Tiergerecht ist nur die Weide

Früher hielt ich Vegetarismus für Schwachsinn. Mit 15 bin ich Vegetarier geworden und wollte kein Veganer werden. Als ich die moralischen Schwachstellen des Vegetarismus erkannte, bin ich Veganer geworden. Immer wieder schwankte ich zwischen Mischkost, Vegetarismus und Veganismus – alle drei Ernährungsformen haben ihre Tücken, sowohl moralisch als auch ökologisch.

Bei meinem ethischen Standpunkt bleibe ich. Empfindungsfähige Lebewesen haben einen moralischen Eigenwert, auf denen ihr Recht auf Leben und körperliche wie seelische Unversehrtheit beruht. Daher ist es moralisch nicht vertretbar, ein Tier zu schlachten. Noch schlimmer wird es bei der Tierhaltung, da die Nutztiere lediglich ein Mittel zum Zweck sind und getötet werden, sobald ihre Milch- oder Legeleistung nachlässt. Dann sind sie für die Industrie nicht mehr von Nutzen. Als Persönlichkeiten werden sie nicht gesehen, ihr Leben ist wertlos. Ihr Wert bemisst sich an ihrer Leistung.

Selbstverständlich ist das eine Kritik an der industriellen Tierhaltung. Aber bei der bäuerlichen Tierhaltung können wir uns ebenfalls nicht sicher sein, ob die Tiere gerecht behandelt wurden, von sinnlosen Traditionen wie dem Brandmarken abgesehen. Selbst wenn die Tiere ihr Leben nur auf Weiden und Wiesen verbringen, bedeutet Melken und Eierlegen immer körperliche Anstrengung und seelische Belastung. Falls ein Kalb stirbt, muss die Kuh gemolken werden, damit sie keine Schmerzen ertragen muss. Für die Milch wird das Kalb der Mutterkuh jedoch weggenommen. Außerdem werden die Kühe so oft wie möglich befruchtet, damit sie weiterhin Milch geben können. Schwangerschaften sind kraftzehrende Zeiten, Kühe leiden im Alter an Verschleißerscheinungen.

Darüber hinaus legen Hühner ursprünglich Eier, um diese auszubrüten. Nehmen wir das Ei weg, legen sie noch eins am nächsten Tag. Hühner und Kühe wurden auf Leistung gezüchtet, dabei ist ihr Körper nicht darauf ausgerichtet, so viel Leistung zu erbringen, genauso wenig wie menschliche Mütter ein Dutzend Schwangerschaften aushalten können.

Darum wäre der einzige logische Schritt, auf diese Produkte zu verzichten und die Tiere aus der Haltung zu befreien. Andererseits ist es schwierig, eine gesunde, vegane Ernährung zu gestalten oder Landwirtschaft bio-vegan zu betreiben. Noch schwieriger wird es beim radikal-regionalen Veganismus. Abhängig von Region und Saison sieht der Speiseplan im Winter Kartoffeln und Kohl vor: eine abwechslungsreiche, ausgewogene Ernährung bietet der regionale Veganismus nicht.

Dabei gibt es gute Gründe, um sich regional zu ernähren: Lebensmittel aus der Regionen produzieren weniger Treibhausgase, schmecken besser und sind gesünder. Die Bauern können von anständigen Preisen leben und wir erfreuen uns an den vielen Nährstoffen. Ferner gilt: Jede Region muss sich selbst ernähren. Fleisch verbraucht kein Wasser, weil es nur den Kreislauf verlängert. Wenn ich bei Regen einen Eimer draußen hinstelle, wird niemand behaupten, ich würde Wasser verbrauchen. Nichts anderes ist die Weidehaltung. Die Tiere nehmen das Wasser auf, scheiden es auf verschiedenen Wegen aus und schließlich hat das Fleisch einen Teil des Wassers, was das Tier zu sich genommen hat. Dieses Wasser nehmen wir auf, bis es in die Kläranlagen kommt und der Kreislauf von Neuem beginnt.

Nichts anderes passiert beim Pflanzen von Gemüse. Lebensmittel brauchen Wasser und Nährstoffe aus dem Boden; importieren wir hingegen Tomaten aus Spanien, kann das langfristig zu Wasser- und Nährstoffmangel in den spanischen Böden führen. Deswegen kann nur eine konsequent regionale Ernährung sinnvoll sein.

Tiere düngen den Boden und pflegen die Landschaft. Rinder essen Gras und machen aus einem für uns unverdaulichen Stoff Fleisch. Nutztiere standen nie in Nahrungsmittelkonkurrenz zu den Menschen, da sie von Natur aus weder Hülsenfrüchte noch Getreide fressen. Erst mit der Massentierhaltung wurden Regenwälder für Soja oder Weizen abgeholzt. In einigen Fällen ergibt es keinen Sinn, Weiden zu Äcker zu transformieren, weil es dem Ökosystem nur schadet und der Boden für Bepflanzung ungeeignet ist.

Außerdem: Was passiert mit den Tieren, wenn wir die Tierhaltung beenden? Ist das im Sinne der Tiere? Nicht mal unsere Hauskatzen hätten viel Spaß in der Wildnis und kehren freiwillig zu uns zurück. Aber wieso haben wir dann Zäune um die Weiden gebaut? Dennoch berichten Tierhalter von freundschaftlichen Gefühlen, die sie von den Tieren erleben. Die Möglichkeit des Stockholm-Syndroms liegt nahe, obwohl dies nur eine Spekulation bleibt. Zäune können Rinder auch vor Raubtieren beschützen.

Einige Veganer lehnen Tierhaltung ab, da artgerecht nur die Freiheit sei. Wir Menschen sind selbst Tiere und wohl kein Veganer wäre bereit, die Zivilisation mit all ihren Vorteilen aufzugeben. Der promovierte Landwirt Dr. Willi Kremer-Schillings gibt in seinem Buch „Sauerei!“ folgende Argumente für die Tierhaltung: Die Tiere sind frei von Hunger und Durst, müssen keine Angst vor vergifteter Nahrung haben und können sich sicher sein, immer genug zu Essen zu haben. In der „Freiheit“ werden Tiere krank, sterben früh an Verletzungen oder werden von Raubtieren gejagt und aufgefressen. Den Bauern stehen Tierärzte zur Verfügung, Medikamente und Versorgung. Die Furcht vor Raubtieren ist im Stall unbegründet, auch können Tiere in den Stall flüchten, weil dort das Klima ausgeglichener ist: Kühe müssen sich nicht bei Regen unter Bäume drängen und Schweine sich nicht im Schlamm wühlen. Nutztiere wiegen sich in Sicherheit und führen ein ruhiges Leben ohne Rang- oder Überlebenskämpfe, Gewalt und Tod, die zur Natur dazugehören. Natürlich gilt das nicht für die industrielle Tierhaltung, sondern nur für die bäuerliche Weidehaltung.

Abschließend fragt Bauer Willi: Leben wir Menschen artgerecht? Sehen wir die Nutztierhaltung nicht aus allzu menschlicher Sicht? Behandeln wir die Tiere art- oder tiergerecht? Die meisten Veganer würden nun die Auswirkungen der Tierhaltung auf die Umwelt kritisieren, doch bezüglich der ökologischen Folgen sind die Tiere nicht das Problem, sondern deren Überzahl, die aus der Überbevölkerung des Planeten resultiert und des steigernden Verbrauchs tierischer Erzeugnisse. Dieser Konsum ist ein Verbrauch, kein Bedarf, da wir nicht derart viele Tierprodukte benötigen, um zu überleben. Fleisch ist ein Luxusprodukt und muss nicht verzehrt werden, um das Überleben zu sichern. Darüber hinaus fördern diese Mengen an tierischen Produkten eine pflanzenarme Ernährung, die für die wenigsten sinnvoll ist. Dass Massentierhaltung abgeschafft gehört, sollte jedem klar sein – genauso wie die Tatsache, dass Weidehaltung uns weniger Fleisch und Fisch, Eier und Milch bringen wird. Mir ist klar geworden, dass die Weltbevölkerung nicht vegan leben wird, weil Sollen Können voraussetzt.

Denn: Warum die Inuit mit Fleisch versorgen? Wieso sollten die Massai oder Mongolen Vegetarier werden? Schwangere, Stillende, Babys, Kinder und Jugendliche brauchen tierische Produkte, wenn sie keine ernsten gesundheitlichen Folgen riskieren wollen. In einigen Regionen ergibt es keinen Sinn, Veganer oder Vegetarier zu sein, denn in Halbwüsten oder Küstenregionen kommen wir nicht ohne Fleisch oder Fisch aus – auf der anderen Seite sind genau diese Regionen nicht diejenigen, die die Probleme verursachen. Die westlichen Industrienationen tragen die Hauptverantwortung für den menschengemachte Klimawandel; doch in diesem Punkt liegt auch das Potenzial. Wer nämlich im fruchtbaren Europa lebt, hat reichlich Auswahl an Obst und Gemüse. In Zukunft müssen wir auf lebensnotwendige Produkte wie Schokolade, Bananen oder Kaffee verzichten, wenn wir das Leben unserer Enkel ermöglichen wollen.

Quellen:

zum Wasserverbrauch von Fleisch: Urgeschmack – „Der wahre Wasserverbrauch von Fleisch

zu Gesundheit und Veganismus, s. Quellen in meinem Beitrag: „Kritische Reflexionen eines ehemaligen Veganers

Das Seelenleben der Tiere

Der Förster Peter Wohlleben erkundet in seinem Buch „Das Seelenleben der Tiere“ die Innenwelt unserer tierischen Mitbewohner. So surfen Raben auf Dächern, merken sich Namen untereinander oder necken gemeinsam Hunde, um diese zu ärgern. An ihren Lauten ist ihre Wertschätzung für Artgenossen erkennbar, ferner nutzen sie ihren Schnabel wie wir unsere Hände, besitzen ein umfangreiches lautliches Vokabular, ein detailliertes Ausdrucksvermögen und beherrschen etliche Bewegungsabläufe, um sich zu verständigen.

Das ist noch längst nicht alles! Kolkraben bilden lebenslange Ehen, in denen sie einander treu bleiben oder meiden und merken sich egoistische, gierige Tiere. Füchse stellen sich oft tot, um solche Raben anzulocken und aufzufressen.

Pferde können ebenfalls miteinander sprechen. Das Wiehern von Pferden ist zweistimmig, damit können sie komplexe Informationen übermitteln; wie es ihnen geht und wie stark ihre Gefühle sind. Außerdem können sich Pferde für unerwünschtes Verhalten schämen, wenn andere Pferde ihnen dabei zusehen oder sie werden ängstlicher, je älter sie sind. Denn sie merken, dass sie schwächer werden und dösen nur noch, da sie sich hinlegen müssten. Zum Aufstehen sind sie zu schwach und das ist tödlich.

Selbst Hirschkühe werden mürrisch im Alter, da sie Nahrung bloß grob richtig zerkleinern können und deswegen nur schwache Kälber gebären. Das gefährdet ihre Stellung in der Hierarchie. Wer wäre nicht zänkisch, wenn er davon ausgehen müsste, in jedem Moment ausgestoßen zu werden?

