Ideenwerkstatt

Magerwahn und Fitnessterror

Wo man nur hinsieht – etliche Siegel, die Gesundheit und Schönheit versprechen. Immer mehr treiben exzessiv Sport und wiegen jedes einzelne Salatblatt auf, so scheint es. Paleo, Vegan und Low-Carb sind im Trend. Leben wir in einer essgestörten Gesellschaft?

Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung sind übergewichtig. Inwiefern werden wir denn von einer Schlankheitsdoktrin terrorisiert? Übergewicht wird zur Norm erhoben, Abweichungen darunter und darüber gelten als krankhaft. Bei Abweichungen darüber ist das aus medizinischer Sicht nachvollziehbar. Die Abweichung nach unten dagegen wird zunehmend als mager oder dürr empfunden, obwohl diese laut BMI in einem gesunden Bereich liegen.

Wenn jeder in der Umgebung einige Kilos zu viel hat, ist Übergewicht normal und laut allgemeiner Auffassung gut. Wenn jemand aus berechtigten Gründen auf diesen Missstand aufmerksam macht, wird davor gehalten, er würde ein unrealistisch negatives Körperbild verbreiten wollen, das auf Selbsthass beruht. In Wirklichkeit haben wir ein unrealistisch positives Körperbild, welches folgende gesundheitliche Nachteile hat: Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Schlaganfall, Krebs, Schlafapnoe, Arthritis/Gelenkprobleme, Probleme mit der Fruchtbarkeit, Asthma, Rückenschmerzen, Gallenprobleme, Inkontinenz, Embolien/Thrombosen, Gicht, Einbußungen in der Hirnleistung, schnelleres Altern und Depressionen.

Heute gibt es die Fat-Acceptance-Bewegung, die Übergewicht als Krankheit ansieht, die sich nur in seltenen Fällen heilen lässt und stattdessen auf Gesundheit bei allen Konfektionsgrößen setzt. Sie behauptet, dass 95 % aller Diäten scheitern und dass Gene unser Gewicht beeinflussen. Letzteres stimmt, aber so ist es auch mit Alkoholismus. Bevor ich zum Alkoholiker werde, muss ich zunächst Alkohol trinken. Und bevor ich übergewichtig werde, muss ich ständig im Kalorienüberschuss sein. Dass Übergewicht durch Überessen entsteht, wird als eine Beleidigung angesehen.

Fat Shaming ist verletzend, Fat Acceptance tödlich. Niemand würde auf die Idee kommen, eine Smoking-Acceptance oder Drug-Abuse-Acceptance Bewegung zu starten, weil der Missbrauch von Drogen tödlich sein kann. Ähnlich verhält es sich mit dem Übergewicht, nur dass Übergewicht akzeptiert wird, obwohl es im Interesse eines jeden ist, gesund zu bleiben. Denn nicht nur die Lebensjahre werden verkürzt, sondern auch die gesunden Lebensjahre. Wer will mit der Aussicht leben, in den letzten Jahren an einer Maschinerie zu hängen?

Auf 60 Prozent Übergewichtige kommen 0,3 Prozent Magersüchtige. Wenn es um die Konsequenzen geht, ist das extremer: 0,00673 Prozent der Todesfälle lassen sich auf Magersucht zurückführen, während etwa 5 bis 27 Prozent sich auf Überernährung und -gewicht zurückführen lassen. Leider ist der BMI kein zuverlässiger Indikator für den entscheidenden Körperfettanteil. Menschen können mit schädlicheren Konsequenzen rechnen als BMI-Übergewichtige, wenn sie trotz hohem Körperfettanteil normal- oder untergewichtig sind. „Skinny Fats“ fallen nicht auf, weil dies bereits normal ist, denn davon sind vor allem diejenigen betroffen, die wenig Sport machen, sich unausgewogen ernähren und daher Nährstoffmängel aufweisen. Dann baut der Körper Muskeln ab, da sie weder gebraucht noch versorgt werden. 40 Prozent der Normalgewichtigen sollen skinny fat sein. Damit haben drei Viertel der Bevölkerung einen zu hohen Körperfettanteil, während gerade mal 1 Prozent untergewichtig ist! Wo kann da von Magerwahn die Rede sein? Es ist ein Fettwahn!

Angesichts der Tatsache, dass wir nur noch am Schreibtisch sitzen, wirkt es wie ein Fitnessterror, den manche Menschen betreiben. Hier zeigt sich wieder die unsinnigen Schubladen normal – extrem. Es ist normal geworden, keinen Sport zu machen und herumzusitzen und extrem, seinen Körper herauszufordern und sich zu bewegen, um gesund zu leben. Sitzen ist das neue Rauchen.

Übergewicht ist keine unvermeidbare Krankheit. Medizinisch gesehen ist es unwahrscheinlich, dass der statistische Anteil einer Krankheit steigt. Während der letzten dreißig Jahre ist der Anteil aber gestiegen. Früher konnten nur diejenigen sich überernähren, die das Geld dazu hatten – Adel und Klerus; aber heute leben wir im Westen besser als jeder europäische König im Mittelalter. Kein Wunder, dass Übergewicht derart verbreitet ist! Wir sind umzingelt von Salz, Zucker und Fett. Es ist unmöglich, durch eine Stadt zu laufen, ohne durch die ganzen Eisdielen, Bäckereien und Imbissbuden Appetit zu bekommen. Essen ist immer und überall erhältlich, jeden Tag und jederzeit. Essen wird zu einer Sensation. Wer hätte nur gedacht, dass das zu einer gesundheitlichen Katastrophe führen könnte?

Sozialkritiker weisen immer wieder darauf hin, wie gefährlich Modells und Puppen für Kinder seien. Auf der einen Seite sind Puppen für Mädchen schlank, auf der anderen Seite sind Puppen für Jungs extrem muskulös; offensichtlich orientieren sich die wenigsten an diesem Ideal. Anorexia nervosa oder athletica entstehen nicht durch das Anschauen einiger cooler Fotos von schlanken Modells. Zwei Drittel der Erkrankten von Essstörungen berichten von sexuellen Missbrauchserlebnissen in ihrer Vergangenheit, die posttraumatische Belastungsstörungen verursachten und viele Betroffene sind in dysfunktionalen Elternhäusern aufgewachsen, die einen Anteil an der Erkrankung ausmachen. Der Glaube, dass Mädchen an Magersucht erkranken, weil sie abnehmen möchten, verharmlost dieses komplexe Problem extrem und zeugt von tiefer Unkenntnis über psychische Störungen. Die wirklichen Gründe für Magersucht sind vielfältig und vom Einzelfall abhängig. Sicherlich gehören Schönheitsideale dazu: Das leugne ich nicht, aber die Hintergründe der gestörten Selbstwahrnehmung und des starken Kontrollbedürfnisses sollten wir nicht auf Modelshows reduzieren. GNTM triggert allenfalls diejenigen, die schon betroffen oder gefährdet sind. Eins ist sicher: Essstörungen sind weder Modeerscheinungen noch trendige Diäten!

Quelle: Nadja Hermann – „Fettlogik überwinden“ (s. den gleichnamigen Blog)

Die globale Bourgeoisie

Laut AfD soll sich Leistung wieder lohnen und gleichzeitig sollen Vermögende entlasten werden. Was haben die Reichen denn geleistet? Was hat Trump geleistet? Er hatte einen reichen Vater, der das Unternehmen vorher aufgebaut hat und selbst einen vermögenden Vater hatte. Donald Trump hat das Unternehmen übernommen und weitergeführt. Die Kennedys – eine schwerreiche Familiendynastie bestehend aus Spitzenpolitikern. John Fitzgerald Kennedy hatte schlicht das Glück, im reichsten Land der Welt geboren worden zu sein und dazu noch in einer Familie, die in deine Bildung und dein Leben dermaßen investiert, dass du zur wirtschaftlichen und politischen Elite gehören wirst und in der finanziellen Oberschicht bleibst. Bushs Vorfahren waren bereits Politiker, Anwälte, Industrielle und Senatoren. Der Schritt zum Präsidenten ist da nicht weit. Dass der Sohn des Präsidenten wieder Präsident wird, ist wahrscheinlich. Die Geschwister von George H. W. Bush sind Banker, Moderatoren, Geschäftsmänner, die Kinder Gouverneure, Investoren, Immobilienentwickler, Geschäftsmänner, Autoren, Models und Modedesigner. Der Sohn des zweiten US-amerikanischen Präsidenten wurde wiederum Präsident. Theodore Roosevelt und Franklin D. Roosevelt waren Cousins und weitläufig mit zehn weiteren Präsidenten verwandt, darunter George Washington und die Präsidenten der Harrison- und Adams-Familie.

Kennedys Vater war Geschäftsmann, Diplomat und Wahlkampfveranstalter. Seine Familie besteht aus Präsidenten, Senatoren, Justizministern, Gründern von Sportorganisationen, Diplomaten, Botschaftern, Juristen, Verlegern, Journalisten, Autoren, Schauspielern, Anwälten, Aktivisten, Regisseuren, Medizinern und Parlamentariern. Die Wahrscheinlichkeit, in dieser Familie ein erfolgreiches wirtschaftliches oder politisches Leben zu führen, ist extrem hoch, weil die Familie (1) das nötige Vermögen, (2) einen extrem guten Ruf und (3) eine Erwartungshaltung an ihre Nachkommen hat.

Schon die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika waren reich. Der erste US-Präsident gehörte zu den vermögendsten Männern der Nation. Einige waren superreich. Es gab keinen, der nicht mindestens wohlhabend war. Die Mehrheit ist in führenden Familien geboren worden und eine kleine Minderheit hat sich aus bescheidenen Verhältnissen hochgearbeitet. Nach ihrer Karriere als Delegierte waren die meisten erfolgreich. Sie wurden Präsidenten, Vize-Präsidenten, Präsidentschaftskandidaten, Senatoren, im Kabinett oder im Repräsentantenhaus, Bundesrichter oder sogar am obersten Bundesgericht, Gouverneure oder Diplomaten. Da wundert es niemanden, dass ihre Söhne hohe Positionen im politischen Leben errungen haben. Diese Menschen haben Connections. Sie wollen erfolgreiche Nachkommen und ihren Namen zu einer Marke etablieren.

In anderen Ländern ist die Chancengerechtigkeit nicht besser. Auch in Deutschland gilt: Du bleibst, was du bist. Wer aus einem hochschulfernen Elternhaus mit Migrationshintergrund kommt, hat schlechtere Karten als ein Kind aus einer wohlhabenden Akademikerfamilie. Der Start bestimmt das Ziel mit. Die wirtschaftliche und politische Elite entsprang aus Familien, die wiederum ausgezeichnete Startbedingungen hatte. Nur die wenigsten haben sich aus eigener Kraft emporgearbeitet. Der amerikanische Traum heißt Traum, weil man schlafen muss, um an ihn zu glauben. Diese Oberschicht wird ihre Macht nicht freiwillig zurückgeben, denn wer will schon den Ast, auf den er sitzt, absägen? Geld ist Macht. Einflussreiche, wohlhabende Lobbyisten dienen nicht den Interessen des Allgemeinwohls wie Umwelt- und Tierschutz oder Sozialstaatlichkeit. In der neoliberalen Ideologie heißt es: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Aber nicht jeder ist Schmied. Jeder ist seines Glückes Schmied, dessen Eltern Schmiede sind oder dessen Eltern genug Geld haben, um sich das Glück schmieden zu lassen.

Wir brauchen eine Ökonomie für die 99 %. Nicht nur auf nationaler, sondern auf globaler Ebene. Der Westen gehört zur globalen Bourgeoisie, dessen Vermögen das globale Proletariat ermöglicht, weswegen der amerikanische Traum ein Alptraum ist. Durch die Digitalisierung haben die Menschen der Entwicklungsländer Einblicke in unseren privilegierten Lebensstil bekommen. Sie stellen uns Fragen über soziale Gerechtigkeit, die wir nicht beantworten wollen. Sie wollen leben wie wir. Es gibt auch „Wirtschaftsflüchtlinge“, aber das sind keine verachtenswerten Menschen. Ihre Fluchtursachen müssen genauso respektiert werden wie die von Kriegsflüchtlingen. Wirtschaftsflüchtlinge sind die Verlierer der Globalisierung, versuchen am Freihandel teilzunehmen und unseren Lebensstil zu erreichen. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich derart dramatisch auseinandergeht wie bisher und wir nichts dagegen unternehmen, müssen wir mehr Wirtschaftsflüchtlinge erwarten. Deutsche Unternehmen exportieren beispielsweise ihre Arbeitskraft in Form von Produkten, die in aller Welt zu finden sind. Sogenannte Wirtschaftsflüchtinge versuchen ebenfalls, ihre Arbeitskraft dort zu exportieren, wo sie eine Nachfrage vermuten. Nico Beckert führt dies im Wesentlichen auf zwei Gründe zurück: Zum einen stoppen korrupte Herrscher (in ehemaligen Kolonien) jede Entwicklung und tragen zur Aussichtslosigkeit der Bevölkerung bei, zum anderen stehen Entwicklungsländer durch den weltweiten Handel unter Wettbewerbsdruck, gegen den sie aufgrund von billigen Import nicht bestehen können. Die Folgen sind Staatspleiten und -versagen, was Orientierungslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit vorantreibt. Schlussfolgerung: Wirtschaftsflüchtlinge fliehen vor Perspektivlosigkeit, die Europa mitzuverantworten hat, um anschließend in Europa als illegale Wirtschaftsflüchtlinge gebrandmarkt zu werden. Kaum ein Industrieland hat sich in einem Freihandelssystem entwickelt.

