anderen Überzeugungen. Nehmen wir als Beispiel die Überzeugung, dass Eis essen dick macht. Sie ist verbunden mit dem Wissen über den Kaloriengehalt von Eis, mit dem Zusammenhang von Fettkonsum und Fettleibigkeit und diverser anderer Erkenntnisse aus der Ernährungswissenschaft. Die zweite hat etwas mit der sogenannten Unterbestimmtheit der Theorie durch Belege zu tun. Es gibt nie genug Belege für den schlüssigen Beweis einer Theorie, weil immer Schwachpunkte existieren und man genauso gut auf einer falschen Fährte sein könnte. So sprechen Gerichtsverhandlungen auch über Belege über jeden denkbaren Zweifel, nicht über jeden Zweifel, das wäre schlicht unmöglich.

Doch das Wissen über die Beschränkungen öffnet Tür und Tor für die wildesten Verschwörungstheorien. Es gibt genug überzeugende Beweise, dass der Mond aus Gestein besteht. Trotzdem ist dieser Schluss nicht zwingend. So könnte die beobachtete Färbung der Mondoberfläche durch eine Anzahl von Schimmelpilzarten verursacht worden sein. Die als Mondmäuse bezeichnenden Tiere fraßen bisher so viel vom Mond, dass unser Trabant Löcher hat. Die Beobachtungen der Zusammensetzung der Mondoberfläche werden von der Regierung der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in einer bewussten Verschwörung unterdrückt und zahlreichen Wissenschaftlern aus der Astronomie wurde Geld zugeschoben, damit sie deren spektralanalytische Beobachtungen verfälscht veröffentlichen.

Also ließen die Lücken in der wissenschaftlichen Beweisführung die Käsetheorie zu, wir müssten nur all die anderen untereinander verbundenen Überzeugungen in unserem Netz des Verständnisses so abwickeln, dass sie zu dieser Theorie passen. Die Genauigkeit von Teleskopen wird nie optimal sein, über die Realität von Mondlandungen wird kontrovers diskutiert und das Ausmaß Korruption kann ja nichts Neues sein.

Es geht hier nicht um weit hergeholte Hypothesen, sondern dass sie mit den Beweisen in Einklang stehen müssen. Das macht die Faszination Verschwörungstheorie aus. Dass „alles passt“ scheint eine hinreichende Basis für den Glauben daran zu sein, doch leider passen so viele Theorien, und die Käsetheorie ist eben nur eine davon. Was hebt nun die eine Theorie über andere? Warum erscheint die Evolutionstheorie von Charles Darwin überzeugend, aber die über die Falschheit der Mondlandungen absurd? Darauf gibt es keine simple Antwort. Das erklärt, warum die Hälfte der Amerikaner die Evolution für Unfug hält. Die bloße Übereinstimmung mit Belegen reicht nicht aus, um eine Theorie rational zwingen zu machen. Und vielleicht isst Elvis nicht Käse auf dem Mond, sondern befindet sich in der Pizzaumlaufbahn der Erde.

Meist basieren Verschwörungstheorien nicht auf rationale Analysen von empirischen Untersuchungen. Denn unsere größte Stärke als Spezies ist unsere Fähigkeit, bedeutungsvolle Muster in der Welt ums uns zu finden und Kausalitäten zu konstruieren. Die Wissenschaft ist so entstanden. Manchmal sehen wir Muster und kausale Verbindungen, die nicht wirklich da sind, besonders wenn wir denken, alles wäre unter der Kontrolle einer Großmacht. Die Attraktivität von Verschwörungstheorien könnte von den vielen kognitiven Verzerrungen kommen, die während der Informationsverarbeitung entstehen. Der Bestätigungsfehler ist die überzeugendste Verzerrung und ein mächtiger Lenker im Glauben von Verschwörungstheorien. Wir alle geben den Informationen, die unseren Glauben bestätigen, mehr Aufmerksamkeit als denen, die ihn widerlegen. Reale Ereignisse, die meist Inhalt von Verschwörungstheorien sind, sind meist komplex und unklar. Frühe Berichte enthalten zahlreiche Fehler, Widersprüche und Mehrdeutigkeiten, was man ausnutzt. Das Proportionalitätsbias spielt auch eine Rolle, sie besagt, dass große Ereignisse große Ursachen haben. Man kann es kaum glauben, dass ein großer Mann wie der US-amerikanische Präsident John F. Kennedy ein tragisches Opfer eines einsamen Schützen war. Viele finden es glaubwürdiger, dass er Opfer einer großen Verschwörung gewesen war. Außerdem hat die Projektion auch einen Einfluss: Verschwörungstheoretiker engagieren sich viel eher bei Verschwörungen, verbreiten Gerüchte oder misstrauen anderen Menschen. Diese Anteile werden auf andere projiziert und machen Verschwörungstheorien plausibler. Solche Ideologien zeigen, dass der menschliche Geist mächtig flexibel ist, denn Personen, die zu Verschwörungsdenken neigen, bejahen sich widersprechende Hypothesen, dass z.B. Osama bin Laden viele Jahre vorher von der amerikanischen Regierung umgebracht wurde, dann, dass er immer noch lebt und der Mord nur gefakt war. Es ist unerheblich, ob die konkreten Thesen sich gegenseitig stützen – Hauptsache, die Thesen passen zu einer bestimmten Grundannahme.