Wenn ihre Kälber sterben, empfinden sie Trauer, kehren oft zum Todesort zurück und rufen nach dem Kalb. Wie nostalgisch, wie melancholisch! Leider gefährdet dieses Verhalten ihre Stellung in der Hierarchie, da sie für Jäger leichte Beute sind. Wie wir Menschen müssen genauso Tiere lernen, was Sterben bedeutet und brauchen Zeit, um solche Ereignisse zu verarbeiten.

Krieg ist nicht typisch menschlich: Bienen bekriegen andere Völker vor dem Winter, wenn die Vorräte für die nächsten Monate knapp werden. Dann lernen sie, dass es sich lohnt, Krieg zu führen und hören auf, Nektar zu sammeln bis nur noch starke gegen starke Bienenvölker kämpfen. Andererseits bringen Fledermäuse unerfahrenen Artgenossen Blut mit, wenn diese erfolglos blieben und sonst verhungern würden. Mit dem Blut versorgen sie obendrein die Fledermäuse, die ihnen fremd sind. Solches Verhalten wird gerne gesehen und durch Hilfe bei schweren Zeiten belohnt.

Tiere helfen anderen Spezies gleichermaßen: Adoptionen kommen z. B. in der Natur vor. 2012 wurde der französische Bulldogge Baby bekannt, der sechs Frischlinge adoptierte und groß zog; die kubanische Hündin Yeti stillte 14 Ferkel. Marder und Mäuse empfinden Mitleid, wenn sie sehen, wie ein Artgenosse aufgegessen wird. Solche Erlebnisse traumatisieren und verängstigen unfassbar.

Darüber hinaus gilt der Satz „Glück ist ansteckend“ für Schweine genauso! Wenn Schweine Schokorosinen bekommen und dabei klassische Musik läuft, freuen sie sich später auch ohne Schokorosinen. Andere Schweine, freuen sich spontan mit, wenn diese die Konditionierung nicht kennen. Im Übrigen können Schweine sich Namen merken, wenn sie von uns einen bekommen. Wildschweine merken sich klugerweise, in welchen Gebieten es Jagdverbote gibt und flüchten in diese Gebiete bei Gefahr. Das ist zum Beispiel an der Grenze zur Schweiz in Frankreich der Fall: die Tiere fliehen in den Kanton Bern.

Auf der anderen Seite gibt es Lug und Betrug im Tierreich: Eichhörnchen täuschen nur vor, dass sie Futter verstecken, falls sie sich beobachtet fühlen und Elstermänchen betrügen ihre Weibchen, obwohl sie lebenslange Ehen bilden! Dafür sorgen sich Eichhörnchen um ihre Verwandten und dringen mutig in fremde Gebiete ein, wenn diese nichts von diesen hören und adoptieren eventuell Waisenkinder.

Das wohl bekannteste Tier ist die Gorilladame Koko, die die Gebärdensprache konnte und mithilfe von über 1000 Zeichen mehr als 200 Wörter auf verschiedene Weise intelligent kombinieren und längere Gespräche führen konnte. Sie zeigte z. B. ihr Wissen über Todesursachen. Neurologisch gesehen haben Affen auch Hirnareale für Wortverständnis und -artikulation, allerdings können nur Menschen sich derart komplex unterhalten, weil sie einen längeren Kehlkopf haben, eine freie Zunge, Stimmbänder und eine veränderte Atemtechnik, die es ihnen dies ermöglicht. Zwar beherrschen Affen nicht die menschliche Grammatik, nutzen dafür abstrakte Symbole für Objekte, Situationen und Handlungen, die sie mit bestimmten Tieren oder Gegenständen verknüpfen. Aus wissenschaftlicher Sicht befinden sich die meisten Affen auf dem Sprachniveau eines dreijährigen Kindes – bewiesen durch Untersuchungen, in denen Primaten sozial isoliert in einem sterilen Labor ein unbekanntes Symbolsystem lernen mussten.

Was unterscheidet den Menschen vom Tier?

Mensch und Tier sind keine Gegensätze, abgesehen davon existiert das Tier nur im Plural. Tiere können denken, Probleme lösen, sich Namen merken, miteinander kommunizieren, lügen, betrügen, sich einfühlen und sich Wege merken. In der Evolution wurde das Rad nicht jedes Mal neu erfunden, tatsächlich sind wir Tieren ähnlicher, als wir glauben. Richard David Precht spricht daher in seinem Buch „Tiere denken“ vom Menschentier, denn wir gehören zu den Säugetieren – mit dem krassen Unterschied, dass wir anderen Spezies intellektuell haushoch überlegen sind.

Precht plädiert für eine „Ethik des Nichtwissens“. Solange Aussagen zum mentalen Innenleben von Tieren unbewiesen sind, sollten wir nicht deren Gegenteil annehmen. Keine menschliche Eigenschaft ist exklusiv menschlich. Es gibt kein Kriterium das alle Menschen von allen Tieren trennt und uns gruselt die genetische Ähnlichkeit zwischen Menschen und Menschenaffen. Während sich Schimpansen und Menschen genetisch um nur 1,6 % unterscheiden, unterscheiden sich Schimpansen und Gorillas um über 2 %. Das trennt uns also von der Tierwelt? Wir sind den Schimpansen näher als die Schimpansen den Gorillas. Ist das nicht verrückt?! Im Gehirn zwischen Mensch und Schimpanse gibt es kaum Diskrepanzen, die größte genetische Abweichung liegt in der Größe des Hodens. Mensch und Affe – wie Pferd und Esel?

Vergleichen wir Primaten und Menschentiere genauer, fällt der Schimpanse im Test durch. Tiere sind in allen „wichtigen“ Punkten unterlegen: Kultur, Werkzeuggebrauch, Spiritualität und Philosophie, der Erwerb der menschlichen Sprache – wie fair ist dieser Maßstab denn? Wie vernünftig ist es, Tieren Würde abzusprechen, weil sie der menschlichen Sprache unfähig sind? Sind Tiere nur dann wertvoll, wenn sie wie wir sind? Beziehungsweise, wenn sie auf dem intellektuellen Niveau eines westlichen Philosophen sind? Ist Ähnlichkeit ein miserables Kriterium für Würde, weil auch Frauen und Dunkelhäutige an Diskriminierung litten? Wie viele Menschen definieren in ihrem Alltag allgemeingültige Normen, an denen sie sich orientieren? Wer überlegt, ob seine Pläne gemäß dem kategorischen Imperativ moralisch vertretbar sind? Wer kann immer seine Absichten vor seinem Tun begründen? Ist es nicht vielmehr so, dass wir unsere Taten meist danach rechtfertigen? Träumen wir nicht alle von einem Schlaraffenland, einem Paradies, in dem wir nur schlafen und essen müssen?

Große Menschenaffen verstehen die Wurzeln unserer Moral: die Zusammenarbeit, Dankbarkeit, Gemeinschaft und Einfühlungsvermögen. Selbst das Einnehmen anderer oder gar artfremder Perspektiven ist nicht exklusiv menschlich, denn Menschenaffen können sich ebenfalls in andere Tiere wie z. B. Vögel hinein versetzen. Unsere moralischen Fähigkeiten sind einzigartig, aber nicht einzig; es gibt keinen menschlichen Sonderweg zu abstrakten moralischen Werten. Wie viel sagen die Weltkriege über unsere Werte aus?

Tiere kennen keine Arbeit, der Homo sapiens seit den letzten 3000 Jahren und der Tauschhandel setzte sich vor 2500 Jahren durch und wurde im 19. Jahrhundert durch ein Währungssystem abgelöst. Selbst die Lohnarbeit ist nicht jedem Menschenvolk bekannt, doch all dies zählen wir zu unser arteigenen Kultur. Was ist mit dem Umgang älterer Artgenossen, Partnerschaften, Besitz und Eigentum, Kommunikation und Konflikten? Primaten können Fähigkeiten erlernen, kopieren, imitieren und den Nachfahren beibringen. Soziale Hierarchien setzen sich ebenfalls bei Tieren über Generationen fort, obschon sie nicht biologisch festgelegt sind und bei verschiedenen Gruppen gleicher Art unterschiedlich sein können.

Was verstehen wir von Tieren? Ich kann nicht mal die Fähigkeit des Denkens meiner Mitmenschen hieb- und stichfest beweisen, geschweige denn des Bewusstseins. Was wollen wir von Primaten verstehen, wenn wir nicht einmal Sprache, Kultur, Leben und die Welt von indigenen Völkern begreifen, obwohl wir zur selben Spezies gehören und dieselben metaphysischen Voraussetzungen haben? Dürfen wir denn über Sachverhalte urteilen, die wir nicht durchschauen können? Dürfen wir das Bewusstsein von Tieren begutachten, wenn dieser Begriff bloß nebulös vor uns schwebt? Ist es nicht sonderbar, wenn wir als Gehirne mithilfe von Gehirnen etwas über Gehirne aussagen wollen? Wir dürfen daher nicht nur Tiere beobachten, sondern darüber hinaus die Art und Weise, wie wir sie beobachten. Denn unser Blick ist durch unsere Artzugehörigkeit verstellt, das verzerrt die Ergebnisse, die wir hervorbringen.

Aus der Ähnlichkeit des Menschen mit seinen Mitgeschöpfen, kann nur eines folgern: Tiere sind Träger einer Würde, die ihnen unantastbare Rechte verleiht. Der menschliche Speziesismus muss ein Ende haben!

Ernährung ist eine Investition

Unser Essen wird ein Teil von uns sein: Molekül für Molekül! Unser Essen geht nicht bloß rein und raus. Die Zellen des Essens werden dafür gebraucht, um den Körper aufzubauen, da der Körper sich ständig ändert. Alte Zellen sterben, neue Zellen kommen. Dafür braucht der Körper stabiles Baumaterial aus hochwertigen Proteinen und zahlreichen Nährstoffen. Jeden Tag können wir uns zwischen morschem Holz und festem Beton entscheiden.

Essen ist Energie. Unser Auto würden wir nicht mit Urin tanken. Wieso sind wir darauf besessen, das teuerste Auto, das neueste Smartphone oder die schickesten Klamotten zu haben, während wir uns zugrunde richten? Es liegen Welten zwischen dem Weißbrot aus dem Discounter und dem Vollkornbrot mit Sauerteig vom Handwerksbäcker. Diese Welten drücken sich nicht nur in der Gesundheit aus, sondern vor allem am Geschmack, an der Konsistenz und der Textur. Es ist ein völlig anderes Gefühl, ein wirklich gutes Sauerteigbrot zu genießen als das Weißbrot aus dem Discounter mal eben beim Autofahren herunterzuwürgen.

Solche Fertig-Produkte bestehen nicht aus frischen Zutaten, aber dafür aus Salz, Zucker und billigen Pflanzenölen – in Plastik verpackt und mit Konservierungsstoffen haltbar gemacht. Künstliche Aromen sorgen dafür, dass das „Essen“ nicht fade schmeckt. Die Industrie hat uns in den Bann gezogen, mit fatalen Folgen: Wir verlieren die Wertschätzung für und den Bezug zum Essen. Immer weniger Kinder und Erwachsene wissen, woher ihr Essen kommt, wer dafür arbeiten musste und wie es angebaut wurde.

