Ted Bundy

„Am 27. Juni 1975 verschwand Sue Curtis von einem ansonsten sehr sicheren Universitätscampus. Sie war 15 Jahre alt und besuchte einen Jugendtag an der Brigham Young University in Provo (Utah9, wo ich gerade als Polizist angefangen hatte.
Ich leitete die ersten Ermittlungen über ihr Verschwinden. Wir befragten Freunde und Verwandte und erfuhren, dass sie zu ihrem Zimmer zurückwollte, um ihre neue Zahnspange zu säubern. Doch bei der Untersuchung ihres Zimmers stellte ich fest, dass ihre Zahnbürste trocken war. Sie hatte es nie dorthin zurückgeschafft.
Teilweise konnten wir rekonstruieren, was sie gemacht hatte – so war etwa ihr Gutschein fürs Mittagessen eingelöst worden -, aber vieles blieb unklar. (In jenen Zeiten hingen auf einem Campus noch nicht überall Kameras herum, auch Handys gab es nicht, um miteinander in Kontakt zu bleiben.)
Ich sprach mit ihrer Familie. Ihr unendlicher Schmerz und ihre grenzenlose Verzweiflung sind mir noch deutlich in Erinnerung.
Sue tauchte nie wieder auf und irgendwann verliefen alle Spuren im Sande. Aber das Rätsel des Verschwindens beschäftigte mich weiter, denn ich hatte an jenem Abend Dienst auf dem Campus gehabt und fühlte mich irgendwie mit verantwortlich. Ich behielt also eine Kopie der Fallakte mit einem großen Bild von ihr, und noch Jahre später suchte ich in Menschenmengen nach Gesichtern, die ihrem auch nur entfernt ähnelten. Ich behielt die Akte auch als Erinnerung an mein Versagen, diese unschuldige Seele zu schützen.
Jahre vergingen, und ich stieg zum FBI-Agenten auf. Dann bekam ich eines Tages einen Anruf von einem Ermittler in Salt Lake City. „Das wird Sie wahrscheinlich interessieren“, kündigte er an. „Sue Curtis haben wir zwar nicht gefunden. Aber wir wissen, wer sie entführt hat“.

Er erzählte damals sei ein gut aussehender junger Mann in einem Volkswagen auf dem Campus herum gefahren, auf der Suche nach einem Opfer. Dieser Mann hatte jetzt gestanden, Sue Curtis entführt und getötet zu haben. Sein Name lautet Theodore Bundy, Spitzname „Ted“. Bundy gestand die Ermordung von insgesamt 35 jungen Frauen in vier Bundesstaaten.“ – Joe Navarro in Die Psychopathen unter uns

Er erschien seinen Mitmenschen als charismatische, sympathische Autorität, weil er sich beispielsweise als Polizist ausgab oder sich für die Republikanische Partei engagierte. Mit seinem Charme verführte er bis zu 60 Frauen, die er an abgelegene Orte führte, um sie dort bis zur Bewusstlosigkeit zu erwürgen und daraufhin zu vergewaltigen. Danach ermordete er sie und kehrte immer wieder zu den Tatorten zurück, um dort zu masturbieren. Im Übrigen hat er die Leichen zerstückelt und es wurden Bissspuren an den Opfern gefunden, so dass er zahnärztlich untersucht werden musste, damit man ihn als Täter entlarven konnte. Aber was machte ihn zu diesem schrecklichen Mörder? Wieso hatte er so viele unschuldige Frauen ermordet? Warum hatte er diese abartigen Phantasien? Und vor allem: Wie konnte er nur all die Jahre unentdeckt morden?

Kindheit

Theodore Robert Cowell kam am 24.11.1946 in Burlington, Vermont, zur Welt. Cowell war der Mädchenname von Teds Mutter Louise, sein leiblicher Vater ist nicht bekannt. Die Geburtsurkunde nennt einen Verkäufer und ehemaligen Soldaten der Air Force namens Lloyd Marshall als biologischen Vater. Später behauptete Louise Cowell, dass sie von einem Seemann, der Jack Worthington hieß, verführt worden sei. Einige Familienmitglieder äußerten den Verdacht, dass Louises gewalttätiger Vater Samuel seine Tochter sexuell missbraucht hatte, jedoch gibt es keinen Beweis.

