Ist er ein Psychopath?

Psychopathie ist die Störung, die jeder kennt und über die niemand etwas weiß. Psychopathen sind keine Irren, die mit einer Kreissäge und einer Eishockey-Maske nachts durch die Gegend laufen und andere Menschen grausam ermorden. Sie sind auch nicht zwangsläufig Serienkiller oder jagen ihre Familie mit einer Axt durch ein Winterlabyrinth. Psychopathen kann man nicht so leicht erkennen. Meistens sind es gerade diejenigen, von denen man es nicht erwartet. Der kühl kalkulierende Hedgefonds-Manager, der Neurochirurg ohne Nerven, der wortgewandte Anwalt, der skrupellose Wirtschaftsboss, aber auch der eiskalte Mörder und der erfolgreiche Elitesoldat einer bekannten Spezialeinheit. Ich bin mir sicher, dass jeder bereits einem Psychopathen im echten Leben begegnet ist.

Aber was ist denn jetzt genau ein Psychopath? Der klinische Psychologe bezeichnet mit „Psychopathen“ eine spezielle Gruppe von Personen mit einem charakteristischen Bündel von Persönlichkeitsmerkmalen. Dazu gehören Skrupel-, Furcht-, Reue-, Verantwortungslosigkeit, Narzissmus, Kaltblütigkeit unter Stress und Druck, mentale Härte, Charme, Charisma, herabgesetzte Empathie und manipulierende Verhaltensweisen sowie krankhaftes Lügen.
Ich möchte euch nun durch die riesige, verschlungene U-Bahnstrecke der psychopathischen Psyche führen, die ein wucherndes, vernetztes Labyrinth der psychopathischen Persönlichkeit ist und genauso viele Abkürzungen wie Umwege enthält. Was ist so interessant an der Psyche skalpellschwingender Genies, geschichtenerzählenden Priestern, eloquenten Anwälten und kaltblütiger Elitekämpfer? Was ist typisch für einen Psychopathen?

George J. Trepal, Mensa-Mitglied und ausgebildeter Chemiker, hasste die Kinder seiner Nachbarin Peggy Carr, weil sie so laut spielten. So drang er in ihre Wohnung ein und versetzte ihre Cola mit Thallium. Peggy starb, aber die Kinder überlebten knapp. Problem gelöst, schnell wie effektiv. Genauso würde ein Psychopath vorgehen – kalt und kalkulierend.
Die Patienten von Dr. Harold Shipman in Hyde, England, glaubten sich im Krankenhaus gut aufgehoben, doch da täuschten sie sich: Zwischen 1971 und 1998 tötete er mindestens 200 Menschen, um an ihr Geld, ihren Schmuck oder über gefälschte Testamente an ihr Vermögen zu kommen.
Wenn man sich die Aufnahme ansieht, in der Dennis Rader davon erzählt, wie er seine Opfer fesselte, quälte und tötete, fällt auf, wie offenkundig ungerührt er wirkt. Trocken und nüchtern, wie unbeteiligt, erzählt er von seinen schrecklichen Taten.
Josef Fritzl sperrte seine 18-jährige Tochter in den Keller und vergewaltigte sie dann über die nächsten 24 Jahre über 3000 Mal. Dabei zeugte er weitere sieben Kinder und kein einziges Mal ging er mit ihnen zum Arzt. Einem Psychiater soll er gesagt haben: „Ich habe eine bösartige Ader.“ Er wusste genau, was er tat. In den ganzen 24 Jahren hätte er aufhören können.

Das sind alles grausame Taten, die typisch für psychopathische Verbrecher wären. Allerdings muss man dazu sagen, dass Psychopathen nicht nur Straftaten begehen, sondern auch äußerst erfolgreich im Berufsleben sein können. Tatsächlich sind einige Eigenschaften, die typisch für Psychopathen sind, sehr förderlich für den Berufsalltag. Wer hat sich noch nie ein bisschen mehr Selbstbewusstsein gewünscht? Oder bei einem Date etwas mehr Charme? Wer hat sie noch nie gewünscht, mit Stress besser umgehen zu können? Oder einfach spontaner zu sein? Wen plagen Ängste oder Reuegefühle? Wer würde gerne besser lügen oder sich durchsetzen können?