Wie können wir das ändern? Und was ist denn gesunde Ernährung? Um diese Frage zu beantworten, muss man kein Ernährungswissenschaftler sein. Michael Pollan hat das auf den Punkt gebracht: „Eat food. Not too much. Mostly plants“ Mit Food meint er dabei echte Lebensmittel; frisch, unverarbeitet und regional. Mischtköstler und Vegetarier sind mit Weidehaltung und biologisch-dynamischer Landwirtschaft gut beraten: Die Rinder stehen den ganzen Tag auf der Weide, essen Gras und Heu, haben unheimlich viel Freiraum und die Artenvielfalt wird bewahrt. Weidefleisch hat seinen Preis, schmeckt dafür besser und enthält wertvolle Nährstoffe und Weidemilch ist nicht mit dem weißen Wasser aus dem Supermarkt vergleichbar; im Gegensatz zur Discountermilch lebt die Kuh wirklich auf einer grünen Weide, wie Verpackungen sonst suggerieren.

Wertschätzung bedingt Liebe und Liebe braucht Arbeit und Zeit. Wollen wir Essen wieder wertschätzen, müssen wir mehr Zeit mit ihr verbringen, indem wir kochen. Kochen bedeutet nicht, stundenlang in der Küche herumstehen, mit teuren Geräten hantieren, exotische Zutaten zu nehmen und anschließend ein schickes Foto auf Instagram zu posten. Was im Kochbuch überzeugt, sieht auf dem Teller lahm aus. Wir können es den Berufsköchen überlassen, aus vielen, uns unbekannten Zutaten aufwändig ein Meisterwerk zu schaffen. Echtes Kochen ist viel einfacher. Schnelle Rezepte aus drei Grundzutaten und einfachen Gewürzen sind ein guter Anfang.

Gesunde Ernährung ist weder genuss- noch lustfeindlich. Im Gegenteil! Wenn wir den kräftigsten Geschmack haben wollen, müssen wir auf Zutaten aus der Region zurückgreifen, da der Geschmack unter dem Transport leidet. Genau diese Zutaten sind aber auch die, die uns die meisten Nährstoffe liefern. Genuss, Gesundheit und Nachhaltigkeit bedingen sich gegenseitig. Wer braucht schon Goji-Beeren oder Chia-Samen, wenn es hier Heidelbeeren und Leinsamen gibt? Wozu das ganze Jahr über Tomaten und Gurken, wenn großartige Gemüse wie Pastinaken und Porree, Rettich und Radieschen dafür in Vergessenheit geraten?

Genuss ist das A und O. Unsere Ernährung kann langfristig nur funktionieren, wenn sie uns auch zufriedenstellt. Süßes befriedigt, ist aber nicht immer gesund. Dabei muss man nicht auf Süßes verzichten, wenn man in sich investieren will. Bratäpfel mit Zimt, eine Chocolate Cream aus Avocado, Banane und Kakao oder Beerenquark – für jeden ist etwas dabei. Genuss bedeutet aber auch, dass wir unsere Mahlzeit erleben, als wäre es die letzte. Anstatt zu fahren, fernzusehen, auf einen Bildschirm zu starren oder zu gehen: durchatmen, langsam kauen, achtsam sein. Das zählt.

Magerwahn und Fitnessterror

Wo man nur hinsieht – etliche Siegel, die Gesundheit und Schönheit versprechen. Immer mehr treiben exzessiv Sport und wiegen jedes einzelne Salatblatt auf, so scheint es. Paleo, Vegan und Low-Carb sind im Trend. Leben wir in einer essgestörten Gesellschaft?

Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung sind übergewichtig. Inwiefern werden wir denn von einer Schlankheitsdoktrin terrorisiert? Übergewicht wird zur Norm erhoben, Abweichungen darunter und darüber gelten als krankhaft. Bei Abweichungen darüber ist das aus medizinischer Sicht nachvollziehbar. Die Abweichung nach unten dagegen wird zunehmend als mager oder dürr empfunden, obwohl diese laut BMI in einem gesunden Bereich liegen.

Wenn jeder in der Umgebung einige Kilos zu viel hat, ist Übergewicht normal und laut allgemeiner Auffassung gut. Wenn jemand aus berechtigten Gründen auf diesen Missstand aufmerksam macht, wird davor gehalten, er würde ein unrealistisch negatives Körperbild verbreiten wollen, das auf Selbsthass beruht. In Wirklichkeit haben wir ein unrealistisch positives Körperbild, welches folgende gesundheitliche Nachteile hat: Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Schlaganfall, Krebs, Schlafapnoe, Arthritis/Gelenkprobleme, Probleme mit der Fruchtbarkeit, Asthma, Rückenschmerzen, Gallenprobleme, Inkontinenz, Embolien/Thrombosen, Gicht, Einbußungen in der Hirnleistung, schnelleres Altern und Depressionen.

Heute gibt es die Fat-Acceptance-Bewegung, die Übergewicht als Krankheit ansieht, die sich nur in seltenen Fällen heilen lässt und stattdessen auf Gesundheit bei allen Konfektionsgrößen setzt. Sie behauptet, dass 95 % aller Diäten scheitern und dass Gene unser Gewicht beeinflussen. Letzteres stimmt, aber so ist es auch mit Alkoholismus. Bevor ich zum Alkoholiker werde, muss ich zunächst Alkohol trinken. Und bevor ich übergewichtig werde, muss ich ständig im Kalorienüberschuss sein. Dass Übergewicht durch Überessen entsteht, wird als eine Beleidigung angesehen.

Fat Shaming ist verletzend, Fat Acceptance tödlich. Niemand würde auf die Idee kommen, eine Smoking-Acceptance oder Drug-Abuse-Acceptance Bewegung zu starten, weil der Missbrauch von Drogen tödlich sein kann. Ähnlich verhält es sich mit dem Übergewicht, nur dass Übergewicht akzeptiert wird, obwohl es im Interesse eines jeden ist, gesund zu bleiben. Denn nicht nur die Lebensjahre werden verkürzt, sondern auch die gesunden Lebensjahre. Wer will mit der Aussicht leben, in den letzten Jahren an einer Maschinerie zu hängen?

Auf 60 Prozent Übergewichtige kommen 0,3 Prozent Magersüchtige. Wenn es um die Konsequenzen geht, ist das extremer: 0,00673 Prozent der Todesfälle lassen sich auf Magersucht zurückführen, während etwa 5 bis 27 Prozent sich auf Überernährung und -gewicht zurückführen lassen. Leider ist der BMI kein zuverlässiger Indikator für den entscheidenden Körperfettanteil. Menschen können mit schädlicheren Konsequenzen rechnen als BMI-Übergewichtige, wenn sie trotz hohem Körperfettanteil normal- oder untergewichtig sind. „Skinny Fats“ fallen nicht auf, weil dies bereits normal ist, denn davon sind vor allem diejenigen betroffen, die wenig Sport machen, sich unausgewogen ernähren und daher Nährstoffmängel aufweisen. Dann baut der Körper Muskeln ab, da sie weder gebraucht noch versorgt werden. 40 Prozent der Normalgewichtigen sollen skinny fat sein. Damit haben drei Viertel der Bevölkerung einen zu hohen Körperfettanteil, während gerade mal 1 Prozent untergewichtig ist! Wo kann da von Magerwahn die Rede sein? Es ist ein Fettwahn!

Angesichts der Tatsache, dass wir nur noch am Schreibtisch sitzen, wirkt es wie ein Fitnessterror, den manche Menschen betreiben. Hier zeigt sich wieder die unsinnigen Schubladen normal – extrem. Es ist normal geworden, keinen Sport zu machen und herumzusitzen und extrem, seinen Körper herauszufordern und sich zu bewegen, um gesund zu leben. Sitzen ist das neue Rauchen.

Übergewicht ist keine unvermeidbare Krankheit. Medizinisch gesehen ist es unwahrscheinlich, dass der statistische Anteil einer Krankheit steigt. Während der letzten dreißig Jahre ist der Anteil aber gestiegen. Früher konnten nur diejenigen sich überernähren, die das Geld dazu hatten – Adel und Klerus; aber heute leben wir im Westen besser als jeder europäische König im Mittelalter. Kein Wunder, dass Übergewicht derart verbreitet ist! Wir sind umzingelt von Salz, Zucker und Fett. Es ist unmöglich, durch eine Stadt zu laufen, ohne durch die ganzen Eisdielen, Bäckereien und Imbissbuden Appetit zu bekommen. Essen ist immer und überall erhältlich, jeden Tag und jederzeit. Essen wird zu einer Sensation. Wer hätte nur gedacht, dass das zu einer gesundheitlichen Katastrophe führen könnte?

Sozialkritiker weisen immer wieder darauf hin, wie gefährlich Modells und Puppen für Kinder seien. Auf der einen Seite sind Puppen für Mädchen schlank, auf der anderen Seite sind Puppen für Jungs extrem muskulös; offensichtlich orientieren sich die wenigsten an diesem Ideal. Anorexia nervosa oder athletica entstehen nicht durch das Anschauen einiger cooler Fotos von schlanken Modells. Zwei Drittel der Erkrankten von Essstörungen berichten von sexuellen Missbrauchserlebnissen in ihrer Vergangenheit, die posttraumatische Belastungsstörungen verursachten und viele Betroffene sind in dysfunktionalen Elternhäusern aufgewachsen, die einen Anteil an der Erkrankung ausmachen. Der Glaube, dass Mädchen an Magersucht erkranken, weil sie abnehmen möchten, verharmlost dieses komplexe Problem extrem und zeugt von tiefer Unkenntnis über psychische Störungen. Die wirklichen Gründe für Magersucht sind vielfältig und vom Einzelfall abhängig. Sicherlich gehören Schönheitsideale dazu: Das leugne ich nicht, aber die Hintergründe der gestörten Selbstwahrnehmung und des starken Kontrollbedürfnisses sollten wir nicht auf Modelshows reduzieren. GNTM triggert allenfalls diejenigen, die schon betroffen oder gefährdet sind. Eins ist sicher: Essstörungen sind weder Modeerscheinungen noch trendige Diäten!

Quelle: Nadja Hermann – „Fettlogik überwinden“ (s. den gleichnamigen Blog)

Die globale Bourgeoisie

Laut AfD soll sich Leistung wieder lohnen und gleichzeitig sollen Vermögende entlasten werden. Was haben die Reichen denn geleistet? Was hat Trump geleistet? Er hatte einen reichen Vater, der das Unternehmen vorher aufgebaut hat und selbst einen vermögenden Vater hatte. Donald Trump hat das Unternehmen übernommen und weitergeführt. Die Kennedys – eine schwerreiche Familiendynastie bestehend aus Spitzenpolitikern. John Fitzgerald Kennedy hatte schlicht das Glück, im reichsten Land der Welt geboren worden zu sein und dazu noch in einer Familie, die in deine Bildung und dein Leben dermaßen investiert, dass du zur wirtschaftlichen und politischen Elite gehören wirst und in der finanziellen Oberschicht bleibst. Bushs Vorfahren waren bereits Politiker, Anwälte, Industrielle und Senatoren. Der Schritt zum Präsidenten ist da nicht weit. Dass der Sohn des Präsidenten wieder Präsident wird, ist wahrscheinlich. Die Geschwister von George H. W. Bush sind Banker, Moderatoren, Geschäftsmänner, die Kinder Gouverneure, Investoren, Immobilienentwickler, Geschäftsmänner, Autoren, Models und Modedesigner. Der Sohn des zweiten US-amerikanischen Präsidenten wurde wiederum Präsident. Theodore Roosevelt und Franklin D. Roosevelt waren Cousins und weitläufig mit zehn weiteren Präsidenten verwandt, darunter George Washington und die Präsidenten der Harrison- und Adams-Familie.