Nicht nur Wirtschaftsflüchtlinge, sondern auch Klimaflüchtlinge. Unser Lebensstil hat dramatische ökologische Konsequenzen nach sich gezogen. Wir merken davon vergleichsweise wenig, die Entwicklungsländer hat es knallhart erwischt. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte werden diese Menschen nach Europa und Nordamerika flüchten. Zudem gehören diese Flüchtlinge nicht einmal dem nationalen Proletariat an, denn diese sterben an Elend, Hunger und Krankheiten. Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben das Geld, um die Flucht zu finanzieren. Sie sind gebildet, jung und kennen die politischen Zusammenhänge, die dazu geführt haben, dass sie fliehen mussten. Innerhalb dieser Länder haben diese Menschen wiederum die Angst, sozial abzusteigen – wie viele Deutsche aus dem Mittelstand. Deswegen kommen sie nach Europa, weil wir hier ein stabiles politisches System mit steuerfinanzierten Bildungsinstitutionen haben. Sie finden hier die Chancen auf ein besseres Leben.

Die AfD wird die hier beschriebenen Probleme nicht lösen, sondern verschärfen, denn in dieser Partei sind viele prominente Gegner des Mindestlohns [2], Befürworter von Deregulation [3], der Privatisierung von Arbeitslosengeld und Unfallversicherung [4] oder der Absenkung von Arbeitslosengeld [5]. Gemäß dem Steuermodell von Kirchhof will sie eine  flache Einkommenssteuer einführen und vor allem die Spitzensteuersätze für Vermögende [6] oder die Erbschaftssteuer komplett abschaffen [7]. Die studierte Ökonomin Katharina Nocun beschreibt die AfD daher als neoliberale Partei in blauer Verpackung. Sie ist aber nicht die einzige Partei in Europa oder Nordamerika, die eine rechtspopulistische, neoliberale Politik betreibt. Wenn rechtspopulistische Kräfte weiterhin zunehmen, wird es einen globalen Klassenkampf geben. Diese Parteien führen weder eine soziale nationale, noch internationale Wirtschaftspolitik. Außerdem will die AfD notfalls Flüchtlinge an den Grenzen erschießen und leugnet die anthropogene Erderwärmung. Das haben rechtspopulistische Parteien gemeinsam: Sie leugnen den Klimawandel, betreiben eine neoliberale Politik, während sie konservativ sind. Konservative und neoliberale Politik widersprechen allerdings einander. Das hat auch die CDU erkannt, was der Auslöser für ihren Linksruck war. Gibt man dem Markt die Macht, werden die Grenzen geöffnet und die Globalisierung in Gang gesetzt. Das führt zu nationalen und internationalen Veränderungen wie Migration oder Flucht, was konservativem Denken widerspricht. Früher hatten wir einen Ost-West-Konflikt, heute einen Nord-Süd-Konflikt.

Jetzt ist die Zeit, um unser Leben radikal zu verändern. Weg mit dem Wegwerfwahn! Vergesst den Konsum! Schafft Massentierhaltung ab! Reduziert euren Verbrauch tierischer Produkte! Wer braucht jedes Jahr das neueste Handy? Den schnellsten Laptop? Den dünnsten Fernseher? Wozu jeden Monat neue Klamotten? Wieso mehrmals jährlich in den Urlaub fliegen? Wasser in Plastikflaschen? Ohne eine drastische Änderung unseres Lebensstils haben wir keine Chance, die Welt zu retten. Es geht nicht mehr darum, die Welt zu verändern. Es geht darum, sie zu verschonen.

Menschen in Entwicklungsländern sterben an Hunger. Es gibt mehr Plastik in den Weltmeeren als Plankton. Die Gletscher schmelzen, Tierarten sterben aus. Wir verpesten die Umwelt mit unseren Fahr- und Flugzeugen. Regenwälder werden gerodet, Monokulturen überstrapazieren Böden, Treibhausgase werden gepumpt. Bodenerosion, Wassermangel, Gewässer-, Luft und Bodenverschmutzung sind die Folgen, saurer Regen, Vermüllung der Landschaften und die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen von verschiedenen Arten durch Bergbau. Deswegen ist Minimalismus nicht Verzicht, sondern intelligent. Es ist keineswegs intelligent, Rohstoffe in wenigen Jahrzehnten zu verbrauchen, für die die Erde Jahrmillionen brauchte, um sie zu entwickeln.

Der Einzelne ist nicht schuld an der Katastrophe. Niemand hat es sich ausgesucht, in einem betonierten Land zu leben, aber jeder hat einen Anteil daran. Zwar können wir als Einzelne nicht die Welt verändern, weil Veränderungen aus kollektiven Bemühungen heraus entspringen. Diese kollektiven Bemühungen entstehen aus vielen individuellen Bemühungen. Angenommen jeder würde abstreiten, dass sein Engagement einen Nutzen haben wird, dann wird die Welt bleiben, wie sie ist. Leider ist das die bittere Realität. Nur eine Minderheit glaubt wirklich daran, dass das, was sie tut, zählt. Das eigene Handeln hat nicht nur einen Nutzen, sondern auch eine Signalwirkung. Es wirkt sich positiv auf andere Menschen aus, wenn man selbst aus der Reihe tanzt und das System hinterfragt. Sie beginnen selbst, ihr Leben und das System zu hinterfragen und ihre Einstellungen zu verändern. Das führt dazu, dass sie wiederum andere zum Denken anstoßen. Es ist wie der erste Dominostein, den wir ins Rollen bringen. Frei nach Laotse: Willst du die Welt verändern, musst du zunächst dich selbst verändern, dann dein Haus, deine Straße, deine Stadt und dann dein Land. Wir müssen bei uns selbst anfangen, denn dein Kassenbon ist ein Stimmzettel. In diesem Sinne: Empört euch! Für eine gerechte Welt!

Fußnoten:

[1] Nico Beckert: „Wirtschaftsflüchtlinge Wenn Globalisierungsverlierer am Freihandel teilhaben wollen

[2, 3, 4, 5, 6, 7] Katharina Nocun, „Wie sozial ist die AfD wirklich? – Eine Expertise zu Positionenin der AfD bei der Sozial- und Steuerpolitik“, S. 15, 18, 21, 25, 29, 32

Das Ende einer Dystopie

Florian Sander, ein Dozent für Soziologie, Sozialpsychologie und Politikwissenschaft, veröffentlichte auf der Netzpublikation Le Bohémien einen kritischen Artikel über das bedingungslose Grundeinkommen, welches er für unsozial und unnatürlich hält. Er unterstellt den Befürwortern eines BGE, dass sie Arbeit für eine unmenschliche Verbindlichkeit halten, die im Sinne des postmodernen Zeitalters zu überwinden sei. Um seine These zu belegen, zitiert er die Studie über „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel (1933), die feststellten, dass lang andauernde Arbeitslosigkeit zu klinischer Depression führe.

Richtigerweise argumentiert Sander, dass der Selbstwert aus dem Gefühl, gebraucht zu werden, resultiert. Arbeitende erleben dieses Selbstwertgefühl laut Florian Sander mehrdimensional, weil sie mehreren sozialen Systemen, der Gesellschaft und der Familie, einen unentbehrlichen Dienst erweisen können.

Anschließend erklärt Sander gemäß den Kapitalformen von Pierre Bourdieau, dass Arbeit nicht nur für das Selbstwertgefühl notwendig ist, sondern sie sei auch der soziale Raum, aus dem die Instanzen Familie, Liebesbeziehung und Freundeskreis rekrutiert werden. Arbeitslosigkeit führe zu sozialer Isolation und damit klinischer Depression. Diese Entwicklung würde laut Sander ein BGE fördern.

Ein BGE würde ökonomisches Kapital bereitstellen, aber die Arbeit auch vom sozialen, kulturellen und symbolischen Kapital trennen, was dazu führe, dass der Einzelne schlechtere Chancen hat, ebenjene Kapitalformen zu vermehren. Schließlich entferne ein BGE die Motivation, im Rahmen von Bildungsinstitutionen etwas zu erreichen, um auf dem Arbeitsmarkt zu profitieren. (Eine besonders fatale Vorstellung! Wer Institutionen wie Schule oder Universität nicht die Funktion der Bildung zuordnet, sondern die Vorbereitung der Menschen auf den Wettbewerb des Arbeitsmarktes, verkennt, dass wir in solchen Institutionen vorrangig lernen sollten, Wissen in Kontexte zu setzen und in Zusammenhängen zu verstehen, um an unserer Persönlichkeit zu arbeiten. Wir lernen, Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Leider entspricht die heutige Realisierung der Schule Sanders Vorstellung)

Dadurch würde soziale Ungleichheit verstärken, da dieser Umstand die Sozialisation und den Lebenslauf von Kindern in einem Milieu, in der Arbeitslosigkeit die Norm ist, erschweren würde im Vergleich zu Kindern, die in Familien aufwuchsen, in der Arbeit die Norm ist. Prestigemäßig hätten erstere einen Nachteil, da das symbolische Kapital ebenfalls sinken würde, was einen weiteren Abstieg der Betroffenen herbeiführt.

Die Konsequenz eines BGE sei daher eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Sozialneid, Unzufriedenheit und Verachtung werden über Generationen hinweg geschürt und zementiert. Ein BGE würde laut Sander das ökonomische Kapital zu Ungunsten der restlichen Kapitalformen stärken und den Zugang zum ersteren wiederum erschweren.

In seiner Argumentation übersieht Florian Sander ein Detail: Arbeitslosigkeit bedeutet einen massiven Ansehensverlust in vielen Milieus. Berufe dienen nicht nur dazu, Kapital zu schöpfen, sondern auch eine Identität zu stiften. Wer beispielsweise Professor an einer Universität ist, übernimmt seinen Beruf in seine Identität. Nicht selten fragen wir zuerst nach dem Beruf, wenn wir jemanden neu kennenlernen.

Dass langanhaltende Arbeitslosigkeit zu Depressionen und sozialer Isolation führen können, ist unbezweifelbar. Der Schluss, dass ein BGE allerdings aufgrund des Wegfallens der Verbindlichkeit zur Arbeitslosigkeit einer ganzen Klasse führen würde, dagegen schon. Wir dürfen nicht vergessen, dass Menschen nicht nur arbeiten gehen, weil sie von unserer Bundesrepublik dazu gezwungen werden, sondern, weil sie es wollen. Arbeit kann Spaß oder das Leben erfüllen. Die Betonung hier liegt allerdings auf „kann“, da es eine Unzahl von Jobs gibt, die diese Funktion typischerweise nicht erfüllen. Robert Wringham schrieb in seinem Buch „Ich bin raus: Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung“, dass er noch nie von einem Entfesselungskünstler gehört hat, der der Arbeit entflohen ist, um das Leben in Elend und Einsamkeit zu verbringen. Die Flucht vor der Arbeit führte sie wieder zur Arbeit – aber in erfüllendes und sinnvolles Schaffen, welches sich von Bullshit-Jobs unterscheidet. Der Drang, zu arbeiten, kommt immer wieder durch.

Bemerkenswerterweise waren die meisten Entfesselungskünstler unzufrieden mit ihrem Leben und ihren Beruf, weshalb sie eine Flucht geplant haben, um eine zeitlang nicht mehr arbeiten zu müssen. Diese Situation lässt sich ebenfalls auf die Menschen übertragen, die Sander im Blick hat, wenn er von einer arbeitslosen Klasse spricht, für die eine arbeitende Klasse aufkommen muss. Diejenigen, die durch ein BGE nicht mehr in ätzenden Berufen arbeiten müssen, können sich befreien, um später der Gesellschaft wieder einen Nutzen zu bringen. Eine Volkswirtschaft hängt von Arbeit ab. Auch wenn der Wert eines Menschenlebens nicht durch Arbeit definiert ist, kann das wirtschaftliche Gefüge nur bestehen bleiben, wenn es zu ebenjener Klassengesellschaft nicht kommt.