Egal wie gut deine chirurgischen Fachkenntnisse sind, egal wie gut du auf die OP vorbereitet bist, wenn du dich im OP-Saal von den Geschehnissen nicht emotional distanzieren kannst, bist du ein schlechter Chirurg.

Egal, wie gut deine juristischen Fachkenntnisse sind, egal wie gut du auf den Fall vorbereitet bist, wenn dir der Hauch von Narzissmus fehlt, um in einem vollbesetzten Gerichtssaal eine überzeugende Erklärung für die Unschuld deines Mandats halten kannst, bist du ein schlechter Rechtsanwalt.

Egal, wie gut deine Waffen sind, egal wie gut sich dein Team vorbereitet hat, wenn euch die Skrupellosigkeit fehlt, die Furchtlosigkeit, die Kaltblütigkeit unter Druck und die herabgesetzte Empathie, seid ihr zum Sterben verdammt.

Zwar klingen diese Eigenschaften sehr gut und förderlich, allerdings sollte man nicht vergessen, dass Psychopathie immer noch eine psychische Störung ist. Die Ursachen sind eine Kombination aus psychosozialen und genetischen Faktoren. So spielt fehlende mütterliche Zuwendung, der Alkoholismus oder Impulsivität eines Elternteils eine Rolle. Oft sind sie in zerrütteten Elternhäusern aufgewachsen, in denen Gewalt, familiäre Konflikte und Vernachlässigung vorherrschte. Der Mangel an Liebe verursachte eine fehlende Orientierung. Es kann aber auch sein, dass sie in Großfamilien auf engstem Raum aufgewachsen sind. Delinquente Geschwister und uneindeutige Erziehungsstile, die prosoziales Verhalten nicht beachten, haben auch einen Einfluss. Missbrauch und Traumata können ebenfalls dazu beitragen. So viel zur „Züchtung“ der Psychopathie.

Am ehesten ist sie mit der dissozialen Persönlichkeitsstörung zu vergleichen, die einige kleine Unterschiede mit der hier beschriebenen Störung hat. Man könnte sagen, Psychopathie sei eine stabile Kombination aus narzisstischen, dissozialen und histrionischen, also egozentrisch-theatralischen Persönlichkeitszügen. Um sie zu erkennen, gibt es verschiedene Mittel, zum Beispiel die Psychopathy-Checklist Revides (PCL-R), entwickelt von dem kanadischen Kriminalpsychologen Robert D. Hare. Er arbeite in einem Gefängnis in der kanadischen Provinz British Columbia für etwa acht Monate. In diesem Gebiet hatte er keine Qualifikation, später gab er sogar zu, dass einige Gefangenen dazu fähig waren, ihn zu manipulieren. Anschließend zog er nach Ontario, wo er seine Dissertation über die Folgen von Bestrafung auf das Verhalten verfasste. Seine Forschung führte ihm zum Buch The Mask of Sanity, geschrieben von dem amerikanischen Psychiater Hervey M. Cleckley, der eine zentrale Rolle in der Entwicklung des Psychopathie-Konzepts spielte. Die Checkliste wurde auch ausschließlich für forensische Settings entwickelt.

Faktor 1: Persönlichkeit „Aggressiver Narzissmus“

  • Oberflächlicher Charme, gute Konversation
  • Überhöhtes Selbstbild
  • Krankhaftes Lügen
  • Manipulativ
  • Unfähig Reue zu empfinden
  • Unfähig zu tiefen Gefühlen
  • Fehlende Empathie
  • Unfähig Verantwortung zu übernehmen

Faktor 2: Fallstudie „Sozial abweichender Lebensstil“

  • Schnell gelangweilt, stets auf der Suche nach einem ‚Kick‘
  • Lebt gern auf Kosten anderer Leute
  • Schlechte Selbstbeherrschung
  • Promiskes Sexualverhalten
  • Fehlen realistischer langfristiger Ziele
  • Impulsivität
  • Verantwortungslosigkeit
  • Jugendkriminalität
  • Frühe Verhaltensprobleme
  • Bewährungsversagen

Eine Analyse ergab, dass der erste Faktor mit der narzisstischen Persönlichkeitsstörung korreliert, mit niedriger Anfälligkeit für Angststörungen, niedriger Empathie, niedriger Stressreaktion und niedrigem Suizidrisiko, aber mit hohen Punktzahl auf Skalen über Erfolg und sozialer Wirksamkeit. Im Gegensatz korreliert der zweite Faktor mit der dissozialen Persönlichkeitsstörung, sozial abweichendem Verhalten, Aufmerksamkeitssuche, niedrigem sozioökonomischen Status und hohem Suizidrisiko. Nichtsdestoweniger hängen beide Faktoren zusammen und es gibt Vermutungen, dass diese Faktoren das Resultat einer einzigen Störung sind. Jedenfalls konnten Forscher das Zwei-Faktoren-Modell bei weiblichen Patienten nicht replizieren.

