Was wir von Tyler Durden lernen können

Woran Jack leidet, ist wohl offensichtlich: Er hat eine multiple Persönlichkeitsstörung (F44.81). Einsamkeit, Sinnlosigkeit und heftige Schlafstörungen belasten ihn sehr, seine Seele bricht beinahe zusammen. Sein Vater? Kennt er nicht. Er wurde von Frauen erzogen und konnte infolgedessen das männliche Rollenbild kaum kennenlernen.

Einen Persönlichkeitsanteil konnte er nicht ausleben: Tyler Durden. Angst, Scham, Sozialisation verhinderten ihn, das auszuleben, was Tyler verkörpert: Autonomie, Impulsivität, Aggressivität, Promiskuität und Narzissmus. Sein männliches Ideal lebt er damit aus.

Darüber hinaus erfuhr Project Chaos einen massiven Zulauf, was die Frage nach dem Ausmaß der vorhandenen, aber unterdrückten dissozialen Anteile in der männlichen Bevölkerung aufgeworfen wird. Die Darstellung des dissoziativ gestörten Protagonisten deutet auf dissoziative Elemente in der Gesellschaft.

Tyler selbst erfüllt fraglos den Großteil der diagnostischen Kriterien der Dissozialen Persönlichkeitsstörung (F60.2).

Nun interessieren mich aber eher die philosophischen Aspekte des Films und nicht die Psychopathologie der Protagonisten. Denn Fight Club thematisiert ausführlich die Gefühlsabspaltung als Massenphänomen in einer Gesellschaft, die durch permanenten materiellen und medialen Passivkonsum und das axiomatische Gebot von Konformität und Selbstoptimierung in einem hypnotischen Zustand geduldeter Unterwerfung gehalten werden soll.

Aber was können wir von einem extremistischen, anarchistischen, nihilistischen Untergrundkämpfer und psychopathischen Verfechter des Minimalismus lernen?

Erstens: Du bist nicht dein Besitz

Du bist nicht deine Arbeit. Du bist nicht, wie viel Geld du auf dem Konto hast. Du bist nicht das Auto, das du fährst. Du bist nicht der Inhalt deiner Geldbörse. Du bist nicht deine scheiß Cargohosen. Du bist der singende und tanzende Abschaum der Welt.

Konsum stiftet Identität. Fragt einen Hipster. Röhrenjeans, Vans, New-Era-Caps sind die Klamotten, die man tragen muss. Oder Vintage-Westen, Nerdbrillen und Jutebeutel, um seine angebliche Individualität darzustellen. Etwas anzuhaben und es anderen zu zeigen, definiert, wer man ist. Welche Cap repräsentiert meine Persönlichkeit am besten? Welcher Bart zeigt den Ausländern, dass ich ein intellektueller, ironischer Kosmopolit bin? Ist meine Kleidung mainstream? Wir sind auf der ständigen Suche nach der perfekten Kleidung, die unsere Persönlichkeit noch stärker ausdrückt. Aber der Charakter steckt nicht im Kleiderschrank. Wenn deine Wohnung von einem Extremisten gesprengt wird, bist du immer noch du. Es mag traurig sein, dass du deine Sachen verloren hast. Schließlich hast du deine Identität mit der Kleidung dargestellt und diese Klamotten trugen Bedeutungen in sich. Doch das, was wichtig ist, ist in deinem Kopf.

Wir sind keine Jäger und Sammler mehr. Aber was sind wir dann? Arbeiter? Angestellte? Schüler? Konsumenten. Die Hauptrolle, die wir einnehmen, besteht aus Konsum. Wir bauen unsere Identitäten auf Konsum auf.

Investiert in Erlebnissen, nicht in Besitztümern. Investiert in Freundschaften, Bindungen, Events, Konzerten, einmaligen Abenteuern und nicht in die neusten Beanies, Sneakers, Taschen und Apple-Produkten.

Zweitens: Innovation

Willst du dir ein Omelett backen, musst du vorher Eier knacken.

Ohh. Deine Lieblingsjeans hat ein riesiges Loch. Was machst du? Es wegwerfen? Verschwendung! Mach dir einen Schal draus. Oder bastele dir eine Jeansjacke mit anderen kaputten Hosen. Dein altes, langärmliges T-Shirt kann zum Tanktop werden. Und die angeknackste Kaffeetasse wird zum Blumentopf.

