Die Philosophie hinter Matrix

Matrix ist ein Science-Fiction-Film der Brüder Larry und Andy Wachowski aus dem Jahr 1999. Ein genialer Film, um einen Einstieg in die Philosophie diverser Denker zu erhalten, sofern man sich nicht von den spektakulären Action-Sequenzen blenden lässt.

Der Programmierer Thomas Anderson, bekannt in der Cyberszene als der Hacker Neo, gerät durch seine Bekanntschaft Trinity in eine Untergrundbewegung, von er erfährt, dass die Realität nicht das Jahr 1999, sondern eine postapokalyptische Welt des 23. Jahrhunderts ist. Die einst von den Menschen erschaffene künstliche Intelligenz hat sich rasant entwickelt und begannen einen Krieg gegen die Menschen, die versuchten, indem sie den Himmel verdunkelten, den Maschinen, die auf Solarenergie angewiesen waren, ihre wichtigste Energiequelle zu nehmen. Anschließend übernahmen die Kontrolle und züchten nun Menschen in Brutkästen, die sie als alternative Energiequelle nutzen. Den gefangenen Menschen täuschten sie weiterhin vor, sie würden normal vor sich hin leben – mithilfe einer interaktiven neuronalen Simulation – der Matrix. Intelligente Programme, Agent Smith, Jones und Brown, beschützen die Matrix vor gefährlichen Viren. Jedoch konnten sich einige Menschen aus der virtuellen Kollektiv lösen und leben abgekoppelt in Zion, der letzten freien Stadt der Menschheit. Diese widerständige Gruppe um den philosophisch-orientierten Anführer Morpheus auf dem Schiff Nebukadnezar hat sich das Ziel gesetzt, den Auserwählten zu finden, der die Menschheit erlösen soll: Neo, der von den Agenten eingestuften sowie gesuchten Terroristen Morpheus kontaktiert wird. Er weiht Neo in die Wahrheit über die Matrix ein und befreit ihn ihm Glauben, er sei der Auserwählte, mit dessen Hilfe man die Matrix zerstören kann. Im weiteren Verlauf des Films hacken sich die Befreite über Computer in die Matrix oder klinken sich ein, um den Krieg gegen die Maschinen aufzunehmen.

Der Film spielt mit einer Vielzahl impliziter, aber auch expliziter philosophischer sowie theologischer Andeutungen. Einerseits geht es um die Suche nach Wahrheit und Freiheit, um die Frage, wie man zu Erkenntnis und Wissen gelangt. Doch was genau ist an diesem Film philosophisch?

Das platonische Höhlengleichnis

Die Geschichte der Matrix ist eine Variante der philosophischen Erzählung vom platonischen Höhlengleichnis. Das Gleichnis fängt an mit der Beschreibung einer dunklen Höhle, in der Menschen Seite an Seite mit dem Rücken zum Eingang sitzt. Seit ihrer Geburt sind die an Stühlen gefesselt und alles, was sie sehen können, ist Höhlenwand. Ihre Welt besteht aus diesem beschränkten Sichtwinkel, welches ein armseliges Abbild der Realität darstellt.
Allerdings gibt es weitere Menschen in diesem Gedankenexperiment: die Puppenspieler, die die Gefangenen unterhalten. Jedoch wissen die Puppenspieler nicht, dass sie in der Höhle gefangen sind, da sie nichts anderes als diese Form des Daseins kennen. Die Puppenspieler stehen hinter den Gefangenen und halten verschiedene Gegenstände hoch, welche im Schein eines Feuers, das am Eingang der Höhle brennt, Schatten an die Wand vor ihnen werfen.
Die Höhlenbewohner können weder die Puppenspieler noch die Gegenstände sehen, weil sie ihre Köpfe nicht wenden können. Seit der Kindheit sind ihre Körper starr auf das fixiert, was vor ihnen zu sehen ist: schattenhafte Bilder.