Kennedys Vater war Geschäftsmann, Diplomat und Wahlkampfveranstalter. Seine Familie besteht aus Präsidenten, Senatoren, Justizministern, Gründern von Sportorganisationen, Diplomaten, Botschaftern, Juristen, Verlegern, Journalisten, Autoren, Schauspielern, Anwälten, Aktivisten, Regisseuren, Medizinern und Parlamentariern. Die Wahrscheinlichkeit, in dieser Familie ein erfolgreiches wirtschaftliches oder politisches Leben zu führen, ist extrem hoch, weil die Familie (1) das nötige Vermögen, (2) einen extrem guten Ruf und (3) eine Erwartungshaltung an ihre Nachkommen hat.

Schon die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika waren reich. Der erste US-Präsident gehörte zu den vermögendsten Männern der Nation. Einige waren superreich. Es gab keinen, der nicht mindestens wohlhabend war. Die Mehrheit ist in führenden Familien geboren worden und eine kleine Minderheit hat sich aus bescheidenen Verhältnissen hochgearbeitet. Nach ihrer Karriere als Delegierte waren die meisten erfolgreich. Sie wurden Präsidenten, Vize-Präsidenten, Präsidentschaftskandidaten, Senatoren, im Kabinett oder im Repräsentantenhaus, Bundesrichter oder sogar am obersten Bundesgericht, Gouverneure oder Diplomaten. Da wundert es niemanden, dass ihre Söhne hohe Positionen im politischen Leben errungen haben. Diese Menschen haben Connections. Sie wollen erfolgreiche Nachkommen und ihren Namen zu einer Marke etablieren.

In anderen Ländern ist die Chancengerechtigkeit nicht besser. Auch in Deutschland gilt: Du bleibst, was du bist. Wer aus einem hochschulfernen Elternhaus mit Migrationshintergrund kommt, hat schlechtere Karten als ein Kind aus einer wohlhabenden Akademikerfamilie. Der Start bestimmt das Ziel mit. Die wirtschaftliche und politische Elite entsprang aus Familien, die wiederum ausgezeichnete Startbedingungen hatte. Nur die wenigsten haben sich aus eigener Kraft emporgearbeitet. Der amerikanische Traum heißt Traum, weil man schlafen muss, um an ihn zu glauben. Diese Oberschicht wird ihre Macht nicht freiwillig zurückgeben, denn wer will schon den Ast, auf den er sitzt, absägen? Geld ist Macht. Einflussreiche, wohlhabende Lobbyisten dienen nicht den Interessen des Allgemeinwohls wie Umwelt- und Tierschutz oder Sozialstaatlichkeit. In der neoliberalen Ideologie heißt es: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Aber nicht jeder ist Schmied. Jeder ist seines Glückes Schmied, dessen Eltern Schmiede sind oder dessen Eltern genug Geld haben, um sich das Glück schmieden zu lassen.

Wir brauchen eine Ökonomie für die 99 %. Nicht nur auf nationaler, sondern auf globaler Ebene. Der Westen gehört zur globalen Bourgeoisie, dessen Vermögen das globale Proletariat ermöglicht, weswegen der amerikanische Traum ein Alptraum ist. Durch die Digitalisierung haben die Menschen der Entwicklungsländer Einblicke in unseren privilegierten Lebensstil bekommen. Sie stellen uns Fragen über soziale Gerechtigkeit, die wir nicht beantworten wollen. Sie wollen leben wie wir. Es gibt auch „Wirtschaftsflüchtlinge“, aber das sind keine verachtenswerten Menschen. Ihre Fluchtursachen müssen genauso respektiert werden wie die von Kriegsflüchtlingen. Wirtschaftsflüchtlinge sind die Verlierer der Globalisierung, versuchen am Freihandel teilzunehmen und unseren Lebensstil zu erreichen. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich derart dramatisch auseinandergeht wie bisher und wir nichts dagegen unternehmen, müssen wir mehr Wirtschaftsflüchtlinge erwarten. Deutsche Unternehmen exportieren beispielsweise ihre Arbeitskraft in Form von Produkten, die in aller Welt zu finden sind. Sogenannte Wirtschaftsflüchtinge versuchen ebenfalls, ihre Arbeitskraft dort zu exportieren, wo sie eine Nachfrage vermuten. Nico Beckert führt dies im Wesentlichen auf zwei Gründe zurück: Zum einen stoppen korrupte Herrscher (in ehemaligen Kolonien) jede Entwicklung und tragen zur Aussichtslosigkeit der Bevölkerung bei, zum anderen stehen Entwicklungsländer durch den weltweiten Handel unter Wettbewerbsdruck, gegen den sie aufgrund von billigen Import nicht bestehen können. Die Folgen sind Staatspleiten und -versagen, was Orientierungslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit vorantreibt. Schlussfolgerung: Wirtschaftsflüchtlinge fliehen vor Perspektivlosigkeit, die Europa mitzuverantworten hat, um anschließend in Europa als illegale Wirtschaftsflüchtlinge gebrandmarkt zu werden. Kaum ein Industrieland hat sich in einem Freihandelssystem entwickelt.

Nicht nur Wirtschaftsflüchtlinge, sondern auch Klimaflüchtlinge. Unser Lebensstil hat dramatische ökologische Konsequenzen nach sich gezogen. Wir merken davon vergleichsweise wenig, die Entwicklungsländer hat es knallhart erwischt. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte werden diese Menschen nach Europa und Nordamerika flüchten. Zudem gehören diese Flüchtlinge nicht einmal dem nationalen Proletariat an, denn diese sterben an Elend, Hunger und Krankheiten. Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben das Geld, um die Flucht zu finanzieren. Sie sind gebildet, jung und kennen die politischen Zusammenhänge, die dazu geführt haben, dass sie fliehen mussten. Innerhalb dieser Länder haben diese Menschen wiederum die Angst, sozial abzusteigen – wie viele Deutsche aus dem Mittelstand. Deswegen kommen sie nach Europa, weil wir hier ein stabiles politisches System mit steuerfinanzierten Bildungsinstitutionen haben. Sie finden hier die Chancen auf ein besseres Leben.

Die AfD wird die hier beschriebenen Probleme nicht lösen, sondern verschärfen, denn in dieser Partei sind viele prominente Gegner des Mindestlohns [2], Befürworter von Deregulation [3], der Privatisierung von Arbeitslosengeld und Unfallversicherung [4] oder der Absenkung von Arbeitslosengeld [5]. Gemäß dem Steuermodell von Kirchhof will sie eine  flache Einkommenssteuer einführen und vor allem die Spitzensteuersätze für Vermögende [6] oder die Erbschaftssteuer komplett abschaffen [7]. Die studierte Ökonomin Katharina Nocun beschreibt die AfD daher als neoliberale Partei in blauer Verpackung. Sie ist aber nicht die einzige Partei in Europa oder Nordamerika, die eine rechtspopulistische, neoliberale Politik betreibt. Wenn rechtspopulistische Kräfte weiterhin zunehmen, wird es einen globalen Klassenkampf geben. Diese Parteien führen weder eine soziale nationale, noch internationale Wirtschaftspolitik. Außerdem will die AfD notfalls Flüchtlinge an den Grenzen erschießen und leugnet die anthropogene Erderwärmung. Das haben rechtspopulistische Parteien gemeinsam: Sie leugnen den Klimawandel, betreiben eine neoliberale Politik, während sie konservativ sind. Konservative und neoliberale Politik widersprechen allerdings einander. Das hat auch die CDU erkannt, was der Auslöser für ihren Linksruck war. Gibt man dem Markt die Macht, werden die Grenzen geöffnet und die Globalisierung in Gang gesetzt. Das führt zu nationalen und internationalen Veränderungen wie Migration oder Flucht, was konservativem Denken widerspricht. Früher hatten wir einen Ost-West-Konflikt, heute einen Nord-Süd-Konflikt.

Jetzt ist die Zeit, um unser Leben radikal zu verändern. Weg mit dem Wegwerfwahn! Vergesst den Konsum! Schafft Massentierhaltung ab! Reduziert euren Verbrauch tierischer Produkte! Wer braucht jedes Jahr das neueste Handy? Den schnellsten Laptop? Den dünnsten Fernseher? Wozu jeden Monat neue Klamotten? Wieso mehrmals jährlich in den Urlaub fliegen? Wasser in Plastikflaschen? Ohne eine drastische Änderung unseres Lebensstils haben wir keine Chance, die Welt zu retten. Es geht nicht mehr darum, die Welt zu verändern. Es geht darum, sie zu verschonen.

Menschen in Entwicklungsländern sterben an Hunger. Es gibt mehr Plastik in den Weltmeeren als Plankton. Die Gletscher schmelzen, Tierarten sterben aus. Wir verpesten die Umwelt mit unseren Fahr- und Flugzeugen. Regenwälder werden gerodet, Monokulturen überstrapazieren Böden, Treibhausgase werden gepumpt. Bodenerosion, Wassermangel, Gewässer-, Luft und Bodenverschmutzung sind die Folgen, saurer Regen, Vermüllung der Landschaften und die Zerstörung von natürlichen Lebensräumen von verschiedenen Arten durch Bergbau. Deswegen ist Minimalismus nicht Verzicht, sondern intelligent. Es ist keineswegs intelligent, Rohstoffe in wenigen Jahrzehnten zu verbrauchen, für die die Erde Jahrmillionen brauchte, um sie zu entwickeln.

Der Einzelne ist nicht schuld an der Katastrophe. Niemand hat es sich ausgesucht, in einem betonierten Land zu leben, aber jeder hat einen Anteil daran. Zwar können wir als Einzelne nicht die Welt verändern, weil Veränderungen aus kollektiven Bemühungen heraus entspringen. Diese kollektiven Bemühungen entstehen aus vielen individuellen Bemühungen. Angenommen jeder würde abstreiten, dass sein Engagement einen Nutzen haben wird, dann wird die Welt bleiben, wie sie ist. Leider ist das die bittere Realität. Nur eine Minderheit glaubt wirklich daran, dass das, was sie tut, zählt. Das eigene Handeln hat nicht nur einen Nutzen, sondern auch eine Signalwirkung. Es wirkt sich positiv auf andere Menschen aus, wenn man selbst aus der Reihe tanzt und das System hinterfragt. Sie beginnen selbst, ihr Leben und das System zu hinterfragen und ihre Einstellungen zu verändern. Das führt dazu, dass sie wiederum andere zum Denken anstoßen. Es ist wie der erste Dominostein, den wir ins Rollen bringen. Frei nach Laotse: Willst du die Welt verändern, musst du zunächst dich selbst verändern, dann dein Haus, deine Straße, deine Stadt und dann dein Land. Wir müssen bei uns selbst anfangen, denn dein Kassenbon ist ein Stimmzettel. In diesem Sinne: Empört euch! Für eine gerechte Welt!