Jedenfalls galten uneheliche Kinder zu dieser Zeit als Schande. Drei Monate vor der Niederkunft verließ die Mutter ihre Heimatstadt Philadelphia und zog in ein Heim für ledige Mütter nach Vermont. Nach der Geburt kehrte Louse mit Ted zurück zu ihren Eltern. Offiziell wurden nun Theodores Großeltern Samuel und Eleanor Cowell seine Eltern und seine Mutter zur älteren Schwester. Bundys Kindheit begann mit einer großen Lüge.
Wann und wie Ted dieses Lügennetz durchschaute, ist nicht bekannt. Eines Tages soll ein Cousin ihm seine Geburtsurkunde gezeigt haben. Den Autoren Stephen Michaud und Hugh Aynesworth äußerte er, dass er die Urkunde selbst entdeckt habe. Eine Autorin, Ann Rule, die ihn persönlich kannte, glaubt dagegen, dass er erst 1969 hinter das Geheimnis kam, als er in Vermont nach seiner Vergangenheit recherchierte. Nach der Entdeckung hegte er lebenslangen Groll gegenüber seiner Mutter.

Über seine Großeltern sprach Ted Bundy sehr herzlich. Er respektierte sie als Autoritäten und sah seinen Großvater als Vorbild. Laut anderen Familienmitgliedern war Samuel Cowell jedoch ein tyrannischer Schläger, religiöser Fanatiker und rassistischer Antisemit. Er schlug seine Frau, den Familienhund und die Nachbarskatzen. Seine Großmutter beschrieb er als schüchtern sowie gehorsam, die an Depressionen litt und gegen Ende ihres Lebens in eine Psychiatrie eingewiesen wurde.
Laut seiner Tante Julia Cowell zeigte Bundy frühzeitig Verhaltensauffälligkeiten. Wie ich bereits in Die Persönlichkeit von Mördern beschrieben habe, soll er um seine Tante herum eine Reihe von Küchenmessern gelegt haben. Der dreijährige Bundy soll neben dem Bett gestanden, nichts gesagt und gelächelt haben.

1950 zog Louise mit ihrem Sohn zu Verwandten nach Tacoma, Washington. Sie verliebte sich in den Koch Johnnie Culpepper Bundy, den sie ein Jahr später heiratete. Nun bekam der fünfjährige Theodore Robert Cowell den Nachnamen seines Stiefvaters verpasst, an den sich heute noch ganz Amerika erinnert: Ted Bundy.

Aus der Ehe gingen vier weitere Kinder hervor. Johnnie Bundy versuchte, ein Vater-Sohn-Verhältnis aufzubauen, so unternahm er Camping- und Angelausflüge mit dem Jungen, ging zu Sportveranstaltungen, in den Zoo oder den Zirkus, jedoch gelang es ihm nicht, eine Bindung aufzubauen. Bundy reagierte nicht einmal aggressiv auf unerwünschte Zuwendung, er verhielt sich bloß kühl sowie reserviert.

Als er sieben Jahre alt war, schlug sein Grundschullehrer ein Lineal aufs Teds Arm kaputt, weil er einen seiner Klassenkameraden ins Gesicht geschlagen hat. In dieser Situation bemerkte er erstmals das „verstörende Unbehagen“, welches ihn plagte. Es mag sein, dass er in der Schule Verhaltensprobleme zeigte, doch seine Noten waren überdurchschnittlich. Teds Mutter half ihm fleißig bei seinen Hausaufgaben. Das führte ihn zwar zum Erfolg, aber die emotionalen Seiten blieben völlig unberücksichtigt. Sie redete nicht über persönliche Angelegenheiten mit ihrem Sohn.

Außerdem fühlte er sich sehr leer, sehr einsam und fand es schwierig, unter Leute zu kommen und nahm nicht an sozialen Aktivitäten teil. Das könnte daran liegen, dass er sich von seinen Eltern nicht beachtet fühlte. Er versuchte es in Baseball und Basketball Teams, aber hat es nicht geschafft. Dies war für Ted sehr traumatisierend.