Abgesehen von den sozialen Mechanismen auf gesellschaftlicher Ebene, die die Menschen trotz Unverbindlichkeit zur Arbeit bringen werden, übersieht Sander, dass seine Zwei-Klassen-Gesellschaft nicht für Jahrzehnte Bestand haben wird, wie er es prophezeit. Denn die arbeitende Klasse ist die vermögende Klasse, die in unserer Gesellschaft logischerweise einen höheren politischen Einfluss hat. Chefs von Unternehmen entgegnen jeder sozialpolitischen Reform des Arbeitsmarktes mit der Drohung von Auswanderung, was praktisch einen Verlust von Arbeitsplätzen für unser Land bedeutet. Eine Horrorvorstellung für unsere Parlamentarier. Wer würde denn die Regierung wiederwählen, wegen der er arbeitslos geworden ist?

Die arbeitende Klasse würde dafür sorgen, dass die Regierung das BGE streicht. Selbstverständlich wäre dies ein Bruch mit den Lebenstraditionen jener Klasse. Wenn Flüchtlinge und Arbeitslose Schmarotzer genannt werden, weil die Steuerzahler für ihre Existenzsicherung aufkommen müssen, dann wird die arbeitende Klasse dies auch tun. Diese massive Unzufriedenheit würde, wie Sander in seinem Text beschreibt, zu einer Revolution führen, da Arbeitende sehen, wie sie Geld verdienen müssen, um Arbeitslosen ökonomisches Kapital zu sichern. Je nach Größe der arbeitslosen Klasse wäre es volkswirtschaftlich gewiss nicht nötig, dass eine arbeitende Klasse dauerhaft eine andere Klasse versorgt. Das bedingungslose Grundeinkommen ist nicht die Dystopie, für die Sander sie hält.

Anders als Sander vermutet, wird ein BGE nicht Massenarbeitslosigkeit zementieren. Vielmehr wird ein BGE in der Zukunft notwendig sein, da routinierte Berufe besser von Maschinen bewältigt werden können. Solche Berufe fallen weg. Aus Ausgleich brauchen wir eine Existenzsicherung. Arbeitsplätze in Produktionsbereichen wird es nicht mehr geben, diese Menschen müssen wir auffangen, indem wir z. B. die erwirtschafteten Gewinne aus den automatisierten Arbeitssektoren in das BGE investieren, das letztlich diejenigen bekommen, die anstelle der Maschine den Beruf ausgeübt hätten und haben.

Allerdings ist auch dieses Argument kritisch zu sehen. Schließlich ist Automatisierung von Berufen keine neue Erscheinung. Zwar werden Berufe wegfallen, aber es werden auch neue geschaffen. Früher gab es den Beruf des Rechners. Das waren Menschen, die mithilfe von Rechenmaschinen numerische Verfahren angewandt haben, um für ein Unternehmen Rechnungen durchzuführen. Vergleichbar ist der Beruf mit dem des Sekretärs. Als der Computer erfunden wurde, entfiel dieser Beruf, aber dafür kamen neue hinzu. Die zimmergroßen Computer mussten auch gewartet, transportiert, gebaut werden. Allgemein gesagt können wir Menschen aus entfallenen Berufen auffangen, indem wir sie für neue Berufe umschulen, die stattdessen gebraucht werden. Aber auch ohne Massenarbeitslosigkeit ist ein BGE sinnvoll, denn:

In Städten wie Dauphin, New Jersey, Pennsylvania, Seattle oder Denver wurde mit diesem Konzept bereits experimentiert. In Dauphin wurde ein (knapp) existenzsicherndes BGE an jeden Bewohner der Stadt gezahlt. Eine zusätzliche Belohnung wurde durch eine negative Einkommenssteuer realisiert, denn jeder zusätzlich verdiente Dollar ließ das Mindesteinkommen lediglich um 50 Cent sinken. In konventionellen Sozialhilfeprogrammen werden Empfänger nicht belohnt, wenn sie in der Erwerbstätigkeit aktiv sind. Dieser Anreiz habe auch dazu beigetragen, dass der Arbeitsmarkt nicht zusammenbrach.

Evelyn Forget folgerte aus den Daten, dass junge Mütter und Jugendliche weniger arbeiteten. Erstere wollten sich länger um ihre Neugeborene kümmern und letztere standen nicht mehr unter dem Druck, ihre Familie finanziell mitzuversorgen. Dies führte dazu, dass mehr Jugendliche den Schulabschluss bestanden. Zusätzlich haben diejenigen, die weitergearbeitet haben, die Chance gehabt, zu entscheiden, welchen Beruf sie ausüben wollen. Krankenhausaufenthalte fielen, weniger Arbeitsunfälle geschahen und weniger Notfallaufnahmen wegen Unfällen oder Verletzungen. Außerdem sank die Rate von Psychiatrie-Aufenthalten und die Anzahl an ärztlichen Beratungen mit Betroffenen von psychischen Leiden. Die Bewohner hatten weniger Stress, seelische oder körperliche Beschwerden, Armut existierte praktisch nicht mehr, mehr Jugendliche schlossen die High-School ab, die Kosten für das Gesundheitssystem sanken, die Kriminalitätsrate sank und die ökonomische Stabilität der Landwirtschaft war durch die Unabhängigkeit von den Launen der Ernte oder den globalen Lebensmittelpreisen gesichert.

Jungen, kreativen Menschen wird diese Form der Existenzsicherung zu Gute kommen. Denn von Kunst und Kultur können die meisten nicht leben, obwohl es ihr Leben erfüllt. Künstler müssten nicht mehr an Schlafstörungen leiden, sondern könnten sich auf ihr Schaffen konzentrieren und der Gesellschaft einen kulturellen Beitrag leisten. Denn der durchschnittliche Schriftsteller lebt von etwa 3000 Euro… im Jahr. Das sind 250 Euro im Monat. Mit einem Mindesteinkommen würden wir aufblühen. Wir hätten eine Hochkultur. Mehr Menschen könnten sich ehrenamtlich engagieren, spenden, fortbilden und Kindern die Bildung finanzieren. Geldsorgen und Armut würden verschwinden.

Das bedingungslose Grundeinkommen führt nicht zu einer Dystopie. Es beendet eine.

Quellen:

Florian Sander: BGE: Am Ende eine Dystopie

Evelyn L Forget (2008): The town with no poverty: A history of the North American Guaranteed Annual Income

Fliegen lernen

Bist du glücklich und zufrieden mit deinem Leben?

Das Ziel des Minimalismus ist das Führen eines bedeutungsvollen Lebens. Das heißt nicht, dass wir in jedem Geschichtsbuch stehen müssen und große Wunderwerke vollbringen müssen, um Bedeutung zu gewinnen. Nein, selbst wenn wir US-Präsident werden, werden wir vergessen. Oder kennt hier jemand alle 46 US-Präsidenten mit all ihren Verdiensten und Misserfolgen? Es leben etwa 7,5 Milliarden Menschen auf diesen Planeten und es haben schätzungsweise 118 Milliarden Menschen gelebt. Die Bedeutung des Einzelnen tendiert gegen Null. Daher ist der Kampf um Status, Erfolg oder Bedeutung aussichtslos. Auf längere Sicht führt sie zu nichts. Die Alternative, ein bedeutungsvolles und erfülltes Leben zu führen, führt langfristig auch zu nichts – aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir durch den Kampf um sozialen Status unglücklich, gestresst und von Besitz überflutet werden. Wir machen unser Selbstwertgefühl abhängig von den Erfolgen anderer und vergleichen uns mit den Nachbarn. Dieses Verhalten ist symptomatisch für eine Gesellschaft, in der Haben wichtiger ist als Sein. Wir müllen nicht nur Haus und Heim zu, sondern auch unseren Geist. Wir bringen in ihm Unordnung und Chaos rein, häufen Schuldenberge an und werden zu Sklaven von Banken. Wir hassen unsere Jobs und als Ausgleich für die verschwendete Lebenszeit konsumieren wir maßlos.

Wie entkommen wir der Falle? Minimalisten präsentieren uns die Lösung. Sie ist erstaunlich einfach. Wir können uns das Glück erkaufen. Der Preis: nichts! Keinen Cent müssen wir dafür ausgeben, im Gegenteil: wir können durch unser Glück verdienen! Indem wir unseren unnötigen Besitz verkaufen und loswerden, bekommen wir mehr Raum, mehr Platz in unserer Wohnung und können in eine kleinere ziehen, für die wir weniger Miete zahlen müssen. Hausbesitzer können ab einen gewissen Punkt ihr Haus verkaufen, müssen die Hypothek nicht mehr abbezahlen, als Schuldner nicht mehr für die Bank arbeiten und ein Leben in größerer Freiheit genießen.

Ab wann ist Besitz überflüssig? Was sollten wir loswerden und was nicht? Dafür gibt es keine einheitliche Antwort, auch wenn sich die meisten da überschneiden. Minimalisten verkaufen ihren Fernseher, Tablet und Küchengeräte, die sie nie benutzt haben. Danach folgen CD- und Büchersammlungen, da wir den Großteil uns nie wieder anhören oder durchlesen. Diese Inhalte können wir auch digitalisieren, dennoch sollten nur gern und regelmäßig gehörte Lieder behalten werden. Dekorationen gehören ebenfalls zu den ersten Dingen, die verschwinden. Wohlgemerkt, Dekorationen sind in einer minimalistischen Wohnung erlaubt. Auch hier gilt: weniger ist mehr.

Joshua Fields Milburn und Ryan Nicodemus geben auf ihrer Website http://www.theminimalists.com Tipps, um herauszufinden, wovon wir uns befreien sollten. Stellt euch die Frage: Brauche ich das wirklich? Habe ich es in den letzten drei Monaten benutzt und werde ich diesen Gegenstand in den nächsten drei Monaten verwenden? Schreibt euch eine Liste von den zehn teuersten Gegenständen, die ihr besitzt und den zehn wichtigsten Dingen in eurem Leben. Die Listen werden in keinem Punkt übereinstimmen. Eine Sammlung von Rolex-Armbanduhren verschafft uns nicht mehr Zeit im Leben. Fragt euch beim Einkaufen, was ihr wollt: das Produkt oder das Geld, das ihr ausgeben müsst.

Ich konnte einen Kleiderschrank und ein Bücherregal loswerden. Meine Lieblingsbücher und -klamotten habe ich behalten. Hanteln und eine Hantelbank verschwanden auch aus meinem Zimmer. Von nun an trainiere ich ohne Geräte und zu Hause, um nicht in Abhängigkeit von Wind, Wetter oder Werkzeugen zu gelangen. Mein Zimmer ist aufgeräumt. Das Wichtigste ist jedoch: Mein Geist verlor Ballast. Mein Ziel war es nicht, Glückseligkeit zu erlangen. Aber Glück und Zufriedenheit sind schöne, erwünschte Nebeneffekte einer minimalistischen Lebensführung. Ich meldete mich von sozialen Netzwerken ab und verbringe meine Zeit nun, um zu lesen, zu schreiben, zu kochen oder Französisch zu lernen. Serien, Fernsehen, Unterhaltung auf YouTube… all das gehört der Vergangenheit an. Stattdessen: Meditation, Mittagsschlaf und Musik. Es ist unfassbar, wie viel Zeit ich dadurch gewonnen habe. Der Verzicht fühlt sich nicht als Verlust an, sondern als Gewinn – als Gewinn von Lebensfreude durch das Verzichten von Tätigkeiten, die mir Lebensfreude versprachen.

Zu lange folgte ich dem Irrglauben, dass Konsum mich glücklich machen könnte. Mit Konsum verdrängen und unterdrücken wir unsere Probleme, Ängste und Sorgen, anstatt an ihnen zu arbeiten. Minimalismus fordert uns heraus, denn wir setzen uns stärker mit dem Sinn des Lebens auseinander. In den meisten Fällen stellen wir fest, dass unsere Tätigkeiten nicht unseren wirklichen Wünschen entsprechen. Wir müssen nicht die Karriereleiter emporsteigen, wir müssen nicht viel Geld verdienen, wir müssen keinen SUV fahren. Mir reicht es, Essayist zu werden, Nebenjobs zu führen und Fahrrad zu fahren. Das große Geld erwartet mich nicht. Aber das Glück.

Lebe im Jetzt. Deine Zeit, dein Leben ist das kostbarste, was du hast. Wenn du dich mit einem Menschen unterhältst, bringe ihm Respekt entgegen. Schaue nicht auf dein Smartphone, sondern höre achtsam zu. Wenn du isst, schaue nicht fern, sondern genieße jeden einzelnen Biss, jeden einzelnen Moment und sei dankbar für die Tatsache, dass du regelmäßig essen kannst. Wenn du in die Schule gehst, sieh das nicht als Qual an, sondern als Chance oder als Herausforderung. Wenn du Angst vor einer Reise oder der Verwirklichung deiner Ziele hast – ein Grund mehr, sie zu machen! Überwinde deine Ängste, wachse an ihnen. Nichts im Leben ist selbstverständlich – nicht das Essen, das warme Bett, bei den Eltern leben, keine Angst vor Bürgerkriegen haben, Freundschaften, Beziehungen, kostenlose Schulbildung oder sauberes Trinkwasser! Sei dankbar.