In Matrix ist niemand in einer Höhle festgekettet, aber in Kokons einer gigantischen Menschenfabrik gefangen, die sie an virtuelle Realitäten anschließen und die Energie ihres Körpers aussaugen. Die Menschen halten ihre Welt für die Wirklichkeit, in Wahrheit ist jedoch bloß eine Illusion. Die Menschen sind sich ihrer Unfreiheit nicht bewusst, eine kleine Gruppe befreite sich aus der Gefangenschaft und führten sich selbst zur Erkenntnis der Wahrheit. Der Aufstieg aus Platons Höhle ist wie Neos Konfrontation mit der Realität schmerzhaft, fast unerträglich, jedoch bemerkt Neo, dass bei seiner Rückkehr in die Matrix, die meisten Menschen nicht bereit sind für die Wahrheit. Für sie ist es wohltuend, in der Illusion zu leben.

Neo muss die schmerzvolle Wahrheit sehen. Er will wieder zurück, will die Wahrheit nicht wahrhaben. Die Parallelen zu Plato wären hier: „Und wenn man ihn zwänge,
ins Licht selbst zu blicken, dann würden ihn seine Augen schmerzen (..)“ und „Und wenn
er ans Sonnenlicht käme, da könnte er wohl (..) nicht ein einziges der Dinge erkennen,
das man ihm nunmehr als wahr hinstellt. Er bräuchte Gewöhnung (..)“. (PPP-Buch, 2.49, 2.Absatz)

Das Weltbild der Gefangenen wird durch die Schatten bestimmt, welches die Grundlage für die verfälschte Wahrnehmung ihrer Realität darstellt. Die Schatten sind computergenerierter Code, grüne, fallende Zeichen auf schwarzem Hintergrund. Der Code stellt eine Kontrollfunktion dar, die verhindert, dass die Menschen sich befreien. Eigentlich können sie sich befreien – wenn sie es wollen. Doch sind sie an ihrer Version der Realität gewöhnt, was eine heftige mentale Fessel darstellt, doch Neo spürt sein Leben lang, dass etwas mit der Welt nicht in Ordnung ist, er weiß nur nicht, was. Neos Augen passen sich der Realität an, sodass er am Ende die Sonne sehen kann, doch bis dahin ist es schwieriger Weg, der kurzzeitige Schmerzen und Blindheit hervorrufen kann. So brennen seine Augen, als er sich auf Nebukadnezar zum ersten Mal umsieht, aber auch, weil er seine Augen nie benutzt hat. Platon nach wollen die Befreiten ihren Leidensgenossen helfen, weil für sie ein Leben in einer Illusion undenkbar ist. Sie möchten sie von ihrem kargem Dasein befreien und ihnen von der Wirklichkeit erzählen. Die Gefangenen würden ihn für verrückt halten und meinen, er habe sich durch die Sonne verändert und könne nun nur die Sonne erkennen, aber nicht die Schatten an der Höhlenwand. Man kann, so Morpheus, nicht erklären, was die Matrix ist. Man muss sie selbst gesehen haben.

Die übrigen Gefangenen hätten Angst, die Sonne zu sehen und würden die Befreiten eher umbringen, als herauszufinden, dass das Leben eine große Lüge ist. So ist auch Cypher bereit, seine Kameraden zu opfern, um in die Matrix reintegriert zu werden. Viele sind abhängig von der Matrix, wollen sich nicht von ihr trennen, sie zum Selbstschutz verteidigen.
Viele sehen den Verrat von Cypher als verwerflich an. In der Natur des Menschen liegt es, seine Natur zu definieren und sich dadurch neue Welten zu eröffnen. Es gibt aber einen Unterschied zwischen normaler und radikaler Freiheit. Ersteres ist die Möglichkeit zur Wahl; wen man heiraten möchte oder was man später ausüben mag. Letzteres dagegen wäre, sich dazu zu entschließen, eine andere Art menschlicher Existenz in einer ganz anderen Welt zu werden. Die normale Freiheit existiert in der Freiheit. Wem das genug ist, fühlt sich in der Matrix wohl. In dieser Hinsicht hat Cypher nichts falsches getan. Radikale Freiheit erlebt man nur, indem man die Matrix verlässt.
Allerdings wird er in seinem Leben in der Matrix von Maschinen kontrolliert, die ihn als Energiequelle nutzen und ausbeuten. Er wäre ein Sklave. Jemand, der sein Leben nicht nach seinen Vorstellungen gestalten kann. Zwar könnte man meinen, dass die Menschen in der Matrix nur scheinbar Sklaven sind, weil sie in ihrem Leben nicht gestört werden, da sie leben, sterben, lieben, arbeiten, aber wirklich frei werden sie dadurch nicht. Und letztendlich ist das nicht nur ein Problem philosophischer Natur, sondern auch politischer Art.