Jugend und Schule

Gelegentlich schlich er durch die Nachbarschaft, um Menschen zu beobachten und Mülltonnen nach Zeitschriften mit Bildern von nackten Frauen zu suchen. Er soll sogar Krimis, Detektivgeschichten und True-Crime-Bücher verschlungen haben, besonders, wenn in den Geschichten sexuelle Gewalt vorkam oder Fotos von Leichen und verstümmelten Körpern abgedruckt waren. Gegenüber Ann Rule verneinte er stets dies.
Während seiner Jugend galt er als schüchtern, der Umgang mit Mitmenschen stresste ihn. Er verstand nach eigenen Angaben nicht, weshalb andere miteinander befreundet sein wollten. Seine Mitschüler erkannten unter anderem seine Selbstzweifel und mobbten ihn infolgedessen, wobei er Gleichaltrigen auf anderen Gebieten überlegen war. So war Ted ein außerordentlicher Schüler mit einem exzellenten Notendurchschnitt. Später maß man bei ihm einen IQ von 146.

Bereits in der Jugendalter trank er, um seinen Frust über das Mobbing zu verkraften und galt als Spanner. Als er jedoch in die Oberstufe wechselte, mutierte er vom introvertierten Streber zum geselligen Mann. Das Mobbing hörte auf, in Jahrbüchern sammelte er Bewertungen wie „besonders gut angezogen“ oder „gut erzogen“.
Bloß war sein Selbstbewusstsein eine Fassade: Er traute sich nicht einmal, ein Mädchen anzusprechen, weil er sich unbeholfen fühlte. Seine Leidenschaft war der Skisport. Mit seiner teuren, aber gestohlenen Skiausrüstung prahlte er vor seinen Freunden, darüber hinaus hatte er die Skipässe für die beliebten Abfahrtpisten in den Kaskaden gefälscht. Während seiner Highschool-Zeit wurde er mindestens zweimal wegen Laden- und Autodiebstahls verhaftet. Es ist nicht schwer zu erkennen: Ihm fehlte es an sozialen Fähigkeiten.

Studium

Im Jahr 1965 schloss er die Schule ab und wechselte an die University of Puget Sound, dann ein Jahr später an die University of Washington, an der er Chinesisch studierte. Er finanzierte sein Studium durch Jobs als Kellner oder Verkäufer, jedoch hielt er es selten längere Zeit an einer Stelle aus. Etliche Arbeitgeber beschrieben ihn als sehr unzuverlässig, doch an der Uni war er das genaue Gegenteil. Bis zum Frühjahr 1967 galt er als fleißiger Student.

Danach lernte er seine Traumfrau kennenlernen: die belesene, intelligente und attraktive Stephanie Brooks, welche aus einer wohlhabenden Familie stammte. Sie lernten sich beim Skifahren kennen. Der Sport blieb der Kitt der Beziehung. Zwar mochte Stephanie ihn, aber aus ihrer Perspektive mangelte es Ted an realistischen Zielen fürs Leben und den Ehrgeiz, diese zu erreichen.

Anfang 1968 schmiss man ihn von der Uni, weil er nur noch Zeit mit Brooks verbracht hatte, also bewarb er sich um ein Sommer-Stipendium an der Elite-Uni Stanford in Kalifornien, weil er dachte, dass er Stephanie damit beeindrucken könnte, jedoch studierten viele Menschen aus dem Umfeld der Brooks an Unis wie Stanford, Harvard oder Yale, und nicht nur für einen Sommer, sondern für ein komplettes Studium, um anschließend hoch dotierte Berufe auszuüben.