Minimalismus ist kein Utopia. Es wird nicht alle Probleme lösen, sondern deine alten Probleme gegen neue eintauschen. Das ist ein Naturgesetz: Singles beklagen ihre Einsamkeit, Verheirate beklagen ihre eingeschränkte Freiheit. Konsumisten haben ihre typischen Probleme, Minimalisten auch. Die Lebensqualität ist nichtsdestoweniger eine bessere. Die wenigsten bereuen es, diesen Weg einzuschlagen. Richtig gehört: Es ist ein Weg, nicht das Ziel. Minimalismus bedeutet ständige Arbeit an sich selbst, um zu den besten Menschen zu werden, der man sein kann. Minimalismus bedeutet, seine Ziele neu zu sortieren, einzuordnen und Prioritäten setzen. Minimalismus bedeutet Hinterfragen, ein kritisches Bewusstsein, erhöhte Achtsamkeit.

Minimalismus ist gleich Maximalismus. Viel Glück mit wenig Besitz. Das Maximieren der Lebensqualität, des Genusses, des Nutzens von Zeit und Raum. Das Wegwerfen von Dingen ist nur der erste wichtige Schritt in Richtung eines freieren Lebens. Wenn dein Kopf voll ist, hilft dir die minimalistischste Wohnung nicht. Minimal-materialistisch -, aber nicht zum Schaden der Lebensqualität. Minimalismus bedeutet nicht nur, wenig zu besitzen, sondern auch Persönlichkeitsentwicklung, Achtsamkeit, Genuss und Potentialentfaltung.

Meine Lieblingsgeschichte handelt von einem Adler, der unter Hühner aufwächst, weil ein Wanderer sein Ei aufgefunden und in das Nest eines Bauernhofs gelegt hat. Der Adler pickte wie andere Hühner am Boden nach Insekten, Samen und Körnern, gackerte und flog höchstens einen halben Meter in die Luft wie andere Hühner. Schließlich kam auch seine Zeit und der Adler wurde alt. Er sah einen starken und stolzen Vogel am Himmel fliegen und blieb erstaunt sehen. Als er fragte, was das für ein Tier sei, antwortete ihm ein Huhn: „Das ist ein Adler! Er ist der König aller Vögel! Er ist majestätisch und mächtig! Doch mach dir keine Sorgen über ihn. Du wirst nie so wie der Adler werden. Er kann so hoch fliegen, weil er ein Adler ist, aber wir sind nur Hühner. Wir müssen am Boden bleiben.“ Und so starb der Adler, ohne ein einziges Mal hoch geflogen zu sein. Er starb, ohne jemals das gewesen zu sein, was er wirklich ist – ein Adler, kein Huhn!

Wir alle kennen die Geschichte von Ikarus, dessen Vater ihm geraten hat, nicht zu hoch zu fliegen, da seine Flügel aus Wachs wegen der Hitze der Sonne schmelzen würden und er an den Sturz sterben würde. Wegen seiner Arroganz flog Ikarus dennoch hoch und starb an den Sturz. Aber das ist nicht die ganze Geschichte, denn Ikarus‘ Vater riet ihm auch, nicht zu tief am See zu fliegen, da die Feuchte des Meeres zum Absturz führen würde. Wie glauben, dass es falsch ist, arrogant zu sein und richtig, bescheiden zu sein. Bescheidenheit ist eine Tugend? Nein! Selbstliebe ist eine Tugend! Seinen eigenen Wert zu erkennen, zu akzeptieren und dem gemäß zu handeln – das ist wahre charakterliche Größe! Die größte Tragödie der menschlichen Existenz ist es nicht, zu hoch zu fliegen und zu stürzen, sondern zu niedrig zu fliegen und sein Ziel nicht zu treffen! Doch die meisten von uns verhalten sich wie Hühner, obwohl sie Adler sind. Die meisten von uns haben Angst vor der Höhe und fliegen lieber tief. Die meisten von uns machen sich über die Leute in der „Friendzone“ lustig. Aber wer macht sich über die Leute in der Komfortzone lustig? Niemand! Wir selbst stecken in der Komfortzone. Wer erkennt mit Freude, dass er weit unter seinem Potential steckt?

Wie ein Adler zu fliegen bedeutet nicht, viel Geld durch eine steile Karriere zu verdienen und dies durch materiellen Besitz demonstrativ zur Schau stellen. Eines Abends blickte ich zum Himmel und sah den Mond, nicht eine Photographie vom Mond, kein Gemälde, sondern den Mond selbst. Nicht, dass mir sein Antlitz unbekannt wäre: ich habe ihn schon oft genug gesehen. Aber da wurde mir eins klar: Egal, wie ich lebe, der Mond wird trotzdem weiter um die Erde kreisen. Ich könnte total versagen. Ich könnte abstürzen, Drogen nehmen, obdachlos werden und gesellschaftlich missachtet werden. Ich könnte der erfolgreichste, einflussreichste, reichste und glücklichste Mensch der Welt sein – und der Mond würde sich trotzdem weiter um die Erde drehen. Nicht nur der Mond; die Erde würde sich weiter um die Sonne drehen, das Sonnensystem weiter um das Zentrum der Milchstraße, die Milchstraße weiter um ein Galaxiencluster. Ich könnte auf der Erde erreichen, was ich will: Letztendlich bin ich dem Universum egal. Einst machte mich das depressiv, bis ich den Trost in dieser Erkenntnis verstand: Es gibt keinen Druck. Ich muss keine Karriere verfolgen, die ich nicht will. Ich muss nicht viel Geld verdienen. Ich muss mir keinen goldenen Porsche leisten können: Das Leben ist keine Prüfung. Du kannst es weder richtig noch falsch machen. Es gibt weder Bestehen noch Durchfallen.

Wie ein Adler zu fliegen bedeutet, mein Leben zu leben, es in vollen Zügen zu genießen und die Persönlichkeit sein, die ich wirklich bin. Wie ein Adler zu fliegen bedeutet für mich, einen Charakter zu entwickeln: die Fähigkeit, nach der Euphorie ein Ziel weiterzuverfolgen. Wahre Leidenschaft! Wie ein Adler zu fliegen bedeutet: seiner Bestimmung nachzugehen, seine Ängste aufzugeben und sich trauen, seine Ziele zu verfolgen – zu leben! Im Hier und Jetzt!

Zwei Wochen sind seit dem Neujahr vergangen. Vergesst die Vorsätze für das Neue Jahr. Ich biete euch eine Alternative an: Vorsätze für ein Neues Leben! Und nun fliegt, denn ihr seid Adler.

Entfesselt euch!

Wir befinden uns in der Falle. Wir arbeiten in einem Beruf, den wir satthaben, um Geld zu verdienen und für Dinge auszugeben, die wir nicht brauchen, um Menschen zu gefallen, die wir unerträglich finden. Das Haus ist kein Heim mehr, sondern eine Docking-Station, um den eigenen Akku für die Arbeit wieder aufzuladen. Weihnachten entwickelte sich von einem Fest der Nächstenliebe zu einer Möglichkeit, vor dem Chef zu fliehen. Von Kindesbeinen an leben wir in einem Klima, in der die Arbeit verhasst ist: die Eltern haben keine Zeit, in der Grundschule müssen wir uns anstrengen, um auf das Gymnasium und später auf die Universität zu kommen, nach dem Abschluss einen Beruf nachzugehen, den wir nie wollten. Wir träumen davon, reich zu werden oder nie arbeiten zu müssen und hören nicht damit auf, wenn wir die bittere Realität erkennen. In der Schule kommt ein Befehl nach den anderen und der sehnsüchtige Blick auf die Uhr ändert nichts an diesen Umständen. Je länger einer im System bleibt, je tiefer er in der Kette zum Bürosklaven steckt, desto schlimmer ist es um ihn bestellt.

Wie entkommen wir dieser Situation? Robert Wringham schreibt in seinem Buch „Ich bin raus: Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung“ über die neue Entfesselungskunst und Minimalismus. Kritiker entgegnen ihm: Was machen wir ohne Arbeit? Das System muss funktionieren! Ohne Arbeit gibt es keinen Sinn im Leben! Zu Recht haben diese Skeptiker erkannt, dass es um das höchste geht, was wir haben: das Leben! Unser Leben steht auf dem Spiel, unsere Zeit! Sollten wir sie mit unsinniger Arbeit vergeuden?

Wringham habe noch nie von einem Entfesselungskünstler gehört, der der Arbeit, der Armut, den Schulden und dem Stress entflohen ist, um das Leben in Elend und vor der Spielekonsole zu verbringen. Tatsächlich führt die Flucht vor der Arbeit wieder zur Arbeit – aber in erfüllendes und sinnvolles Schaffen, welches sich grundsätzlich von Bullshit-Jobs unterscheidet. Der Drang, zu handeln, kommt immer wieder durch. Daher plädiert Wringham für ein bedingungsloses Grundeinkommen: das Argument, dass niemand mehr bei einem Grundeinkommen arbeiten geht, entkräftet er und spricht sich dafür aus, dass kreative Menschen einen sicheren Boden unter den Füßen haben, um ihr künstlerischen Ziele zu verwirklichen – ohne Angst zu haben, auf der Straße zu landen oder einen ätzenden Beruf nachgehen zu müssen. Mehr Unternehmen könnten entstehen, da vorsichtige Gründer eine Sicherung hätten.

Selbstverständlich muss es Arbeit geben, damit unsere Wirtschaft funktionieren kann. Trotzdem sollten wir uns die Frage stellen, was uns wichtiger ist: unser Leben oder die Wirtschaft? Sollten wir leben, um zu arbeiten oder arbeiten, um zu leben? Und sollte es die Wirtschaft, wie sie momentan existiert, weiterhin geben? Nein. Wir dürfen aber nicht warten, bis die Politik die Industrie ändert oder die Industrie gar sich selbst. Dann wird es schon längst zu spät sein. Konsumenten schieben die Schuld auf die Industrie, da sich das System ändern müsse. Produzenten schieben die Schuld auf die Konsumenten, die unwillig sind, höhere Preise für nachhaltige und hochqualitative Produkte auszugeben. Politiker machen einen Spagat zwischen Konsumenten und Produzenten.

Natürlich kann ein minimalistisches Leben in der Freiheit durch edle Motive wie Umweltschutz begründet sein; der stärkste Antrieb, sich aus der Falle zu befreien, ist aber die Idee des Guten Lebens, über die antike griechische Philosophen diskutierten. Wie lebt der Mensch am besten? Wie wird er glücklich? Epikur sah die Lebensfreude als höchstes Gut an und war der Ansicht, dass wahrer Genuss und Glückseligkeit nichts mit Arbeit oder Konsum zu tun haben. Er legte vor allem Wert auf einfache Genüsse, enge Freundschaften, Freiheit und Bewusstsein. Um eine unerschütterliche Seelenruhe zu erreichen, sollen wir bedürfnislos und tugendhaft leben. Ein prominenter Vertreter der Bedürfnislosigkeit ist Diogenes von Sinope. Jorge Bucay schildert in seinem Buch „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ folgende Überlieferung:

Eines Tages saß Diogenes auf der Schwelle irgendeines Hauses und aß einen Teller Linsen. In ganz Athen gab es kein billigeres Essen als dieses Linsengericht. Anders gesagt, einen Teller Linsen zu essen bedeutete, daß man sich in einer äußerst prekären Situation befand.

Ein Minister des Kaisers sagte zu ihm: „Wie bedauerlich für dich, Diogenes! Wenn du lernen würdest, etwas unterwürfiger zu sein und dem Kaiser ein bißchen mehr zu schmeicheln, müßtest du nicht so viele Linsen essen.“ Diogenes hörte auf zu essen, hob den Blick, sah den wohlhabenden Gesprächspartner fest an und antwortete: „Bedauerlich für dich, Bruder. Wenn du lernen würdest, ein paar Linsen zu essen, müßtest du nicht so unterwürfig sein und dem Kaiser ständig schmeicheln.“ (S.191f.) Das ist der Weg der Selbstbehauptung und der Verteidigung der eigenen Würde. Wir sollten uns eine Scheibe von Diogenes abschneiden und den Preis der Selbstaufgabe für Luxusgüter nicht mehr zahlen.

Liegen wir am Ende unseres Lebens auf dem Sterbebett, werden wir nicht bereuen, dass wir so wenig gearbeitet haben, sondern zu wenig Zeit mit unserer Familie oder Freunden verbracht, uns nicht getraut haben, in Freiheit zu leben oder versuchten, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Wringham arbeitete einst in der Bibliothek eines Krebsforschungsinstituts und las sich die Tagebücher von Krebserkrankten durch. Am schlimmsten sei es gewesen, zu lesen, wie Erkrankte plötzlich feststellten, dass Karriere, harte Arbeit und Konsum nichts bedeuteten, dafür aber Familie, Freunde und Freiheit! Jedes Mal sei die Überraschung groß gewesen und mit Wut und Panik verbunden. Wir sollten nicht warten, bis Ärzte bei uns eine tödliche Krankheit diagnostizieren. Wir sollten unsere Prioritäten früher setzen. Zu diesem Zweck hatten die Bohemiens des 19. Jahrhunderts eine Vorliebe für Totenköpfe: Ein menschlicher Totenkopf auf einem Bücherregal zwischen den Büchern erinnert uns daran, dass das Leben vergänglich ist. Es vergeht zu schnell, um sich Sorgen zu machen – als Memento Mori dient es uns als Erinnerung daran, dass die eigene Sterblichkeit die Lösung für unsere Existenzangst ist.