Vorher glaubten viele, dass ihre Geschichte von Gott gelenkt wurde. Mit der Aufklärung wirkten viele Ereignisse plötzlich willkürlich. Theorien boten eine neue Erklärung. Statt Gott lenkt eine neue globale Elite die Welt, eine Gruppe von übermenschlichen Verschwörern, die über Jahrzehnte hinweg den Mund halten, sich nie uneins sind und deren Plan auf das gesamte 20. Jahrhundert ausgelegt ist. Ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Säkularisierung einer Gesellschaft und der Verbreitung von Verschwörungstheorien?

Jedenfalls kommt eine Studie britischer Psychologen in einem Artikel von Social Psychological & Personality Science zu dem Ergebnis, dass es Anhängern von Verschwörungstheorien vor allem um Misstrauen an offiziellen Berichten und Rechercheergebnissen von Regierungen oder mächtigen Behörden und weniger tatsächlich um eine Annäherung an die Realität geht. [1] Zwei Versuche wurden durchgeführt. Im ersten fragten sie 137 Studenten nach ihrer Zustimmung zu verschiedenen Verschwörungstheorien. Im Ergebnis zeigte sich, dass Menschen, die z.B. der offiziellen Geschichte über Dianas Tod misstrauen, sich nicht auf einzelne Verschwörungstheorien festlegen, sondern gleichzeitig mehrere, sich auch völlig widersprechende Theorien für möglich halten. In den Wochen nach dem Angriff auf Osama Bin Ladens Anwesen in Pakistan befragte man 102 Studenten in einem zweiten Experiment, nachdem diese einen Bericht über Bin Ladens Tod gelesen, aber auch den Hinweis erhalten hatten, dass einige Menschen diese offizielle Version anzweifeln. Wer der Meinung war, dass die US-Regierung Informationen zurückhielt, der hielt es auch für wahrscheinlich, dass Bin Laden schon vorher tot war – oder noch am Leben ist.

Melley geht davon aus, dass Verschwörungstheorien der Ausdruck einer paranoiden Angst davor sind, unbewusst beeinflusst und manipuliert zu werden – ohne es zu bemerken – die eigene Individualität zu verlieren. Für Grüter hingegen sind Verschwörungstheorien eine Entwicklung des Misstrauens einer Mehrheit gegenüber einer Minderheit. [5] In der jüngsten Veröffentlichung zum Thema gehen Wood, Douglas und Sutton davon aus, dass Verschwörungstheorien eine sich selbst stabilisierende Weltsicht bilden können. [3]

Sicher ist, dass der Terroranschlag einen trauriges 14-jähriges Jubiläum feiert, während immer noch Verschwörungstheoretiker über die Ereignisse dieses Tages grübeln. Das Ausmaß der Grausamkeit ist für die Menschheit kaum zu fassen.

Der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik.

– Josef Stalin

Quellen, verwendetes Material und weiterführende Links:
Wood, Douglas, Sutton: „Dead and Alive: Beliefs in Contradictory Conspiracy Theories“ (Januar 2012) [1] [3]
Besold et al: „Die Big Six des Verschwörungsglaubens – Konstruktion und Evaluation eines mehrdimensionalen Fragebogens zur Erfassung des Phänomens Verschwörungstheorien.“ [2]
Melley: Empire of Conspiracy. The Culture of Paranoia in Postwar America (2000) [4]
Grüter: Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer. Wie Verschwörungstheorien funktionieren. (2008) [5]
Scientific American: „Why Do Some People Believe in Conspiracy Theories?“ (11.06.2015)
Hoaxilla: „Verschwörungstheorien“ (04.06.2010)
Hoaxilla: „Verschwörungstheorien zu 9/11“ (03.10.2010)
Sebastian Bartoschek: „Die Psychologie der Verschwörungstheorien“ (10.09.2013)
Rhein-Ruhr-Skeptiker: „Sebastian Bartoschek- Verschwörungstheorien“ (05.04.2013)
Massengeschmack-TV: „Hoaxilla-TV – Folge 1: Chemtrails (Pilotfolge)“ (16.06.2014)
Planet Wissen: „Verschwörungstheorien“ (24.08.2011)
Teilzeitnerd: „Was du über Verschwörungstheorien wissen solltest!“ (18.12.2014)
Spiegel Online: „Verschwörungstheorien der Wirtschaft: „Statt Gott lenken jetzt Verschwörer die Welt““ (09.01.2015)
Carsten Pietsch: „Zur soziologischen Topographie von „Verschwörungstheorien“ und „Verschwörungstheoretikern“ unter besonderer Berücksichtigung der Anschläge vom 11. September
Dr. Rainer Fromm: „Rechtsradikalismus in der Esoterik: Verschwörungswahn zwischen grauen Männern, alten Ufos und der schwarzen Sonne
ZNET/Informationsstelle Militarisierung (IMI): „Verschwörungstheorien oder strukturelle Analyse: der 11. September – Teil 1“ (20.01.2003)
Deutschlandradio Kultur: „Die Tücke der vermeintlichen Verschwörung“ (27.12.2006)
SpiegelOnline Wissenschaft: „Psychologie: Wie Verschwörungstheoretiker ticken“ (28.01.2012)
ScienceBlogs: „Checkliste Verschwörungstheorien“ (03.11.2009)

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