Was soll schon passieren, wenn mal etwas schief geht? Was vorher genervt hat, kann nur besser werden, wenn nicht, ist auch nichts verloren.

Drittens: Schluss mit Perfektion

Verpiss dich mit deinen grün gestreiften Sofa Sets, ich sage: sei nie vollständig, ich sage: hör auf perfekt zu sein, ich sage: entwickeln wir uns, lass die Dinge einfach laufen!

Perfektionismus ist eine Plage, da spreche ich aus eigener Erfahrung. Zwar habe ich nie versucht, Fehler zu vermeiden, aber ich korrigierte, überprüfte und wollte immer das Beste aus mir herausholen. Doch die hohen Leistungsansprüche zerstören das Innere.

Ich kenne persönlich Menschen, die einen hohen Leistungsanspruch an sich selbst und daran zerbrachen. Sie wollten immer besser sein und die manifestierte Perfektion darstellen.. bis sie in der Klinik landeten, weil die Selbstmordgefahr zu groß war. Ihnen zu vermitteln, dasss ihre Leistungen überdurchschnittlich hervorragend waren, reichten ihnen nicht. Sie wollten sogar noch außergewöhnlicher sein und besser als der Beste sein.

Perfektion ist unerreichbar. Neues erfüllt uns auf kurze Sicht, aber längerfristig gesehen wird alles irgendwann obsolet, unmodern, kaputt. Leben heißt Verändern. Unser Geschmack, die Lebensumstände, unser Budget ändert sich und das, was vorher perfekt war, ist plötzlich uninteressant. Es geht nur darum, jeden Tag besser zu werden. Sich zu entwickeln. Einen neuen Weg einzuschlagen oder weiterzugehen.

Ich stehe nicht mit dem Gedanken auf, der Beste zu sein, nur etwas besser sein als gestern. Das reicht mir schon. Und ich weiß, dass beispielsweise mein Zimmer niemals perfekt sein wird. Oder dass meine Persönlichkeit niemals optimal sein wird, aber ich lasse den Dingen ihren Lauf. Ich beobachte Menschen und entdecke faszinierende Facetten ihres Handelns und ihrer Persönlichkeit. Das motiviert mich, selbst in diese Richtung zu gehen.

Den Teufelskreis der Perfektion kann man durchbrechen. Man sollte akzeptieren, dass auch mal 95% reichen. „Gut genug“ macht langfristig zufriedener.

Viertens: Sei du selbst

Hört mir zu, Maden: Ihr seid nichts Besonderes. Ihr seid keine wunderschönen, einzigartigen Schneeflocken. Ihr seid genau so verweste Biomasse wie alles andere. Wir sind der singende, tanzende Abschaum der Welt. Wir sind allesamt Teil desselben Komposthaufens.

Hör auf, dich von den anderen unterscheiden zu wollen, um als besonders zu gelten. Sei du selbst. Wenn du von Natur aus anders bist als die Masse, ist das völlig in Ordnung, aber wenn du krankhaft versuchst, dich von den anderen zu unterscheiden, bist du nicht mehr du. Sondern jemand anderes. Man sollte sich nicht selbst entfremden.

Auch damit habe ich meine Erfahrungen gemacht. Ich war selbst nicht nur Perfektionist, ich wollte anders sein als alle anderen. Etwas außergewöhnliches. An mich erinnerte man sich. Ich stach heraus aus der Masse. Und dazu gehörte, so dachte ich, dass ich mich unterscheide. Ich habe gemerkt, dass ich innerlich immer angespannter wurde und wusste nicht mehr, wer ich eigentlich war. Dann vertraute ich auf meine innere Stimme, auf meine Intuition und konnte mich selbst wiederfinden.

Was das mit dem Zitat zu tun hat? Wir sind alle derselbe Abschaum und infolgedessen versuchen einige, abzuheben oder anders zu sein. Nochmal: Verschiedenheit ist nicht das Ziel.

Fünftens: Weniger heißt mehr

Die Dinge die du besitzt werden letztendlich dich besitzen.