Aber wie realistisch ist das? Wer putzt dann noch die Flure? Wer fegt die Straße?“ – dieselben Einwürfe kamen auch, als die Sklaverei abgeschafft wurde. Die echte Beschäftigungskrise unserer Republik ist doch, dass wir trotz aller Fortschritte angeblich 40 Millionen Arbeitskräfte brauchen, um alle Bedürfnisse zu befriedigen. Trotzdem: Wie können wir uns aus der tödlichen Spirale des Konsumkapitalismus befreien? Der Weg führt über den Minimalismus. Wenn wir uns gegen Modewahn, Trendsetting und Kabelfernsehen wappnen, überflüssigen Besitz loswerden, brauchen wir keine große Wohnung mehr und müssen kein Vollzeit-Einkommen erzielen. Informations-, Status-, Existenzangst, das Ego und Abhängigkeiten – all das müssen wir hinter uns lassen, wenn wir ein Leben in Freiheit und Zufriedenheit genießen wollen, sagt Wringham. Wollen wir den unnötigen Bereichen der Wirtschaft schaden, müssen wir zuerst unsere Ausgaben minimieren und herausfinden, was wir für unser Leben wirklich brauchen. Wie viel bedeutet uns ein Auto oder eine Spielekonsole? So viel, dass wir weitere zehn Jahre in Lohnknechtschaft verbringen? Ist Konsum jenseits der Befriedigung der Grundbedürfnisse es wert, beträchtliche Opfer zu bringen? Wir sollten nur diejenigen Besitztümer behalten, die wir regelmäßig benutzen oder die einen besonderen ästhetischen Wert haben. Bei letzterem gilt auch: weniger ist mehr. Weniger Kunstwerke im Wohnzimmer verstärken die Bedeutung der verbleibenden. Das ist die Macht des Minimalismus.

Nach der Verringerung der Ausgaben kann eine Verringerung des Einkommens durch weniger Arbeit erfolgen. Ein Vorschlag Wringhams ist es allerdings, für den Notfall etwas zurückzulegen, da der Fluchtplan scheitern kann. Im Gegenzug hätten wir die Vergewisserung, dass wir es versucht haben. Auch mit Teilzeit- oder zeitarbeit befinden wir uns zwar nicht in der absoluten Freiheit, aber mehr Lebenszeit und -qualität haben wir dadurch allemal gewonnen. Ohne Geld können wir in diesem System nicht leben, daher müssen wir einen Weg finden, uns zu versorgen, ohne im herkömmlichen Sinn arbeiten zu müssen.

What would Kant do? Ist die Maxime, der Arbeitswelt und der Konsumwirtschaft zu entkommen, um ein Leben in Freiheit genießen zu können, verallgemeinerbar? Ja, definitiv! Laut Kant haben wir uns gegenüber eine moralische Pflicht und Verantwortung. Der Mensch ist kein Mittel zum Zweck der Erhaltung der Wirtschaft, er ist Zweck an sich und besitzt eine Würde. Natürlich würde die Wirtschaft zusammenbrechen, wenn wir aufhören würden, sinnlosen Besitz anzuhäufen – das ist ein „Opfer“, das wir bringen müssen, nicht nur der eigenen Person gegenüber, sondern auch der Menschheit als ganzes gegenüber. Bricht denn die Konsumwirtschaft zusammen, verbrauchen wir weniger Ressourcen und schonen die Umwelt, aber nicht der Welt zuliebe, sondern uns zuliebe. Die Erde hat kein Umweltproblem – wir haben es! Entweder passen wir uns an oder wir werden angepasst. Diejenigen Lebewesen, die sich nicht an steigende Temperaturen und übersäuerte Böden gewöhnen können, werden aussterben. Die Maximen der Konsumwirtschaft sind weder zukunftsfähig noch verallgemeinerbar. Wir müssen die ökologischen Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Wirtschaft schaffen, denn nur diese kann weiteres Wachstum ohne existenzbedrohende Nebenwirkungen sichern.

Arbeiter aller Länder, entfesselt euch!

Plädoyer für eine liberale Drogenpolitik

Ein von der Downing Street geheim gehaltener Bericht über Crack und Heroin bescheinigt dem von der Regierung geführten Krieg gegen Drogen das Scheitern. Aus dem Dokument geht hervor, dass die Repression harter Drogen durch die Polizei einen geringen Effekt aufgrund des raschen Ersatzes festgenommener Kleindealer hat. Damit ist eine dauerhafte Versorgung der Märkte durch Festnahmen nicht gefährdet.

Es gibt dem Bericht zufolge auch keine Hinweise darauf, dass eine Bekämpfung des Drogenangebots eine positive Auswirkung auf die Beschaffungskriminalität hätte. Eine Angebotsreduktion ließe höchstens die Preise mit der Folge steigen, dass die Drogenkriminalität zunehme und den Drogenbaronen höhere Profite winken.

Der statistische Zusammenhang zwischen autoritärer Drogenpolitik und hohen Drogenkonsum und -kriminalität ist nicht erstaunlich. Der Verbot beschränkt den Konsum nicht, sondern fördert die organisierte Kriminalität. Was zunächst nach einer Trivialität aussieht („keine Strafe ohne Gesetz“), entpuppt sich als Problem: Durch autoritäre Politik bilden sich mafiöse Strukturen heraus, die die Hemmschwelle für illegale Geschäfte von Konsumenten absenkt. Ein Verbot verhindert Transparenz und Regulierung. Konsumenten wie Produzenten werden zu Staatsfeinden, ohne dass der Staat an sich das Problem ist. Gelegenheitskonsumenten verlieren ohne guten Grund Arbeitsplatz, Familie und Ruf – kurzum: seine Existenz. Abgesehen davon fördert die Prohibition die Entstehung neuer, gefährlicher Rauschmittel, die nicht vom Betäubungsmittelgesetz erfasst werden. Ihre Zusammensetzung ist sowohl variabel als auch unbekannt, was sie so gesundheitsschädigend macht.

Eine weitere Konsequenz einer repressiven Politik ist, dass die Einschränkungen das Angebot mindern, was die Gewinnspannen erhöhen. Verkäufer verkraften daher diese Verluste und Käufer sinken tiefer in die Beschaffungskriminalität, da sie für die gleiche Menge mehr Geld benötigen. Statt den Verkauf zu verbieten, gilt es, das Problem an der Wurzel zu packen. Nehmen wir Afghanistan als Beispiel: die Produktion illegaler Substanzen ist bedingt durch Armut und Mangel an Alternativen. Einerseits ist der Verkauf kein Verbrechen, dass es bestraft werden müsste, andererseits aber gibt es keine so harte Strafe, diejenigen vom Verkauf abzuhalten, die kein anderes Gewerbe haben, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Wir sollten dafür sorgen, dass sie ihren Unterhalt haben, damit sich niemand der grausigen Notwendigkeit ausgesetzt sieht, in die Spirale der Drogenkriminalität zu fallen. Selbst wenn der von den USA angeführte Drogenkrieg in Afghanistan oder Kolumbien erfolgreich ist, werden Getreidefelder in Peru und Bolivien zunehmend zu Kokafeldern umfunktioniert werden. Der Krieg gegen Rauschgifte verlagert nur das Problem.

Fazit: Der Markt für harte Suchtmittel ist trotz aller Bemühungen dramatisch gewachsen. Die Preise für Heroin sowie Kokain in Großbritannien haben sich trotz Beschlagnahmungen in den letzten zehn Jahren halbiert und die sind zwar so niedrig, dass der Einstieg leicht fällt, aber dafür hoch genug, um Beschaffungskriminalität zu erzeugen.

Wir müssen dem Drogenkrieg ein Ende setzen. Aber lassen wir mal all die ökonomischen Argumente beiseite und stellen einzig und allein den Menschen ins Zentrum: Ihn gilt es zu schützen und zu hüten. Möglich, dass der Staat mehr Geld zur Verfügung hat, wenn er Betäubungsmittel legalisiert, aber das ist nicht der Grund, weshalb wir Drogen legalisieren wollen. Dasselbe Argument würde auch für eine Legalisierung von sexuellem Missbrauch und Totschlag führen. Die Erfahrung in Staaten und Ländern wie Colorado oder Portugal zeigten, dass die Legalisierung, beziehungsweise die Entkriminalisierung im Zusammenhang mit einer Verringerung von Gewaltverbrechen, Morden und Diebstählen steht – also weniger Leid.

Um die Menschen vor einem missbräuchlichen Umgang mit Rauschmitteln zu schützen, ist Prävention und Aufklärung angesagt. Die Gelder dieser Projekte fließen aus den entfallenden Verfahrenskosten. Den bereits Abhängigen muss Hilfe zur Selbsthilfe in Form von Therapien zur Verfügung stehen als auch Resozialisierungsmaßnahmen. Eine neue gesellschaftliche Sicht auf Drogen sollte sich entwickeln: Abhängige sind nicht Straftäter oder Kriminelle, sondern Betroffene, denen geholfen werden muss. Wir müssen enger mit Abhängigen zusammenarbeiten und opferlose Verbrechen abschaffen, deren sinnlose Bestrafung Existenzen und Familien zerstört.

Philosophische Grundpfeiler des Veganismus

Machen wir ein Gedankenexperiment: Uns hoch überlegene Lebensformen besuchen unseren blauen Fleck und nehmen uns in Gefangenschaft. Sie nutzen uns für medizinische Versuche und testen an uns fremdartige Medikamente, unsere Haut für bequeme Sitze in Raumschiffen, für Schuhe und Portemonnaies. Die Haare dienen als Stoff für Schals oder Pelze.

Das ist nicht das Ende der Geschichte, denn die Außerirdischen verarbeiten die Menschen zu Fleisch, vor allem die Babys mit ihrer weichen und zarten Haut. Schließlich zwingen sie uns zum Geschlechtsverkehr, um weitere Nachkommen für die Fleischversorgung zu produzieren. Eines Tages fragt eine mutige Frau unter Qualen nach dem Grund. Die Antwort: „Ihr schmeckt uns.“

Bei aller Absurdität betrachten wir diese Geschichte als eine Metapher für die Ausbeutung von nicht-menschlichen Tieren. Allerdings wirft sie die Frage auf, ob sich die Rollen von Außerirdischen und Mensch in diesem Beispiel wirklich auf Mensch und Tier übertragen lassen. Stellt diese Metapher nicht Menschen und Tiere auf eine Stufe?

Um die Frage, ob wir Fleisch essen dürfen, beantworten zu können, müssen wir nicht die Frage klären, ob Menschen und Tiere gleichwertig sind. Wir müssen auch nicht die Frage klären, ob Tiere soziale Lebewesen sind, denken oder vorausschauend planen können, sondern ob sie leiden können. Nicht alle Lebewesen sind auch leidensfähig, aber diejenigen, die auf unseren Tellern landen, schon.

Dieser Standpunkt heißt Pathozentrismus. Dabei handelt es sich um die ethische Strömung, die empfindungsfähigen Lebewesen einen moralischen Eigenwert zuordnet. Sie stellt eine philosophische Grundlage des Veganismus dar, denn die Wahl von Eigenschaften wie Intelligenz, Größe oder Stärke sind stark von den Interessen der Spezies abhängig. Wir Menschen nehmen als Rechtfertigung für unser Verhalten gegenüber Tieren unsere Intelligenz und heben uns hervor. Würden andere Lebewesen nach Gründen suchen, sich über andere Tiere zu stellen, würden sie die Eigenschaft auswählen, die für sie charakteristisch ist. Bei Walen wäre es die Größe, bei Ameisen die Stärke im Vergleich zum Körpergewicht. Intelligenz ist keine moralisch relevante Eigenschaft und wenn doch, würde sie nicht nur Gräuel gegenüber nicht-menschlichen Tieren rechtfertigen, sondern auch gegenüber geistig Behinderten. Die meisten Mischköstler würden aber nicht für die Ausbeutung von geistig Behinderten stimmen oder einwenden, dass diese immer noch zur Spezies Mensch gehören. Die Zugehörigkeit zu einer Spezies ist allerdings ebenso wenig moralisch relevant wie die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder zu einer Rasse. Speziesismus ist die Diskriminierung von Lebewesen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Spezies, ähnlich wie Rassismus oder Sexismus die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Rasse oder einem Geschlecht sind.

Als eine Konsequenz der Ablehnung des Speziesismus wird der Veganismus betrachtet. Eine weitere philosophische Strömung, die den Veganismus befürwortet, ist die Umweltethik. Deren Anhänger sprechen sich für einen moralisch verantwortbaren und schonenden Umgang mit der Natur aus. Laut Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2010 erfordern tierische Produkte mehr Ressourcen wie Wasser oder Land und verursachen höhere Emissionen als pflanzenbasierte Alternativen. Die Umstellung auf eine vegane Lebensweise ist folglich ein Weg, die Umwelt zu schützen.