Die Suche nach Stimulation ist dazu da, um kortikale Unterstimulation zu kompensieren, was mit einer niedrigen Sympatikusaktivität des vegetativen Nervensystems einhergeht. Das heißt, dass Psychopathen in bedrohlichen Situationen kaum Angst haben und auf Bestrafungen kaum ansprechen. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass die graue Hirnsubstanz im Präfrontallappen reduziert ist und eine Dysfunktion der Amygdala vorliegt; beide spielen eine entscheidende Rolle in der Affektregulation sowie sozialen Lernfunktionen. Ein Defekt bedeutet eine Unteraktivierung bei sowohl angenehmen als auch unangenehmen Reizen. Andererseits beeinflusst die Hippocamus-Dysfunktion die mangelhafte Angst-Konditionierung und die Affekt-Regulierung. Die basalen Störungen der Informationsverarbeitung verursachen die Verhaltensauffälligkeiten. Des Weiteren soll es Defizite in den kognitiven Funktionen wie ein niedriges Entwicklungsniveau des moralischen Urteils. Im präfrontalen und orbitofrontalen Cortex soll die Gehirnmasse auch reduziert sein, was ein mangelhaftes soziales Normverständnis verursacht und zu einem verminderten Schuldbewusstsein führt.

Nicht nur Hirnregionen sind betroffen, sondern auch Hormone und Neurotransmitter. So soll es erhöhte Dopamin- und Serotonin-Spiegel geben, was zur Enthemmung aggressiver Impulse führt. Des Weiteren soll es einen niedrigen Cortisol-Spiegel geben. Das MAO-A-Gen, auch Krieger-Gen genannt,  welches Serotonin, Dopamin und Noradrenalin verstoffwechselt, ist auch verändert. Aber genug mit der biologischen Fachsimpelei.

Die Psychologen Cooke und Michie kamen mithilfe statistischer Analyse zum Ergebnis, dass ein Drei-Faktor-System ein wesentlich besseres Modell ist, welches die Items des zweiten Faktors, die mit antisozialem Verhalten zusammenhängen, entfernt. Die restlichen Items wurden in drei Faktoren eingeteilt: ein arroganter und hinterlistiger interpersoneller Stil, eine defizitäre Affektivität und ein impulsiver sowie verantwortungsloser Verhaltensstil. Hare und seine Kollegen haben jedoch Arbeiten veröffentlicht, die zeigen, dass das Drei-Faktor-Modell statistische und konzeptuelle Probleme bereitet.

Three-Factor Model of the Psychopathy Checklist–Revised
Umgangsart Gefühlsleben Verhaltensstil
  • Oberflächlicher Charme
  • Überhöhtes Selbstbild
  • Krankhaftes Lügen
  • Manipulative Verhaltensweisen
  • Mangel an Reue oder Schuldgefühlen
  • Oberflächliche Gefühlswelt
  • Mangel an Empathie
  • Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen
  • Fehlen von Zielen
  • Stimulationshunger
  • Parasitärer Lebensstil
  • Impulsivität
  • Verantwortungslosigkeit

In der aktuellsten Version des PCL-R hat Hare eine Facette für Antisozialität eingeteilt. Das Zwei-Faktor-Modell ist nun eher ein Vier-Faktor Modell, welches zutreffender ist.