Fußnoten:

[1] Nico Beckert: „Wirtschaftsflüchtlinge Wenn Globalisierungsverlierer am Freihandel teilhaben wollen

[2, 3, 4, 5, 6, 7] Katharina Nocun, „Wie sozial ist die AfD wirklich? – Eine Expertise zu Positionenin der AfD bei der Sozial- und Steuerpolitik“, S. 15, 18, 21, 25, 29, 32

Das Ende einer Dystopie

Florian Sander, ein Dozent für Soziologie, Sozialpsychologie und Politikwissenschaft, veröffentlichte auf der Netzpublikation Le Bohémien einen kritischen Artikel über das bedingungslose Grundeinkommen, welches er für unsozial und unnatürlich hält. Er unterstellt den Befürwortern eines BGE, dass sie Arbeit für eine unmenschliche Verbindlichkeit halten, die im Sinne des postmodernen Zeitalters zu überwinden sei. Um seine These zu belegen, zitiert er die Studie über „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel (1933), die feststellten, dass lang andauernde Arbeitslosigkeit zu klinischer Depression führe.

Richtigerweise argumentiert Sander, dass der Selbstwert aus dem Gefühl, gebraucht zu werden, resultiert. Arbeitende erleben dieses Selbstwertgefühl laut Florian Sander mehrdimensional, weil sie mehreren sozialen Systemen, der Gesellschaft und der Familie, einen unentbehrlichen Dienst erweisen können.

Anschließend erklärt Sander gemäß den Kapitalformen von Pierre Bourdieau, dass Arbeit nicht nur für das Selbstwertgefühl notwendig ist, sondern sie sei auch der soziale Raum, aus dem die Instanzen Familie, Liebesbeziehung und Freundeskreis rekrutiert werden. Arbeitslosigkeit führe zu sozialer Isolation und damit klinischer Depression. Diese Entwicklung würde laut Sander ein BGE fördern.

Ein BGE würde ökonomisches Kapital bereitstellen, aber die Arbeit auch vom sozialen, kulturellen und symbolischen Kapital trennen, was dazu führe, dass der Einzelne schlechtere Chancen hat, ebenjene Kapitalformen zu vermehren. Schließlich entferne ein BGE die Motivation, im Rahmen von Bildungsinstitutionen etwas zu erreichen, um auf dem Arbeitsmarkt zu profitieren. (Eine besonders fatale Vorstellung! Wer Institutionen wie Schule oder Universität nicht die Funktion der Bildung zuordnet, sondern die Vorbereitung der Menschen auf den Wettbewerb des Arbeitsmarktes, verkennt, dass wir in solchen Institutionen vorrangig lernen sollten, Wissen in Kontexte zu setzen und in Zusammenhängen zu verstehen, um an unserer Persönlichkeit zu arbeiten. Wir lernen, Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Leider entspricht die heutige Realisierung der Schule Sanders Vorstellung)

Dadurch würde soziale Ungleichheit verstärken, da dieser Umstand die Sozialisation und den Lebenslauf von Kindern in einem Milieu, in der Arbeitslosigkeit die Norm ist, erschweren würde im Vergleich zu Kindern, die in Familien aufwuchsen, in der Arbeit die Norm ist. Prestigemäßig hätten erstere einen Nachteil, da das symbolische Kapital ebenfalls sinken würde, was einen weiteren Abstieg der Betroffenen herbeiführt.

Die Konsequenz eines BGE sei daher eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Sozialneid, Unzufriedenheit und Verachtung werden über Generationen hinweg geschürt und zementiert. Ein BGE würde laut Sander das ökonomische Kapital zu Ungunsten der restlichen Kapitalformen stärken und den Zugang zum ersteren wiederum erschweren.

In seiner Argumentation übersieht Florian Sander ein Detail: Arbeitslosigkeit bedeutet einen massiven Ansehensverlust in vielen Milieus. Berufe dienen nicht nur dazu, Kapital zu schöpfen, sondern auch eine Identität zu stiften. Wer beispielsweise Professor an einer Universität ist, übernimmt seinen Beruf in seine Identität. Nicht selten fragen wir zuerst nach dem Beruf, wenn wir jemanden neu kennenlernen.

Dass langanhaltende Arbeitslosigkeit zu Depressionen und sozialer Isolation führen können, ist unbezweifelbar. Der Schluss, dass ein BGE allerdings aufgrund des Wegfallens der Verbindlichkeit zur Arbeitslosigkeit einer ganzen Klasse führen würde, dagegen schon. Wir dürfen nicht vergessen, dass Menschen nicht nur arbeiten gehen, weil sie von unserer Bundesrepublik dazu gezwungen werden, sondern, weil sie es wollen. Arbeit kann Spaß oder das Leben erfüllen. Die Betonung hier liegt allerdings auf „kann“, da es eine Unzahl von Jobs gibt, die diese Funktion typischerweise nicht erfüllen. Robert Wringham schrieb in seinem Buch „Ich bin raus: Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung“, dass er noch nie von einem Entfesselungskünstler gehört hat, der der Arbeit entflohen ist, um das Leben in Elend und Einsamkeit zu verbringen. Die Flucht vor der Arbeit führte sie wieder zur Arbeit – aber in erfüllendes und sinnvolles Schaffen, welches sich von Bullshit-Jobs unterscheidet. Der Drang, zu arbeiten, kommt immer wieder durch.

Bemerkenswerterweise waren die meisten Entfesselungskünstler unzufrieden mit ihrem Leben und ihren Beruf, weshalb sie eine Flucht geplant haben, um eine zeitlang nicht mehr arbeiten zu müssen. Diese Situation lässt sich ebenfalls auf die Menschen übertragen, die Sander im Blick hat, wenn er von einer arbeitslosen Klasse spricht, für die eine arbeitende Klasse aufkommen muss. Diejenigen, die durch ein BGE nicht mehr in ätzenden Berufen arbeiten müssen, können sich befreien, um später der Gesellschaft wieder einen Nutzen zu bringen. Eine Volkswirtschaft hängt von Arbeit ab. Auch wenn der Wert eines Menschenlebens nicht durch Arbeit definiert ist, kann das wirtschaftliche Gefüge nur bestehen bleiben, wenn es zu ebenjener Klassengesellschaft nicht kommt.

Abgesehen von den sozialen Mechanismen auf gesellschaftlicher Ebene, die die Menschen trotz Unverbindlichkeit zur Arbeit bringen werden, übersieht Sander, dass seine Zwei-Klassen-Gesellschaft nicht für Jahrzehnte Bestand haben wird, wie er es prophezeit. Denn die arbeitende Klasse ist die vermögende Klasse, die in unserer Gesellschaft logischerweise einen höheren politischen Einfluss hat. Chefs von Unternehmen entgegnen jeder sozialpolitischen Reform des Arbeitsmarktes mit der Drohung von Auswanderung, was praktisch einen Verlust von Arbeitsplätzen für unser Land bedeutet. Eine Horrorvorstellung für unsere Parlamentarier. Wer würde denn die Regierung wiederwählen, wegen der er arbeitslos geworden ist?

Die arbeitende Klasse würde dafür sorgen, dass die Regierung das BGE streicht. Selbstverständlich wäre dies ein Bruch mit den Lebenstraditionen jener Klasse. Wenn Flüchtlinge und Arbeitslose Schmarotzer genannt werden, weil die Steuerzahler für ihre Existenzsicherung aufkommen müssen, dann wird die arbeitende Klasse dies auch tun. Diese massive Unzufriedenheit würde, wie Sander in seinem Text beschreibt, zu einer Revolution führen, da Arbeitende sehen, wie sie Geld verdienen müssen, um Arbeitslosen ökonomisches Kapital zu sichern. Je nach Größe der arbeitslosen Klasse wäre es volkswirtschaftlich gewiss nicht nötig, dass eine arbeitende Klasse dauerhaft eine andere Klasse versorgt. Das bedingungslose Grundeinkommen ist nicht die Dystopie, für die Sander sie hält.

Anders als Sander vermutet, wird ein BGE nicht Massenarbeitslosigkeit zementieren. Vielmehr wird ein BGE in der Zukunft notwendig sein, da routinierte Berufe besser von Maschinen bewältigt werden können. Solche Berufe fallen weg. Aus Ausgleich brauchen wir eine Existenzsicherung. Arbeitsplätze in Produktionsbereichen wird es nicht mehr geben, diese Menschen müssen wir auffangen, indem wir z. B. die erwirtschafteten Gewinne aus den automatisierten Arbeitssektoren in das BGE investieren, das letztlich diejenigen bekommen, die anstelle der Maschine den Beruf ausgeübt hätten und haben.

Allerdings ist auch dieses Argument kritisch zu sehen. Schließlich ist Automatisierung von Berufen keine neue Erscheinung. Zwar werden Berufe wegfallen, aber es werden auch neue geschaffen. Früher gab es den Beruf des Rechners. Das waren Menschen, die mithilfe von Rechenmaschinen numerische Verfahren angewandt haben, um für ein Unternehmen Rechnungen durchzuführen. Vergleichbar ist der Beruf mit dem des Sekretärs. Als der Computer erfunden wurde, entfiel dieser Beruf, aber dafür kamen neue hinzu. Die zimmergroßen Computer mussten auch gewartet, transportiert, gebaut werden. Allgemein gesagt können wir Menschen aus entfallenen Berufen auffangen, indem wir sie für neue Berufe umschulen, die stattdessen gebraucht werden. Aber auch ohne Massenarbeitslosigkeit ist ein BGE sinnvoll, denn:

In Städten wie Dauphin, New Jersey, Pennsylvania, Seattle oder Denver wurde mit diesem Konzept bereits experimentiert. In Dauphin wurde ein (knapp) existenzsicherndes BGE an jeden Bewohner der Stadt gezahlt. Eine zusätzliche Belohnung wurde durch eine negative Einkommenssteuer realisiert, denn jeder zusätzlich verdiente Dollar ließ das Mindesteinkommen lediglich um 50 Cent sinken. In konventionellen Sozialhilfeprogrammen werden Empfänger nicht belohnt, wenn sie in der Erwerbstätigkeit aktiv sind. Dieser Anreiz habe auch dazu beigetragen, dass der Arbeitsmarkt nicht zusammenbrach.

Evelyn Forget folgerte aus den Daten, dass junge Mütter und Jugendliche weniger arbeiteten. Erstere wollten sich länger um ihre Neugeborene kümmern und letztere standen nicht mehr unter dem Druck, ihre Familie finanziell mitzuversorgen. Dies führte dazu, dass mehr Jugendliche den Schulabschluss bestanden. Zusätzlich haben diejenigen, die weitergearbeitet haben, die Chance gehabt, zu entscheiden, welchen Beruf sie ausüben wollen. Krankenhausaufenthalte fielen, weniger Arbeitsunfälle geschahen und weniger Notfallaufnahmen wegen Unfällen oder Verletzungen. Außerdem sank die Rate von Psychiatrie-Aufenthalten und die Anzahl an ärztlichen Beratungen mit Betroffenen von psychischen Leiden. Die Bewohner hatten weniger Stress, seelische oder körperliche Beschwerden, Armut existierte praktisch nicht mehr, mehr Jugendliche schlossen die High-School ab, die Kosten für das Gesundheitssystem sanken, die Kriminalitätsrate sank und die ökonomische Stabilität der Landwirtschaft war durch die Unabhängigkeit von den Launen der Ernte oder den globalen Lebensmittelpreisen gesichert.

