Vergewaltigungen

Die Gesellschaft hat einen verstörenden Einfluss auf Missbrauchsbetroffene. Das zeigt sich durch das kombinatorische Zusammenspiel diverser psychologischer Effekte.

Es gibt Konzepte und Theorien, die nahelegen, wie stark uns unser Glaube an uns selbst beeinflusst. Und wie stark dieser Glaube wiederum davon beeinflusst wird, was andere über uns denken und von uns erwarten.

Da gibt es die Selbstwirksamkeitserwartung. Forschungen haben gezeigt, dass Personen mit einem starken Glauben an die eigene Kompetenz größere Ausdauer bei der Bewältigung von Aufgaben, einen niedrigere Anfälligkeit für Angststörungen und Depressionen, sowie mehr Erfolge im Berufsleben aufweisen. Quellen von Selbstwirksamkeit sind auch das, was uns andere über uns vermitteln, beispielsweise: „Ich glaube an dich!“ oder „Du schaffst das niemals!“. Diese Worte beeinflussen, wie wir uns selbst sehen und damit den Erfolg unseres Handelns. Übrigens hat Psychologie 101 in dem Beitrag „Hört auf, eure deprimierten Freunde aufzuheitern!“ etwas zu diesen Sprüchen geschrieben.

Genauso gibt es auch die Bedrohung durch Stereotype. Untersuchungen legten die Auswirkungen von negativen Stereotypen an unsere Leistungsfähigkeit dar. Wenn Frauen vor einem Mathematiktest an das Stereotyp erinnert werden, dass Frauen schlechter in Mathematik sind, schnitten sie schlechter ab als die unbeeinflussten Frauen. ¹

Etwas ähnliches hat ein Harvard-Forscherteam gemacht: Man untersuchte die Stereotype, dass zum einen Asiaten überdurchschnittlich gute mathematische Fähigkeiten besitzen und zum anderen, dass Männer in Mathematik besser als Frauen sind. Es konnte gezeigt werden, dass asiatisch-amerikanische Frauen bei einem Mathetest bessere Leistungen erzielten, wenn man sie auf ihre ethnische Identität aufmerksam gemacht hat, aber sie schnitten schlechter ab, wenn man die Argumentation über die Geschlechtsidentität aufgeführt hat. ²

Was diese Theorien verbindet ist die Selbsterfüllende Prophezeiung, die besagt, dass unsere Erwartungen an eine Person diese so beeinflussen, dass sie sich tatsächlich unseren Erwartungen gemäß verhält. 1968 wurden in einer amerikanischen Grundschule Lehrern vorgetäuscht, dass auf der Basis eines wissenschaftlichen Tests die Leistungspotentiale der Kinder eingeschätzt werden sollten. Durch diesen Text würden die 20 Prozent Schüler einer Klasse erkennbar gemacht werden, die vor einem intellektuellen Entwicklungsschub stünden. Bei diesen Schülern sollte man mit besonderen Leistungssteigerungen rechnen, dabei wurden die Schüler in Wirklichkeit per Los gewählt. ³
Acht Monate nach dem Scheintest wurde der Test wiederholt. Interessant war, dass die IQ-Steigerung der Aufblüher außerordentlich hoch war, deutlich größer als bei Schülern, die nicht Teil des Experiments waren. Die IQ-Verbesserung konnte sogar um die 30 Punkte betragen. ⁴

Letztendlich bedeutet dies, dass wir stark von der Wahrnehmung über und Erwartungen an uns selbst beeinflusst werden.

Aber wo ist hier der Bezug zu den Missbrauchsbetroffenen? Nun, stereotypische Vergewaltigungsbetroffene sind Individuen, deren Leben für immer zerstört ist, die nie wieder ein normales Sexualleben führen können, die nie wieder Freude am Sex haben werden und für den Rest ihres Daseins traumatisiert sind, psychisch krank sind, beschädigt sind, innerlich tot sind.

Ein Kind ist weit beeinflussbarer als ein Erwachsener. Ich weiß, die meisten würden einem Kind niemals etwas davon erzählen, aber ein Kind muss damit nicht verbal konfrontiert werden. Das kann ebenso nonverbal deutlich kommuniziert werden. Das können Blicke sein, das kann sich im Verhalten dem Kind gegenüber zeigen. Und Kinder hören oft eben das eine oder das andere, das nicht für ihre Ohren bestimmt war.

Das Kind wächst in einer Umwelt auf, in der alle wichtige Bezugspersonen die Erwartung haben, dass es als Missbrauchsopfer geschädigt ist. Es hört sowohl am Stammtisch als auch im öffentlichen Diskurs, wie Kinderschänder Kinderseelen zerstören. Woher soll das Bewusstsein kommen „Mir ist etwas schlimmes passiert, aber ich kann trotzdem ein zufriedenes Leben führen“?

Ist es da ein Wunder wenn Opfern nicht geglaubt wird? Oder wenn Opfer sich selbst nicht glauben? Wir haben so ein starres Bild von Opfern, dass wir Betroffene zwingen entweder dem zu entsprechen oder kein richtiges Opfer zu sein. Viele Missbrauchsopfer haben ein regelrecht schlechtes Gewissen fröhlich zu sein, da es mit dem Bild eines “richtigen Opfers” kollidiert und die Frage aufwirft, ob man vielleicht gar kein richtiges Opfer war, ob man nicht irgendwie doch selbst schuld ist.

Ich plädiere nicht auf ein Verharmlosen des Erlebnisses. Das Erlebnis selbst und die Gefühle in dem Moment sind, wie sie eben nun mal sind und niemand hat das Recht hier mit “Du übertreibst” oder “So schlimm ist das doch nicht” zu reagieren. Es darf aber nicht sein, dass die Konsequenzen einer Sexualstraftat so behandelt werden, wie das derzeit der Fall ist. Betroffen zu sein von einer Sexualstraftat ist kein Lebensschicksal, nichts was dazu führt, dass man unvermeidbar für immer geschädigt ist. Man kann sexuell missbraucht worden sein und dennoch später Vertrauen haben und Sex genießen. Eine Therapie kann da auch nötig sein.

Wir müssen mit der Tabuisierung von Missbrauch aufhören. Die modernere Haltung sollte darin bestehen, vollkommen anzuerkennen, dass etwas schlimmes passiert ist und gleichzeitig zu vermitteln, dass dennoch eine glückliche Zukunft möglich ist.

Durch den vermittelten Feminismus dürfen Vergewaltigungsopfer das Wort „sexueller Missbrauch“ nicht einmal lesen ohne anschließend einen Nervenzusammenbruch zu erleiden. Männliche Opfer stehen vor einem anderen Problem, da ihnen der Opferstatus zuerkannt wird. Der Umgang ist da eher „Ist doch geil.“, „Sei froh.“, „Du Glückspilz.“, „Ist doch nicht so schlimm.“ – also genau das Gegenteil von dem, was Frauen hören müssen. Man könnte meinen, dass Männer dann nicht so negativ beeinflusst werden wie Frauen, aber es ist noch viel verstörender, wenn ein negatives Erlebnis abgesprochen wird.

Quellen

¹ Claude M. Steele: A threat in the air: How stereotypes shape intellectual identity and performance

² Margaret Shih, Todd L. Pittinsky and Nalini Ambady: Stereotype Susceptibility: Identity, Salience and Shifts in Quantitative Performance.

³ Rosenthal: Pygmalion. Seite 216

⁴ Elliot Aronson, Timothy D. Wilson, Robin M. Akert: Sozialpsychologie. Pearson Studium, München 2008, Abbildung 3.6, S. 68

Opfer sexueller Übergriffe

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