Psychopathy Checklist-Revised: Faktoren, Facetten und Items
Faktor 1 Faktor 2
Erste Facette:Interpersoneller Bereich

  • Oberflächlicher Charme
  • Überhöhtes Selbstbild
  • Krankhaftes Lügen
  • Manipulative Verhaltensweisen

Zweite Facette: Affekt

  • Mangel an Reue oder Schuldgefühlen
  • Oberflächliche Gefühlswelt
  • Mangel an Empathie
  • Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen
Dritte Facette: Lebensstil

  • Stimulationshunger
  • Parasitärer Lebensstil
  • Fehlen von Zielen
  • Impulsivität
  • Verantwortungslosigkeit

Vierte Facette: Antisozialität

  • Schlechte Selbstbeherrschung
  • Frühe Verhaltensprobleme
  • Jugendkriminalität
  • Bewährungsversagen
  • Kriminelle Vielseitigkeit

Übrigens gibt es das sogenannte Levenson Self-Report Psychopathy Scale, ein Test, der von Michael R. Levenson im Jahr 1995 entwickelt wurde und primäre und sekundäre Psychopathie misst.

Das Psychopathic Personality Inventory ist ein Persönlichkeitstest mit Verhaltensweisen, die man mit Psychopathen assoziiert. Es wurde von den Psychologen Scott Lilienfeld und Brian Andrews konzipiert und entwickelt. Dabei gingen sie nicht davon aus, dass Psychopathie mit antisozialen oder verbrecherischen Verhalten korreliert. Das Inventory ist eine Selbstdiagnose, die mithilfe von nichtklinischen Stichproben entwickelt wurde. Die revidierte Version enthält 154 Items, die in acht Subskalen eingeteilt werden. Die Items sind in zwei Faktoren eingeteilt, und einem zusätzlichen dritten Faktor.
Hohe Punktzahlen, die bezüglich des ersten Faktors erreicht werden, korrelieren mit emotionaler Stabilität und sozialer Wirksamkeit, aber auch herabgesetzter Empathie. Hohe Punktzahlen auf dem zweiten Faktor korrelieren mit maladaptiven Tendenzen, also Aggressivität, Substanzmissbrauch, negativen Gefühlen und Suizidgedanken. Beide Faktoren hängen statistisch zusammen.
Man hat außerdem beide Tests benutzt, um Psychopathie zu messen und entdeckt, dass diese Tests teilweise zwei verschiedene Konzepte von Psychopathie implizieren.

Psychopathic Personality Inventory: Faktoren und Subskalen
PPI–1: Furchtlose Dominanz PPI–2: Impulsive Antisozialität PPI-3: Kaltherzigkeit
  • Soziale Beeinflussung
  • Furchtlosigkeit
  • Stressimmunität
  • Machiavellische Egozentrik
  • Rebellische Nonkonformität
  • Schuldexternalisierung
  • Sorglose Planlosigkeit
  • Kaltherzigkeit

Zur Diagnose kann man auch die emotionsmodulierte Schreckreaktion verwenden. Dabei wird der Betroffene attackiert mit weißen Rauschen, übelkeitserregenden Bildern von Verkehrsunfällen, Folter und Tod auf einem Monitor. Währenddessen wird die Aktivität der Amygdala gemessen. Wenn die Amygdala kaum eine Reaktion zeigt, ist der Betroffene mit hoher Gewissheit ein Psychopath. Andy McNab, ein ehemaliges SAS-Mitglied und britischer Schriftsteller, hat bei Kevin Dutton den Test gemacht. Ihr wisst, was herauskam.

Die Therapie findet meist in Programmen im Strafvollzug einer sozialtherapeutischen Einrichtung statt. Außerdem sind die Therapien verhaltenstherapeutisch und kognitiv-behaviorial ausgerichtet. Allerdings sprechen die Betroffenen unterschiedlich darauf an, teilweise findet man eine erhöhte Rückfallquote, weil psychopathische Straftäter schwerer zu therapieren sind als nicht-psychopathische. Neben den Therapien wird sowohl die transkranielle Magnetstimulation als auch pharmakologische Methoden genutzt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Psychopathen zum einen Personen sein können, die einen selbstsüchtigen, gewissenlosen „Gebrauch“ von Mitmenschen ausüben, einen oberflächlichen Charme sowie ein übersteigertes Selbstwertgefühl ohne faktische Grundlage besitzen. Sie lügen gewohnheitsmäßig bis krankhaft, sind sowohl betrügerisch als auch manipulativ und ihnen sind Schuld- oder Schamgefühle völlig fremd. Ohne schlechtes Gewissen oder Schuldbewusstsein haben sie nur die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse im Sinn, normale Gefühlregungen kennen sie nicht. Psychopathen mangelt es an Einfühlungsvermögen und die Verantwortung für ihre Taten lasten sie ihrer Umgebung an, anderen Personen oder der Gesellschaft.