Also meldete er sich als freiwillige Hilfskraft für die Wahlkampagne von Nelson Rockefeller, dem damals amtierenden Gouverneur von New York und aussichtsreichen Gegenspieler von Richard Nixon, um Prestige zu erhalten. Sie rangen um die Nominierung als Kandidat der Republikanischen Partei für die Wahl zum Präsidenten. Als Delegierter besuchte Bundy im August 1968 den Bundesparteitag der Republikaner in Miami, zugleich schloss Brooks ihr Studium in Washington ab. Brooks beendete die Beziehung und kehrte zu ihrer Familie nach Kalifornien zurück. Dies war für ihn ein einschneidendes Erlebnis, weil er anschließend am Boden zerstört war und die Trennung ihn in eine tiefe Krise stürzte. Er isolierte sich, schmiss die Uni und erst nach einigen Monaten kam er zurück. Bundy reiste nach Colorado und dann nach Osten, um Verwandte in Arkansas und Philadelphia besuchen zu können. Dort schrieb er sich ein Semester lang an der Temple University ein und schickte Brooks Briefe. Ted bettelte regelrecht darum, den Kontakt aufrechterhalten zu können.
Zwar hatte sie nicht das leiseste Interesse, aber er schaffte es dennoch, mit ihr in Kontakt zu bleiben. Seine Besessenheit könnte ein Auslöser für seine Mordserie gewesen sein.

Spätestens 1969 erfuhr er von seiner wahren Abstammung, da er das Standesamt in Burlington aufsuchte, um seine Geburtsurkunde einzusehen. Ein gewaltiger Schock für Bundy.

Wieder schrieb er sich an der University of Washington ein. Dieses Mal war es ein Psychologiestudium. Tatsächlich hatte er Erfolg: Seine Leistungen waren brillant und er wurde Lieblingsstudent seiner Dozenten. Zu der Zeit begegnete er Elizabeth Kloepfer, mit der er fünf Jahre fest liiert war. Sie war das Gegenteil von Stephanie Brooks. Eine alleinerziehende Mutter, für die ein Studium nicht infrage kam. Als Sekretärin verdiente sie ihr Geld, um für ihr Kind zu sorgen. Sie galt als schüchtern und introvertiert, vermutlich litt sie sogar an Minderwertigkeitsgefühlen angesichts des gebildeten Umfelds, in dem Bundy verkehrte.
Mit Bundy glaubte Kloepfer, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben. Sie liebte ihn von ganzem Herzen und sah in ihm den perfekten Vater. Bundy jedoch war reservierter und wollte erst in seinem Leben etwas erreichen, bevor er eine solche Verantwortung übernahm.

Zu der Zeit arbeitete Bundy auf freiwilliger Basis in einer Psychiatrie und für die Telefonseelsorge von Seattle. Um ein zweites Studium aufzunehmen, verschickte er Bewerbungen an juristische Fakultäten. Außerdem wirkte er weiterhin bei der Republikanischen Partei mit, sodass er Kontakte zu einflussreichen Politikern knüpfte, die ihm Türen öffnen konnten.

Er traf seine ehemalige Liebe wieder und tatsächlich war Stephanie von ihm beeindruckt, da er genau die Eigenschaften gezeigt hatte, die sie vorher bei Ted vermisst hatte: Selbstsicherheit, Reife, Dominanz, Gelassenheit, Zielstrebigkeit.
Sie begannen sich unregelmäßig zu treffen und fingen ein Verhältnis an, ohne dass seine Freundin etwas davon wusste.

Nachdem beide geheiratet hatten, veränderte sich Bundys Verhalten. Er wurde abweisend und gefühlskalt. Ein Jahr später hörte sie nie mehr von ihm. Er mordete.
Es ging ihm darum, sich selbst zu beweisen, dass er die Frau, die er haben wollte, auch bekam. Als er am Ziel war, ließ er sie fallen. Stephanie sollte am eigenen Leib spüren, was sie ihm angetan hatte. Er hatte keine ernsthaften Absichten, ein normales Leben zu führen, gehegt.

1974 lernte er Carole Ann Boone kennen, eine zweifach geschiedene Mutter von zwei Kindern, die eine wichtige Rolle in seinem Leben spielte.

Das Morden

Dank seiner Eloquenz fiel es ihm nicht schwer, junge Frauen an abgelegene Orte zu locken. Dort schlug er sie mit einem Brecheisen, welches er im Wagen verborgen hatte, nieder. An den bewusstlosen Opfern verging er sich auf grausamste Weise. Seine bevorzugte Methode war die anale Vergewaltigung. Anschließend erwürgte seine Opfer, um die Leichen über Hunderte von Meilen zu transportieren und sie danach zu zerstückeln.
Tage danach kehrte er zu den Toten zurück und befriedigte sich an den herumliegenden Körperteilen, indem er beispielsweise in den Mund der Leiche ejakulierte. Einige der abgeschnittenen Köpfe nahm er dafür auch nach Hause.