Neben den Gefangen gibt es auch die modernen Puppenspieler: die Maschinen, Computer und Agenten. Letztere sind aber auch an die Matrix gebunden, so entwickelt Agent Smith im Laufe des Films menschliche Gefühle wie Hass und geistert in den letzten beiden Teilen als Virus herum, als er sich seiner Löschung widersetzte, weil er versagt hatte. In den Fortsetzungen sehen wir einen größenwahnsinnigen, kontrollsüchtigen Egoisten, der sich selbst replizieren will, um sich damit alle anderen Lebens zu bemächtigen.

Eine politisch-orientierte Deutung beschreibt die modernen Puppenspieler die Einflussreichen und Mächtigen der Gesellschaft. Jedenfalls sind wir verschieden stark von Meinungen und Handeln anderer beeinflusst, obwohl wir kritisch denken und unsere eigenen Schlussfolgerungen ziehen können. Wer Mut hat, nimmt die rote Pille, um sich umzudrehen und sich von den mentalen Fesseln zu lösen. Das wäre ein wichtiger Schritt in Richtung persönliche Freiheit.

Descartes Erkenntnistheorie

René Descartes dachte weiter. Bei aller Illusion gibt es nur ein Fakt, nämlich dass ich es bin, der denkt. Diese Deutung bringt Descartes zur  Vermutung, dass auch die menschliche Erkenntnis nicht vor Betrug sicher sein kann. Es könnte sein, dass unsere gesamte Umwelt einschließlich unseres Körpers eine Illusion ist. Ein Dämon, ein böser Geist oder Computer könnten uns ständig täuschen.

Genauso wie Descartes wirft der Film in erkenntnistheoretischer Weise das Freiheitsmotiv auf, nämlich nur derjenige frei ist, der sich der schonungslosen Wahrheit über sich und über die Welt stellt.

In gewisser Hinsicht gibt es keinen signifikanten Unterschied zwischen einem Leben in der Matrix und außerhalb. Descartes hat schließlich ausgeführt, dass alles innerlich sei, beispielsweise der Phantonschmerz eines Menschen, der ein Bein verloren hat. Doch Kant betonte, dass es eine gemeinsame Welt gibt, die wir alle teilen. Ihre Ursache kennen wir nicht, aber es wirkt auf uns, auf etwas, was er Noumenon nennt. Die phänomenologische Welt folgt aus dieser Interaktion zwischen dem Ding an sich und dem Noumena. Jene ist aber nach Kant keine Illusion, sondern unsere Welt. Das ist der Grund, warum die Welt der Matrix unserer Welt ähnelt. Folglich sind die Gefangenen in einer anderen „realen“ Welt, in einer anderen, aber gleichwertigen Realität.

Für die Matrix macht es keinen großen Unterschied, dass die Welt draußen „realer“ ist. Der Unterschied ist, dass es in der echten Welt ein Universum gibt und dass es die physikalischen Prozesse des Universums sind, die alles verursachen. Die Matrix hat kein Universum, sondern Computer, deren Programme alles regeln. Jedoch sind beide Welten objektive Welten, da die Menschen ein gemeinsames Verständnis von der Wahrheit teilen. Sie leben und sterben in der Matrix, für sie ist alles real. Mit unserem Körper außerhalb der Matrix haben wir nichts zu tun.