Andererseits können Psychopathen auch antisoziale Verhaltensweisen aufweisen, impulshaft und unbeherrscht wie verantwortungslos handeln. Bereits früh sind sie durch ihren Mangel an Empathie, ihrer Unfähigkeit auf Erziehungsmaßnhamen adäquat zu reagieren sowie durch asoziales Verhalten aufgefallen. Sie suchen nach Stimulation, haben geringe Angst in bedrohlichen Situationen und sprechen auf Bestrafungen kaum an.

Letzten Endes ist Psychopathie eine der missverstandesten Störungen, die es gibt, gleichzeitig einer der bekanntesten. Sie wird dazu verwendet, um Menschen zu stigmatisieren – das sollte aufhören. Niemand beleidigt einen, weil er gerade Grippe hat. Beides sind Krankheiten mit Symptomen – nur wirken sie an anderer Stelle. Die eine Krankheit betrifft Schleimhautzellen, die andere das Gehirn. Die eine Krankheit verbreitet sich durch das Niesen, an der anderen erkrankt man durch eine Kombination aus genetischen und psychosozialen Einflüssen. Wir sollten endlich anfangen, körperliche und seelische Probleme gleichwertig zu behandeln.

Quellen, verwendetes Material und weiterführende Links:
SpiegelOnline: „Führungskräfte: Heiner Thorborg über Psychopathen-Chefs“ (09.04.2015)
SpiegelOnline: „Karriere von Psychopathen: Wie man mit gestörten Bossen umgeht“ (25.09.2013)
SpiegelOnline: „Narzissten machen schneller Karriere“ (24.01.2014)
Der Spiegel: „Psychologie: Kindheit ohne Gewissen“ (26.11.2012)
Der Spiegel: „Psychologie: Raubtiere ohne Ketten“ (15.04.2013)
3sat: „Der ganz normale Wahnsinn“ (28.05.2013)
TED.com: „Jim Fallon: Wie das Gehirn eines Mörders funktioniert“ (Februar 2009)
Inc.com: „What Leaders Can Learn from Narcissists, Manipulators and Psychopaths“ (16.07.2014)
Shrink 4 Men: „An Immodest Proposal: Domestic Violence Groups Claim the Use of Logic by Men is Abuse“ (October 18, 2011)
Psychopathy 550: „Richard Ramirez Case Study Analysis
Academic Press: „The Dark Triad of personality: Narcissism, Machiavellianism, and psychopathy“ (2002)
Spektrum der Wissenschaft: „Die Dunkle Triade“ (05.03.2013)
Spektrum der Wissenschaft: „Antisoziale Persönlichkeitsstörung“ (09.09.2014)
Willem H.J. Martens: „Emotional Capacities and Sensitivity in Psychopaths
Charles Eisenstein: „Chapter 28: Psychopathie
Harvard Business Manager: „Die dunkle Triade der Macht“ (01.06.2011)
Big Think: Kevin Dutton
University of California: „Assessing Psychopathic Attributes in a Noninstitutionalized Population“ (1995)

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10 Kommentare zu „Ist er ein Psychopath?

  1. Mir gefällt, wie du vom Allgemeinen, über die verschiedenen Diagnosemöglichkeiten zur Zusammenfassung, und schließlich zu der Schlussfolgerung gekommen bist, dass man psychische und somatische Erkrankungen gleich behandeln sollte.

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  2. Es ist problematisch, das Gehirn als Ursache von seelischen Krankheiten zu nehmen, wie es in Deinen Schlußsätzen zum Ausdruck kommt, in denen Du seelische Erkrankungen mit einem erkrankten Gehirn korrelierst. Das Gehirn ist vor allem ein plastisches Organ, das sich Umweltbedingungen und individuellen Verhaltensweisen anpaßt. Wenn etwa bei Londoner Taxifahrern die Gehirnregionen, die für räumliche Orientierung zuständig sind, besonders ausgeprägt sind, während sie bei anderen Autorfahrern, die sich nur noch auf ihren Navi verlassen, viel kleiner ausfallen, heißt das nicht, daß die Gehirne von den anderen Autofahrern irgendwie defizitär sind. Die Gehirne passen sich nur daran an, daß bestimmte Fähigkeiten nicht oder nur wenig genutzt werden. So sehe ich das auch bei antisozialen und skrupellosen Verhaltensweisen: weil diese seelisch kranken Menschen ihre Gehirne anders nutzen als seelisch gesunde Menschen, sind die entsprechenden Gehirnregionen zurückgebildet, nicht umgekehrt. Wenn ich mein rechtes Bein nicht mehr benutze und auf meinem linken Bein durch die Welt hüpfe und dann mein rechtes Bein verkümmert, liegt das nicht am rechten Bein.