Stadt, Land, Überfluss

Wann war das letzte Mal, dass du einen Kauf bereut hast? Wann war das letzte Mal, dass du spontan etwas gekauft hast, was nicht auf deiner Einkaufsliste stand? Wie viele Dinge um dich herum brauchst und benutzt du wirklich?

Konsum ist immer und überall zu haben. Ich brauche keine Begabung, ich brauche Geld. Die Innenstädte sind überfüllt von Geschäften, die damit werben, ihre Produkte heruntergesetzt zu haben und dass alles billig sei. Geiz ist geil. Solange Sonderangebot, Rabatt oder „nur für kurze Zeit“ daran steht, greifen wir gerne zu. Mid-Season-Sales zeigen uns das immer wieder. Oder dass Modehersteller jeden Monat neue Kleidung auf den Markt werfen. Gehend von einem Laden zum nächsten, erfreuen wir uns an den dargebotenen Waren. Je billiger, desto besser. Die meisten interessiert es nicht, wer unter den Preisen zu leiden hat. Nach der Devise: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wir kennen all die großen Zahlen und Grafiken, aber sie belasten uns nicht. Wir reagieren auf Einzelschicksale anders. Aber wie oft hören wir von ihnen? Eben. Trotzdem findet im Moment ein Wandel statt. Weg vom Einzelhandel, in dem noch Kontakt zwischen Menschen herrschte, hin zum Internethandel, welcher die Geschäfte, die noch Menschlichkeit vermitteln, nach und nach kaputt macht. Als Treffpunkte und Ort der Kommunikation verwahrlosen die Innenstädte.

Ein Problem des Internethandels besteht vor allem in der Dominanz marktbeherrschender Konzerne. Für Konsumgüter allen voran Amazon. Jeff Bezos wollte sein Unternehmen ursprünglich „relentless“ nennen, zu deutsch unbarmherzig. Gepasst hätte es besser. Amazons Handy will im Preiskampf noch weiter gehen. Es soll einen extra Knopf bekommen, um Produkte zu fotografieren, zu scannen, mit der gesamten Palette an Amazon-Produkten zu vergleichen und den Preis bei Amazon anzuzeigen. Per Klick lässt sich die Ware ohne Umstände bestellen. Von einem Nachdenken über den wirklichen Bedarf geht unsere Gesellschaft zum Impulsivkauf über. Geiz-ist-Geil hat gesiegt.

Der Leila-Shop in Berlin ist eine Antwort auf diesen Überfluss, ein Gegenentwurf zur Zweckrationalität eines Supermarktes. In dem Shop können Menschen ihren überflüssigen Besitz zur Verfügung stellen, um im Gegenzug selbst nützliche Gegenstände auszuleihen. Denn unser Alltag ist umzingelt von Gegenständen, die wir bis zu dreimal im Jahr brauchen, wenn überhaupt. Einer Studie des Bundesumweltministeriums nach besitzt der Durchschnittsdeutsche 10.000 Dinge, zehnmal so viel vor hundert Jahren, doch nur einen Bruchteil nach dem Kauf nimmt er in die Hand. Paco Underhill, Autor und Umweltpsychologie aus den USA, berichtete bereits 1999, dass es einen Wirtschaftszusammenbruch gäbe, wenn wir nur dann kaufen, wenn wir müssten und nur das, was wir brauchen. Wegen dieser ungeheuren Menge an sinnfreien Konsumgütern steigt auch die Wohnfläche. Anfang der 90er war eine durchschnittliche Wohnung für eine Person 35 Quadratmeter groß, heute sind es 43 Quadratmeter. 2030 wird sie Prognosen nach bei 54 Quadratmetern liegen. Und der Bedarf an Lagerräumen und angemieteten Kellern nimmt auch immer mehr zu, sagt ein Sprecher des Lagerhallen-Vermieters MyPlace. Das Unternehmen verfügte Anfang 2000 über einen Standort. Anfang 2013 waren es bereits 23 Hallen, gefüllt bis zum Rand mit Gegenständen, die niemand braucht. Der Klassiker für nutzlosen Besitz ist die Bohrmaschine, die wir im Laufe ihres Daseins im Schnitt 13 Minuten benutzen. Im Laufe ihres Daseins verstaubt sie – in jedem Haus. Konsum ist ein unbewusster Wahnsinn. Lasst uns nutzlosen Besitz durch besitzlosen Nutzen ersetzen und unseren Wohlstand anders denken! Nicht jeder muss alles haben. Es reicht, wenn wir uns bestimmte Dinge teilen, wie es in Bibliotheken seit gut zwei Jahrhunderten gang und gäbe ist. Für die Wehr gegen den Überkonsum benötigen wir nur Menschen mit Gemeinsinn. Leila ist nicht das Ende, aber ein Anfang. Deutsche Staatsbürger kaufen jährlich zehn Millionen Fernseher, 13 Millionen Computer und 22 Millionen Smartphone; die Anschaffungsneigung hat einen Höhepunkt erreicht. Laut Hamburger Wissenschaftlern, die die weggeworfenen Handys von 4000 Hansestädtern untersucht haben, weisen nur zehn Prozent der Geräte sichtbare Schäden auf, weitere 20 Prozent haben andere Defekte, funktionieren aber. Es geht den Menschen nicht um Nutzen, sondern um Haben.

Hierbei spielen vier Effekte eine Rolle. Der erste ist der genannte Mitläufer-Effekt. Er besagt, dass wir Dinge haben wollen, die andere auch haben. Von Jahr zu Jahr kaufen sich Scharen von Jüngern die neusten Apple-Produkte, obwohl ihre iPhones einwandfrei funktionieren. Wir schauen die Bundesliga lieber auf einem Flachbildschirm statt auf einem Röhrenbild, fahren lieber mit einem SUV durch die Innenstadt, anstatt das Fahrrad zu benutzen. Der britische Wirtschaftswissenschaftler Mark Boyle erschien anderen Exzentriker, bloß weil er keinen Plasma-Fernseher besaß, als er freiwillig auf Konsum verzichtete.

Neben dem Mitläufer-Effekt hat auch der Snob-Effekt einen Einfluss auf das Kaufverhalten. Er treibt diejenigen in den Kaufrausch, die Dinge haben wollen, weil sie andere nicht haben. Dadurch heben wir uns von den anderen ab, wollen unsere mutmaßliche Individualität zeigen oder drücken unser Prestige durch überteuerte Statussymbole aus. Neben dem Snob-Effekt gibt es noch den Geltungskonsum. Thorstein Veblen, Soziologe, beobachtete bereits 1899 den Geltungskonsum unter Amerikas Reichen. Es gibt einen Markt für Dinge, die ungeheuer teuer sind, dass die Zahl der Nachahmer sich garantiert in überschaubaren Grenzen halten wird. Aufgrund dieses Effekts fließt das tonnenweise Geld bei den Yacht-Herstellern. Und das ist auch der Unterschied. Betroffene bevorzugen Güter wegen ihres höheren Preises, um zu zeigen, was sie sich leisten können. Das dient der Definition des eigenen sozialen Status‘. Die Nachfrage ist eine direkte Folge aus dem höheren Preis. Beim Snobeffekt dagegen ist die Einzigartigkeit des Produkts das Kriterium. Der Preis hat darauf nur indirekten Einfluss. Punks beispielsweise verhalten sich nach dem Snob-Effekt. Sie zielen darauf ab, sich durch nonkonformistische Mode von der Gesellschaft abzugrenzen.

Außerdem beschreibt der Diderot-Effekt, wie Menschen nach dem Kauf eines Gegenstands in den Zwang geraten können, weitere Käufe zu tätigen, um ein passendes Gesamtbild zu schaffen. Ein neuer Schal kann zu all den Klamotten im Kleiderschrank nicht passen. Oder ein Sessel, der farblich nicht in die Wohnung passt. Die entstehende Unzufriedenheit löst eine Konsum-Kettenreaktion aus. Als Käufer muss man die restlichen Sessel auch ersetzen, der Schrank passt auch nicht mehr, die Farbe des Bettes sieht neben dem Schreibtisch unschön aus und die Lampe sieht viel zu altmodisch aus. Wofür ist Konsum gut, wenn er uns schadet?

Laut Robert und Edward Skidelsky dient Konsum Placebo unserer Gesellschaft, zu unserer scheinbaren Belohnung für exzessive Arbeit. Kurzfristig gesehen tut uns der Kaufrausch gut, weil das Gehirn Neurotransmitter und Hormone für Hochgefühle ausschüttet. „Kauf dich glücklich!“, der Name eines verbreiteten Mode-Ladens ist Programm. Doch diese Kicks halten nur Minuten oder Sekunden an. Wir dürfen diese süchtig machenden euphorischen Momente nicht mit Zufriedenheit verwechseln. Nach einer Zeit bildet sich eine Toleranz, was heißt, dass wir die Dosis erhöhen müssen: Wir müssen immer mehr kaufen, und nur, um etwas zu haben, bis der Punkt erreicht ist, an dem wir gerade noch die Zeit benutzt haben, um Konsumgüter zu suchen, zu identifizieren und zu vergleichen, zu prüfen, zu kaufen, entgegen zunehmen, unterzubringen – und dann nicht mehr zu nutzen, weil die dafür notwendige Zeit bereits aufgebraucht wurde, sagt der Konsumkritiker Nico Paech.

In der Welt der Liebe finden wir auch Marktstrukturen: Welche Frau entspricht meinem Status, welchen Erwartungen soll sie entsprechen, welche Größe, Augenfarbe etc. soll sie haben? Welcher n hat das ausgeprägteste Sixpack, wie hoch ist sein Einkommen, wie groß soll er sein und was muss er können? Dieser typische Zug unserer Gesellschaft hat Ähnlichkeiten mit dem abendlichen Schaufensterbummeln: Was kann ich mir leisten, was kann ich mir kaufen? Dieser Kitzel des Kaufens ist das Lebensglück heutiger Menschen. Intuitiv verpassen wir potentiellen Partnern einen Marktwert, fürchten uns vor einer Beziehung, wenn sie unseren sozialen Status herabsetzen kann. Und anstatt uneigennützige Liebe zu geben, statt sie zu erwarten, vergessen wir in unserem Egoismus das Leben des Anderen. Datingportale befeuern dieses Verhalten.

Ein Ende der Affluenza, der Überflusskrankheit, ist nicht in Sicht. Die gesellschaftlichen Symptome verschlimmern sich, Hersteller überproduzieren Produkte und Käufer häufen Wohlstandsmüll in Unmengen an. Der Einzelne zeigt eine zunehmende Neigung zur Überschuldung, gefolgt von Verzweiflung, Überforderung und im schlimmsten Falle Angstzuständen. Wir wissen, welche Folgen unser ausufernder Lebenstill hat. Eine erstaunliche Selbstbetrugsleistung. Unsere Gesellschaft ist in einer tiefen Krise, weil wir unsere Einsamkeit nicht aushalten, die Leere im Innerem. Unsere Bedarfsdeckungsgesellschaft wurde zur Überflussgesellschaft. Und die Heilsversprechungen leuchten uns an jeder Ecke grell entgegen.

Dieser Artikel ist eine Gemeinschaftsarbeit von Egotheist und Leviakon.

Quellen, verwendetes Material und weiterführende Links:
Konsumpf: „Forum für kreative Konsumkritik – Culture Jamming, Nachhaltigkeit, Konzernkritik, Adbusting“
Berlin 21: „Leila – Berlins erster Leihladen
Gesellschaft für Konsumforschung: „Einkommenserwartung auf höchstem Stand seit der Wiedervereinigung“ (23.04.2015)
Gesellschaft für Konsumforschung: „Konsumklima weiter im Aufwand“ (26.02.2015)
Jörg Schindler: „Stadt – Land – Überfluss: Warum wir weniger brauchen als wir haben“ (18.08.2014)
Harald Welzer: „Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand“ (17.02.2014)
Institut für Forstökonomie „Wirtschaft ohne Wachstum? Notwendigkeit und Ansätze einer Wachstumswende“ (2012)
Hartmut Rosa, Niko Paech, Friederike Habermann, Frigga Haug, Felix Wittmann, Lena Kirschenmann: „Zeitwohlstand – wie wir anders arbeiten, nachhaltig wirtschaften und besser leben“ (2014)
Niko Paech: „Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“ (03.04.2012)
Deutschlandfunk: „Wegmarken 2010: Wohlstand ohne Wachstum (Teil 1)“ (01.01.2010)
matthias jung: „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand (Harald Welzer) – Gedanken aus der Sicht eines Christen, eines Theologen, eines Pfarrers | matthias jung“ (04.04.2013)
Die Welt: „Verzicht ist eine Chance, keine Einschränkung“ (18.02.2012)
Deutsche Welle: „„Wir haben genug“ – Junge Konsumkritik“ (14.11.2013)
Frankfurter Allgemeine: „Konsumkritik konkret: Der Mann ohne Geld“ (21.12.2013)

Gibt es einen Gott?