Baudrillards Anti-Medientheorie

Die Wachowski-Brüder verstecken nicht Jean Baudrillards Aussagen in dem Film – sie weisen explizit darauf hin. Neo bewahrt seine geheime Hackersoftware in einem ausgewählten Exemplar des Werkes „Simulacres et Simulation“ des Denkers auf.

Baudrillard provozierte mit seiner Publikation mit dem Titel „Das Jahr 2000 findet nicht statt!“ eine apokalyptische Beschwörung. Genau diese Provokation wird im Film von Morpheus bestätigt:

Baudrillard hatte mit seinem Werk „Requiem für die Medien“ eine Art „Anti-Medientheorie“ entworfen. Sie besagt, dass heute die Bilder, die vor allem über die Massenmedien vermittelt werden, wirklichkeitsmächtiger geworden sind als die Wirklichkeit selbst. Nach Baudrillard leben wir bereits in eienr Simulationsgesellschaft, die durch die totale Medialisierung des Alltags den Realitätsbezug verloren hat.

Kant, Hume und Leibniz

Dass in Matrix ein Kampf zwischen Rationalismus und Empirismus herrscht, ist nahelegend, weil die Produzenten sehr viele philosophische Ideen einbringen wollten.
Nun Thomas Anderson ist Programmierer in einem Software-Unternehmen, der von Zweifeln vorangetrieben wird und nach einem Weg sucht, der Welt und vor allem sich selbst trauen zu können. Mit seinem Denken lebt er in der Zukunft – und der Vergangenheit, denn zu Beginn des 18. Jahrhunderts traten erste Zweifel an der Wahrnehmung der Welt auf. Neo ist zwischen dem Rationalismus und dem Empirismus hin und her gerissen. Die herrliche Matrix muss natürlich beide Ansätze betrügen.