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  3. „Psychopathie“ ist keine Störung, mittlerweile spricht man im wissenschaftlichen Mainstream nur noch von Dissozialer Persönlichkeitsstörung bzw. Antisozialer Persönlichkeitsstörung (DSM).
    Dieser Bereich der Psychologie-Psychiatrie ist für viele Menschen mit einer gewissen Faszination verbunden, weshalb sich hier viele (Schein-) Experten tummeln, z.B. aus dem forensischen Bereiche der „Profiler“, das sollte man meiner Meinung nach schon von dem wissenschaftlichen Mainstream trennen.
    Was Du über den Chirurgen und den Anwalt geschrieben hast lässt mich ein wenig verzweifeln, aber ich denke das ist einfach nur mangelndes Verständnis, ein logischer Fehler oder ich sehe das Ganze falsch.

    Zunächst sollten wir Menschen nicht auf bestimmte Funktionen (!) innerhalb der Berufe und ihrer Karrieren reduzieren. Außerdem halte ich es für einen Trugschluss zu glauben, dass fehlende Empathie automatisch höhere Professionalität bzw. berufliche Eignung bedeutet, bzw. umgekehrt Empathie bestimmten Funktionen innerhalb eines Berufs grundsätzlich hinderlich sein muss.
    Ich glaube, dass es ein logischer Fehler ist, das Fehlen der grundlegenden menschlicher Fähigkeit, der Empathie, zu einem Vorteil zu erklären. Das gelingt m.E. nur, wenn man die betreffenden Aufgaben auf eine sehr einfache Ebene reduziert, auf das bloße „roboterartige“ Funktionieren, was der hochkomplexen Realität des tatsächlichen Lebens nicht entspricht. Weil jede Entscheidung immer mehrere Ebenen hat.

    Ein Chirurg ist eben nicht bloß ein „Aufschneider“, er muss auch Gespräche mit Patienten und Angehörigen führen können, die sich dabei unter Umständen in der schwersten Krise ihres Lebens befinden. Ein Chirurg muss viele hochkomplexe Entscheidungen in Echtzeit treffen, immer und ausschließlich im Sinne des Patienten! Genau dazu wäre ein „Psychopath“ nicht in der Lage, weil ihm nach einer 5-stündigen OP der eigene Hunger und Durst wichtiger ist, als das Leben des Patienten. Ein Chirurg wägt eben nicht ab, ob 20% Überlebenswahrscheinlichkeit seines Patienten „wahrscheinlich“ genug sind. Der Chirurg ist in der Lage die verschiedenen Ebenen zu sehen, d.h. einerseits ist er tatsächlich der „kaltblütige“, funktionierende Arzt, der blitzartig überlebenswichtige Entscheidungen trifft, _FÜR seine Patienten, andererseits ist er aber auch Ausbilder, Wissenschaftler, Ehemann, Sohn, Enkel, Vater usw. – der Psychopath ist dazu _NICHT in der Lage, das Leben seines Patienten hat für ihn keinen Sinn an sich. Wie soll das Leben eines Patienten also plötzlich eine andere Bedeutung bekommen, innerhalb des eng umfassten Kontextes seiner beruflichen Tätigkeit, als es außerhalb davon für ihn grundsätzlich hat, nämlich gar keine.

    Es ist meiner Meinung nach tatsächlich eher umgekehrt, der zu Empathie fähige Chirurg rettet Leben, weil er zur Empathie fähig ist, eine ruhige Hand hat in diesem Kontext überhaupt nichts mit seiner Empathiefähigkeit zu tun. Umgekehrt kann der Psychopath seine Empathie nicht willentlich „einschalten“, er hat keine.