Psychopathologie
Man unterzog Theodore Bundy mehreren psychiatrischen Untersuchungen, jedoch fiel Bundys Psychogramm je nach Gutachter unterschiedlich aus. Dorothy Otnow Lewis, eine bekannte Professorin für Psychiatrie an der New York University School of Medicine, diagnostizierte bei Ted zunächst eine bipolare Störung. Im Laufe der Zeit änderte sie ihren Standpunkt mehrfach. Sie sprach davon, dass Bundy unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung gelitten haben könnte und führte als Beleg einige Zeugenaussagen an.

Eine Großtante von Bundy beschrieb beispielsweise ein Erlebnis an einem Bahnsteig: Beide warteten auf den Zug und währenddessen verwandelte sich Ted vor ihren Augen von einer Sekunde auf die andere in einen Fremden. Plötzlich habe sie ihn nicht mehr wiedererkannt. Ein Gefängnisbeamter aus Tallahassee hat ähnliches berichtet: Bundy soll zu ihm „Du hast mich sauer gemacht.“ gesagt haben und sich anschließend vor seinen Augen verändert haben. Seine Körperhaltung, sein Gesichtsausdruck, seine Erscheinung war anders, anscheinend auch sein Geruch.

Andere Psychiater diagnostizierten bei ihn eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Fast alle forensischen Experten wiesen darauf hin, dass die Fakten weniger auf eine Psychose deuten, sondern auf eine psychopathische Störung, schließlich galt er auf den ersten Blick charmant sowie charismatisch. Hinter dieser Fassade mangelt es an einem greifbaren Charakter, an einer Haltung oder Werten, die das Handeln beeinflussen und sie berechenbar machen.

Ted Bundy sagte einst: „Schuld hilft einem nicht weiter. Damit schadet man sich nur selbst. Ich denke, ich bin in der beneidenswerten Lage, mich nicht mit Schuldgefühlen herumplagen zu müssen.“ Kaum überraschend, da die meisten Psychopathen frei von Gefühlen wie Schuld, Reue oder einem schlechten Gewissen agieren.

Darüber hinaus sind weitere charakteristische Merkmale eines Psychopathen Narzissmus, manipulatives Verhalten und ein schlechtes Urteilsvermögen. Praktisch alle Ermittler, Psychiater und Interviewer berichteten, dass sie das Gefühl hatten, Bundy wollte sie manipulieren. Es gehörte zu seiner Natur dazu. Sein letzter manipulativer Akt war ein Interview über die möglichen Auslöser für seine Mordserie. Bundy äußerte, er sei regelrecht süchtig nach Pornografie gewesen und die Gewaltdarstellungen in Filmen seien mitverantwortlich gewesen.
Das Interview führte er mit James Dobson, einem Psychologen, der sich seit Jahren dem Verbot von Pornos verschrieben hatte. Die Behauptungen Bundys waren nahezu perfekt, allerdings zweifelten nahe Ermittler, dass seine Äußerungen wahr gewesen seien.

Zu einer anderen seiner letzten manipulativen Handlungen gehörte es dazu, vom elektrischen Stuhl die Öffentlichkeit noch manipulieren zu können. Als man ihn auf den Einfluss von True-Crime-Magazinen angesprochen hatte, die damals populär waren und Sexualmorde darstellten, hatte er sich anders geäußert: „Ich hab mich immer gefragt: Wer in aller Welt liest diesen Schund und gibt dafür auch noch Geld aus? Da steht jedenfalls nur Schwachsinn drin. Mich hat das nie interessiert. So weit ich mich erinnern kann, hab ich zwei oder dreimal so ein Heft geklaut. Geld habe ich dafür jedenfalls nicht rausgeschmissen.“
Nach dem Interview mit Dobson unterhielt sich Bundy mit dem FBI-Agenten William Hagmaier. Er spielte den Einfluss der Pornos auf seine Entwicklung herunter. Zwar habe er sie konsumiert, aber er hätte auch getötet, wenn er niemals ein Magazin in die Finger bekommen hätte.