Nach Leibniz bezeichnet der Satz „Neo denkt“ („Neo“ als Subjekt- und „denkt“ als Prädikatbegriff) eine Substanz, die Eigenschaften entwickelt; wobei die Substanz ohne Eigenschaften, Eigenschaften aber nicht ohne Substanz existieren können. Die Matrix trennt das Subjekt von der Eigenschaft, sie derationalisiert es sozusagen. Neo ist im Rahmen des Rationalismus ein Mensch auf der Suche nach der verlorenen Substanz; ein Gedanke auf der Suche nach seinem Subjekt (das „denkt“ sucht nach dem „Neo“).
Möglicherweise erzeugt die Matrix nicht nur eine allgemeine Illusion, sondern eine, in der jeder Mensch seine eigene Perspektive findet. Nach Leibniz ist die Perspektive bereits eine falsche Weltanschauung, genau wie Raum und Zeit, die nichts anders als Konstrukte sind, durch die wir Erfahrungen veranschaulichen. In dieser Simulation, die mehr aus Perspektiven als aus Substanzen besteht, ist es also wichtig, diese Perspektiven zu harmonisieren – die Illusion an sich ist also gar nicht so wichtig; nur die Illusion, dass alle das Gleiche sehen.
Für Leibniz ist alles, was jenseits meiner Perspektive liegt, die richtige Idee von unserer Welt – insofern ist die Matrix unwirklich, da sie ja nur aus Perspektiven entsteht. Hier wären wir bei Hume: Er meint, dass mir nur die Ableitungen aus meinen Erfahrungen die Wahrheit vermitteln – die Matrix hat durch die Perspektiven also einen eher empiristischen Ansatz. Seiner Ansicht nach gibt es keinen Gegenstand ohne meine Erkenntnis von ihm. Also Neo in der Wirklichkeit aufwacht, erkennt er, dass es nicht genügt, der Matrix zu entkommen, sondern dass man viel tiefer in sie hinein muss, um sie verstehen zu können. Jede objektive Meinung erweist sich umso trügerischer, je näher man sie sich ansieht. Neos Selbstzweifel fangen wieder an, was vom empiristischen Ansatz an ein Problem führt: Es gibt kein Ich, welches man erfahren könnte.
Ist die Welt aus Erfahrungen aufgebaut, führt das am Ende zu einer Auflösung von Gewissheiten, der in einen Zweifel an fast allem mündet. Die computergenerierte Simulation ist folglich eine humesche Welt. Weil aber Hume in einer Zeit des Aufschwungs der Naturwissenschaften lebt, ist sein Empirismus weniger willkommen.
Kant findet den Mittelweg zwischen beiden Strömungen. Er behauptet, dass man weder mit der sinnlichen Erfahrung, noch mit dem Verstand allein die wirkliche Welt erkennen könne. Man muss Verstand und Sinneswahrnehmung zusammenführen, damit eine Erkenntnis entsteht. Folglich können wir die Wirklichkeit an sich nicht erkennen. Sie steckt voller möglicher Erfahrungen, die wir wahrnehmen können.
Laut Kant gibt es apriorische Wahrnehmungen, die immer stimmen. So ist ist Fünf plus Sieben immer Zwölf. In der Matrix gilt dies auch. Und es gibt aposteriorische Wahrnehmungen. Etwas was stimmt, weil es meinen Erfahrungen entspricht. Da alles, was lebt, das Aposteriorische produziert, bringt das die Welt durch Neugier und Zweifel in Bewegung.
Der Film lässt diesbezüglich also folgende Deutung: Morpheus (Leibniz) und Trinity (Hume) erwecken ihn (Kant behauptete einst, durch Humes Radikalität aus dem dogmatischen Schlummer erweckt worden zu sein). Seine Voraussetzung für Erkenntnis ist der Widerstand gegen die apriorische Wahrheit. Um nicht einfach ein anderer Dogmatiker zu werden, bleibt ihm nur der Umweg über die Metaphysik. So sucht er nach der Wahrheit, da ihm die Matrix seine Ideen und die sinnliche Wahrnehmung genommen hat. Für Neo gibt es nicht nur das „Draußen“ (Zion), sondern auch das „Darüberhinaus“: den Erlöser (der Auserwählte). Die Matrix ist die Natur und gleichzeitig ihr genaues Gegenteil, da es für uns keinen Unterschied macht, ob sie nur eine Simulation ist, wenn wir sie als Vorstellung begreifen.

Nietzsche

Das philosophische Zentrum der Matrix-Fortsetzung ist die Begegnung zwischen Neo und dem Architekten. Wir erfahren, dass Neo nicht die erste Verkörperung des Auserwählten ist, sondern der sechste, der sich von den unglaublich vielen Versuchen weit genug entwickelt hat, um das Zimmer des Architekten zu erreichen. Es scheint eine Instabilität im Innern der Matrix zu geben, einen Programmierfehler, der einen Kontrollmechanismus auslöst, der diesen Fehler beheben soll, den Auserwählten erschafft.
Neo und die vorherigen Auserwählten mussten die Zerstörung Zions akzeptieren und eine kleine Gruppe aus der Matrix mitnehmen sowie befreien, um zum Erdmittelpunkt zu gelangen, damit Zion wieder aufgebaut werden kann und der Prozess wieder beginnt.

Mich persönlich erinnert dies an Nietzsches Ewige Wiederkunft. Er beschreibt sie folgendermaßen: „Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nicht Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge – und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!“ (Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, S. 570)
Nietzsche dachte, dass das Universum schon unendlich lange existiert. Daraus folgt, dass alle möglichen Umwandlungen von Materie sich nicht nur einmal oder zweimal, sondern unendlich viele Male zugetragen haben.