Jungen, kreativen Menschen wird diese Form der Existenzsicherung zu Gute kommen. Denn von Kunst und Kultur können die meisten nicht leben, obwohl es ihr Leben erfüllt. Künstler müssten nicht mehr an Schlafstörungen leiden, sondern könnten sich auf ihr Schaffen konzentrieren und der Gesellschaft einen kulturellen Beitrag leisten. Denn der durchschnittliche Schriftsteller lebt von etwa 3000 Euro… im Jahr. Das sind 250 Euro im Monat. Mit einem Mindesteinkommen würden wir aufblühen. Wir hätten eine Hochkultur. Mehr Menschen könnten sich ehrenamtlich engagieren, spenden, fortbilden und Kindern die Bildung finanzieren. Geldsorgen und Armut würden verschwinden.

Das bedingungslose Grundeinkommen führt nicht zu einer Dystopie. Es beendet eine.

Quellen:

Florian Sander: BGE: Am Ende eine Dystopie

Evelyn L Forget (2008): The town with no poverty: A history of the North American Guaranteed Annual Income

Fliegen lernen

Bist du glücklich und zufrieden mit deinem Leben?

Das Ziel des Minimalismus ist das Führen eines bedeutungsvollen Lebens. Das heißt nicht, dass wir in jedem Geschichtsbuch stehen müssen und große Wunderwerke vollbringen müssen, um Bedeutung zu gewinnen. Nein, selbst wenn wir US-Präsident werden, werden wir vergessen. Oder kennt hier jemand alle 46 US-Präsidenten mit all ihren Verdiensten und Misserfolgen? Es leben etwa 7,5 Milliarden Menschen auf diesen Planeten und es haben schätzungsweise 118 Milliarden Menschen gelebt. Die Bedeutung des Einzelnen tendiert gegen Null. Daher ist der Kampf um Status, Erfolg oder Bedeutung aussichtslos. Auf längere Sicht führt sie zu nichts. Die Alternative, ein bedeutungsvolles und erfülltes Leben zu führen, führt langfristig auch zu nichts – aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir durch den Kampf um sozialen Status unglücklich, gestresst und von Besitz überflutet werden. Wir machen unser Selbstwertgefühl abhängig von den Erfolgen anderer und vergleichen uns mit den Nachbarn. Dieses Verhalten ist symptomatisch für eine Gesellschaft, in der Haben wichtiger ist als Sein. Wir müllen nicht nur Haus und Heim zu, sondern auch unseren Geist. Wir bringen in ihm Unordnung und Chaos rein, häufen Schuldenberge an und werden zu Sklaven von Banken. Wir hassen unsere Jobs und als Ausgleich für die verschwendete Lebenszeit konsumieren wir maßlos.

Wie entkommen wir der Falle? Minimalisten präsentieren uns die Lösung. Sie ist erstaunlich einfach. Wir können uns das Glück erkaufen. Der Preis: nichts! Keinen Cent müssen wir dafür ausgeben, im Gegenteil: wir können durch unser Glück verdienen! Indem wir unseren unnötigen Besitz verkaufen und loswerden, bekommen wir mehr Raum, mehr Platz in unserer Wohnung und können in eine kleinere ziehen, für die wir weniger Miete zahlen müssen. Hausbesitzer können ab einen gewissen Punkt ihr Haus verkaufen, müssen die Hypothek nicht mehr abbezahlen, als Schuldner nicht mehr für die Bank arbeiten und ein Leben in größerer Freiheit genießen.

Ab wann ist Besitz überflüssig? Was sollten wir loswerden und was nicht? Dafür gibt es keine einheitliche Antwort, auch wenn sich die meisten da überschneiden. Minimalisten verkaufen ihren Fernseher, Tablet und Küchengeräte, die sie nie benutzt haben. Danach folgen CD- und Büchersammlungen, da wir den Großteil uns nie wieder anhören oder durchlesen. Diese Inhalte können wir auch digitalisieren, dennoch sollten nur gern und regelmäßig gehörte Lieder behalten werden. Dekorationen gehören ebenfalls zu den ersten Dingen, die verschwinden. Wohlgemerkt, Dekorationen sind in einer minimalistischen Wohnung erlaubt. Auch hier gilt: weniger ist mehr.

Joshua Fields Milburn und Ryan Nicodemus geben auf ihrer Website http://www.theminimalists.com Tipps, um herauszufinden, wovon wir uns befreien sollten. Stellt euch die Frage: Brauche ich das wirklich? Habe ich es in den letzten drei Monaten benutzt und werde ich diesen Gegenstand in den nächsten drei Monaten verwenden? Schreibt euch eine Liste von den zehn teuersten Gegenständen, die ihr besitzt und den zehn wichtigsten Dingen in eurem Leben. Die Listen werden in keinem Punkt übereinstimmen. Eine Sammlung von Rolex-Armbanduhren verschafft uns nicht mehr Zeit im Leben. Fragt euch beim Einkaufen, was ihr wollt: das Produkt oder das Geld, das ihr ausgeben müsst.

Ich konnte einen Kleiderschrank und ein Bücherregal loswerden. Meine Lieblingsbücher und -klamotten habe ich behalten. Hanteln und eine Hantelbank verschwanden auch aus meinem Zimmer. Von nun an trainiere ich ohne Geräte und zu Hause, um nicht in Abhängigkeit von Wind, Wetter oder Werkzeugen zu gelangen. Mein Zimmer ist aufgeräumt. Das Wichtigste ist jedoch: Mein Geist verlor Ballast. Mein Ziel war es nicht, Glückseligkeit zu erlangen. Aber Glück und Zufriedenheit sind schöne, erwünschte Nebeneffekte einer minimalistischen Lebensführung. Ich meldete mich von sozialen Netzwerken ab und verbringe meine Zeit nun, um zu lesen, zu schreiben, zu kochen oder Französisch zu lernen. Serien, Fernsehen, Unterhaltung auf YouTube… all das gehört der Vergangenheit an. Stattdessen: Meditation, Mittagsschlaf und Musik. Es ist unfassbar, wie viel Zeit ich dadurch gewonnen habe. Der Verzicht fühlt sich nicht als Verlust an, sondern als Gewinn – als Gewinn von Lebensfreude durch das Verzichten von Tätigkeiten, die mir Lebensfreude versprachen.

Zu lange folgte ich dem Irrglauben, dass Konsum mich glücklich machen könnte. Mit Konsum verdrängen und unterdrücken wir unsere Probleme, Ängste und Sorgen, anstatt an ihnen zu arbeiten. Minimalismus fordert uns heraus, denn wir setzen uns stärker mit dem Sinn des Lebens auseinander. In den meisten Fällen stellen wir fest, dass unsere Tätigkeiten nicht unseren wirklichen Wünschen entsprechen. Wir müssen nicht die Karriereleiter emporsteigen, wir müssen nicht viel Geld verdienen, wir müssen keinen SUV fahren. Mir reicht es, Essayist zu werden, Nebenjobs zu führen und Fahrrad zu fahren. Das große Geld erwartet mich nicht. Aber das Glück.

Lebe im Jetzt. Deine Zeit, dein Leben ist das kostbarste, was du hast. Wenn du dich mit einem Menschen unterhältst, bringe ihm Respekt entgegen. Schaue nicht auf dein Smartphone, sondern höre achtsam zu. Wenn du isst, schaue nicht fern, sondern genieße jeden einzelnen Biss, jeden einzelnen Moment und sei dankbar für die Tatsache, dass du regelmäßig essen kannst. Wenn du in die Schule gehst, sieh das nicht als Qual an, sondern als Chance oder als Herausforderung. Wenn du Angst vor einer Reise oder der Verwirklichung deiner Ziele hast – ein Grund mehr, sie zu machen! Überwinde deine Ängste, wachse an ihnen. Nichts im Leben ist selbstverständlich – nicht das Essen, das warme Bett, bei den Eltern leben, keine Angst vor Bürgerkriegen haben, Freundschaften, Beziehungen, kostenlose Schulbildung oder sauberes Trinkwasser! Sei dankbar.

Minimalismus ist kein Utopia. Es wird nicht alle Probleme lösen, sondern deine alten Probleme gegen neue eintauschen. Das ist ein Naturgesetz: Singles beklagen ihre Einsamkeit, Verheirate beklagen ihre eingeschränkte Freiheit. Konsumisten haben ihre typischen Probleme, Minimalisten auch. Die Lebensqualität ist nichtsdestoweniger eine bessere. Die wenigsten bereuen es, diesen Weg einzuschlagen. Richtig gehört: Es ist ein Weg, nicht das Ziel. Minimalismus bedeutet ständige Arbeit an sich selbst, um zu den besten Menschen zu werden, der man sein kann. Minimalismus bedeutet, seine Ziele neu zu sortieren, einzuordnen und Prioritäten setzen. Minimalismus bedeutet Hinterfragen, ein kritisches Bewusstsein, erhöhte Achtsamkeit.

Minimalismus ist gleich Maximalismus. Viel Glück mit wenig Besitz. Das Maximieren der Lebensqualität, des Genusses, des Nutzens von Zeit und Raum. Das Wegwerfen von Dingen ist nur der erste wichtige Schritt in Richtung eines freieren Lebens. Wenn dein Kopf voll ist, hilft dir die minimalistischste Wohnung nicht. Minimal-materialistisch -, aber nicht zum Schaden der Lebensqualität. Minimalismus bedeutet nicht nur, wenig zu besitzen, sondern auch Persönlichkeitsentwicklung, Achtsamkeit, Genuss und Potentialentfaltung.

Meine Lieblingsgeschichte handelt von einem Adler, der unter Hühner aufwächst, weil ein Wanderer sein Ei aufgefunden und in das Nest eines Bauernhofs gelegt hat. Der Adler pickte wie andere Hühner am Boden nach Insekten, Samen und Körnern, gackerte und flog höchstens einen halben Meter in die Luft wie andere Hühner. Schließlich kam auch seine Zeit und der Adler wurde alt. Er sah einen starken und stolzen Vogel am Himmel fliegen und blieb erstaunt sehen. Als er fragte, was das für ein Tier sei, antwortete ihm ein Huhn: „Das ist ein Adler! Er ist der König aller Vögel! Er ist majestätisch und mächtig! Doch mach dir keine Sorgen über ihn. Du wirst nie so wie der Adler werden. Er kann so hoch fliegen, weil er ein Adler ist, aber wir sind nur Hühner. Wir müssen am Boden bleiben.“ Und so starb der Adler, ohne ein einziges Mal hoch geflogen zu sein. Er starb, ohne jemals das gewesen zu sein, was er wirklich ist – ein Adler, kein Huhn!

Wir alle kennen die Geschichte von Ikarus, dessen Vater ihm geraten hat, nicht zu hoch zu fliegen, da seine Flügel aus Wachs wegen der Hitze der Sonne schmelzen würden und er an den Sturz sterben würde. Wegen seiner Arroganz flog Ikarus dennoch hoch und starb an den Sturz. Aber das ist nicht die ganze Geschichte, denn Ikarus‘ Vater riet ihm auch, nicht zu tief am See zu fliegen, da die Feuchte des Meeres zum Absturz führen würde. Wie glauben, dass es falsch ist, arrogant zu sein und richtig, bescheiden zu sein. Bescheidenheit ist eine Tugend? Nein! Selbstliebe ist eine Tugend! Seinen eigenen Wert zu erkennen, zu akzeptieren und dem gemäß zu handeln – das ist wahre charakterliche Größe! Die größte Tragödie der menschlichen Existenz ist es nicht, zu hoch zu fliegen und zu stürzen, sondern zu niedrig zu fliegen und sein Ziel nicht zu treffen! Doch die meisten von uns verhalten sich wie Hühner, obwohl sie Adler sind. Die meisten von uns haben Angst vor der Höhe und fliegen lieber tief. Die meisten von uns machen sich über die Leute in der „Friendzone“ lustig. Aber wer macht sich über die Leute in der Komfortzone lustig? Niemand! Wir selbst stecken in der Komfortzone. Wer erkennt mit Freude, dass er weit unter seinem Potential steckt?