Das erste Mal, dass ich am Christentum zweifelte, war, als ich als Fünftklässler vom Holocaust erfahren habe. Wie konnte es sein, dass ein gütiger Gott das Auslöschen von Milliarden von Menschen zulässt, beziehungsweise geplant hat? Drei Jahre später erfuhr ich, dass ich nicht der einzige Mensch mit diesem Gedanken war, und dass diese Frage als Theodizee-Frage in der Philosophiegeschichte bekannt geworden ist.

Für diese Frage sind folgende angenommene Eigenschaften Gottes relevant: Allgüte, Allmacht, Allwissenheit und Unbegreiflichkeit. Norbert Hoerster vertritt die Ansicht, dass Theisten mindestens ein Gottesattribut aufgeben müssen. Die Annahme, dass Allgüte und Allmacht logisch nebeneinander stehen können, bestreitet der Philosoph. Am sinnvollsten erscheint es zunächst, die Allgüte aufzugeben, wenn wir von einem uns unbekannten Schöpfergott ausgehen und nicht vom allzu menschlichen Gott der Bibel. Falls wir die letzte Möglichkeit in Betracht ziehen, spielen die Zehn Gebote eine Rolle; dann kennen wir klar die Moralvorstellungen Gottes. Letztlich bleiben die Zehn Gebote bloß moralische Leitlinien für eine gute Lebensführung, an die sich ein Gott nicht halten muss. Gehen wir dagegen von einen uns unbekannten Gott mit uns fremdem Moralvorstellungen aus, ist er aus unserer Sicht nicht gütig, aber das kann seinen Vorstellungen von Güte oder Moral entsprechen.

Der Güte Gottes lässt sich auch die göttliche Gerechtigkeit gegenüberstellen. Es wird argumentiert, die Gerechtigkeit Gottes erfordere, dass maximales Wohlergehen nicht immer sein Ziel sein kann. Menschliches Leiden wird als gerechte Strafe für Fehlverhalten oder Ungehorsam gedeutet. Wie können dann Gerechtigkeit, Allwissenheit und ein freier Wille des Menschen logisch nebeneinander stehen? Gottes Allwissenheit ist unvereinbar mit dem freien Willen. Die Abläufe der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind Gott bekannt. Daher ist die Zukunft festgelegt. Unsere Zukunft, unser Wille, unsere Taten und Träume. Dieser Logik nach halten wir nicht die Zukunft in unseren Händen. Wir sind wegen des Determinismus nicht verantwortlich für unsere Handlungen. Inwiefern ergeben Strafen für menschliches Fehlverhalten noch Sinn, wenn sie in Gottes Plan vorgesehen wurden?

Auch Gottes Allwissenheit enthält Schwachpunkte, denn die Möglichkeit, dass ein ihm übergeordneter Schöpfer ihn erschuf und Gott dazu verleitete, zu glauben, er sei allwissend, besteht. Gott kann daher nicht absolut wissen, ob er allwissend ist – was seine Allwissenheit einschränkt. Theisten können auch die Allwissenheit aufgeben, um die Theodizee-Frage zu lösen, denn die Gnosis sieht den Menschen als für eine vollkommene Gottesbeziehung gedacht. Da die Schöpfung durch den Sündenfall unvollkommen wurde, wurde die Beziehung des Menschen zu seinem Ursprung gebrochen. Gott entfernte sich vom Menschen, gibt ihm damit die Freiheit, in Sünde zu leben und Leid zu schaffen.

Gottes Allmächtigkeit lässt sich dagegen wie folgt angreifen: Ist ein omnipotentes Wesen dazu fähig, ihre Allmacht einzuschränken? Oder spezieller: Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer und unveränderbar ist, dass er weder seine Masse reduzieren noch ihn heben kann? Wenn er diesen Stein erschaffen kann, kann er ihn nicht heben. Wenn er ihn nicht erschaffen kann, ist er nicht allmächtig.

Die Voraussetzungen schränken Gottes Willen drastisch ein, aber das ist unwichtig. Per Definition muss ein allmächtiges Wesen alles tun können. Aus physikalischer Perspektive ist dieses Beispiel schlecht gewählt, da es auf dem überholten aristotelischem Weltbild beruht.

Wir erhalten aufgrund von verschiedenen Arten von Allmacht unterschiedliche Lösungen: Ein abdingbar allmächtiges Geschöpf kann ihre Allmacht durch das Erschaffen des Objekts oder durch die Unfähigkeit zur Schöpfung verlieren. Ist die Allmacht dagegen essenziell, verliert Gott seine Omnipotenz nicht, auch wenn er nicht fähig ist, diesen Stein zu erschaffen oder dieser Stein kann nicht existieren, weil er logisch unmöglich ist und Gott nur logisch Mögliches verrichten kann (bedingte Allmacht).

Für ein vollkommenes Wesen erscheint nur eine unabdingbare, absolute Allmacht als sinnvoll, doch bei diesem Allmachtsverständnis entstünde das Paradoxon erst gar nicht. Nach dieser Auffassung könnte Gott uneingeschränkt handeln; auch einen unhebbaren Stein könnte er trotz weiterbestehender Allmacht schaffen. Ein solcher Gott kann nicht nur weder erkannt noch verstanden werden, auch weitere vernünftige Aussagen sind damit unmöglich. Vor allem folgen dieser Interpretation beliebige Möglichkeiten: Unmöglichkeit gäbe es nicht mehr, aber auch, dass alles möglich sei, wäre falsch, da es sich hierbei um eine Schlussfolgerung handelt und die Ungültigkeit der Logik im Sinne der absoluten, unabdingbaren Allmacht steht. Für den Menschen ist es sinnlos, über etwas zu spekulieren, das er nicht mit nachvollziehbaren Mitteln erkennen kann.

Allwissenheit und Allmacht stehen sich ebenfalls in einem Spannungsverhältnis gegenüber. Wenn Gott allwissend ist, weiß er, wie er eingreifen muss, um den Lauf der Zukunft zu verändern. Letztere ist durch seine Allwissenheit determiniert. Gott kann es nicht anders mit seinem Eingriff überlegen. Daher ist er nicht allmächtig.

Schwierig ist es, Schwachstellen in der Zeitlosigkeit Gottes zu sehen, denn unser Zeitverständnis ist linear. Erst tritt A ein, dann B. Alle Szenen der Weltgeschichte sieht Gott dagegen simultan; jede Handlung in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sieht er gleichzeitig. Würde dies nicht seine Allmacht einschränken? Ist es noch möglich, dass er überhaupt handeln kann?

Vor Gottes Schöpfung soll es weder Zeit noch Materie gegeben haben. Laut Einsteins Relativitätstheorie sind Materie und Energie äquivalent, Raum und Zeit Seiten einer Medaille. Ohne Raum keine Zeit, ohne Zeit keinen Raum. Ohne Materie keinen Raum, ohne Raum keine Materie. Ohne Zeit keine Materie, ohne Materie keine Zeit. Denn Materie braucht Raum, und Zeit vergeht, wenn Materie sich im Raum bewegt. Kurzum, Materie, Energie und Raumzeit bilden eine Einheit.

Demnach benötigte Gott Zeit, um die Zeit zu erschaffen, um die Materie zu erschaffen benötigte er Materie. Erschaffung ist ein Prozess, der Zeit voraussetzt, das gilt, wenn er die Naturgesetze, nach denen Zeit vergeht, geschaffen haben soll. Aus dem Nichts etwas zu erschaffen, ist nicht möglich. Somit ist Akt der Schöpfung irrational und kann nicht stattgefunden haben. Selbst Gott bräuchte einen Schöpfer, was letztlich zu einem infiniten Regress führt. Die Frage, woher die Welt kommt, bleibt also unlösbar. Weder Gott noch der Urknall können die Entstehung der Welt vollständig erklären. Auch die Regel „von Nichts kommt nichts“ setzen wir voraus: Falls die Regel nicht galt, war die Entstehung des Universums ohne Schöpfer möglich. Hier befinden wir uns aber im Bereich der Spekulation; ja, wir wissen nicht einmal, ob Naturgesetze und -konstanten statisch oder variabel sind.

Religion ist unvereinbar mit Wissenschaft, denn sie beansprucht die absolute Wahrheit für sich – Wissenschaft auf der anderen Seite übt Selbstkritik. Religion ist das Akzeptieren von Tatsachenbehauptungen ohne starke Indizien, sondern mit Einzelerzählungen, Offenbarungen und Erweckungserlebnissen, überliefert durch historische Autoritäten und dokumentiert durch heilige Schriften mit als absolut deklariertem Wahrheitswert. Der Erkenntnisprozess ist nicht wiederholbar, nicht reproduzierbar: nicht verifizierbar, nicht falsifizierbar. Wissenschaft ist das Akzeptieren von Tatsachenbehauptungen aufgrund von schlüssigen und starken Indizien. Erkenntnisprozess ist wiederholbar, reproduzierbar: verifizierbar, falsifizierbar. Jede Untersuchung muss strenge Kriterien einhalten. Wissenschaftler reißen Theoriegebäuden nieder, wenn stärkere Belege gegen sie sprechen. Religion dreht sich um Autoritäten: Mohammed, Jesus, Zarathustra. Wissenschaft dreht sich um Themen: Evolution, Quantenverschränkung, Wasserstoffbrückenbindung. Eine Gemeinsamkeit gibt es: Beide unterscheiden sich abhängig von Ort und Zeit. Religionen entwickeln sich weiter: Vom Judentum zum Christentum bis hin zum Islam. Vom aristotelischem Weltbild zu Newtons Gesetzen bis hin zur Relativitätstheorie. Die Wege zur Veränderung sind grundverschieden. Logische Lehrsätze gelten überall, zu jeder Zeit, denn Wahrheit ist weder zeit- noch ortsabhängig. Die Gültigkeit religiöser Lehrsätze dagegen ist abhängig von Ort und Zeit.

Praktisch sehen wir das in den heiligen Schriften von Religionen, die auf Gotteserfahrungen und spirituellen Erlebnissen aufbauen. Eine persönliche Erfahrung gilt nicht als wissenschaftliche Evidenz, da die Wissenschaft ihre Phänomenologie durch reproduzierbare Belege und Untersuchungen untermauert. Der Kognitionswissenschaftler Michael Persinger vertrat die Auffassung, dass transzendentale Erfahrungen auf kurzzeitige elektrische Entladungen im Präfrontalkortex zurückzuführen sind. In zahlreichen Versuchsreihen befestigte der Forscher stimulierende Elektroden an den Köpfen der Probanden. Dabei beobachtete er spirituelle Erlebnisse wie Nahtoderfahrungen, religiöse Ekstase oder Engelserscheinungen bei den Versuchspersonen.

Bei Heiligen und biblischen Gestalten finden sich Zusammenhänge zwischen religiösen Erfahrungen und Epilepsie. Der alttestamentarische Prophet Ezechiel hat alle Züge eines Konvertiten, der durch epileptische Schübe zu Gott fand. Saulus‘ folgenreicher Glaubenswechsel zum Apostel Paulus liest sich auch als Krankengeschichte eines Epileptikers. Andere Hirnforscher wie Gerhard Roth bringen spirituelle Erlebnisse mit Abfall des Blutzuckers, Sauerstoff- oder Schlafmangel, Angstzustände und Depressionen in Verbindung.

Dieser Text bezieht sich nur auf eine einzige, aber verbreitete Gottesvorstellung. Es wäre eine Herkulesarbeit, alle Gottesvorstellungen anzugreifen. Ohne eine Definition des Wortes „Gott“ ist der Begriff substanz- und inhaltslos. Eine einzige Gottesvorstellung anzugreifen, ist mir nur unvollständig gelungen. Ich schließe Irrtümer nicht aus, daher bin ich Agnostiker. Belege und Beweise bleiben nach 2.000 Jahren aus. Gibt es einen Gott? Ich weiß es nicht. Können wir wissen, ob es einen Gott gibt? Nein. Bis es dazu keine starken Indizien oder Belege gibt, wird ein Gott in meinem Leben keine Rolle spielen.

Kritische Reflexionen eines ehemaligen Veganers

Vegan zu leben, heißt nicht, auch gesund zu leben. Einigen Veganern geht es mehr um Ethik als Gesundheit. So ging es mir auch. Anstatt meine Ernährung gut zu planen, stieg ich auf Fertig- und Ersatzprodukte um, die gemieden werden sollten. Üblicherweise enthalten diese Produkte nicht nur Unmengen an Salz, Zucker und Fett, sondern auch künstliche Aromen und unaussprechbare Zusatzstoffe. Getreideprodukte gab es auf meinem Speiseplan in Hülle und Fülle. Kurzum: Folgen waren Verdauungsbeschwerden, Müdigkeit, Blässe und unreine Haut. Daher entschied ich mich, Vegetarier zu werden und mich mit Ernährungswissenschaften zu beschäftigen.