Das ist zunächst sehr deprimierend. Doch laut Nietzsche wird diese Tatsache der Anlass von Freude sein, wenn wir sie verinnerlicht haben. Sie befreit uns von der Illusion des freien Willens, die in den Matrix-Filmen thematisiert wird. So gibt Morpheus Neo die Wahl zwischen den farbigen Pillen. Die eine bringt ihn in die Matrix, die andere führt ihn zur Befreiung. Zwar wählt er die rote Pille, aber was ist im bedeutungstragenden Sinn eine freie Wahl?
In der Fortsetzung wird das mit dem Architekten wiederholt thematisiert, dieses Mal mit seinen zwei Türen. Die eine Tür führt zur Option, Zion nach der Zerstörung wieder aufzubauen, die andere zurück zur Matrix, in der Neo die sonst verlorene Trinity retten kann, wodurch das Schicksal der Menschheit aber besiegelt wäre. Welche Tür Neo wählt, wissen wir, doch in einem bedeutenden Sinne hat er keine Wahl. Und selbst im ersten Film erklärt das Orakel Neo, dass er die Wahl zwischen Morpheus Tod und seinem eigenen hat, und er trifft diese Wahl, obwohl es unvorstellbar ist, dass er sich für einen anderen Pfad hätte entscheiden können. Zu jedem Zeitpunkt stehen die Charaktere vor mutmaßlichen Entscheidungen, aber sie wählen, wie sie es müssen. Für Nietzsche ist diese Art von Determinismus eine Befreiung. Genau das teilt das Orakel Neo mit. Es kommt nicht darauf an, mit der Illusion zu leben, man hätte eine freie Wahl, sondern zu begreifen, weshalb man die Wahl getroffen hat.

Die Bibel

Die Geschichte der Matrix hat Ähnlichkeiten zur Schöpfungsgeschichte. Der Hinweis auf den Sündenfall wird deutlich, wenn Smith im Verhör mit Morpheus erklärt, dass die Matrix zunächst als perfekte Welt konzipiert worden sei, diese von den Menschen jedoch nicht angenommen wurde.
Die Menschheit begeht darüber hinaus durch das Ablehnen der perfekten Matrix eine Ursünde und setzt dadurch in einer Art Erbsünde auch alle nachfolgenden Generationen einem leidvollen Leben in der zweiten Matrix aus.

Figurale Bezüge

Die Regisseure setzten bewusst Bezüge zur Bibel.

Neo, der Auserwählte
Die Hauptfigur, die man erst als Thomas Anderson und dann als Neo kennenlernt, ist der Auserwählte. Der Vorname weist auf die anfänglichen Zweifel Neos an seiner Rolle als Erlöser (vgl. Thomas der Ungläubige; Joh. 20, 24), zum Anderen verweist der Nachname auf seine Rolle als Sohn Gottes, da andr griechisch für Vater ist, und son Sohn bedeutet. Neo ist als Anagramm zu verstehen, auf die neue Existenz des Erlösers, E-O-N unterstreicht das ewige Leben, O-N-E benennt den Menschen als den Einen.
Weiter gibt es viele Anspielungen auf Neo als Erlöserfigur. Wie in der christlichen Theologie wird die Rückkehr des Messias am jüngsten Tag angekündigt.

When the Matrix was first built, there was a man born inside who had the ability to change whatever he wanted, to remake the Matrix as he saw fit. It was he who freed the first of us, taught us the truth. As long as the Matrix exists the human race will never be free. After he died the Oracle prophesied his return and that his coming would hail the destruction of the Matrix and the war, bring freedom to our people. That is why there are those of us who have spent our entire lives searching the Matrix looking for him. I did what I did because I believe that search is over….

Von Choi wird Neo sogar Erlöser bezeichnet:

You’re my savior. My own personal Jesus Christ.

Cypher spricht in einer anderen Szene seine Funktion an:

Did he tell you why he did it? Why you are here? Jesus! What a mind yob. So, you are here to save the world!