Wie ein Adler zu fliegen bedeutet nicht, viel Geld durch eine steile Karriere zu verdienen und dies durch materiellen Besitz demonstrativ zur Schau stellen. Eines Abends blickte ich zum Himmel und sah den Mond, nicht eine Photographie vom Mond, kein Gemälde, sondern den Mond selbst. Nicht, dass mir sein Antlitz unbekannt wäre: ich habe ihn schon oft genug gesehen. Aber da wurde mir eins klar: Egal, wie ich lebe, der Mond wird trotzdem weiter um die Erde kreisen. Ich könnte total versagen. Ich könnte abstürzen, Drogen nehmen, obdachlos werden und gesellschaftlich missachtet werden. Ich könnte der erfolgreichste, einflussreichste, reichste und glücklichste Mensch der Welt sein – und der Mond würde sich trotzdem weiter um die Erde drehen. Nicht nur der Mond; die Erde würde sich weiter um die Sonne drehen, das Sonnensystem weiter um das Zentrum der Milchstraße, die Milchstraße weiter um ein Galaxiencluster. Ich könnte auf der Erde erreichen, was ich will: Letztendlich bin ich dem Universum egal. Einst machte mich das depressiv, bis ich den Trost in dieser Erkenntnis verstand: Es gibt keinen Druck. Ich muss keine Karriere verfolgen, die ich nicht will. Ich muss nicht viel Geld verdienen. Ich muss mir keinen goldenen Porsche leisten können: Das Leben ist keine Prüfung. Du kannst es weder richtig noch falsch machen. Es gibt weder Bestehen noch Durchfallen.

Wie ein Adler zu fliegen bedeutet, mein Leben zu leben, es in vollen Zügen zu genießen und die Persönlichkeit sein, die ich wirklich bin. Wie ein Adler zu fliegen bedeutet für mich, einen Charakter zu entwickeln: die Fähigkeit, nach der Euphorie ein Ziel weiterzuverfolgen. Wahre Leidenschaft! Wie ein Adler zu fliegen bedeutet: seiner Bestimmung nachzugehen, seine Ängste aufzugeben und sich trauen, seine Ziele zu verfolgen – zu leben! Im Hier und Jetzt!

Zwei Wochen sind seit dem Neujahr vergangen. Vergesst die Vorsätze für das Neue Jahr. Ich biete euch eine Alternative an: Vorsätze für ein Neues Leben! Und nun fliegt, denn ihr seid Adler.

Entfesselt euch!

Wir befinden uns in der Falle. Wir arbeiten in einem Beruf, den wir satthaben, um Geld zu verdienen und für Dinge auszugeben, die wir nicht brauchen, um Menschen zu gefallen, die wir unerträglich finden. Das Haus ist kein Heim mehr, sondern eine Docking-Station, um den eigenen Akku für die Arbeit wieder aufzuladen. Weihnachten entwickelte sich von einem Fest der Nächstenliebe zu einer Möglichkeit, vor dem Chef zu fliehen. Von Kindesbeinen an leben wir in einem Klima, in der die Arbeit verhasst ist: die Eltern haben keine Zeit, in der Grundschule müssen wir uns anstrengen, um auf das Gymnasium und später auf die Universität zu kommen, nach dem Abschluss einen Beruf nachzugehen, den wir nie wollten. Wir träumen davon, reich zu werden oder nie arbeiten zu müssen und hören nicht damit auf, wenn wir die bittere Realität erkennen. In der Schule kommt ein Befehl nach den anderen und der sehnsüchtige Blick auf die Uhr ändert nichts an diesen Umständen. Je länger einer im System bleibt, je tiefer er in der Kette zum Bürosklaven steckt, desto schlimmer ist es um ihn bestellt.

Wie entkommen wir dieser Situation? Robert Wringham schreibt in seinem Buch „Ich bin raus: Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung“ über die neue Entfesselungskunst und Minimalismus. Kritiker entgegnen ihm: Was machen wir ohne Arbeit? Das System muss funktionieren! Ohne Arbeit gibt es keinen Sinn im Leben! Zu Recht haben diese Skeptiker erkannt, dass es um das höchste geht, was wir haben: das Leben! Unser Leben steht auf dem Spiel, unsere Zeit! Sollten wir sie mit unsinniger Arbeit vergeuden?

Wringham habe noch nie von einem Entfesselungskünstler gehört, der der Arbeit, der Armut, den Schulden und dem Stress entflohen ist, um das Leben in Elend und vor der Spielekonsole zu verbringen. Tatsächlich führt die Flucht vor der Arbeit wieder zur Arbeit – aber in erfüllendes und sinnvolles Schaffen, welches sich grundsätzlich von Bullshit-Jobs unterscheidet. Der Drang, zu handeln, kommt immer wieder durch. Daher plädiert Wringham für ein bedingungsloses Grundeinkommen: das Argument, dass niemand mehr bei einem Grundeinkommen arbeiten geht, entkräftet er und spricht sich dafür aus, dass kreative Menschen einen sicheren Boden unter den Füßen haben, um ihr künstlerischen Ziele zu verwirklichen – ohne Angst zu haben, auf der Straße zu landen oder einen ätzenden Beruf nachgehen zu müssen. Mehr Unternehmen könnten entstehen, da vorsichtige Gründer eine Sicherung hätten.

Selbstverständlich muss es Arbeit geben, damit unsere Wirtschaft funktionieren kann. Trotzdem sollten wir uns die Frage stellen, was uns wichtiger ist: unser Leben oder die Wirtschaft? Sollten wir leben, um zu arbeiten oder arbeiten, um zu leben? Und sollte es die Wirtschaft, wie sie momentan existiert, weiterhin geben? Nein. Wir dürfen aber nicht warten, bis die Politik die Industrie ändert oder die Industrie gar sich selbst. Dann wird es schon längst zu spät sein. Konsumenten schieben die Schuld auf die Industrie, da sich das System ändern müsse. Produzenten schieben die Schuld auf die Konsumenten, die unwillig sind, höhere Preise für nachhaltige und hochqualitative Produkte auszugeben. Politiker machen einen Spagat zwischen Konsumenten und Produzenten.

Natürlich kann ein minimalistisches Leben in der Freiheit durch edle Motive wie Umweltschutz begründet sein; der stärkste Antrieb, sich aus der Falle zu befreien, ist aber die Idee des Guten Lebens, über die antike griechische Philosophen diskutierten. Wie lebt der Mensch am besten? Wie wird er glücklich? Epikur sah die Lebensfreude als höchstes Gut an und war der Ansicht, dass wahrer Genuss und Glückseligkeit nichts mit Arbeit oder Konsum zu tun haben. Er legte vor allem Wert auf einfache Genüsse, enge Freundschaften, Freiheit und Bewusstsein. Um eine unerschütterliche Seelenruhe zu erreichen, sollen wir bedürfnislos und tugendhaft leben. Ein prominenter Vertreter der Bedürfnislosigkeit ist Diogenes von Sinope. Jorge Bucay schildert in seinem Buch „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ folgende Überlieferung:

„Eines Tages saß Diogenes auf der Schwelle irgendeines Hauses und aß einen Teller Linsen. In ganz Athen gab es kein billigeres Essen als dieses Linsengericht. Anders gesagt, einen Teller Linsen zu essen bedeutete, daß man sich in einer äußerst prekären Situation befand.

Ein Minister des Kaisers sagte zu ihm: „Wie bedauerlich für dich, Diogenes! Wenn du lernen würdest, etwas unterwürfiger zu sein und dem Kaiser ein bißchen mehr zu schmeicheln, müßtest du nicht so viele Linsen essen.“ Diogenes hörte auf zu essen, hob den Blick, sah den wohlhabenden Gesprächspartner fest an und antwortete: „Bedauerlich für dich, Bruder. Wenn du lernen würdest, ein paar Linsen zu essen, müßtest du nicht so unterwürfig sein und dem Kaiser ständig schmeicheln.“ (S.191f.) Das ist der Weg der Selbstbehauptung und der Verteidigung der eigenen Würde. Wir sollten uns eine Scheibe von Diogenes abschneiden und den Preis der Selbstaufgabe für Luxusgüter nicht mehr zahlen.

Liegen wir am Ende unseres Lebens auf dem Sterbebett, werden wir nicht bereuen, dass wir so wenig gearbeitet haben, sondern zu wenig Zeit mit unserer Familie oder Freunden verbracht, uns nicht getraut haben, in Freiheit zu leben oder versuchten, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Wringham arbeitete einst in der Bibliothek eines Krebsforschungsinstituts und las sich die Tagebücher von Krebserkrankten durch. Am schlimmsten sei es gewesen, zu lesen, wie Erkrankte plötzlich feststellten, dass Karriere, harte Arbeit und Konsum nichts bedeuteten, dafür aber Familie, Freunde und Freiheit! Jedes Mal sei die Überraschung groß gewesen und mit Wut und Panik verbunden. Wir sollten nicht warten, bis Ärzte bei uns eine tödliche Krankheit diagnostizieren. Wir sollten unsere Prioritäten früher setzen. Zu diesem Zweck hatten die Bohemiens des 19. Jahrhunderts eine Vorliebe für Totenköpfe: Ein menschlicher Totenkopf auf einem Bücherregal zwischen den Büchern erinnert uns daran, dass das Leben vergänglich ist. Es vergeht zu schnell, um sich Sorgen zu machen – als Memento Mori dient es uns als Erinnerung daran, dass die eigene Sterblichkeit die Lösung für unsere Existenzangst ist.

„Aber wie realistisch ist das? Wer putzt dann noch die Flure? Wer fegt die Straße?“ – dieselben Einwürfe kamen auch, als die Sklaverei abgeschafft wurde. Die echte Beschäftigungskrise unserer Republik ist doch, dass wir trotz aller Fortschritte angeblich 40 Millionen Arbeitskräfte brauchen, um alle Bedürfnisse zu befriedigen. Trotzdem: Wie können wir uns aus der tödlichen Spirale des Konsumkapitalismus befreien? Der Weg führt über den Minimalismus. Wenn wir uns gegen Modewahn, Trendsetting und Kabelfernsehen wappnen, überflüssigen Besitz loswerden, brauchen wir keine große Wohnung mehr und müssen kein Vollzeit-Einkommen erzielen. Informations-, Status-, Existenzangst, das Ego und Abhängigkeiten – all das müssen wir hinter uns lassen, wenn wir ein Leben in Freiheit und Zufriedenheit genießen wollen, sagt Wringham. Wollen wir den unnötigen Bereichen der Wirtschaft schaden, müssen wir zuerst unsere Ausgaben minimieren und herausfinden, was wir für unser Leben wirklich brauchen. Wie viel bedeutet uns ein Auto oder eine Spielekonsole? So viel, dass wir weitere zehn Jahre in Lohnknechtschaft verbringen? Ist Konsum jenseits der Befriedigung der Grundbedürfnisse es wert, beträchtliche Opfer zu bringen? Wir sollten nur diejenigen Besitztümer behalten, die wir regelmäßig benutzen oder die einen besonderen ästhetischen Wert haben. Bei letzterem gilt auch: weniger ist mehr. Weniger Kunstwerke im Wohnzimmer verstärken die Bedeutung der verbleibenden. Das ist die Macht des Minimalismus.