    Was ist z.B. mit „Mentorship“ – hätte ein „Psychopath“ ein Interesse an dieser Funktion innerhalb seines Berufs als Rechtsanwalt? Strafverteidiger gehören zu den am schlechtesten bezahlten Anwälten, es ist eine sehr wichtige Tätigkeit, keine Frage, nur Psychopathen findet man dort klassischerweise nicht. Denn „Psychopathen“, also hochgradig narzisstische Persönlichkeiten, sind immer auf den eigenen Vorteil aus.

    „Psychopathen“ sind in der Regel eher in Berufen vorzufinden, wo das Erklimmen der Spitze einer Institution bzw. Organisation viel Geld und Macht verspricht: Wirtschaft und Politik.
    Vielleicht unterscheidet man heute deshalb auch nur noch zwischen z.B. der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die ein sehr breites Spektrum besitzt und des Antisozialen Persönlichkeitsstörung, die immer auch negative Auswirkungen des Verhaltens auf die Mitmenschen der betreffenden Person mit einschließt. In diesem Zusammenhang erscheinen mir die Differenzierungen der von Dir vorgestellten Modelle irgendwie zweitrangig bis zu spezifisch, wenn nicht gar willkürlich.

    Was unterscheidet den „Psychopathen“ von dem Narzissten? Der Psychopath ist ein „einsamer Wolf“, er hat keine Freunde, auch keine falschen. Er ist nicht in der Lage seine Impulse zu kontrollieren und die Befriedigung dieser zu verschieben. Ihm fehlt jegliches Verständnis für gesellschaftliche und rechtliche Normen, Regeln und Gesetze. Im Gegensatz zum klassischen Narzissten, der eine sehr hohe moralische Wertvorstellung sich selbst gegenüber besitzt, auch wenn er diese regelmäßig zu seinen Gunsten relativiert, hat der Psychopath keinerlei Gewissen, Ethik, Moral… er handelt weitgehend triebgesteuert, was nicht heißt, dass er nicht planend, kalkulierend, hinterhältig sein kann, ganz im Gegenteil, genau das ist der Psychopath in einem viel höheren Maße, als der Narzisst. Der klassische Narzisst ist eher reaktiv gefährlich, er ist selten von sich aus „böse“ und negativ, eher in Reaktion auf das Verhalten anderer Menschen, die unmittelbar negative Emotionen und Frustration bei ihm auslösen, der Psychopath dagegen ist ständig auf der „Jagt“. Oft sind Psychopathen sadistisch veranlagt.

    Der Psychopath bereut nichts, und er vergisst nie.

    Der Film „Nightcrawler“ mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle ist meiner Meinung nach eine ziemlich realistische Darstellung eines klassischen Psychopathen bzw. eines Menschen mit Antisozialer Persönlichkeitsstörung.

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    1. Möglicherweise sollte dein Text als Kritik gemeint sein – und ich stimme dir in deinen Aussagen fast komplett zu.
      Im forensichen Psychiatrie spricht tatsächlich noch von Psychopathie, aber im klinischen Bereich nur noch von Dissozialer Persönlichkeitsstörung, wie du richtig sagtest. Dass man die Schein-Experimente vom wissenschaftlichen Mainstream trennen sollte, da stimme ich dir zu.
      Als ich über den Chirurgen gesprochen hab, hast du was missverstanden. Die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß, auch Psychopathen können in bestimmten Situationen funktional sein. Und da verschiedene Untersuchungen belegen, dass Psychopathen sich einfühlen können, wenn sie es wollen – was deiner Meinung widerspricht – können sie dieses Gefühl auch einfach abschalten, wenn es nötig ist. Beispielsweise im Operationssaal, auch wenn du mir da widersprichst. Vermutlich weil man den Patienten dann nicht schadet. Vielleicht war es ein schlechtes Beispiel.. Ich reduziere den Psychopathen nicht auf diese Funktionen innerhalb eines Berufes. In dem Sinn ist fehlende Empathie nicht unbedingt notwendig für einen Beruf, nur förderlich, sie abzuschalten. Es war nämlich nicht meine Aussage, dass fehlende Empathie höhere Professionalität erzwingt.

      Das stimmt, man findet öfter psychopathische Persönlichkeiten in der Wirtschaft und in der Politik. In meinem Text zur narzisstischen Gesellschaft habe ich sogar was dazu geschrieben. Du kannst den Text mal lesen, wenn du Interesse hast.