Neo erlebt bei seiner Befreiung eine Art jungfräuliche Geburt in die reale Welt, bei der er sich aus seinem Kokon befreit und durch einen Geburtskanal rutscht. Er stirbt, indem er sich bewusst opfert, und erwacht nach drei Filmminuten. Seine Auferstehung verleiht im Macht – und das Ende Films zeigt eine Anspielung an die Himmelfahrt.

Morpheus, der Vater
Zwar ist Morpheus‘ Namensgeber der griechische Gott des Traumes, der in Träumen erscheinen kann und Zugang zur Traumwelt (Matrix) hat, doch sein Charakter erinnert an Johannes den Täufer. Letzteres verweist auf einen Retter, der die Welt erlösen wird und bezieht seine Kraft aus dem Glauben an die Wiederkunft des Messias. Er stellt im Übrigen eine Vaterfigur dar.

Trinity, der Heilige Geist
Offensichtlicher geht es wohl kaum: Ihr Name stellt einen Bezug zur Trinität dar. Die Christen glauben an einen Gott in drei Personen; Vater, Sohn und den Heiligen Geist. Trinity vervollständigt die Trinität als Heiligen Geist neben Morpheus als Vater und Neo als Sohn.

Cypher, der Verräter
Cypher stellt eine Analogie zu Judas dar. Durch seinen Verrat sterben vier Mitglieder, Morpheus wird durch ihn von den Agenten verhört. Cypher hört sich außerdem wie Luzifer an.

Zion, die letzte freie Stadt
Zion steht im Tanach als Synonym für den Wohnsitz Gottes, die auserwählte Stadt steht im Mittelpunkt des jüdischen Glaubens. Im Film wird die Stadt auch zur einzigen Stätte, von der Heil für die Menschheit ausgehen kann.

Nebukadnezar, das Schiff
Der Name des Schiffes ist wohl eine Andeutung auf den gleichnamigen babylonischen König im Buch Daniel. Sein Name bedeutet Gott Nabu schütze meinen ersten Sohn. Dieser König hatte Träume, die er sich deuten ließ. In den Träumen kommt das irdische Weltreich zu ihrem Ende an und das Reich Gottes beginnt. Nach Daniel übt dann Jesus die Herrschaft aus.
Die Modellbezeichnung des Schiffes, Mark III No 11 verweist auf die Bibelstelle Markus 3,11: „Wenn Menschen, die von bösen Geistern besessen waren, ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder und riefen ‘Du bist der Sohn Gottes’“.

Fazit

Es bleibt zu klären, inwiefern es sich bei der Matrix-Trilogie um philosophische Filme handelt. Ob es im Sinne der Produzenten war, wissen wir nicht. Nichtsdestoweniger regen die Filme dazu an, über die Welt nachzudenken und alles zu hinterfragen. Ob die Zuschauer nun die philosophischen Bezüge erkennen, oder die spektakulär inszenierten Special-Effekts, bleibt ihnen überlassen.
Ich selbst finde besonders den ersten Teil sehr philosophisch. Der zweite Teil ermattet in seiner Bedeutung, und den dritten Teil sollte man sich erst gar nicht ansehen. Letztendlich werfen die Filme viele Fragen in den Raum, die man selbst beantworten muss.

Quellen, verwendetes Material und weiterführende Links:
Wikipedia: Matrix (Film)
Klacks: „THE MATRIX – Einführung in die Philosophie“ (23.5.2012)
Klacks: „THE MATRIX – Religion im Film“ (23.5.2012)
Dust Signs: „Die Philosophie der Matrix
ZeitOnline: „René Descartes: Der methodische Zweifel“ (24.4.2014)
Fischerwelt: „Matrix – die Wirklichkeit in der Matrix
SpiegelOnline: „US-Denker Dreyfus über „The Matrix“: Der philosophische Salat der Wachowski-Brüder“ (29.11.2003)
Universität Hamburg: „Matrix – ein philosophischer Film?
Spektrum der Wissenschaft: „Was können wir von der Welt wissen?

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