Diese Art von Schuldexternalisierung ist bei Psychopathen üblich. Lange Zeit hatte er sich geweigert, seine Verbrechen überhaupt zu gestehen, weil er hoffte, dass man ihm seine Taten vor Gericht nicht nachweisen konnte. Später tat er dies, um seine Hinrichtung hinauszuzögern, aber ein anderer Grund war auch, dass er sich nicht mit Schuldgefühlen belasten wollte.

Vielleicht reichte er deswegen die Schuld gerne an andere weiter und führte immer wieder einen neuen Sündenbock ins Feld. Mal der missbrauchende Großvater, mal die Abstinenz seines Vaters, das familiäre Lügennetz, Alkohol, Gewalt in Filmen, Pornografie, die Polizei, die Medien, die Gesellschaft im Allgemeinen, manipulative Programmmacher beim Fernsehen, die ihn zum Diebstahl verleitet hätten.
Sogar seine Opfer sollen Schuld gewesen sein: „Ich habe Menschen kennengelernt«, schrieb er an Elizabeth Kloepfer, »die gleich auf den ersten Blick Verletzlichkeit ausstrahlen. Ihr Gesichtsausdruck sagt mir: Ich habe Angst vor dir. Diese Leute laden einen regelrecht dazu ein, dass man sie missbraucht. Sie senden subtile Signale aus, dass sie von vornherein damit rechnen, verletzt zu werden. Fordern sie damit nicht zwangsläufig eine entsprechende Reaktion heraus?“
Auch Dorothy Onow Lewis schloss sich der Mehrzahl der Psychologen an: „Ich habe meinen Studenten immer gesagt: Wenn ihr mir einen Psychopathen zeigen könnt, wie er im Lehrbuch steht, dann spendiere ich euch ein Abendessen. Ich habe nie daran geglaubt, dass sie in der Wirklichkeit existierten. Aber heute denke ich, dass Ted Bundy tatsächlich ein waschechter Psychopath war, der wahrhaftig keinerlei Reue oder Mitgefühl für seine Mitmenschen empfand.“

Quellen, verwendetes Material und weiterführende Links:
Christiane Turnheim: „The Case of Theodore Bundy“ (Mai 2002)
Ted Bundy Project: „Psychological analysis
Psychology Today: „Imagining  Ted Bundy“ (24.08.2014)
IAmA: „I’m the Psychologist who Evaluated Ted Bundy, and had him put in Prison. AMA!
Wikipedia: Ted Bundy
True Crime Story: „Ted Bundy – Der Campus Killer“ (31.05.2014)
True Crime Story: „Pathologie und James Dobson Interview“ (03.07.2014)
True Crime Story: „Kindheit und Lebenslauf“ (31.05.2014)
biography.com: „Ted Bundy Biography
Serienmörder: „Bundy, Theodore Robert

Literatur:
Ann Rule: The Stranger Beside Me (Original: 1980, aktuelle Auflage: 2008)
Al Carlisle: I’m Not Guilty: The Case of Ted Bundy (2014)
Stephen G. Michaud, Hugh Aynesworth: Ted Bundy: Conversations with a Killer (Original: 1989, aktuelle Auflage: 2000)

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Ein Kommentar zu „Ted Bundy

  1. Die Faszination an Serienkillern ist wahrscheinlich auch darin begründet, dass sie zwar alle Psyhopathin, aber ansonsten total unterschiedlich sind.

    Ich falle immer wieder auf psychopathische Menschen herein trotzt besseren Wissens, vielleicht weil mein Vater ein Psychopath ist? Wer weiß, eigentlich habe ich jedes mal und sofort unstimmigkeiten bei Menschen mit einer solchen Veranlagung festgestellt und diese dann trotzdem ignoriert. Aber damit ist Schluß, mit Wissen bewaffnet werde ich mich zukünftig von solchen Menschen fern halten.

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