      Auch Narzissten können niedrige moralische Wertvorstellungen haben, und tatsächlich belegen das einige Untersuchungen. Es mag sein, dass ein Psychopath keinerlei Gewissen hast, aber ethisch oder moralisch richtig handeln kann er trotzdem. So handelt der Psychopath Andy McNab oder James Fallon moralisch richtig.

      Wenn ich dir die Links zu dem Text oder den Untersuchungen schicken soll, sag es mir. Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Mich hat es sehr gefreut!

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  4. Ich kann anscheinend nicht antworten, sondern nur noch einen Kommentar verfassen.

    Mein Erster war übrigens NICHT als Kritik gemeint, eher als Ergänzung, Du hast ja schon einiges an Infos zusammengetragen im Post.

    Der Unterschied ist nicht, dass sie die Empathie „abschalten“ können, das steht außer Zweifel, sie können die Empathie nur nicht wieder einschalten.

    Ich glaube Du hast etwas falsche Vorstellungen, was Berufe und entsprechende Tätigkeiten angeht. Ich bin kein Experte, aber ich denke, dass Chirurgen am Anfang ihrer Ausbildung beispielsweise mit Pinzetten einen Zopf in eine dünne Schnur flechten, oder ganz dünne Papierstreifen verknoten, dann üben sie an Tierkadavern, menschlichen Leichen usw. d.h. unabhängig von der Empathiefähigkeit des einzelnen durchläuft er innerhalb der Ausbildung bestimmte Stationen, über viele Monate und Jahre hinweg, die ihn entsprechende Situationen ganz anders betrachten lassen. Nicht umsonst ist der Körper bei einer OP weitgehend abgedeckt, bis auf die zu operierende Stelle, der Arzt ist sich einerseits bewusst, dass er an einem Menschen, einem Lebewesen „arbeitet“, das was er macht, unterscheidet sich dabei aber nicht von der Arbeit eines Mechanikers, der an einem Motor oder Getriebe schraubt. Der Chirurg hat also immer AUCH eine professionelle Sichtweise bzw. Umgang mit menschlichem Körper, die mit der des Ottonormal nicht zu vergleichen ist. Die Empathiefähigkeit spielt dabei keine Rolle.

    Aber um mal bei Chirurgen zu bleiben, es gibt Länder, dort werden Obdachlose mit mittelschweren Beschwerden in ein Krankenhaus eingeliefert und dann durch psychopathische Chirurgen „ausgenommen“. Man lässt weitgehend gesunde Menschen sterben, um an Ihren Organen Geld zu verdienen, dafür sind immer gewissenlose Chirurgen notwendig. Das wäre ein gutes Beispiel für einen Psychopathen, der skrupellos mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln an Geld und/oder Macht kommen möchte.

    Das fehlende Gewissen ist eine fest im Gehirn verankerte „Fehlfunktion“ des Psychopathen, vereinfacht ausgedrückt. Er ist nur innerhalb eines abstrakten Gedankenkonstrukts fähig sich in andere Menschen „hineinzufühlen“, für ist es in etwa so, wie wenn eine Figur in einem Kinofilm an Schussverletzungen stirbt, wir können die Schmerzen und den anschließenden Tod „nachfühlen“ aber nur im abstrakten Kontext des Films, wenn man uns als Zuschauer aber tatsächlich ernsthaft fragen würde „Hast Du WIRKLICH Mitgefühl mit dieser Person?“, würden wir sagen „Nö, wieso, das ist doch nicht real, das ist nur ein Schauspieler, es SPIELT diese Rolle.“ So ähnlich verhält sich die Sache mit den Psychopathen, es ist ihm schon bewusst, was es bedeutet zu sterben beispielsweise, aber er empfindet dabei keinerlei persönliche Emotionen der Person gegenüber, es macht für ihn tatsächlich keinen Unterschied, ob ein Insekt z.B. eine Fliege stirbt, oder ein Mensch. Für den Psychopathen sind alle Menschen eindimensionale Objekte, wie Gebrauchsgegenstände, er nimmt sie NICHT wahr als multidimensionale Lebewesen aus Fleisch und Blut mit eigenen Wünschen, Träumen, Fähigkeiten, Bedürfnissen usw.

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