Moralische Bedenken plagten mich bei der Umstellung: Das erste Glas Milch trank ich mit Widerwillen. Schließlich hatte ich genug Gründe, um vegan zu leben. Auf der anderen Seite ergänzte ich diese Gedanken um eine weitere Überlegung: Sollen setzt Können voraus. Ich konnte mich mangels lebensmittelkundlicher Kenntnisse nicht gesund und vegan ernähren – sofern dies möglich ist -, daher war der Abbruch meines Projekts berechtigt. Denn: ein ethisch erfülltes Leben bedeutet nicht, ein selbstaufgebendes Leben, sondern ein selbsterfüllendes Leben zu führen. Für das Wohl der Tiere habe ich meine Gesundheit gefährdet.

Obendrein würde die vegane Ernährungsweise als Standardkost die Nachfrage für tierische Produkte derart senken, dass deren Produktion nicht mehr profitabel wäre. Damit wäre die Tierhaltung abgeschafft, dachte ich. Ein unmöglich zu erreichendes Ziel. Tatsächlich sind Menschen auf tierische Produkte angewiesen, vor allem Stillende, Schwangere, Babys, Kinder und Jugendlichen. Die geistigen und körperlichen Schäden für Babys können bis hin zu Behinderungen oder Hirnatrophie reichen. [1, 2, 3, 4] Hier stellt sich die Frage: Was ist uns wichtiger? Unser Leben oder das Leben vieler Tiere? Da ich beidem eine hohe Bedeutung beimesse, wäge ich ungern ab. Daher muss ich mich mit einem Kompromiss zufrieden geben. Seit einigen Monaten esse ich wieder Milchprodukte und Eier aus tierfreundlichen Betrieben, zugunsten meines Wohlbefindens.

Für Veganer bleiben Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Samen, Getreide und Schließ- wie Schalenfrüchte, heißt Kerne und Nüsse, übrig. Hülsenfrüchte, Getreide, Samen und Schalen- wie Schließfrüchte sind gesundheitlich aus mehreren Gründen bedenklich. Die antinutritiven Inhaltsstoffe der Hülsenfrüchte, Schalen- wie Schließfrüchte und Getreide wie Gluten, Lektine, Phytinsäure wirken unverarbeitet toxisch und hemmen die Nährstoffaufnahme sowie die Proteinbiosynthese. [5] Traditionelle Verarbeitungsmethoden wie Fermentieren, Quellen, Wässern oder Keimen bauen diese Substanzen ab. Leider sind diese für ein „modernes Großstadtleben“ oft viel zu aufwändig und zeitintensiv. [6] Proteine stellen kein Problem darf. Die Deckung des Eiweißbedarfs bei einer rein pflanzlichen Ernährung ist trotz weniger Schwierigkeiten möglich. Denn die vorhin genannten Lebensmittel dienen oft als Eiweißquellen, da sie aber ein unvollständiges Aminosäurenprofil aufweisen, leidet die biologische Wertigkeit und damit die Proteinaufnahme des Körpers. Glücklicherweise erhöht sich diese durch kluge Kombination.

Auch die typisch kohlenhydratlastige Kost weist Schwierigkeiten auf. Jede Nahrung gelangt über den Mund durch die Speiseröhre in den Magen, in der sie in dosierten Portionen in den Dünndarm zur Verdauung und Nährstoffaufnahme gegeben wird. Die Zellen im Darmwand können allerdings nur Einfachzucker aufnehmen. Daher wird Stärke von Enzymen in Glucose aufgespalten. Anschließend wird der Traubenzucker an das Blut weitergegeben. Je schneller die Stärke in Glucose zerlegt wird, desto höher steigt auch Blutzuckerspiegel. Ballaststoffe dagegen verlangsamen den Glucoseanstieg. Der Körper schüttet nach dem Anstieg des Blutzuckerspiegels das Proteohormon Insulin aus, um die Aufnahme von Glucose in den Zellen zu ermöglichen. Leber und Muskeln nehmen den Großteil als Glykogen, langkettige Glucose-Einheiten, auf, da nur diese fähig sind, Traubenzucker zu speichern. Der Blutzuckerspiegel sinkt wieder.

Sowohl ein zu niedriger, als auch ein zu hoher Blutzuckerspiegel sind gesundheitlich bedenklich. Auf der einen Seite sind wir mit Müdigkeit, Heißhungerattacken, Nervosität und schlimmstenfalls Bewusstseinsverlust konfrontiert, auf der anderen Seite mit Schädigungen der Blutgefäße, Insulinresistenz und Diabetes. Allerdings nehmen wir nicht nur Kohlenhydrate auf, sondern auch Fett und Eiweiß. Insulin sorgt einerseits für eine Verstärkung der Aminosäuren in den Zellen und treibt den Aufbau von Eiweißen an, andererseits regt Insulin Körperzellen dazu an, Glucose aus dem Blut und Fett zu speichern. Wenn der Insulinspiegel dauerhaft zu hoch ist, hören die Zellen nicht mehr auf, Fett zu speichern. Ein großer Teil der Nahrungsenergie wird in den Fettzellen gelagert, sodass Hunger und Müdigkeit die Folgen sind. Außerdem führt dies auch zur Insulinresistenz, der Vorstufe der Diabetes, da die Bauchspeicheldrüse nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit einen rapiden Anstieg des Blutzuckerspiegels registriert und weiterhin Insulin ausschüttet, bis eine Notlösung der Niere in Kraft tritt: Ab einer bestimmten Schwelle filtern die Nieren den Traubenzucker aus dem Blut und scheiden ihn aus. Man nennt das Diabetes. Insulinresistenz hat wiederum einen ungünstigen Einfluss auf den Triglyceridspiegel und auf die Lipoproteine, da die Leber bei einem Überangebot von Glucose diese in Fettsäuren umwandelt, die als Triglyceride ins Blut gegeben werden, was die Qualität der Lipoproteine niedriger Dichte verschlechtert. Mit einer kohlenhydratlastigen Kost läuft man Gefahr, das Risikoprofil für Arteriosklerose zu entwickeln, aber auch eine Verfettung der Leber lässt sich herbeiführen. Auch Fructose kann Schaden anrichten, da nur die Leber Fruchtzucker verarbeiten kann und es bevorzugt in Fett umwandelt. Dies hat eine Leberverfettung und den Anstieg der Blutfette zur Folge. Daher ist es ratsam, auf stärke- und zuckerreiche Lebensmittel zu verzichten, nicht nur bei veganer, sondern auch bei gemischter Kost. Andererseits: Insulinresistenz wird durch eine ballaststoffreiche, fettarme (und vegane) Ernährung vorgebeugt [7, 8]. Ansonsten haben Veganer ein vermindertes Risiko, an koronaren Herzkrankheiten zu erkranken. [9]

Das nächste Problem ist die unzureichende oder unausgewogene Nährstoffversorgung: Calcium, Eisen, Jod, Kreatin, Omega-3-Fettsäuren, Vitamin B12 und oft auch Zink. [10, 11, 12, 13, 14, 15, 16] Zwar enthalten auch pflanzliche Quellen beispielsweise Omega-3-Fettsäuren, oder Zink, Calcium und Eisen, aber bei ersterem sind die geringen Umwandlungsraten von α-Linolensäure (ALA) zu Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) ein Problem [17, 18], und bei letzterem ist die niedrigere Bioverfügbarkeit eine Schwierigkeit [19, 20, 21]. Offensichtlich lautet die pragmatische Lösung, diese Nährstoffe zu supplementieren. Der umweltschonende Aspekt des Veganismus wird wegen der energieintensiven Produktion und der Verpackung aus Plastik und Aluminium ad absurdum geführt, besonders wenn zusätzlich Importprodukte wie Quinoa, Bananen oder Kaffee konsumiert werden. Präparate mit isolierten Nährstoffen können keine vollwertige Ernährung ersetzen. Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel mit einem einzigen, hoch dosierten Inhaltsstoff kann die Balance der Nährstoffe im Körper stören. Zu viel Eisen setzt beispielshalber die Verwertung von Zink herab und begünstigt Infektionen sowie Arteriosklerose. [22] Wegen der Mengen an Präparaten kann keine pauschale Aussage getroffen werden; und dass Supplemente nicht als Ersatz für eine ausgewogene und gesunde Ernährung dienen sollten, ist ethisch unbedeutend. Wenn ich zwei Möglichkeiten habe, von denen eine Option weniger Leid erzeugt als die andere und genauso effektiv sein kann, weshalb sollte ich mich für die andere entscheiden? In der Tat könnten finanzielle Gründe dagegen sprechen. Effekte, hochwertige Supplemente für essenzielle Fettsäuren, Vitamine und Kreatin sind nicht gerade günstig. Letztlich bleibt eine vegane und gesunde Ernährung ein Privileg. Das sollte es nicht sein.

Es ist wahr, dass viele Veganer positive Erfahrungen mit ihrer Ernährungsumstellung erlebten. Wissenschaftlich gesehen haben diese Aussagen keine Relevanz, da sie keine seriösen Untersuchungen ersetzen können. Aber man kann zu Recht mutmaßen, dass Veganer sich mehr mit Ernährung beschäftigen, auf Inhaltsstoffe und Zutaten von Fertigprodukten achten und gegebenenfalls auf sie verzichten oder selbst kochen müssen. Gesunde, vegane Ernährung ist abhängig von der Umsetzung. Von daher haben einige Veganer sicherlich mehr Nährstoffe zu sich genommen als mit ihrer Mischkost.

Dass der Veganismus nicht praktikabel ist, ist mein vorläufiges Urteil. Selbstverständlich kann ich die Argumente für den Veganismus nachvollziehen, da ich sensibilisiert bin. Dahingegen bin ich offener und undogmatisch geworden, was eine intensivere, kritische Auseinandersetzung zur Folge hat. Ich bleibe Vegetarier. Da ich einen niedrigen Omega-3-Index haben könnte, kann sich das ändern. Eins hat mich der Veganismus gelehrt: Ernährung sollte kein Spagat zwischen Gesundheit und Ethik sein.

Quellen:

[1] Ausgewogene Substratversorgung durch Fleischverzehr, Franziska Feldl, Berthold Koletzko

[2] Maternal vegan diet causing a serious infantile neurological disorder due to vitamin B12 deficiency, T. Kühne, R. Bubl, R. Baumgartner

[3] Mütterlicher Vitamin-B12-Mangel: Ursache neurologischer Symptomatik im Säuglingsalter, T. Lücke et al.

[4] Nutritiv bedingter konnataler Vitamin B12-Mangel als Ursache von Krampfanfällen und Myoklonien im Neugeborenenalter, F. Karakaya

[5] III. Nutritive und antinutritive Inhaltsstoffe der Leguminosen, R. Marquard

[6] Traditional Preparation Methods Improve Grains‘ Nutritive Value, Stephan Guyenet

[7] Gesundheitliche Effekte von Ballaststoffen, Deutsche Apotheker-Zeitung

[8] A low-fat vegan diet improves glycemic control and cardiovascular risk factors in a randomized clinical trial in individuals with type 2 diabetes, Barnard et al.

[9] Mortality in vegetarians and nonvegetarians: detailed findings from a collaborative analysis of 5 prospective studies.

[10] Dietary calcium: adequacy of a vegetarian diet.C. M. Weaver, K. L. Plawecki

[11] EPIC–Oxford: lifestyle characteristics and nutrient intakes in a cohort of 33 883 meat-eaters and 31 546 non meat-eaters in the UK., Davey et al.

[12] Iodine intake and iodine deficiency in vegans as assessed by the duplicate-portion technique and urinary iodine excretion., H. J. Lightowler, G. J. Davies

[13] Vegetarian diets : nutritional considerations for athletes., A. M. Venderley, W. W. Campbell

[14] Position of the American Dietetic Association: vegetarian diets., W. J. Craig, A. R. Mangels

[15] Vitamin B12 and homocysteine status among vegetarians: a global perspective., Ibrahim Elmadfa, Ingrid Singer

[16] EPIC–Oxford: lifestyle characteristics and nutrient intakes in a cohort of 33 883 meat-eaters and 31 546 non meat-eaters in the UK., Davey et al.

[17] Increase in dietary n-3 fatty acids decreases a marker of bone resorption in humans, Amy E. Griel et al.

[18] alpha-Linolenic acid supplementation and conversion to n-3 long-chain polyunsaturated fatty acids in humans, J. T. Brenna, N. Salem, A. J. Sinclair, S. C. Cunnane

[19] Choices for achieving adequate dietary calcium with a vegetarian diet, C. M. Weaver, W. R. Proulx, R. Heaney

[20] Position of the American Dietetic Association: vegetarian diets., W. J. Craig, A. R. Mangels

[21] Position of the American Dietetic Association: vegetarian diets., W. J. Craig, A. R. Mangels

[22] Nährstoffe in Pillenform, UGB Gesundheitsberatung