Erst nachdem wir alles verloren haben, sind wir frei alles zu tun. Jack verlor seine Wohnung, aber so weit wollen wir nicht gehen. Aber es ist durchaus der Fall, dass weniger Besitz mehr Freiheit bedeutet. So können wir die Schule oder den Job wechseln, weil der Umzug keine große Sache ist. Oder spontan auf Reisen gehen, ohne dass wir einen Haussitter brauchen. Oder statt packen und schleppen, erfahren und erleben.

Die Werbeindustrie lockt uns mit Versprechungen, damit wir brav das Geld ausgeben. Erstell dir mal eine Liste mit Dingen, die du wirklich nur zum Leben brauchst. Das sind ungeheuer wenige Dinge. Fernseher, Smartphone, Uhren gehören da sicher nicht dazu. Braucht man das wirklich?

Sechstens: Krisen sind neue Chancen

Nur eine Krise kann uns zu neuem Leben erwecken.

Erst, wenn wir uns in einer Krise wiederfinden, sind wir motiviert, unser Leben zu ändern. Wenn du unzufrieden mit deinem Leben bist, verfalle nicht in Depressionen und Selbstmitleid, sondern leg dich wirklich ins Zeug und leg los. Das ist schwieriger, als man denkt. Aber es zu versuchen.. das lohnt sich.

Selbstverständlich ist das ein schwer annehmbarer Rat. Es ist keinem Betroffenen von Depression zuzumuten, den Rat, nicht in eine Depression zu verfallen, zu hören. Die Botschaft kann auch lauten: Es gibt eine andere Seite der Bedeutungslosigkeit der Welt. Aus Nihilismus kann Existenzialismus werden.

Siebtens: Erfüll dir deinen Traum

Jungs, welchen Wunsch würdet ihr euch gerne vor eurem Tod erfüllen?

Warum bist du auf der Welt? Was willst du hinterlassen? Worauf willst du stolz sein? Welchen Traum würdest du dir erfüllen? Was willst du tun, damit man sich an dich erinnert?

Beantworte diese Fragen, bevor es zu spät ist.

Achtens: Du kannst mehr, als du glaubst

Ich sehe all dieses Potenzial und ich sehe die Verschwendung. Verdammt, eine gesamte Generation zapft Benzin, räumt Tische ab oder sind Bürosklaven in Anzügen.

Aus einem schwachen Selbstwertgefühl folgt, dass man seinen wahren Leidenschaften nicht folgt. Und limitierende Überzeugungen.

In dir schlummern besondere Talente. Glaub an dich selbst, du entdeckst sie und kannst sie einsetzen.

Neuntens: Gib dein Geld richtig aus

Werbung macht uns heiß auf Autos und Klamotten. Wir arbeiten in Jobs, die wir hassen, nur damit wir Scheiße kaufen können, die wir nicht brauchen.

Gib dein Geld nicht für überteuerte Uhren, Smartphones oder Laptops aus. Investiere dein Geld in deine Persönlichkeit. In Bildung. In Weiterbildung. In Fortbildung. Denn eine Investition in Wissen bringt die besten Zinsen.

Zehntens: Es gibt nicht den Weg

Mein Vater ging nie zur Schule, deshalb war es wichtig, dass ich gehe. – Klingt familiär. – Ich machte meinen Abschluss und fragte ihn: Dad, was nun? Er sagte: Besorg dir einen Job.

Der Standardweg sieht doch heutzutage so aus: Kindergarten – Grundschule – Sekundarstufe I – Oberstufe – Abitur – Studium – Arbeit – Heirat – Kinder – Rente – Tod

Vom Prinzip ist das der Weg, den die meisten Menschen gehen. Warum? Das weiß niemand. Aber das ist nicht der Weg, denn den gibt es nicht. Es geht nicht darum, zwangsläufig einen anderen Pfad zu wählen, sondern den Mut zu besitzen, einen anderen Weg einzuschlagen, wenn es sinnvoll ist. Viele erfolgreiche Musiker haben die Schule abgebrochen, Steve Jobs und Bill Gates ihr Studium.

Geh deinen eigenen Weg und lass dich nicht aufhalten.

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