Nach der Verringerung der Ausgaben kann eine Verringerung des Einkommens durch weniger Arbeit erfolgen. Ein Vorschlag Wringhams ist es allerdings, für den Notfall etwas zurückzulegen, da der Fluchtplan scheitern kann. Im Gegenzug hätten wir die Vergewisserung, dass wir es versucht haben. Auch mit Teilzeit- oder zeitarbeit befinden wir uns zwar nicht in der absoluten Freiheit, aber mehr Lebenszeit und -qualität haben wir dadurch allemal gewonnen. Ohne Geld können wir in diesem System nicht leben, daher müssen wir einen Weg finden, uns zu versorgen, ohne im herkömmlichen Sinn arbeiten zu müssen.

What would Kant do? Ist die Maxime, der Arbeitswelt und der Konsumwirtschaft zu entkommen, um ein Leben in Freiheit genießen zu können, verallgemeinerbar? Ja, definitiv! Laut Kant haben wir uns gegenüber eine moralische Pflicht und Verantwortung. Der Mensch ist kein Mittel zum Zweck der Erhaltung der Wirtschaft, er ist Zweck an sich und besitzt eine Würde. Natürlich würde die Wirtschaft zusammenbrechen, wenn wir aufhören würden, sinnlosen Besitz anzuhäufen – das ist ein „Opfer“, das wir bringen müssen, nicht nur der eigenen Person gegenüber, sondern auch der Menschheit als ganzes gegenüber. Bricht denn die Konsumwirtschaft zusammen, verbrauchen wir weniger Ressourcen und schonen die Umwelt, aber nicht der Welt zuliebe, sondern uns zuliebe. Die Erde hat kein Umweltproblem – wir haben es! Entweder passen wir uns an oder wir werden angepasst. Diejenigen Lebewesen, die sich nicht an steigende Temperaturen und übersäuerte Böden gewöhnen können, werden aussterben. Die Maximen der Konsumwirtschaft sind weder zukunftsfähig noch verallgemeinerbar. Wir müssen die ökologischen Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Wirtschaft schaffen, denn nur diese kann weiteres Wachstum ohne existenzbedrohende Nebenwirkungen sichern.

Arbeiter aller Länder, entfesselt euch!

Plädoyer für eine liberale Drogenpolitik

Ein von der Downing Street geheim gehaltener Bericht über Crack und Heroin bescheinigt dem von der Regierung geführten Krieg gegen Drogen das Scheitern. Aus dem Dokument geht hervor, dass die Repression harter Drogen durch die Polizei einen geringen Effekt aufgrund des raschen Ersatzes festgenommener Kleindealer hat. Damit ist eine dauerhafte Versorgung der Märkte durch Festnahmen nicht gefährdet.

Es gibt dem Bericht zufolge auch keine Hinweise darauf, dass eine Bekämpfung des Drogenangebots eine positive Auswirkung auf die Beschaffungskriminalität hätte. Eine Angebotsreduktion ließe höchstens die Preise mit der Folge steigen, dass die Drogenkriminalität zunehme und den Drogenbaronen höhere Profite winken.

Der statistische Zusammenhang zwischen autoritärer Drogenpolitik und hohen Drogenkonsum und -kriminalität ist nicht erstaunlich. Der Verbot beschränkt den Konsum nicht, sondern fördert die organisierte Kriminalität. Was zunächst nach einer Trivialität aussieht („keine Strafe ohne Gesetz“), entpuppt sich als Problem: Durch autoritäre Politik bilden sich mafiöse Strukturen heraus, die die Hemmschwelle für illegale Geschäfte von Konsumenten absenkt. Ein Verbot verhindert Transparenz und Regulierung. Konsumenten wie Produzenten werden zu Staatsfeinden, ohne dass der Staat an sich das Problem ist. Gelegenheitskonsumenten verlieren ohne guten Grund Arbeitsplatz, Familie und Ruf – kurzum: seine Existenz. Abgesehen davon fördert die Prohibition die Entstehung neuer, gefährlicher Rauschmittel, die nicht vom Betäubungsmittelgesetz erfasst werden. Ihre Zusammensetzung ist sowohl variabel als auch unbekannt, was sie so gesundheitsschädigend macht.

Eine weitere Konsequenz einer repressiven Politik ist, dass die Einschränkungen das Angebot mindern, was die Gewinnspannen erhöhen. Verkäufer verkraften daher diese Verluste und Käufer sinken tiefer in die Beschaffungskriminalität, da sie für die gleiche Menge mehr Geld benötigen. Statt den Verkauf zu verbieten, gilt es, das Problem an der Wurzel zu packen. Nehmen wir Afghanistan als Beispiel: die Produktion illegaler Substanzen ist bedingt durch Armut und Mangel an Alternativen. Einerseits ist der Verkauf kein Verbrechen, dass es bestraft werden müsste, andererseits aber gibt es keine so harte Strafe, diejenigen vom Verkauf abzuhalten, die kein anderes Gewerbe haben, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Wir sollten dafür sorgen, dass sie ihren Unterhalt haben, damit sich niemand der grausigen Notwendigkeit ausgesetzt sieht, in die Spirale der Drogenkriminalität zu fallen. Selbst wenn der von den USA angeführte Drogenkrieg in Afghanistan oder Kolumbien erfolgreich ist, werden Getreidefelder in Peru und Bolivien zunehmend zu Kokafeldern umfunktioniert werden. Der Krieg gegen Rauschgifte verlagert nur das Problem.

Fazit: Der Markt für harte Suchtmittel ist trotz aller Bemühungen dramatisch gewachsen. Die Preise für Heroin sowie Kokain in Großbritannien haben sich trotz Beschlagnahmungen in den letzten zehn Jahren halbiert und die sind zwar so niedrig, dass der Einstieg leicht fällt, aber dafür hoch genug, um Beschaffungskriminalität zu erzeugen.

Wir müssen dem Drogenkrieg ein Ende setzen. Aber lassen wir mal all die ökonomischen Argumente beiseite und stellen einzig und allein den Menschen ins Zentrum: Ihn gilt es zu schützen und zu hüten. Möglich, dass der Staat mehr Geld zur Verfügung hat, wenn er Betäubungsmittel legalisiert, aber das ist nicht der Grund, weshalb wir Drogen legalisieren wollen. Dasselbe Argument würde auch für eine Legalisierung von sexuellem Missbrauch und Totschlag führen. Die Erfahrung in Staaten und Ländern wie Colorado oder Portugal zeigten, dass die Legalisierung, beziehungsweise die Entkriminalisierung im Zusammenhang mit einer Verringerung von Gewaltverbrechen, Morden und Diebstählen steht – also weniger Leid.

Um die Menschen vor einem missbräuchlichen Umgang mit Rauschmitteln zu schützen, ist Prävention und Aufklärung angesagt. Die Gelder dieser Projekte fließen aus den entfallenden Verfahrenskosten. Den bereits Abhängigen muss Hilfe zur Selbsthilfe in Form von Therapien zur Verfügung stehen als auch Resozialisierungsmaßnahmen. Eine neue gesellschaftliche Sicht auf Drogen sollte sich entwickeln: Abhängige sind nicht Straftäter oder Kriminelle, sondern Betroffene, denen geholfen werden muss. Wir müssen enger mit Abhängigen zusammenarbeiten und opferlose Verbrechen abschaffen, deren sinnlose Bestrafung Existenzen und Familien zerstört.

Philosophische Grundpfeiler des Veganismus

Machen wir ein Gedankenexperiment: Uns hoch überlegene Lebensformen besuchen unseren blauen Fleck und nehmen uns in Gefangenschaft. Sie nutzen uns für medizinische Versuche und testen an uns fremdartige Medikamente, unsere Haut für bequeme Sitze in Raumschiffen, für Schuhe und Portemonnaies. Die Haare dienen als Stoff für Schals oder Pelze.

Das ist nicht das Ende der Geschichte, denn die Außerirdischen verarbeiten die Menschen zu Fleisch, vor allem die Babys mit ihrer weichen und zarten Haut. Schließlich zwingen sie uns zum Geschlechtsverkehr, um weitere Nachkommen für die Fleischversorgung zu produzieren. Eines Tages fragt eine mutige Frau unter Qualen nach dem Grund. Die Antwort: „Ihr schmeckt uns.“

Bei aller Absurdität betrachten wir diese Geschichte als eine Metapher für die Ausbeutung von nicht-menschlichen Tieren. Allerdings wirft sie die Frage auf, ob sich die Rollen von Außerirdischen und Mensch in diesem Beispiel wirklich auf Mensch und Tier übertragen lassen. Stellt diese Metapher nicht Menschen und Tiere auf eine Stufe?

Um die Frage, ob wir Fleisch essen dürfen, beantworten zu können, müssen wir nicht die Frage klären, ob Menschen und Tiere gleichwertig sind. Wir müssen auch nicht die Frage klären, ob Tiere soziale Lebewesen sind, denken oder vorausschauend planen können, sondern ob sie leiden können. Nicht alle Lebewesen sind auch leidensfähig, aber diejenigen, die auf unseren Tellern landen, schon.

Dieser Standpunkt heißt Pathozentrismus. Dabei handelt es sich um die ethische Strömung, die empfindungsfähigen Lebewesen einen moralischen Eigenwert zuordnet. Sie stellt eine philosophische Grundlage des Veganismus dar, denn die Wahl von Eigenschaften wie Intelligenz, Größe oder Stärke sind stark von den Interessen der Spezies abhängig. Wir Menschen nehmen als Rechtfertigung für unser Verhalten gegenüber Tieren unsere Intelligenz und heben uns hervor. Würden andere Lebewesen nach Gründen suchen, sich über andere Tiere zu stellen, würden sie die Eigenschaft auswählen, die für sie charakteristisch ist. Bei Walen wäre es die Größe, bei Ameisen die Stärke im Vergleich zum Körpergewicht. Intelligenz ist keine moralisch relevante Eigenschaft und wenn doch, würde sie nicht nur Gräuel gegenüber nicht-menschlichen Tieren rechtfertigen, sondern auch gegenüber geistig Behinderten. Die meisten Mischköstler würden aber nicht für die Ausbeutung von geistig Behinderten stimmen oder einwenden, dass diese immer noch zur Spezies Mensch gehören. Die Zugehörigkeit zu einer Spezies ist allerdings ebenso wenig moralisch relevant wie die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder zu einer Rasse. Speziesismus ist die Diskriminierung von Lebewesen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Spezies, ähnlich wie Rassismus oder Sexismus die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Rasse oder einem Geschlecht sind.

Als eine Konsequenz der Ablehnung des Speziesismus wird der Veganismus betrachtet. Eine weitere philosophische Strömung, die den Veganismus befürwortet, ist die Umweltethik. Deren Anhänger sprechen sich für einen moralisch verantwortbaren und schonenden Umgang mit der Natur aus. Laut Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2010 erfordern tierische Produkte mehr Ressourcen wie Wasser oder Land und verursachen höhere Emissionen als pflanzenbasierte Alternativen. Die Umstellung auf eine vegane Lebensweise ist folglich ein Weg, die Umwelt zu schützen.